Wir holen alles nach, Kapitel 20 Von Martina Borger

Er kommt um halb zehn. Elvis schläft seit einer guten halben Stunde, Sina hat gerade noch einmal nach ihm gesehen, als sie hört, wie die Tür aufgeschlossen wird.

Als sich ihre Übelkeit halbwegs gelegt hatte, ist sie zu ihm in sein Zimmer gegangen und hat gefragt, ob sie sich den Rest des Harry-Potter-Films anschauen wollen, den er am Sonntag angefangen hat; das Thema von vorhin hat sie nicht erwähnt. Er war gleich einverstanden, sie spürte, wie erleichtert er war, dass sie auf ihn zukam, er kann Konflikte und angespannte Stimmungen nicht gut ertragen.

Sie haben sich aufs Sofa gesetzt, sie hat den Arm um ihn gelegt, und er hat sich an sie gelehnt, eine stumme Friedensvereinbarung. Von der Handlung des Films hat sie nichts mitbekommen, obwohl sie sich grösste Mühe gegeben hat, ruhig zu bleiben, rational zu denken, erst mit Torsten sprechen, dann weitersehen, einen Schritt nach dem anderen. In ihrem Kopf haben sich die Gedanken überschlagen, sind hin- und hergezuckt, von einem Extrem ins andere. Es kann nicht sein, er doch nicht, niemals, sie kann sich doch nicht so in ihm getäuscht haben, sie kennt ihn doch. Aber wie gut kann man einen anderen Menschen überhaupt kennen, sie hatte sie ja gesehen, die Spuren an Elvis’ Körper, vor Wochen schon. Und sie ignoriert. Hat die Augen verschlossen, weil sie nicht wahrhaben wollte, dass ihr Sohn ein Opfer ist. Aber doch nicht von Torsten, diesem sanften, gutmütigen, fast schon zu weichen Mann. Der im Kino weint und Spinnen nicht totmacht, sondern fängt und in der Natur aussetzt, der bei Auseinandersetzungen lieber nachgibt, als für seine Interessen zu kämpfen.

Andererseits, vielleicht ist genau das sein Problem, vielleicht hat sich etwas in ihm aufgestaut in den Jahren von Demütigung und Verletzung. Wie oft hat sie schon gehört und gelesen von der Ungläubigkeit von Menschen, die erkennen müssen, dass sie jahrelang Seite an Seite mit einem Monster gelebt haben. Er war so freundlich. Hilfsbereit. Eine Seele von Mensch. Aber nein, nie im Leben, so ist Torsten nicht, sie weiss das einfach. Aber was sonst könnte das Geheimnis sein, das er mit Elvis teilt und das zu hüten ihr Sohn versprochen hat? Und bei dessen Erwähnung ihm Tränen in die Augen treten?

Nach dem Film hat sich Elvis die Zähne geputzt, und sie hat die Küche aufgeräumt. Nur mit Mühe hat sie dem Drang widerstanden, sich ein Glas einzuschenken, wovon auch immer. Vielleicht hätte Alkohol ihren flatternden Magen beruhigt, aber sie will absolut nüchtern sein.

Als Elvis im Bett war, hat sie sich noch zehn Minuten zu ihm gesetzt. Sie hat das bewusste Thema erneut nicht mehr angesprochen, ihn stattdessen gefragt, was sie in den Herbstferien unternehmen wollen, die in drei Tagen beginnen, sie hat noch eine Woche Resturlaub. Sie würde gerne mal wieder in ihr Heimatdorf fahren, mit dem Zug gerade mal eine Stunde entfernt, inklusive Umsteigen in der Kreisstadt, bestimmt könnten sie bei ihrer Schulfreundin Carmen wohnen, die hat sie schon oft eingeladen. Und von dort aus kann man schöne Ausflüge unternehmen, wandern zum Beispiel.

