Covermotiv: Gemälde von Elizabeth Lennie © Elizabeth Lennie

Wir holen alles nach, Kapitel 7 Von Martina Borger

«Warum heisst das eigentlich Engländer? «Elvis nimmt den Universalschlüssel entgegen,den Ellen ihm reicht. «Warum nicht Norweger? Oder Spanier?»

«Ehrlich gesagt, ich hab keine Ahnung. Ich glaube, manche Leute sagen auch Franzose dazu. Wir können es ja nachher mal googeln.» Sie schraubt den Perlator am Badwaschbecken ab und legt ihn in ein Schälchen mit Essigessenz zu dem von der Badewanne. … So, jetzt müssen sie ein paar Stunden da drin liegen.»
«Und dann?»
«Sind sie entkalkt. Und wir haben wieder einen anständigen Wasserstrahl.»
«Bloss wegen dem Essig?»
»Ja. Essigessenz ist das beste Mittel gegen Kalk. Das umweltfreundlichste ausserdem. Und das billigste.»

Sie hat festgestellt, dass sich Elvis für praktische Dinge im Haushalt interessiert. Seit sie am Mittwoch den Kuchen gebacken haben, hilft er gerne in der Küche, er rührt Nudeln um, schneidet Lauch und Karotten klein, verquirlt sorgfältig Eier und Sahne. Als sie heute Mittag einen Gemüseauflauf gemacht hat, hat er ihr konzentriert assistiert. Beim Pudding für den Nachtisch hat sie ihn die Anleitung vorlesen und ihn dann fast alles alleine machen lassen. Er war mit Feuereifer bei der Sache und hat gerührt, bis ihm der Arm weh tat. Der Pudding ist sogar ohne Klümpchen gelungen, was nicht mal sie immer schafft.

«Du redest ganz schön oft von Umwelt und so», sagt er, während sie in den Flur gehen und sich die Schuhe anziehen. Der Hund muss noch mal raus, er steht schon erwartungsvoll an der Wohnungstür, seine Leine im Maul.
«Das stimmt», sagt Ellen. «Ich finde es einfach wichtig, dass wir mit der Natur gut umgehen.»
Elvis hockt sich zum Binden der Schnürsenkel auf den Boden. «Dass wir nicht so viel wegschmeissen? Und auch nicht auf die Strasse?«
«Zum Beispiel. Wenn wir spazieren gehen, siehst du ja auch oft, wie viel Dreck herumliegt.»
Elvis steht auf. «Die Scherben am Container gestern, da hätte sich der Hund verletzen können. Warum machen die Leute das?»
«Aus Gedankenlosigkeit. Oder Faulheit. Weil sie nicht nachdenken. Denk mal an das viele Plastik, das ins Meer geschmissen wird und jetzt dort herumschwimmt. Weisst du noch, das Foto?»

Sie hat ihm gestern im Internet das Bild eines Wales gezeigt, der tot aufgefunden wurde, mit achtzig Plastiktüten im Magen.
Elvis nickt. «Der arme Wal. Der hatte bestimmt furchtbar Bauchweh.»
«Wir benutzen einfach viel zu viel Plastik. Wenn man ein bisschen darüber nachdenkt, kann man oft drauf verzichten.»
Sie gehen die Treppe hinunter, der Hund zieht an der Leine, er hat es offenbar eilig.
«Deswegen tust du im Supermarkt das Obst nie in die Tüten», sagt Elvis. Er ist wirklich ein aufmerksames Kind. «Und hast immer Stofftaschen dabei. Ich hab meiner Mutter gesagt, dass sie die jetzt auch immer nehmen soll.»
«Das finde ich gut. Ich hab mal einen Satz gelesen, der mir gefallen hat», sagt Ellen. «Dass die Erde nicht schlechter sein soll als vorher, wenn ich sie verlasse.»
«Wenn du stirbst?»
Sie nickt. Er runzelt leicht die Stirn, sieht sie nachdenklich an.
«Du willst ein guter Mensch sein.»
«Ich versuche es. Aber es gelingt mir natürlich nicht immer.»

Gut zu sein würde bedeuten, dass auch ihre Gedanken gegenüber anderen generell positiv und freundlich sind, zugewandt, liebevoll. Das schafft sie oft nicht, die Ignoranz und der Egoismus vieler Leute, die nur nach vorne drängeln und keinen Blick mehr für ihre Umgebung haben, machen sie oft wütend. Wie sie zum Beispiel im Zug andere grob beiseiteschieben, einem ihre Koffer in die Kniekehlen rammen, stundenlang lautstark telefonieren. Die Fahrradwege zuparken, die Haufen ihrer Hunde liegen lassen, einen anrempeln, weil sie in ihre Handys starren, keine Tür aufhalten, in der vollen Tram zwei Sitze blockieren.

