Zeitlupe

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Artikel in der Kategorie: Fortsetzungsroman

Im neuen Jahr kommt er jeden zweiten Samstag, ganz zuverlässig, er hat noch keinen der Tage ausgelassen. Sina und er nehmen den Zug, am Hauptbahnhof setzt sie ihn in den Bus. Von der Haltestelle in ihrer Nähe aus geht er allein, «du musst mich nicht abholen», hat er beim ersten Mal zu Ellen gesagt, «ich […]


Schon als sie zu Hause die Einkäufe ausräumt, schämt Sina sich. Sie versucht, die Zeitung zu lesen, die sie mitgebracht hat, aber das Bild von Ellen, die auf der Bank sitzt und sie fassungslos anstarrt, schlagartig blass geworden, legt sich über die Buchstaben und Bilder.


Es ist jetzt zehn Tage her. Ganz hat sie sich an seine Abwesenheit noch nicht gewöhnen können, am dritten Tag hat sie sich dabei ertappt, wie sie »Avanti!« sagte, als sie frühmorgens aus einem der Häuser kam.


Sina hat das Gefühl, dass die Ereignisse sich überschlagen in der letzten Zeit, jeden Tag passiert etwas Unerwartetes, sie kommt kaum zum Luftholen, geschweige denn zum Nachdenken, aber es ist gut so.


Der Arzt wollte gegen zehn kommen, aber er hat angerufen, dass es etwas später wird, ein Notfall in der Praxis. Sie sind kein Notfall, nicht mehr.


Er kommt um halb zehn. Elvis schläft seit einer guten halben Stunde, Sina hat gerade noch einmal nach ihm gesehen, als sie hört, wie die Tür aufgeschlossen wird.


Im Taxi hält sie den Hund auf dem Schoss, sein Kopf liegt in ihrer Armbeuge. Er schnauft hörbar, sein Atmen ist eher ein Hecheln. Der Taxifahrer wirft ihr über die Schulter einen Blick zu.


Das Gespräch war in Sinas Mittagspause, sie hat danach noch zwei Stunden versucht zu arbeiten und sich dann krankgemeldet, Migräne, sie hat wirklich Kopfschmerzen, es war also nicht ganz geschwindelt.


Dem Hund ist es in den letzten Tagen deutlich bessergegangen, er hat wieder gefressen, besonders von der Hähnchenbrust, die Ellen ihm gekauft und gekocht hatte. Heute aber wirkt er wieder matter. Und er trottet nur langsam in die Küche, um ein bisschen zu trinken.


Es hat bisher erst einen Tag in Sinas Leben gegeben, an dem drei Ereignisse, von denen jedes für sich schon als mittlere bis grosse Katastrophe gelten konnte, in zwölf Stunden aufeinanderfolgten. Das Datum, der 18. Februar 2011, hat sich in ihr Gedächtnis dauerhafter eingeprägt als ihr Hochzeitstag.