Wir holen alles nach, Kapitel 16 Von Martina Borger

Es hat bisher erst einen Tag in Sinas Leben gegeben, an dem drei Ereignisse, von denen jedes für sich schon als mittlere bis grosse Katastrophe gelten konnte, in zwölf Stunden aufeinanderfolgten. Das Datum, der 18. Februar 2011, hat sich in ihr Gedächtnis dauerhafter eingeprägt als ihr Hochzeitstag.

Zwei Tage zuvor, also am 16. Februar, war ihre Mutter von ihrem Hausarzt ins Krankenhaus eingewiesen worden, ihren leichten Herzrhythmusstörungen sollte auf den Grund gegangen werden. Ihre Mutter hielt das für unnötig, «das machen die doch nur, weil ich Privatpatientin bin». Und sie hatte sich Sinas Besuche verbeten, «ich bin doch nicht wirklich krank, und du hast das kleine Kind». In vier Tagen würde sie ja wieder draussen sein, dann könnte Sina sie mit Elvis zu Hause besuchen.

Für den 18. war ein Ausflug mit der privaten Krippe angesetzt, ein Bus war gemietet worden, um Eltern und Kinder in die Berge zu fahren, zum Rodeln und Schneemannbauen. David hatte keine Zeit mitzukommen, eine wichtige Sitzung. Also fuhr Sina allein mit Elvis zum vereinbarten Treffpunkt. Wegen des heftigen Schneefalls und der vereisten Strassen nahmen sie ein Taxi, das David noch fürsorglich bestellte, «bis heute Abend dann, viel Spass euch beiden». Vor dem Bus stritt sich ein Vater mit dem Busfahrer, weil der Motor offenbar seit einer Viertelstunde lief und die Luft verpestete. Sina begrüsste gerade Melanie, mit der sie sich bei einem Elternabend nett unterhalten hatte, und deren Tochter Julia, als der Anruf kam.

Sie reagierte wie ferngesteuert. Sie drückte den völlig verdatterten Elvis samt ihrem Rucksack der ebenso verdatterten Melanie in die Hand und stieg wieder ins Taxi, das gerade wendete.Eine halbe Stunde später stand sie in einem kalten und kahlen Zimmer der Klinik vor ihrer Mutter, deren Zustand vor dreissig Minuten noch kritisch gewesen war und die gestorben sein musste, als Sinas Taxi in einem Stau auf dem Mittleren Ring festsass. Die erschöpfte junge Ärztin, die während der ersten Minuten neben ihr stand, sprach mit gedämpfter Stimme von einem schweren Herzinfarkt, ganz plötzlich, nichts hatte darauf hingedeutet. Und da sie in einem Einzelzimmer lag, hatte auch niemand sofort etwas bemerkt. Natürlich hatten sie noch alles versucht, sämtliche Wiederbelebungsmassnahmen. Die Schwester mit dem Frühstückstablett war die Letzte, die Sinas Mutter bei Bewusstsein gesehen hatte, sie hatte nach deren Aussage ganz normal gewirkt, fröhlich sogar, hatte sich gefreut, dass es zu den beiden Semmeln ausnahmsweise auch eine Breze gab, mit Frischkäse.

Die Ärztin stellte Sina einen Stuhl neben das Bett, sie könne bleiben, solange sie wolle, sich Zeit lassen für den Abschied. Wenn sie etwas brauche, die Schwestern gleich nebenan seien für sie da. Solle sie ihr einen Kaffee bringen lassen? Oder jemanden anrufen?

Dann war Sina allein. Sie sass neben dem Bett und betrachtete lange das Gesicht ihrer Mutter, das erstaunlich entspannt wirkte, seinem Ausdruck nach konnte sie nicht sehr gelitten haben. Aber was wusste sie schon. Sie konnte sich nur an diese Hoffnung klammern. Sie versuchte, zu begreifen, sich klarzumachen, dass der Mensch, der da vor ihr lag, tot war, endgültig. Nie wieder würden sich diese Lippen öffnen, auf denen sie noch einen Hauch Lippenstift zu sehen meinte, Soft Berry, seit Sina denken konnte. Sie meinte auch noch einen Hauch von Chanel N° 5 zu riechen, sogar im Krankenhaus
hatte sich ihre Mutter offenbar geschminkt und parfümiert, ihr Äusseres war ihr immer sehr wichtig gewesen, «man darf sich auch im Alter nicht gehen- lassen». Zart duftend und mit Lippenrot hatte sie sich klammheimlich vom Acker gemacht.