Elvis hatte die Augen schon halb geschlossen, klappte sie jetzt wieder auf. «Aber Fritzi darf doch noch nicht so viel laufen, weil er noch so klein ist. Am Anfang höchstens eine Viertelstunde am Stück, weisst du doch.»
Das hatte sie vergessen, dass sie in Zukunft Rücksicht auf die Bedürfnisse eines Tieres nehmen müssen. Aber vielleicht auch besser so, sie muss während ihres Urlaubs so viele Vorstellungstermine wahrnehmen wie irgend möglich, spätestens im Februar braucht sie einen Job. «Dann holen wir die Wanderung irgendwann nach und fahren einfach nur für einen Tag hin», hat sie gesagt, «und den Rest der Zeit machen wir es uns hier gemütlich. Zusammen mit Fritzi.»

Als sie die Tür hört, geht sie in den Flur, wo Torsten seine Sporttasche an der Garderobe abstellt.
«Hallo», sagt er. «Ich bin ganz schön fertig. Hat aber gutgetan. Alles okay bei euch?»
«Nein.» Sinas Knie sind weich, sie lehnt sich an die Wand, erneut steigt Übelkeit in ihr hoch. «Ich muss dir dringend was erzählen. Es geht um Elvis.»

Bildet sie sich sein kurzes Stutzen, die kaum merkliche Irritation ein?
«Hört sich ja ernst an», sagt er, «gib mir fünf Minuten zum Duschen, ja? Und Hunger hab ich.» Während er im Bad ist, macht sie ihm ein Sandwich, Schinken, Käse und feingeschnittene Gurke, wie er es mag; sie lässt sich Zeit, zwingt sich zu
langsamen und bewussten Handgriffen. Als sie mit dem Teller und einem Glas Saft ins Wohnzimmer kommt, rubbelt er sich gerade die Haare trocken. Er ist barfuss, trägt Jogginghose und Sweatshirt. Er liegt lang ausgestreckt auf der Couch, er liebt diese Haltung, und er liebt das ausladende Ecksofa, das sie noch zusammen mit David gekauft hat, sie hatten in dem Laden probegelegen, selbst wenn sie sich beide der Länge nach darauf ausstreckten, kamen sie einander nicht in die Quere.

Als Torsten es zum ersten Mal sah, war er sofort begeistert; als sie ihn kennenlernte, wohnte er in einem schäbigen Ein-Zimmer-Apartment aus den Sechzigern, lieblos möbliert, er hatte Lene bei der Trennung alles gelassen. Die Fenster der Wohnung schlossen nicht richtig, von den Möbeln im Wohnzimmer platzte das Furnier ab, alles sah billig und heruntergekommen aus, er hatte sich vor ihr geschämt.

Sie reicht ihm den Teller und stellt das Glas auf den Couchtisch.
«Danke», sagt er und lächelt liebevoll, «auch für deine Nachricht heute. Ich hab mich gefreut.»
Auf den Zettel, den sie heute Morgen in seiner Snackbox versteckt hatte, hat sie «Ich wünsch dir einen schönen Tag, ich liebe dich» geschrieben, das weiss sie noch.
Er nimmt das Sandwich von der Serviette, die sie daruntergelegt hat. «Sieht toll aus», sagt er, bevor er hineinbeisst, «also, leg los, worum geht’s?»
Er wirkt vollkommen entspannt und mit sich im Reinen, wie er da liegt und kaut, am liebsten würde sie warten, bis er aufgegessen hat.

Sie setzt sich ihm schräg gegenüber. Sie hat sich vorgenommen, der Reihe nach zu erzählen, eigentlich müsste sie mit dem Hinweis von Ellen am Ende der Ferien beginnen, aber sie fängt mit dem Anruf der Jugendamtstante an und dem Gespräch heute Mittag. Von dem Versprechen, das Elvis ihm gegeben hat und über das er nicht reden will, sagt sie noch nichts. Während sie spricht, sieht sie ihm unverwandt ins Gesicht.
Er begreift nicht gleich, beisst noch zweimal ab und kaut, er hat wirklich Hunger. Erst als sie den Verdacht der Lehrer ausspricht, legt er das Sandwich auf den Teller, ein Stück Gurke rutscht seitlich heraus.
«Moment mal … Die denken, Elvis wird geschlagen? Misshandelt?»
«Ja.» Sie beobachtet, wie er schluckt, sich gleichzeitig die Finger an der Serviette abwischt.
«In der Schule oder wie?»
«Nein. Hier. Zu Hause.»