«Ich geb mir einfach Mühe, so wenig zu zerstören, wie ich kann.» Natürlich weiss sie, wie lächerlich ihre Bemühungen im Grunde sind, die Achtsamkeit beim Einkaufen, die säuberliche Mülltrennung, der Verzicht auf Autofahrten und Flugreisen, die vegetarische Ernährung. Sie wird damit am Zustand der Welt nichts ändern, gar nichts. Und trotzdem. Es ist ihr wichtig.
«Deswegen fährst du auch immer mit dem Zug», sagt Elvis. «Damit du einen guten Schuhabdruck hast.»
Ellen muss lachen. «Den ökologischen Fussabdruck, meinst du. Ja, genau. Du hörst wirklich gut zu.»

Auf der Strasse reicht sie die Leine Elvis, der ihr schon erwartungsvoll die Hand entgegenstreckt. Der Hund zieht ihn zu dem kleinen Grünstreifen, auf dem er immer sein Geschäft macht, und hockt sich hin. Ellen fummelt eine der grünen Tüten aus der Hosentasche.
«Das ist aber auch Plastik.» Elvis sieht zu, wie sich Ellen die Tüte über die Hand stülpt, auf diese Aufgabe ist er nicht so scharf.
«Aber recykelbar. Die kann man sogar auf den Komposthaufen werfen, die zersetzen sich vollständig.»

Sie gehen nur die kleine Runde. Heute Vormittag waren sie schon auf einem längeren Spaziergang die Isar runter Richtung Süden, bis zum Tierpark. Ellen hatte geplant reinzugehen, die meisten Kin-der waren ja ganz wild auf Zoobesuche, aber Elvis hatte keine grosse Lust. Es war bewölkt und kühl, er wollte lieber wieder nach Hause.

Ihre Befürchtung, er werde sich bei ihr langweilen, hat sich während dieser ersten Woche als überflüssig erwiesen, seine anfängliche Scheu ist verflogen. Der grosse alte Ohrensessel ist sein Lieblingsplatz, wahrscheinlich, weil der Hund immer sofort auf seinen Schoss springt, wenn er sich reinsetzt. Er schlägt dann den Comic auf, den er sich in der Bücherei ausgesucht hat, vergisst das Lesen aber bald. Lieber sitzt er da und streichelt liebevoll und gedankenverloren das Tier. Zu ihrer Überraschung benutzt er sein relativ neues Smartphone kaum, meistens liegt es unbeachtet auf der Kommode im Flur. Sie beobachtet oft Kinder seines Alters, die ihr Handy kaum aus der Hand legen, in der Tram damit spielen oder sogar im Gehen auf der Strasse darauf konzentriert sind, aber er ist auch in dieser Hinsicht anders.

Während der letzten Tage hat sich schon eine gewisse Routine in ihrer gemeinsam verbrachten Zeit entwickelt. Wenn er morgens kommt, gehen sie als Erstes mit dem Hund eine kleine Runde und beratschlagen dabei, was sie unternehmen wollen. Und in der Stunde, bevor er abends abgeholt wird, liest sie ihm «Der Wind in den Weiden» vor, sie auf dem Sofa, er zusammengekauert im Sessel, den Hund an seiner Seite.

Er hört aufmerksam zu und lacht manchmal laut auf, besonders wenn es um den Kröterich geht, dessen Snobismus und Selbstverliebtheit er natürlich am liebsten mag, ihre Jungs waren nicht anders. Überhaupt liebt er diese Zeit ganz besonders, Ellen hat den Eindruck, dass in seinem Alltag sonst nicht viel Platz für Ruhe und Entspannung ist.

Jetzt sitzt sie an ihrem kleinen Schreibtisch und macht eine Liste, was sie nachher noch einkaufen will, wenn Sina Elvis abgeholt hat. Miris Zug aus Jena kommt gegen acht Uhr an, sie hat davor also noch genug Zeit, ihr Bett frisch zu beziehen, obwohl Miri wie immer protestieren wird, dass Ellen auf dem Sofa schläft. Sie wird eine Spaghettisauce ansetzen, die vor sich hin köcheln kann, während sie Wein und Salat und Obst zum Nachtisch kauft. Und eine kleine Schachtel von Miris Lieblingspralinen, dank Elvis kann sie sich die leisten.

