Wir holen alles nach, Kapitel 14 Von Martina Borger

Nach der Vier im Diktat hat Elvis heute eine Zwei minus in Mathe nach Hause gebracht. «Freust du dich?» Sein Blick ist gespannt, erwartungsvoll. «Und wie!» Sina umarmt ihn, drückt ihn an sich, er ist in den letzten Wochen ein Stück gewachsen, sein Kopf geht ihr jetzt schon bis zur Brust, über der sie eine Schürze trägt.

Sie steht am Herd und backt Pfannkuchen, die sie nachher füllen wird, mit Schinken und Mozzarella, danach überbacken, sie hat das Rezept von Molly, die es auf ihrer Geburtstagsfeier neulich serviert hat. Nicht gerade ein kalorienarmes Essen, sie muss unbedingt wieder mehr auf ihre Ernährung achten, aber es sollte heute Abend etwas Besonderes geben, ohne bestimmten Anlass. Es ist Freitag, sie haben die Woche gut über- standen, in der Agentur scheint es wieder halbwegs zu laufen, H. C. ist zwar nervöser, aber guter Stimmung. Und Torsten hat ohnehin seit Beginn seines neuen Jobs ein Stimmungshoch.

«Ein Fehler weniger, und ich hätte eine richtige Zwei gehabt», Elvis fährt mit dem Finger in die Füllung, die in einer Schüssel neben dem Herd «Ich hab mich total dumm verrechnet.«
«Eine Zwei ist eine Zwei», sagt Sina und füllt die letzte Ladung Teig in die Pfanne. «Diesen blöden Strich danach vergessen wir einfach.»
«Hoffentlich wird mein nächstes Diktat besser», er fährt noch einmal mit dem Finger in die Masse und schleckt ihn ab, garantiert hat er sich nach dem Hort nicht die Hände gewaschen, aber es ist ihr egal. «Weil ich doch mindestens eine Drei im Zwischenzeugnis brauch, wegen dem Gymnasium. Also wenn ich in den anderen Fächern eine Zwei schaffe.»

Sina versucht sich an die Zeit zu erinnern, als sie in der vierten Klasse Grundschule war und der Übertritt auf die höhere Schule anstand. War das ein Thema bei ihnen zu Hause? Falls ja, sicherlich nicht so ein dauerhaftes wie es heute bei den Viertklässlern ist, beziehungsweise bei deren Eltern, die sich um kaum noch etwas anderes Gedanken machen momentan. Aber zu ihrer Schulzeit wäre es auch undenkbar gewesen, dass ein Drittklässler Nachhilfe bekommt, bloss weil er unbedingt aufs Gymnasium soll.

In letzter Zeit zweifelt sie daran, ob es richtig ist, Elvis schon in diesem Alter derartigem Druck auszusetzen, ob es nicht besser wäre abzuwarten, wie er sich entwickelt. Muss er denn wirklich unbedingt Abitur haben? Sie hat es, und was hat sie daraus gemacht? Für den Job, den sie jetzt hat, würde die Mittlere Reife absolut ausreichen. Anderseits will sie ihrem Sohn alle Chancen offenhalten, auch wenn sie Katja nicht zustimmt, die neulich beim Elternabend dramatisch verkündet hat, ohne Abitur sei man heutzutage nur ein halber Mensch. Möglich wäre es ja schon, dass er studieren will eines Tages.

«Schmeckt gut», sagt er. «Aber ich glaub, es fehlt noch bisschen Salz.»
«Dann würz nach, aber vorsichtig.» Sie wendet den Pfannkuchen, schaltet die Herdplatte aus. Vielleicht wird er ja eines Tages Koch, er scheint sich dafür zu interessieren. Allerdings ist das, soviel sie weiss, ein extrem stressiger Job. Sina beobachtet, wie er die Füllung nachsalzt, nur ein kleines bisschen, wie er umrührt, wieder probiert, noch ein bisschen Salz nachgibt. Was wünscht sie sich für ihren Sohn? Was für eine Zukunft kann sie sich vorstellen? Ganz sicher nicht eine in der Kanzlei seines Grossvaters beziehungsweise Vaters, auch wenn David das scherzhaft schon mehrmals angedeutet hat, «Rechtsanwälte werden immer gebraucht, heutzutage verklagt ja jeder jeden wegen irgendeinem Pipifax». Das stimmt zwar, aber sie
sieht Elvis nicht als Juristen. Andererseits, wenn er sich eines Tages aus freien Stücken dafür entscheiden sollte, wird sie ihm nicht im Weg stehen, er soll machen können, was er will.