Er starrt sie an, dann setzt er sich auf. Er stellt den Teller mit dem halbgegessenen Sandwich auf den Couchtisch, neben das Saftglas.
«Von uns? Aber das ist doch … absurd!»
«Ich weiss.»
Er starrt sie weiter an, einige Sekunden lang, mit halboffenem Mund, auch in seinem Kopf über- schlagen sich jetzt die Gedanken. «Was sagt denn Elvis?», fragt er dann. «Der ist doch bestimmt gefragt worden!»
«Er behauptet, er hätte sich gestossen, wär hingefallen, so was in der Art.»
«Und könnte das sein, theoretisch?»
«Unwahrscheinlich. Ich glaub’s auch nicht. Ich hab die blauen Flecken ja gesehen.»
«Was? Wann? Wo?»

Jetzt erzählt sie ihm von Ellen, von deren Hinweis am Montag nach dem Zelt-Wochenende. Und während sie spricht, kann sie sehen, wie er das ganze Ausmass begreift, wie die Farbe aus seinem Gesicht weicht, wie sich seine Züge verhärten, sein linkes Augenlid zuckt.
«Das heisst im Klartext», sagt er, als sie fertig ist, «ich steh unter Verdacht, richtig? Bei den Lehrern. Und beim Jugendamt.»
Sie nickt.
Er stösst einen Laut aus, es klingt wie ein Lachen, ungläubig, fassungslos.
«Die glauben im Ernst, ich würde Elvis verprü-eln? Das ist doch … Wahnsinn!»
Sie weiss nicht, was sie sagen soll.
«Und … was denkst du? Kannst du dir das auch vorstellen?»
«Nein«, sagt sie schnell, «kann ich natürlich nicht.»

Sie zwingt sich, seinen Blick auszuhalten, dieses unverwandte Starren, wo kommt eigentlich dieses Wort her, unverwandt.
«Du lügst», sagt er. «Du glaubst es auch. Ich seh’s dir an.» Er spricht leiser jetzt, sein Tonfall ist ausdruckslos.
«Nein! Ich … Scheisse, Torsten … nie im Leben würdest du jemanden verletzen, das weiss ich doch, jedenfalls nicht absichtlich.»
«Aber?»
Sie muss jetzt ihre Worte sorgfältig wählen. «Es kann ja passieren, dass man mal die Kontrolle verliert. Ich hab Elvis auch schon einen Klaps gegeben, dreimal sogar.»
Jetzt könnte er es zugeben, sie hat ihm eine Brücke gebaut. Aber er schweigt.
«Ich hab mich geschämt danach, aber ich hab’s getan», setzt sie nach. «Ein Kind kann einen manchmal verrückt machen.»
«Von einem Klaps kriegt man keine blauen Flecken. Da muss man schon richtig zuschlagen. Wahrscheinlich sogar mit der Faust.»
Er hebt die rechte Hand, die auf seinem Oberschenkel liegt, hält sie hoch und ballt sie. Sie versucht sich vorzustellen, dass diese Faust den Körper ihres Sohnes trifft, heftig, mit ungebremster Wut. Es kommt ihr vollkommen absurd, ganz unfassbar vor, dass er so zornig werden könnte, so ausser sich geraten. Aber vielleicht hat sie überhaupt keine Ahnung, was in ihm vorgeht, persönliche Gefühle sind keins ihrer bevorzugten Gesprächsthemen.

«Ich denke mir», sagt sie, «dass du manchmal eine schreckliche Wut haben musst. Dass du deine eigenen Jungs nicht sehen darfst. Ausgeschlossen bist aus ihrem Leben.»
«Und dann lass ich diese Wut an deinem Sohn aus? So siehst du mich also? Obwohl du mich angeblich liebst?» Er spuckt das Wort aus wie einen verdorbenen Bissen. «Zumindest stand das auf deinem Zettel heute.»
«Es stimmt ja auch! Natürlich liebe ich dich!»