Sie war jetzt ein Waisenkind. Wen würde sie anrufen, wenn sie ein Rezept für Streuselkuchen brauchte oder wissen wollte, was sie gegen den Ausschlag an Elvis’ Po tun sollte? Wer würde ihrem Sohn kleine Pullover mit komplizierten Mustern stricken und jede Woche einen Abend babysitten, damit sie mit David oder einer Freundin ins Kino oder in die Kneipe konnte? Und warum hatte sie selbst nicht darauf bestanden, doch zu einem kurzen Besuch ins Krankenhaus zu gehen? Mit ein bisschen Obst und einem der Krimis, die ihre Mutter so liebte? Um ihr zu zeigen, dass sie ihr wichtig war, dass sie sich sorgte und Dankbarkeit verspürte für all die vielen, ohne ein Wort der Klage gewährten Hilfeleistungen, dass sie sie liebte trotz der vielen und verletzenden Auseinandersetzungen früher? Vielleicht hätte ein Besuch das Herz ihrer Mutter ein bisschen weiter gemacht, den Infarkt hinausgezögert, sogar verhindert?

Sie versuchte, sich an das letzte Gespräch zu erinnern, das sie geführt hatten. Sina hatte angeregt, dass ein Telefon im Krankenzimmer installiert wurde, Handys waren ja nicht erlaubt, aber ihre Mutter hatte abgelehnt, «wozu denn, lohnt sich doch nicht». Wenn sie gewusst hätte, was kommen würde, hätte sie sich anders entschieden? Oder gerade nicht? Als sie nach etwa zwei Stunden ging, hatte sie ihre Mutter nicht geküsst, nur ihre Wange an ihre gelegt für einen Moment, die kühle Haut gespürt, noch einmal ihren Duft eingeatmet. Im Schwesternzimmer hatte sie eine grosse Tüte entgegengenommen – die Handtasche ihrer Mutter, ihr Kulturbeutel, zwei Bücher, ein bisschen Wäsche.

Vor dem Krankenhaus war kein Taxi zu bekommen, mindestens ein Dutzend Leute wartete. Sina versuchte, David zu erreichen, sprach aber nichts auf die Mailbox. Sie ging zur U-Bahn, sie musste vorsichtig laufen, zweimal wäre sie fast gestürzt auf dem vereisten Asphalt. Nach der zweiten Station betraten zwei Kontrolleure die Bahn, ein Mann und eine Frau. Sina hatte keine Fahrkarte, sie hatte einfach nicht daran gedacht, war wie in Trance die Treppe zum Bahnsteig hinuntergegangen, hatte auf die Bahn gewartet, war eingestiegen. Die Kontrolleure waren nicht unfreundlich, informierten über das erhöhte Beförderungsentgelt von sechzig Euro und baten um ihren Personalausweis. Sina griff nach ihrer Handtasche, um ihr Portemonnaie herauszuholen, aber es war nicht mehr da, auch ihr Handy nicht. Der junge Mann fiel ihr ein, der sie auf der Rolltreppe von hinten zur Seite geschoben und sich dann an ihr vorbeigedrängelt hatte, obwohl sie auf der richtigen, der rechten Seite stand. Sie war beklaut worden. Sie begann haltlos zu weinen.

Die Kontrolleure waren mitfühlend, Geldbörse und Handy gestohlen, das war wirklich ärgerlich. Sina schüttelte den Kopf, sie weinte immer heftiger, alle Dämme brachen, Rotz lief ihr aus der Nase.
«Meine Mutter ist tot», brachte sie noch hervor, ehe ihr Weinen zu einem heftigen Schluchzen wurde, die Leute in der Bahn blickten zu ihr herüber, die einen sensationslüstern, die anderen betreten und peinlich berührt.
Gegen Mittag war sie endlich zu Hause. In der Tasche hatte sie einen gültigen Fahrschein, den ihr der Kontrolleur ausgestellt hatte, ohne noch einmal die sechzig Euro zu erwähnen, er hatte selbst, so erwähnte er mit gedämpfter Stimme, im vergangenen Jahr seine Mutter verloren. Im Treppenhaus begegnete Sina der Briefträger. Er hatte gerade an ihrer Wohnung geklingelt, ein Umschlag hatte nicht in den Briefkasten gepasst.