«Probier», er hält ihr einen Löffel mit Füllung vor den Mund. Sie öffnet gehorsam den Mund, lässt die Masse im Mund zergehen.
«Besser, du hast recht», sagt sie. «Du hast bei Ellen ein bisschen kochen gelernt, stimmt’s?» Sie bugsiert den fertigen Pfannkuchen auf den Teller, auf dem schon die anderen liegen.
Er nickt. «Die wird sich auch total freuen über meine Zwei», sagt er, «also minus. Weil wir ja auch viel geübt haben. Bloss schade, dass Frau Schreyer nur bis Weihnachten da ist.»
«Deine Mathe-Lehrerin? Wieso das denn?»
«Sie kriegt ein Baby», sagt Elvis. »«m Februar. Sie ist schon bisschen dick. Soll ich die Füllung reinmachen in die Pfannkuchen?»
Sie antwortet nicht, weil ein Gedanke sie durchfährt, eiskalt.
«Mama?»
«Was?», sagt sie, und dann, «noch nicht, lass sie erst bisschen abkühlen.» Sie nimmt ihr Handy aus der Tasche ihrer Strickjacke, schaltet es ein.
«Okay, dann ruf ich noch schnell Ellen an.» Er geht aus der Küche.

Sina öffnet ihren Kalender, scrollt zurück bis zum letzten Monat. Ihre Ahnung ist richtig. Sie ist drei Tage drüber. Sie hat das noch nie jemandem erzählt, sie kann es sich selbst kaum eingestehen: Sie hat Elvis am Anfang nicht haben wollen. Jedes Mal, wenn sie daran denkt, empfindet sie einen scharfen Stich von Scham und Reue. Am liebsten würde sie ihren Sohn in den Arm nehmen und ganz fest an sich drücken, «es tut mir so leid, ich hab dich doch noch gar nicht gekannt, und als du das erste Mal in meinem Arm gelegen bist, hab ich dich sofort ganz schrecklich liebgehabt. Und es hatte ganz bestimmt nichts mit dir zu tun.» Sie hatte immer Kinder haben wollen, daran hatte sie nie gezweifelt, zwei mindestens, sie war auch damals nicht zu jung dafür, immerhin schon siebenundzwanzig, sie war verheiratet, eigentlich passte alles. Und trotzdem konnte sie sich nicht freuen, zumindest die ersten Wochen nicht.

Weil sie schon damals wusste, dass ihre Ehe mit David nicht halten würde. Schon vor der Hochzeit hatte sie ernsthafte Bedenken gehabt, aber dann war schon alles vorbereitet, der Termin gesetzt, das Hotel für die Feier gebucht, die Einladungen waren raus, das Kleid gekauft. Sie hatte ihre nagenden Zweifel beiseitegeschoben, sich eingeredet, sie bekäme einfach kalte Füsse, ganz normal, bei Molly war es genauso gewesen. Dass deren Ehe allerdings nicht mal ein Jahr überstanden hatte, hätte ihr eine Warnung sein können. Hätt ich, wenn ich, wär ich bloss …

Spürt ein Kind im Mutterleib, ob es freudig erwartet wird oder ob sein baldiges Erscheinen von Vorbehalt oder gar Ablehnung geprägt ist? Viele Psychologen behaupten das, sie liest immer wieder davon, aber sie kann es sich nicht vorstellen. Oder will es nicht. Denn wenn sie daran glauben würde, müsste sie ernsthaft in Betracht ziehen, dass Elvis’ mangelndes Selbstvertrauen, seine Schüchternheit, seine Ängstlichkeit ihre Schuld sind, von ihrer Haltung zu ihm in der Schwangerschaft herrühren; David hatte sich durchaus vom ersten Moment an gefreut, in dieser Beziehung kann sie ihm keinen Vorwurf machen. An Abtreibung hat sie damals trotzdem keinen Moment lang gedacht, so gross war ihre Ablehnung nicht. Die vielleicht, so denkt sie heute, ohnehin eher Angst war. Weil sie innerlich noch nicht bereit war und obendrein fürchtete, dass dieses Kind ihre ohnehin fragile Beziehung zu David belasten könnte.

