Wir holen alles nach, Kapitel 19 Von Martina Borger

Im Taxi hält sie den Hund auf dem Schoss, sein Kopf liegt in ihrer Armbeuge. Er schnauft hörbar, sein Atmen ist eher ein Hecheln. Der Taxifahrer wirft ihr über die Schulter einen Blick zu.

«Ned, dass er sich übergibt!»
«Wird er nicht», sagt Ellen. «Er hat so gut wie nichts im Magen.»
«Des sagt gar nix.» Er schaut wieder nach vorn, setzt den Blinker. «Was meinen S’, was ich schon alles erlebt hab. Die Reinigung vom Wagen kostet Sie mindestens sechzig Euro, nur dass Sie Bescheid wissen. Könnt auch mehr werden.»

Sie antwortet nicht, was soll sie auch sagen. So was wie Mitgefühl kennt dieser Mann offenbar nicht. Sieht er nicht, wie schlecht es dem Tier geht?
Am späten Nachmittag, als Ellen mit der Nachhilfe für Amelie und ihre Freundin fertig war, wollte sie mit ihm nach unten gehen für sein Geschäft, nur die paar Meter bis zu dem kleinen Grünstreifen gegenüber, aber er konnte nicht aufstehen.

Sie versuchte, ihn hochzuheben, aber er gab ein derart herzzerreissendes Winseln von sich, so schmerzerfüllt, dass sie ihn liegen liess. Er öffnete einmal kurz die Augen, sie waren gelb. Sie rief noch einmal in der Praxis des Tierarztes an, bei dem sie morgen einen Termin hat, aber er war immer noch unterwegs, er würde, so sagte seine Frau, vermutlich nicht vor zehn Uhr abends zurück sein, eventuell auch später. Jetzt ist sie auf dem Weg zu dem Tiernotdienst, dessen Nummer an ihrer Pinnwand hängt, für alle Fälle, der Zettel ist schon Jahre alt und ganz vergilbt.

«Welche Hausnummer noch amal?» Sie sind fast da.
«Fünf», sagt sie. «Und bitte fahren Sie so nah an den Eingang, wie Sie können, ich muss ihn tragen.» Beim letzten Tierarztbesuch hat er fast zehn Kilo gewogen, jetzt ist er sicher ein bisschen leichter, aber trotzdem. Und jede Bewegung seines Körpers tut ihm offenbar weh.

Sie rundet den Fahrpreis grosszügig auf, weil sie daran denkt, was Jock immer gesagt hat, «anständig Trinkgeld geben bringt Glück». Während sie aussteigt, langsam und vorsichtig, um dem Tier so wenig Schmerzen wie möglich zuzufügen, schickt sie ein Stossgebet in die Dunkelheit, sie weiss gar nicht, an wen. Bitte lass den Spruch stimmen. Lass uns in ein paar Stunden wieder zu Hause sein, mit ein paar Spritzen oder Medikamenten, egal, was es kostet. Bitte lass uns wirklich Glück haben.

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Martina Borger

Wurde 1956 geboren und arbeitete als Journalistin, Dramaturgin und Filmkritikerin, bevor sie sich aufs Drehbuchschreiben verlegte. Sie hat bei mehreren Serien als Storylinerin und Chef-Autorin gearbeitet. Gemeinsam mit Maria Elisabeth Straub veröffentlichte sie 2001 ihren ersten Roman «Katzenzungen», dem «Kleine Schwester» (2002), «Im Gehege» (2004) und «Sommer mit Emma» (2009) folgten. Ohne Co-Autorin erschien 2007 ihr Roman «Lieber Luca». Martina Borger lebt in München.


Martina Borger, «Wir holen alles nach», Roman, Diogenes

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120 / 20 / 44 / 1; ISBN 978 3 257 07130 6