Er schwingt die Beine vom Sofa, steht auf. «Dann wärst du ein Monster. Total gestört. Wie kann man einen Menschen lieben, dem man so was zutraut? Ich könnte das jedenfalls nicht. Und du auch nicht, so gut kenne ich dich.»
So entschieden und hart hat er noch nie mit ihr gesprochen. Und er hat recht. Wenn sie sicher wüsste, dass er es getan hat, könnte sie ihn nicht mehr in ihrer Nähe ertragen. Aber sie glaubt ihm, sie ist jetzt überzeugt, dass er die Wahrheit sagt, er hat Elvis nichts getan.
Er geht zur Tür, mit schnellen Schritten.
«Geh jetzt nicht weg», sagt Sina. «Bitte.»

«Ich muss hier raus.» Aber dann bleibt er doch in der Tür stehen, dreht sich zu ihr um. «Weisst du, was ich mich frage? Was war das eigentlich zwischen uns, wenn du dich ernsthaft fragst, ob ich ein Schläger bin?»
Er hat war gesagt, nicht ist. Sie weiss nicht, was sie sagen soll, aber er erwartet auch keine Antwort. Sie hört, wie er im Flur seine Schlüssel von der Kommode nimmt, dann fällt die Wohnungstür ins Schloss. Er ist weg. Barfuss. Er wird bald wiederkommen, versucht sie sich zu beruhigen, spätestens am frühen Morgen, er muss ja zur Arbeit, er kann nicht in Joggingklamotten und ohne Schuhe in die Firma gehen.

Während sie auf ihn wartet, läuft sie durch die Wohnung, von einem Zimmer ins andere, sie zieht im Schlafzimmer die Bettdecke glatt, packt in der Küche sein Sandwich in Folie und spült seinen Teller, räumt im Wohnzimmer Zeitschriften weg und hebt eine Wollmaus auf. Sie sieht auch nach Elvis, er schläft fest, Fritzis noch leeres Bettchen neben seinem.
Sie schminkt sich im Bad ab, als sie hört, wie die Tür leise aufgesperrt und wieder geschlossen wird. Sie folgt ihm ins Schlafzimmer, wo er eine Reisetasche aus dem Schrank holt. Sie sieht von der Tür aus zu, wie er sie aufs Bett stellt und zur Kommode geht.

«Bitte lass uns reden.»
«Okay», sagt er. «Ich muss dich sowieso noch was fragen. Was passiert jetzt eigentlich mit mir?» Er nimmt einen Stapel T-Shirts aus der Schublade, trägt sie zum Bett. «Werd ich von der Polizei verhört, weil die glauben, ich misshandle ein Kind, oder wie läuft das ab? Irgendwas müssen die ja tun, nehm ich an.»
«Ich weiss es nicht.»
Er packt den Stapel in die Tasche, sorgsam, nichts soll knittern. «Wenn die in der Firma Wind davon kriegen, kann ich einpacken. Und für Lene wird das auch ein gefundenes Fressen, am Ende verlier ich noch das Umgangsrecht für Jasper und Sören.
«Als Nächstes hat Elvis einen Termin bei einem Arzt und dann bei einer Psychologin», sagt Sina.
«Ich hab zugestimmt. Ich will wissen, was mit ihm passiert ist.»
Jetzt sind die Socken dran, er greift wahllos zwei Hände voll.
«Sobald er dich entlastet hat, bist du aus der Schusslinie. Und Elvis wird bestimmt nicht lügen, er hat dich gern.»
Er stopft die Socken an die Seiten der Tasche, platzsparend. «Du glaubst also nicht, dass er mich beschuldigt? Auf einmal? Woher der plötzliche Sinneswandel?»