Sie ging mit dem Poststapel in die Wohnung, stellte die Tüte aus der Klinik ab und setzte sich auf den Korbsessel neben der Garderobe. Sie fühlte sich ausgetrocknet, leergeweint.
Wie lange sie dort gesessen hatte, hätte sie nicht sagen können, sie stand erst auf, als sie aufs Klo musste. Und dabei fiel ihr Blick auf den dicken Umschlag in ihrer Hand. Absender war ein Hotel in Meran. Ohne gross nachzudenken, riss sie den Umschlag auf. Auf einer Karte mit blauem Logo bedankte sich ein Front Office Manager namens Mario Stiegl noch einmal für den Besuch von Herrn Dr. Poschmann samt Gemahlin, die ein Schmuckstück im Zimmer vergessen hatte, was er hiermit übersende. Er hoffe ansonsten, sie hätten den Aufenthalt in ihrem Haus genossen, und freue sich auf ein baldiges Wiedersehen.

Sina entnahm dem Umschlag eine kleine Schachtel, in der sich eine Halskette mit drei zierlichen Anhängern befand. Sie kannte die Kette gut, sie hatten im Freundeskreis zusammengelegt für das Schmuckstück, das sie Natalie zum Geburtstag Anfang Dezember geschenkt hatten. Natalie, von der Sina bis zu diesem Moment gedacht hatte, sie sei eine ihrer besten Freundinnen.
Als sie abends den verheulten Elvis vom Bus abholte, er hatte einen fremden Skianzug an, weil er sich auf der Rückfahrt einen ganzen Becher Orangensaft über den eigenen gekippt hatte, war David schon weg, vorerst nur mit einem Koffer. Später, als sie wieder klar denken konnte, hatte Sina darüber gestaunt, wie schnell und ohne sichtbare Gefühlsregung sie ihre Ehe von einer Minute auf die andere beendet hatte, ohne Tränen oder Geschrei und ohne den geringsten Zweifel, so als habe sie nur einen letzten kleinen Stupser gebraucht; sie hatte David gegenüber nicht einmal den Tod ihrer Mutter erwähnt.

Am Bus brachte sie es fertig, sich freundlich bei Melanie zu bedanken; von den drei Ereignissen des Tages hatte sie kein Wort gesagt, auf keinen Fall wollte sie anfangen zu heulen, schon Elvis zuliebe nicht. Er würde an diesem Abend zwei Nachrichten zu verkraften haben, sie wollte sie ihm so schonend wie möglich beibringen, auf jeden Fall nicht vor einem stinkenden Reisebus. Natürlich weinte sie später, erst gemeinsam mit ihm und dann die ganze Nacht hindurch, während der sie schlaflos durch die Wohnung tappte, von der Küche ins Wohnzimmer und zurück zu ihrem Bett. Bevor Elvis wach wurde, räumte sie die Handtasche ihrer Mutter aus, und dabei fiel ihr ein, was die gesagt hatte, nachdem Sina ihr David vorgestellt hatte, vor knapp vier Jahren:
«Bei dem kannst du dich auf was gefasst machen.» Was hätte sie jetzt gesagt, wenn sie von dem wattierten Umschlag samt Inhalt erfahren hätte? «Ich hab dich gewarnt?» Um sie dann, aller Rechthaberei zum Trotz, in den Arm zu nehmen und zu trösten? Wer würde das in Zukunft tun?

Auch der heutige Tag hält für sie drei Überraschungen parat, auf die sie nicht vorbereitet ist und auf die sie gerne verzichtet hätte. Ein Tod ist diesmal nicht dabei, höchstens im übertragenen Sinn. Aber wieder ist ein Briefträger beteiligt.
Als sie, ein bisschen zu spät, gegen neun die Wohnung verlässt und auf der Treppe in ihrer Handtasche nach dem Fahrradschlüssel kramt, begegnet ihr Herr Polansky, unterwegs zu ihr mit einem Einschreiben. «Glück gehabt», sagt er freundlich, «da müssen Sie nicht extra zur Post.»
Das Glück entpuppt sich als Brief ihrer Hausverwaltung. Bei der Ausstellung ihres Mietvertrages sei seinerzeit bei der Berechnung der Wohnfläche ein Fehler unterlaufen, die Wohnung habe siebzehn Quadratmeter mehr als angegeben, was eine Erhöhung des Mietpreises zur Folge habe. In Zukunft seien monatlich 272 Euro mehr zu zahlen, auf eine rückwirkende Forderung verzichte man aus Kulanzgründen.