Die Schwangerschaft verlief komplikationslos, körperlich ging es ihr grossartig. Sie absolvierte gewissenhaft alle Untersuchungen, schluckte Folsäure und mied rohes Fleisch, ging zu einem Kurs für Geburtsvorbereitung, zu dem sich auch David zweimal mitschleppen liess. Überhaupt war er während dieser Zeit nachgiebig und rücksichtsvoll zu ihr, regelrecht liebevoll und fürsorglich; sicher trug auch das dazu bei, dass Sina, je näher die Entbindung rückte, Neugier auf das Baby zu empfinden begann, gespannte Erwartung, am Ende sogar ein bisschen Vorfreude auf den kleinen Jungen. Seit dem zweiten Ultraschall wussten sie das Geschlecht, David hatte gestrahlt, als die Ärztin es ihnen sagte, ein Stammhalter. Zu Hause hatte er ihr gestanden, dass er sich insgeheim einen Sohn gewünscht habe, auch wenn er vorher behauptet hatte, es sei ihm egal. Sie hatte es nicht zugegeben, aber auch ihr war ein Junge lieber, sie hätte nicht sagen können, warum.

Elvis kam drei Tage vor dem errechneten Termin. Sie wachte gegen vier Uhr morgens von den ersten Wehen auf, die noch so erträglich waren, dass sie kurz wieder einschlief. Als sie stärker wurden und an Schlaf nicht mehr zu denken war, stand sie leise auf, um David nicht zu wecken, duschte, zog sich an und setzte sich mit einem Becher Kaffee auf die Terrasse. Sie blickte in die Dunkelheit und dachte, heute bekomme ich mein Kind. Mein Leben wird sich in ein paar Stunden komplett ändern; wann wusste man das sonst schon, die entscheidenden Wendungen kamen doch zumeist völlig unerwartet. Diese Gedanken wiederholten sich wie in einer Schleife immer wieder, und sie machten ihr keine Angst wie so oft in den Monaten zuvor, sondern lösten eine unerwartete Freude in ihr aus. Und als sie ihr Elvis dann, gegen drei Uhr am Nachmittag, zum ersten Mal auf die Brust legten, nachdem David die Nabelschnur hatte durchschneiden dürfen, hatte ein Gefühl heisser Liebe zu ihm sie durchströmt, sie hatte laut lachen müssen vor lauter Glück.

Würde sie das Gleiche empfinden, falls sie jetzt wirklich schwanger ist? Sie will den Gedanken noch nicht zulassen. Noch sind es bloß drei Tage, nicht ungewöhnlich, ihr Zyklus war noch nie sehr regelmässig. Und sie haben ja verhütet, sie hat eine Spirale. Obwohl es natürlich auch bei dieser Methode eine gewisse Fehlerquote gibt. Trotzdem, es besteht noch kein Grund, weder zur Freude noch zur Panik. Sie muss sich verbieten, sich auszumalen, was es bedeuten würde, für sie selbst, für Torsten und für Elvis. Sie darf sich noch nicht fragen, ob sie es sich leisten könnten, finanziell. Und ob ihre Beziehung stabil genug dafür ist. Wer den Begriff Krönung der Liebe für ein gemeinsames Kind erfunden hat, muss ein Zyniker gewesen sein. Wenn sie heute jungen Paaren mit Baby begegnet, im Park, in Cafés oder beim Einkaufen, sieht sie selten entspannte Fröhlichkeit oder gar einen Hauch von Glück, stattdessen Erschöpfung, Gereiztheit, Spuren von andauerndem Schlafmangel, Resignation. Die Liebe kann schnell abhandenkommen mit einem schreienden Kleinkind.