Sie freut sich sehr auf das Wochenende. Wenn sie morgen ihre Zeitungstour hinter sich hat, wird sie ein schönes Frühstück für Miri machen, dann wollen sie lange spazieren gehen, für den Abend hat sie Karten für eine Thomas-Bernhard-Lesung reserviert. Und am Sonntag lädt Henry sie zu einem Brunch in ein Hotel ein, sie würde lieber zu Hause essen, wollte ihm aber die Freude nicht verderben. Blumen?, schreibt sie auf ihren Zettel und wirft einen Blick auf Elvis, der im Sessel vor sich hin zu träumen scheint. Er hat oft solche Momente, in denen er ganz still wird und in Gedanken weit weg zu sein scheint. Sie spürt, dass er dann in Ruhe gelassen werden will, und wartet immer, bis er von sich aus wieder in die Wirklichkeit zurückkehrt.

Sie legt die Liste weg, öffnet ihren Laptop und ruft das E-Mail-Programm auf. Benedikt hat geschrieben. «Ich hoffe, es geht dir gut, bei uns ist alles super. Anbei ein neues Foto von Valerie, das du haben wolltest.» Seine Mails sind fast immer gleichlautend, alles gut, bei dir hoffentlich auch. Er ist kein grosser Schreiber, schon in der Schule waren seine Aufsätze immer die kürzesten, »steht doch alles drin«, war seine stereotype Antwort. Reden tut er lieber, wobei man auch da den richtigen Moment bei ihm erwischen muss, er kann extrem maulfaul sein.

Weil sie ein paarmal an seiner Einsilbigkeit und hörbaren Unlust abgeprallt ist, hat sie sich schon vor Jahren angewöhnt, ihn nicht mehr selbst anzurufen, sondern abzuwarten, bis er sich von selbst meldet, auch wenn es zwei, drei Wochen dauern kann. Er nutzt meist das Wochenende dafür; wenn sie nicht da ist, spricht er kurze, aber launige Nachrichten auf den ab. Vitus ist auch in dieser Hinsicht ganz anders, er freut sich immer hörbar, wenn Ellen sich meldet, auch wenn er es manchmal kurz machen muss, weil er gerade auf dem Weg zu einem Termin ist.

Sie öffnet das angehängte Foto. Valerie, im Mai zwei geworden, strahlt pausbäckig und mit breiverschmiertem Mund in die Kamera. Die weissblonden Haare hat sie eindeutig von Freja, Benedikt ist dunkel, so wie Jock. Ellen hat das Kind erst zweimal gesehen, bei seiner Taufe vor eineinhalb Jahren und während der letzten Weihnachtsfeiertage, immerhin auch schon über acht Monate her. Falls sie wirklich im Herbst nach Skagen fährt, wird ihre Enkelin sicherlich erst mal fremdeln, auch wenn Benedikt sagt, dass sie ihr immer wieder Fotos von Ellen zeigen und erklären, dass das ihre Grossmutter ist. Farmor heisst das auf Dänisch, Vaters Mutter, einfach und logisch.

Sie verschiebt das Bild in ihren Foto-Ordner und will die Mail schon schließen, als sie das P. S. sieht, das ein paar Zeilen unter dem Text direkt über seiner Kennung steht: «Übrigens ist Freja wieder schwanger, im 4. Monat.»
Sie muss lachen. Wie typisch für Benedikt, dass er die wichtigste Botschaft der Mail ganz ans Ende setzt, praktisch schon versteckt, um ein Haar hätte sie sie nicht gelesen. Noch ein Kind, wie schön. Und noch ein Grund mehr, bald nach Skagen zu fahren.

«Worüber lachst du?» Elvis, beide Hände im Fell des Hundes vergraben, sieht auf.
«Ich freu mich. Über eine Mail von meinem Sohn. Er schreibt, dass ich bald wieder Grossmutter werde.» Sie wird Benedikt nachher, wenn Elvis weg ist, eine Mail schreiben und ihm und Freja gratulieren.
«Dann hast du schon zwei.» Sie hat Elvis von Benedikt und Vitus erzählt, als er die Fotos an der Wohnzimmerwand betrachtet und danach gefragt hatte. «Vielleicht kriegst du ja sogar noch mehr. Von deinem anderen Sohn.»