Während sie ihr Fahrrad aufschliesst und sich in den Verkehr einfädelt, ermahnt Sina sich energisch, Ruhe zu bewahren. Sie wird gleich in der Agentur im Internet die Fakten recherchieren, ob die Hausverwaltung diese Summe einfach so verlangen kann, schliesslich war die Angabe der falschen Quadratmeterzahl deren Fehler und nicht ihrer. Sie kann auch beim Mieterschutzbund nachfragen, zur Sicherheit, notfalls einen Anwalt für Mietrecht konsultieren. Im schlimmsten Fall, wenn sie tatsächlich zahlen müssen, wird ihre gesamte Finanzplanung über den Haufen geworfen, sie kommt am Ende jeden Monats immer gerade so hin mit ihrem Gehalt, schon für die Urlaubsreisen muss sie ihren Dispokredit in Anspruch nehmen. Andererseits zahlt Torsten ja inzwischen etwas dazu, und wenn er seine Schulden beglichen haben wird, in ein, zwei Monaten, wird er ganz sicher darauf bestehen, einen Teil der Miete zu übernehmen.

Vielleicht kann sie bei H. C. sogar eine Gehaltserhöhung durchsetzen, die letzte ist ewig her. Mit ein bisschen Anstrengung wird sie die Mehrkosten schon auffangen können, kein Grund, in Panik zu geraten. Sie hat beispielsweise schon länger überlegt, ihr Auto abzuschaffen, es steht ohnehin meistens nur rum, das von Torsten genügt ihnen eigentlich, hundert Euro monatlich müsste sie dadurch sparen können, mindestens, wenn sie Versicherung und Steuer zusammenrechnet. Sie kann auch die Mahlzeiten besser planen und dadurch günstiger einkaufen, sie müssen nicht so oft essen gehen, und bei neuen Klamotten kann sie sich auch einschränken, sie hat genug im Schrank. Notfalls müssen sie Elvis’ Nachhilfestunden bei Ellen streichen oder zumindest reduzieren, oder sie müsste David fragen, ob er sie übernimmt. Es wird schon gehen, irgendwie. Schwanger dürfte sie in diesem Fall allerdings nicht sein, aber sie ist gerade mal zwei Wochen drüber, alles ist noch möglich. Sie hat sich vorgenommen, noch drei Tage zu warten bis zum Test, und so wird sie es durchziehen.

Sie kommt gerade noch rechtzeitig für ein Meeting der ganzen Belegschaft, das H. C. spontan für neun Uhr dreissig angesetzt hat. Sina ist in Gedanken noch bei der drohenden Mieterhöhung, als sie mit den anderen in den großen Konferenzraum geht, der sonst Besprechungen mit Kunden vorbehalten ist, dann stehen kleine Getränkeflaschen auf dem Tisch, Tabletts mit Fingerfood und Keksen, stylische Kaffeekannen. Heute steht da nichts. H. C. macht es kurz. Er hat die Agentur verkauft, an kkk, die ihn schon länger schlucken wollten. Und da er auf die sechzig zugeht und sich in letzter Zeit gesundheitliche Probleme eingestellt haben, hat er sich diesmal entschlossen, wenn auch schweren Herzens. Letzteres glaubt ihm Sina sogar, es fällt ihm sichtlich nicht leicht, die Hiobsbotschaft zu verkünden, er kann keinem in die Augen sehen, fährt sich fahrig immer wieder mit der Hand über
den kahlen Schädel. Er hat den Vorstand von kkk gebeten, sämtliche Mitarbeiter zu übernehmen, allerdings ist das kein Bestandteil des Vertrages, es kommt also auf den Goodwill der grossen Agentur an. Und es ist möglich, dass die, die ein Angebot bekommen, in die Zentrale nach Leipzig wechseln müssen.

Sina lässt ihren Blick über die Kollegen wandern, die ihr gegenübersitzen, Frank, John, Helena, Said, Fanny. Sie weiss genau, was in deren Köpfen vor- geht, wie sich die Gedanken überschlagen. Noch drei Monate. Gerade ein Haus gebaut. Baby bekommen. Kredit aufgenommen. Welche Agentur sucht gerade Leute? Sie müssen all ihre Kontakte aktivieren, am besten gleich nachher anfangen, in der Mittagspause. Wie lange werden sie arbeitslos sein, im schlimmsten Fall? Und wie lange halten sie das finanziell durch? Aber vielleicht ja auch Leipzig. Wenn sie Glück haben. Osten zwar, aber niedrigere Lebenshaltungskosten. Aber was wird dann aus dem Job des Partners? Und die Kinder sind gerade erst eingeschult.