Sie erinnert sich an gereizte bis aggressive Wortwechsel zwischen ihr und David in den ersten Wochen mit Elvis, an bittere Vorwürfe und Tränen. Sosehr sie ihren Sohn liebte, sie fühlte sich angekettet und vernachlässigt, weil David in die Welt hinausging und sie alleine ließ mit ihren Ängsten und Sorgen, es war ja ihr erstes Kind, jeder Schluckauf löste in ihr Panik aus. Sie nörgelte an David herum, verlangte mehr Hilfe von ihm, mehr Engagement. Woraufhin er sofort auf seinen anstrengenden Beruf verwies und noch seltener zu Hause war.

Aber es gab natürlich auch wundervolle Momente damals. Sie erinnert sich an das Gefühl überwältigender, fast schmerzhafter Liebe, wenn sie das Baby auf der Brust liegen hatte und es vor sich hin schnorchelte, fest ihren Zeigefinger umklammernd. Oder an sein breites zahnloses Lachen, wenn sie morgens an sein Bett kam, er fuchtelte dann wild mit den Armen und stieß freudig-kieksende Laute aus, um auf den Arm genommen zu werden. Und dann legte er seinen feuchten Kopf an ihren Hals und sabberte sie voll. Momente von Frieden und Glück, die sie mit David nicht teilen konnte, nach einer Weile auch nicht mehr teilen wollte, die ihr allein gehörten.

In gewisser Weise war das Leben mit Kind nach der Trennung leichter. Sie musste nichts mehr ausdiskutieren, nichts erklären, sich für nichts mehr entschuldigen. Und weil sie sich auf niemanden mehr verlassen konnte als auf sich selbst, konnte sie auch nicht enttäuscht werden. Elvis und sie wurden zu einem eingespielten Team, sie hatten einen durchstrukturierten Alltag mit kleinen Höhepunkten wie dem abendlichen Kuscheln auf dem Sofa und Frühstück am Sonntag in ihrem Bett, sie brachte ihm Radfahren und Schwimmen bei, sie kamen klar. Stress gab es eigentlich nur, wenn David ins Spiel kam, einen aufgeregten Jungen in den Urlaub mitnahm und einen völlig erschöpften wieder ablieferte, samt einem Sack voller kritischer Anmerkungen: Elvis müsse in seinem Alter schon bessere Essmanieren haben, er heule zu viel, sei ein schlechter Verlierer, Sina solle etwas gegen seine Schüchternheit unternehmen. Am Anfang reagierte sie noch auf solche Sätze, nach einer Weile ließ sie sie an sich abperlen, was wusste er schon, er machte sich doch gar nicht die Mühe, Elvis wirklich kennenzulernen, er war der falsche Vater, so wie er für sie der falsche Mann gewesen war. Mit Torsten wäre alles ganz anders. Oder redet sie sich das ein? Kann sie überhaupt sicher sein, dass er sich ein Kind mit ihr wünscht? Sie sind gerade mal ein Jahr zusammen. Und sie haben das Thema nie angesprochen, ganz bewusst nicht, zumindest von ihrer Seite.

Sie sieht auf die Uhr. In etwa einer Stunde wird er nach Hause kommen, er wollte nach der Arbeit noch Bernie ein bisschen zur Hand gehen, der ein Baumhaus für seine Zwillinge zusammenzimmert. Sie wird ihm nichts sagen, sie will keine Hoffnungen wecken. Oder Bedenken, je nachdem. Sie wird mindestens noch eine Woche warten und dann erst einen Test machten. Und bis dahin wird sie sich verbieten, Spekulationen anzustellen über ihn, über sich selbst, über ihre Zukunft. Erst muss sie ganz sicher sein.

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Martina Borger

Wurde 1956 geboren und arbeitete als Journalistin, Dramaturgin und Filmkritikerin, bevor sie sich aufs Drehbuchschreiben verlegte. Sie hat bei mehreren Serien als Storylinerin und Chef-Autorin gearbeitet. Gemeinsam mit Maria Elisabeth Straub veröffentlichte sie 2001 ihren ersten Roman «Katzenzungen», dem «Kleine Schwester» (2002), «Im Gehege» (2004) und «Sommer mit Emma» (2009) folgten. Ohne Co-Autorin erschien 2007 ihr Roman «Lieber Luca». Martina Borger lebt in München.


Martina Borger, «Wir holen alles nach», Roman, Diogenes

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120 / 20 / 44 / 1; ISBN 978 3 257 07130 6