«Wer weiss.» Sie hat nicht vor, Elvis zu erzählen, dass Vitus ihr aller Voraussicht nach keine Enkel bescheren wird, auch wenn viele schwule Paare heute Kinder haben, adoptiert oder mit einer Leihmutter oder wie auch immer. Sicher kennt er das Wort schwul und auch seine Bedeutung, die Kinder heut-zutage wissen ja viel mehr als sie früher, gerade in sexuellen Dingen. Ob sie es allerdings begreifen, steht auf einem anderen Blatt. Sie fühlt sich jedenfalls nicht dazu aufgerufen, einem Achtjährigen die Liebe zwischen Männern nahezubringen. Dafür hat er Eltern.

«Schade, dass du keinen Mann mehr hast», sagt er. «Der würde sich bestimmt auch freuen.»
Auf den Fotos an ihren Wänden ist natürlich auch Jock zu sehen. Elvis hat sich sehr für ihn interessiert, Männer, besonders Väter, findet er spannender als Frauen, hat Ellen festgestellt.
«Bestimmt», sagt sie. Sie versucht, sich Jock als Grossvater vorzustellen, der mit seinen Enkeln spielt, mit ihnen Enten füttern geht, mit ihnen bastelt, sie auf dem Schoss hat. Es fällt ihr schwer. Für sie wird Jock immer fünfundvierzig bleiben, laut und wild und aufbrausend, mit diesem dröhnenden Lachen, viel zu jung für Enkelkinder.

Sie hat schon oft überlegt, ob sie noch verheiratet wären, wenn er noch leben würde. Gezofft haben sie sich während ihrer Ehe reichlich, vor allem in den letzten Monaten seines Lebens, als er in eine Krise geschlittert war, zu viel Alkohol, zu viele durchfeierte Nächte, manchmal öffnete er die Werkstatt erst mittags, die Kunden beschwerten sich. Sie hatte mehrmals an Trennung gedacht, ihm auch einmal damit gedroht, er hatte sie geschockt angestarrt und war ein paar Tage ganz klein geworden, sehr liebevoll und anhänglich, wie ein kleiner Junge. Hätte sie sich wirklich getrennt? Vermutlich nicht. Sosehr er sie manchmal nervte, sie liebte ja gerade das Ungezähmte an ihm, den Jähzorn, seine überfallartigen Zärtlichkeiten, seinen schrägen Humor. Nie hatte ein anderer Mann sie so zum Lachen bringen können.

«Bist du noch traurig?» Elvis’ grosse Augen sind voller Mitgefühl. «Dass er tot ist?»
«Manchmal. Ein bisschen. Aber es ist so lange her.»
Fünfundzwanzig Jahre werden es im Oktober. Ein goldener Herbstsonntag, ungewöhnlich warm. Sie war extra mit ihm früh aufgestanden und hatte ihm Proviant eingepackt, Wurstbrote, einen Apfel, eine Flasche Wasser. Er hatte versprochen, nachmittags zurück zu sein, um mit den Jungs noch etwas zu unternehmen. Nur eine kleine Tour sollte es werden, bloss ein paar Stunden den Kopf durchlüften, auf einer Bergstrasse mit vielen Kurven, er war die Strecke schon oft gefahren mit dem Motorrad. Und er hatte Erfahrung, kein Unfall in über zwei Jahrzehnten. Vermutlich, so die Polizei, hatte die tiefstehende Sonne ihn geblendet, so dass er das feuchte Laub auf der Straße nicht rechtzeitig hatte erkennen können.

«Vielleicht findest du ja noch einen», sagt Elvis.
«Einen Mann, meinst du?»
«Ja. Du bist ja noch hübsch. Du siehst fast noch so aus wie da», er zeigt mit dem Finger auf das Schwarzweissfoto, das ungerahmt an den Büchern im Regal lehnt. Miri hat es aufgenommen, am Tag von Vitus’ Abiturfeier. Sie sieht wirklich schön aus, in ihrem Lachen ist ihre ganze Erleichterung zu erkennen, die elende Schulzeit endlich hinter sich zu haben, ihr ganzes Gesicht ein einziges Strahlen, es leuchtet richtig.
«Danke für das Kompliment. Aber vielleicht brauchst du doch eine Brille?»
Er guckt erst verblüfft, dann versteht er den Scherz und lacht. «Brauch ich nicht. Wir waren erst neulich beim Augenarzt, die Mama und ich.»