Noch nie hat er derart sarkastisch mit ihr gesprochen, spöttisch ja, ironisch auch, aber nicht so. Sie kann nur ahnen, wie verletzt er sein muss. Vor vierundzwanzig Stunden haben sie einander noch in den Armen gehalten, er war in ihr, sie haben sich aneinander festhalten, sich Liebesworte zugeflüstert.
«Bleib hier», sagt sie, «bitte geh jetzt nicht.»
«Ich kann nicht. Verstehst du das nicht?» Er geht jetzt zum Schrank, öffnet die Tür an seiner Seite.
«Doch», sagt sie. »«Das tu ich. Aber dann erklär mir wenigstens eins noch. Was ist es, was Elvis mir nicht sagen darf? Weil er es dir fest versprochen hat?»
Er hält in der Bewegung inne, bleibt reglos stehen. Er braucht lange für die Antwort, zu lange.
«Ist doch egal jetzt.»
Sie geht zu ihm, stellt sich neben ihn. Immer noch rührt er sich nicht, steht stocksteif da.
«Mir nicht. Irgendwas ist doch passiert auf eurem Zeltausflug. Torsten!»
Sie sieht an seinen Halsmuskeln, dass er vergebens zu schlucken versucht. Und dann wendet er den Kopf und sieht sie an, und sie braucht nur diesen Blick voller Elend und Schuldbewusstsein, um es zu begreifen.

Mit einem alkoholfreien Bier hat es angefangen, schon beim ersten Squash-Termin. Inzwischen ist er bei drei kleinen Flaschen Wodka angekommen, bisher nur nach Feierabend, während der Arbeit wagt er es nicht. Er hat die Fläschchen im Auto gebunkert, jetzt wird ihr klar, warum er so oft etwas im Wagen vergessen oder den Müll runtergebracht hat oder noch zum Supermarkt gegangen ist, um etwas eigentlich Unnötiges einzukaufen.

Auf dem Campingausflug hat er sich zusammengenommen, obwohl es ihm schwerfiel, weil es immer später wurde, aber er hat gewartet, bis Elvis eingeschlafen war, so gegen zehn. Etwa eine Stunde später war er beim zweiten Fläschchen, als Elvis noch mal aus dem Zelt gekrabbelt kam, weil er pinkeln musste. Und natürlich hat er den Alkohol gesehen in Torstens Hand und nachgefragt, die Kinder finden ja oft genug leere Flaschen auf der Strasse und auf Spielplätzen und werden von ihren Eltern aufgeklärt. Auch wenn Elvis nichts weiss von Torstens Vergangenheit, hatte Torsten doch panische Angst, er könnte sich später verquatschen, Sinas Ankündigung, dass es sofort aus sei mit ihnen, falls er je wieder trinke, war ihm nur allzu bewusst. Er beginnt zu weinen, als er von jener Nacht erzählt. Sina nimmt ihn in den Arm, eher aus Reflex als aus Mitgefühl, obwohl sie ihm glaubt, dass er sich unendlich schämt vor ihr, für seine Schwäche, seine Charakterlosigkeit.

Aber zugleich ist sie auch unglaublich wütend auf ihn, nicht wegen des Trinkens allein, sondern weil er ihren Sohn in ein Geheimnis verstrickt und damit belastet hat, nicht mal ihr konnte Elvis die Wahrheit sagen. Und dann der Betrug ihr gegenüber, die Lügen, das mangelnde Vertrauen. Er hätte mit ihr reden können, spätestens nach dem ersten Mal, ganz sicher hätte sie ihm zu helfen versucht, ihre Drohung nicht sofort wahrgemacht, wenn er ehrlich gewesen wäre. Und er musste doch wissen, dass es herauskommt, irgendwann.

Später liegen sie im Bett, einander umarmend. Die Reisetasche, halb gepackt, steht auf dem Fussboden vor dem Schrank, ein Mahnmal. Sie haben nicht darüber gesprochen, was jetzt wird, wie es weitergeht, sie waren beide zu erschöpft. Aber im Grunde wissen sie es beide.
Sina ist todmüde, aber sie kann ihre brennenden Augen nicht schliessen, sie hat es versucht, sie klappen immer wieder auf. Ihr Kopf liegt an Torstens Hals, sie atmet seinen Geruch ein, Duschgel und einen Hauch von Schweiss, sonst riecht man wirklich nichts, dabei hat er vorhin, als er draussen war, im Auto gesessen, wie viele Fläschchen es waren, hat sie nicht gefragt. Es stimmt offenbar, was über Wodka gesagt wird, man riecht ihn nicht. Torsten hält sie fest umschlungen, trotzdem friert sie. Ihr graut vor dem kommenden Tag.