Sina macht sich keine Illusionen. Unwahrscheinlich, dass sie ein Angebot von kkk bekommt, Assistentinnen gibt es wie Sand am Meer, die brauchen sie garantiert nicht. Sie wird sich also hier was suchen müssen. Jetzt rächt sich, dass sie so schlecht im Netzwerken ist, sie kennt kaum Leute in anderen Agenturen, die sie fragen könnte. Die Kollegen werden ihr kaum weiterhelfen, ab diesem Moment ist jeder sich selbst der Nächste. Und sie hat auch innerhalb der Agentur wenig Kontaktpflege betrieben, kaum engere Beziehungen aufgebaut, ist nie zum Skifahren am Faschingswochenende mitgefahren, hat nie eine grössere Einladung geschmissen, ist weder mit zum Kegeln noch zu H. C.s traditioneller Silvesterparty gegangen. Sich jetzt an die vielversprechenden Kollegen ranzuschmeissen wäre ziemlich peinlich, jeder wüsste doch sofort, woher der Wind weht.

In der Mittagspause gehen die meisten zusammen zum Italiener, wo es das Menü für knapp zwölf Euro gibt. Offenbar haben sie das Bedürfnis, sich umeinander zu scharen in der Not, sich gegenseitig zu trösten und einander Mut zu machen. John fragt Sina, ob sie mitkommt, aber sie lehnt ab, sie muss etwas besorgen, sagt sie. In Wahrheit erträgt sie die Vorstellung nicht, über Tris di pasta oder Gnocchi zu sitzen und in Sorgenfalten zu blicken, ausufernde Klagen zu hören über Fixkosten, Kreditraten, das allgemeine Agentursterben.

Sie holt sich beim Bäcker einen Kaffee und ein Sandwich, geht in den kleinen Park an der Kirche und findet, immerhin ein Wunder an diesem Tag,
eine freie Bank in der Sonne. Während sie die labberige Tomate und das schon welke Salatblatt aus der Semmel holt, überlegt sie, ob sie Torsten anrufen soll, er müsste jetzt auch Mittagspause haben, wahrscheinlich sitzt er in der Kantine. Aber was würde es bringen, ausser dass auch sein Nachmittag versaut wäre. Es reicht, wenn sie es ihm heute Abend erzählt. Vielleicht, denkt sie, als sie in die Semmel beisst, gibt es ja sogar in seiner Firma einen Job für sie, auch bei Versicherungen haben sie Assistentinnen. Wie viel Arbeitslosengeld wird sie eigentlich bekommen, wenn sie nicht gleich eine neue Stelle findet? Sechzig Prozent des Nettogehalts, wenn sie sich recht erinnert. Oder mit einem Kind sogar mehr? Jedenfalls sicher nicht genug, schon gar nicht mit der erhöhten Miete. Sie muss so schnell wie möglich einen neuen Job finden. Und sie darf nicht schwanger sein.
Sie holt gerade das Handy aus der Jacke, um Google aufzurufen, als es klingelt. Torsten, denkt sie, Gedankenübertragung, aber es ist eine unbekannte Nummer. Ein Angebot für eine gutbezahlte Stelle, aus heiterem Himmel, das wär’s jetzt, einmal könnte das Leben doch auch eine überwältigend grossartige Überraschung bereithalten. Aber die Frau, die sie anruft, klingt nicht so, als wolle sie ein Füllhorn an Glück über Sina ausschütten.

Sie möchte einen Gesprächstermin, möglichst bald. Über Elvis reden. Von dessen Klassenlehrerin sie gewisse Informationen hat, denen sie nachgehen möchte. Beziehungsweise nachgehen muss. Und während sich der letzte Bissen der Semmel in ihrem Hals querliegt, steigt in Sina die Ahnung auf, dass dieser Tag in gewisser Weise dem 18. Februar vor über sieben Jahren ähneln könnte. Dass dies vielleicht das dritte Ereignis ist, auf das sie insgeheim schon gewartet hat. Und dass das Leben für sie heute noch mehr in der Hinterhand hat als eine Mieterhöhung und baldige Arbeitslosigkeit.

Was bisher geschah:
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Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15

Martina Borger

Wurde 1956 geboren und arbeitete als Journalistin, Dramaturgin und Filmkritikerin, bevor sie sich aufs Drehbuchschreiben verlegte. Sie hat bei mehreren Serien als Storylinerin und Chef-Autorin gearbeitet. Gemeinsam mit Maria Elisabeth Straub veröffentlichte sie 2001 ihren ersten Roman «Katzenzungen», dem «Kleine Schwester» (2002), «Im Gehege» (2004) und «Sommer mit Emma» (2009) folgten. Ohne Co-Autorin erschien 2007 ihr Roman «Lieber Luca». Martina Borger lebt in München.


Martina Borger, «Wir holen alles nach», Roman, Diogenes

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Copyright © 2020 Diogenes Verlag AG, Zürich, www.diogenes.ch
120 / 20 / 44 / 1; ISBN 978 3 257 07130 6