Sie kann das Gefühl, das sie an jenem Maiabend empfunden hat, heute noch abrufen. Sie hatte das lange rote Hippie-Kleid angehabt und reichlich Campari Soda getrunken. Am Büfett hatte sie einen Ethiklehrer kennengelernt, er war ihr ab diesem Moment den ganzen Abend lang nicht mehr von der Seite gewichen, er war wirklich witzig und charmant. Miri, die von einem Elternvertreter belagert worden war, hatte ihr während einer Pinkelpause zugeredet, sich mit ihm zu verabreden oder aus dem lustigen Abend wenigstens eine noch lustigere Nacht zu machen, aber sie hatte nicht gewollt.

Dieser Flirt war nur hier und jetzt schön, inmitten der fröhlichen Gesellschaft; sobald sie miteinander allein sein würden, würde die Stimmung zwischen ihnen steif und befangen werden, das wusste sie einfach. Es war nur dieser Moment, in dem er ihr gefiel. Und in dem sie sich selbst schön und begehrenswert fand, sogar noch jung. Wenn sie jetzt, oft unbeabsichtigt, ihr Spiegelbild sieht, auf einer Rolltreppe, in einem Schaufenster, gibt es ihr jedes Mal einen kleinen Stich, so albern es ist. Diese alte Frau da drüben, mit den tiefen Falten und den Tränensäcken, das ist sie jetzt. Die Campari-Soda-Nächte sind Vergangenheit.

Allerdings gab es Henry. Beziehungsweise es gibt ihn immer noch. Miri behauptet, ein Fingerschnippen von Ellen würde genügen und er sei sofort an ihrer Seite, auch wenn er seit ein paar Monaten offenbar mit einer Frau liiert ist, die in einem edlen Schokoladengeschäft in der Innenstadt arbeitet, Mitte fünfzig, laut Miri. Henry hat Ellen von dieser Bekanntschaft nichts erzählt, sie halten Persönliches raus bei ihren Treffen.

Sie weiss, dass er lange darauf gehofft hat, sie beide würden zusammenkommen, dass er in sie verliebt war, war kein Geheimnis, sogar Jock hatte darüber Witze gemacht, wie sehr sein bester Freund ihn um seine Frau beneidete. Aber nie hat Henry sich ihr erklärt, nie eine bestimmte Grenze überschritten. Er hat gewartet, dass sie den ersten Schritt tat. Was sie nicht konnte. Sie hat ihn gern, sehr sogar, und sie ist ihm dankbar. Nach Jocks Tod hat er ihr zur Seite gestanden, das ganze Chaos mit dem Verkauf der Werkstatt abgewickelt und einen so guten Preis dafür erzielt, dass sie im ersten Jahr nicht sofort irgendeinen Job annehmen musste, sondern bei den Jungs zu Hause bleiben konnte.

Er hat ihre Tränen getrocknet, hat dafür gesorgt, dass sie nicht in ihrer Trauer verlorenging, er hat Benedikt und Vitus unter seine Fittiche genommen, er ist immer dann aufgetaucht, wenn sie nicht mehr weiterwusste. Sie hat sich an ihm festgehalten, sich bekochen und ins Theater ausführen lassen, er war ihr sprichwörtlicher Fels in der Brandung. Aber mehr war für sie nicht möglich. Dabei wäre es so einfach gewesen, die Jungs hätten ihn sofort als Ersatzvater akzeptiert, er war es ja im Grunde längst. Und sie hätte die so lästige erste Zeit des Kennenlernens, in der man sich und sein Leben erklären muss, überspringen können, es wäre ein fliessender Übergang gewesen, alles wie bisher, nur mit Liebe und Sex. Aber es ging einfach nicht.

Sie hat sich oft, wenn sie einander gegenübersassen und er etwas erzählte, lachte, vorgestellt, wie es wäre, diese Lippen zu küssen, nicht nur flüchtig wie momentan bei Begrüssung und Abschied, sondern richtig, leidenschaftlich, voller Begehren. Er war ja attraktiv, gepflegt, gutaussehend, es gab objektiv betrachtet nichts, was ihr Zurückscheuen begründet hätte. Es fehlte nur einfach etwas, in ihr selbst. Das Beben, das Zittern, der Schauer von Erregung, den sie mit Jock erlebt hatte, bis zum Ende, der unwiderstehliche Drang, ihn anzufassen, von ihm angefasst zu werden, all das war mit Henry nicht möglich. Und auf weniger wollte sie sich nicht einlassen. Und auch ihm keine halbgare Liebe zumuten, das hatte er nicht verdient. Wenn Miri oder ihre Söhne sie gefragt hatten, ob sie nichts vermisse, mit dreiundvierzig Witwe und seither ohne Mann, hatte sie immer verneint. Und es stimmte. Ihr fehlte nichts. Sie hatte einen wunderbaren Mann gehabt, ihre Liebe war nicht durch Gewohnheit oder Betrug zu Ende gegangen, niemand hatte Schuld.