Vielleicht kann sie morgen einen Ausweg sehen, wenn es hell ist, wenn sie nicht mehr hier liegen wie zwei Schiffbrüchige, die sich an eine schwankende Planke klammern, während sie durch die kalte Dunkelheit treiben. Im Moment kann sie keinen klaren Gedanken mehr fassen, es war zu viel für einen Tag. Und sie fühlt jetzt weder Zorn mehr noch Mitgefühl, nur noch bodenlose Trauer, tiefe Trostlosigkeit. Es war doch alles gut. Er hatte eine Zukunft, einen Job, eine Familie. Und vor allem hatte er sie. Aber es hat nicht gereicht.

Er atmet jetzt ruhig und gleichmässig, er muss eingeschlafen sein. Sie stellt sich sein momentanes Leben extrem anstrengend vor, die Beherrschung tagsüber während der Arbeit, wenn die Gedanken immer wieder verlangend abschweifen, das Zählen der letzten Minuten vor dem Moment, an dem er endlich allein ist in der Firmengarage und sich unbeobachtet wähnt, die Fahrt nach Hause, überkonzentriert, schon ein kleiner Auffahrunfall wäre fatal. Dann die Fassade, die er vor ihr aufrechterhalten muss, während er schon wieder grübelt über die Ausreden, die er ihr auftischen kann, damit er noch ein-, zweimal aus dem Haus kommt, Laufen gehen, Einkaufen, etwas im Auto vergessen …

Als sie ins Bett gegangen sind, hat er sie um Verzeihung gebeten, sie hat nichts darauf geantwortet. Und auch nicht gesagt, was sie, neben allem anderen, noch umtreibt: dass nämlich auch sie sich schämt, weil sie den Verdacht, er könne ein Schläger sein, nicht ohne jeden Zweifel ausgeschlossen hat. Das Vertrauen, das sie von ihm einfordert, verdient sie nicht. Und deshalb, so denkt sie jetzt in ihrer Hoffnungslosigkeit, ist es nur gerecht, dass ihre ganze Welt aus den Angeln gehoben ist, innerhalb weniger Tage.

Sie steht auf, sie muss noch mal aufs Klo. Als sie am Fenster vorbeigeht, schaut sie auf die Strasse. Kein Mensch ist zu sehen, um kurz nach drei scheint die Stadt endlich zu schlafen, wenn auch nicht für lange. In drei Stunden muss sie aufstehen, Elvis wecken, ihm Frühstück machen. Duschen, sich herrichten für den Tag in der Agentur. Vielleicht hilft es, dass sie funktionieren muss, egal wie sie sich fühlt.

Als sie auf dem Klo die Pyjamahose herunterzieht, sieht sie zwei kleine Blutflecke, ihre Periode hat eingesetzt. An die mögliche Schwangerschaft hat sie gar nicht mehr gedacht während der letzten Stunden. Ein Problem weniger, sie hat allen Grund, erleichtert zu sein. Warum muss sie dann jetzt weinen?

Was bisher geschah:
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Martina Borger

Wurde 1956 geboren und arbeitete als Journalistin, Dramaturgin und Filmkritikerin, bevor sie sich aufs Drehbuchschreiben verlegte. Sie hat bei mehreren Serien als Storylinerin und Chef-Autorin gearbeitet. Gemeinsam mit Maria Elisabeth Straub veröffentlichte sie 2001 ihren ersten Roman «Katzenzungen», dem «Kleine Schwester» (2002), «Im Gehege» (2004) und «Sommer mit Emma» (2009) folgten. Ohne Co-Autorin erschien 2007 ihr Roman «Lieber Luca». Martina Borger lebt in München.


Martina Borger, «Wir holen alles nach», Roman, Diogenes

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120 / 20 / 44 / 1; ISBN 978 3 257 07130 6