«Ich bin sehr zufrieden, so wie es ist», sagt sie jetzt. «Ich hab Freunde. Ich hab Arbeit. Ich hab meine Söhne. Und bald gleich zwei Enkelkinder.»
«Und den Hund», sagt er, und gleich danach: «Ich krieg auch eine Schwester. Im Dezember. Also nur eine halbe.»
«Eine Halbschwester, meinst du?»
Er nickt. «Von meinem Papa. Und Meret. Das ist seine neue Frau.»
«Und freust du dich auf das Baby?»
«Schon», sagt er zögerlich. «Aber ich werd es nicht so oft sehen. Weil mein Papa ja nicht hier wohnt.»
«Sondern in Düsseldorf, richtig?»
«Ja. In einem ganz schönen grossen Haus. Mit Garten und Swimmingpool. Mein Papa verdient viel Geld.»

Ellen nickt und lächelt aufmunternd. Viel Geld, ja. Aber keine Zeit. Elvis scheint ihren Gedanken zu erraten. «Aber er muss viel arbeiten. Deswegen konnte er auch nicht mit mir wegfahren. Aber er hat gesagt, wir holen das nach. Vielleicht in den Weihnachtsferien, wenn das Baby da ist.»

Eher unwahrscheinlich, dass der vielbeschäftigte Vater sich das antun wird, eine Urlaubsreise mit einem Neugeborenen und einem dann Neunjährigen. Sina hat ihr erzählt, dass ihr Ex die Ferien mit Elvis schon öfter abgesagt hat. Der Junge wird wieder enttäuscht werden, das sieht sie voraus. Sie empfindet in diesem Moment ein beinahe schmerzhaftes Mitgefühl mit ihm. Er ist noch so jung, und dennoch ist sein Leben schon eine Abfolge von Trennungen, gebrochenen Versprechen, Zurückweisungen, er ist im Weg, muss untergebracht, wegorganisiert werden, er ist das wehrlose Unterpfand einer offensichtlich unschönen Trennung. Dennoch ist er rührend treu und loyal seinen Eltern gegenüber.

«Aber wenn nicht», sagt Elvis, «fährt die Mama mit mir weg. Und mit Torsten. Das ist der Freund von meiner Mama.»
«Ich weiss. Den magst du gerne, oder?»
Er nickt. «Er geht am Samstag mit mir zelten, nur wir beide, weil die Mama arbeiten muss. An der Isar, glaub ich. Also das Zelten.»
«Wie schön. Dann hast du ja ein tolles Wochenende vor dir.»
Elvis nickt, aber Ellen bemerkt ein Zögern, eine Zurückhaltung in seiner ganzen Körperhaltung.
«Und am Sonntag bin ich bei meinem Freund Lukas. Da übernachte ich auch.»
«Dann kommst du am Montag vielleicht ein bisschen später?
«Nein«, sagt Elvis, »ich hab schon gesagt, dass ich pünktlich bei dir sein will.»
«Ich kann dich auch bei deinem Freund abholen, wenn du möchtest.»
«Musst du nicht. Ich komm um halb neun. Wie immer. Damit wir gleich spazieren gehen können.»
Ellen ist selbst überrascht, wie sehr es sie freut, dass er nichts von der Zeit mit ihr verpassen will. Sie schliesst den Laptop und steht auf. «Das ist schön. Ich glaube, ich würde dich sonst auch vermissen. Soll ich dir jetzt vorlesen?»

Was bisher geschah:

Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6

Martina Borger

Wurde 1956 geboren und arbeitete als Journalistin, Dramaturgin und Filmkritikerin, bevor sie sich aufs Drehbuchschreiben verlegte. Sie hat bei mehreren Serien als Storylinerin und Chef-Autorin gearbeitet. Gemeinsam mit Maria Elisabeth Straub veröffentlichte sie 2001 ihren ersten Roman «Katzenzungen», dem «Kleine Schwester» (2002), «Im Gehege» (2004) und «Sommer mit Emma» (2009) folgten. Ohne Co-Autorin erschien 2007 ihr Roman «Lieber Luca». Martina Borger lebt in München.


Martina Borger, «Wir holen alles nach», Roman, Diogenes
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120 / 20 / 44 / 1; ISBN 978 3 257 07130 6