Wir holen alles nach, Kapitel 17 Von Martina Borger

Dem Hund ist es in den letzten Tagen deutlich bessergegangen, er hat wieder gefressen, besonders von der Hähnchenbrust, die Ellen ihm gekauft und gekocht hatte. Heute aber wirkt er wieder matter. Und er trottet nur langsam in die Küche, um ein bisschen zu trinken.

Ellen hat gleich für morgen früh einen Termin beim Tierarzt ausgemacht, heute geht es nicht mehr, der Mann ist bis in den späten Abend auf dem Land unterwegs. Hätte sie doch nicht so lange warten sollen?

Weil er fast nur noch auf dem Fussboden vor dem Sofa liegt, hat sie ihm eine dicke Wolldecke unter den Körper gelegt, damit er es warm und weich hat. Sie hat ihn zweimal akribisch nach Zecken abgesucht; falls sie eins der Viecher übersehen hat, würde das seinen Zustand erklären, aber sie hat nichts gefunden. Seine Symptome sprechen auch nicht für einen Hitzschlag oder einen Sonnenstich, ausserdem hat sie aufgepasst, dass er nicht zu lange in der Sonne war. Und Fieber hat er auch nicht, sie hat gemessen, er hat es ohne die sonst übliche Gegenwehr über sich ergehen lassen.

Die Sorgen, die sie sich um ihn macht, lenken sie ab von den Gedanken über Elvis, die sie seit der Begegnung mit Frau Graml vor knapp einer Woche hartnäckig verfolgen. Noch in der Nacht der Buchvorstellung hat sie keinen Schlaf gefunden, sondern stundenlang gegrübelt, ob es richtig war, was sie getan hat. Ob sie sich nicht hätte entziehen sollen in dem bewussten Moment, um in Ruhe zu überlegen, wie sie vorgehen sollte. Sie hätte beispielsweise Frau Graml geschickt zureden können, als Erstes mit dieser Freundin beim Jugendamt zu sprechen, damit wäre sie selbst aus der Schusslinie gewesen. Warum hat sie sich nicht herausgehalten, wie es bisher immer ihr Prinzip war, mit dem sie gut gefahren ist?

Als sie Sina gestern gegen Abend zufällig auf der anderen Strassenseite sah, hat sie ihr nur flüchtig zugewinkt und dann auf die Uhr gesehen, um Eile vorzutäuschen; ein Gespräch wollte sie unbedingt vermeiden, sie hat sich danach für ihre Feigheit geschämt. Sie wird einer Konfrontation auf Dauer nicht ausweichen können, denn natürlich wird irgendwann herauskommen, was sie Frau Graml erzählt hat, vielleicht muss sie ihre Beobachtung vom Sommer sogar offiziell bezeugen. Sina wird sich beziehungsweise ihren Partner von ihr verraten fühlen, regelrecht denunziert, mit Recht.

Aber auf der anderen Seite – sie hat Sina ja hingewiesen auf die auffälligen blauen Flecke, sie hat ihren Verdacht, wenn auch sehr verklausuliert, angesprochen. Ein Mensch, der Ohren hat zu hören, hätte verstanden, was sie andeuten wollte.

Sie hat überlegt, mit einem Vertrauten über die ganze Geschichte zu reden, mit Miri etwa oder mit Vitus, in der Hoffnung, Absolution zu erhalten, aber sie hat es gelassen. Erstens widerstrebt es ihr, die Angelegenheit in all ihren diffizilen Details vor einem Menschen auszubreiten, der die Beteiligten nicht kennt, weder Elvis noch Sina, noch diesen Torsten. Und zweitens vermutet sie, dass keiner von beiden ganz eindeutig auf ihrer Seite stünde, zumindest würden sie kritisch nachfragen, vor allem Vitus; erst neulich hat er ihr von einer jungen Frau erzählt, die aus einer Firma, für die er freiberuflich arbeitet, regelrecht herausgemobbt wurde, weil sie im Verdacht stand, mit der Konkurrenz zu kooperieren, zu Unrecht, wie sich herausstellte. Vitus, der sich mit der Frau immer besonders gut verstanden und auch privaten Kontakt mit ihr hatte, war empört gewesen über das Verhalten ihrer Kollegen, die sie vorverurteilt hatten, auf eine bloße Vermutung hin. «Egal, was die Wahrheit ist», hatte er gesagt, «an ihr bleibt immer was hängen. Denk mal an Papa damals.»

Es war ungefähr ein Jahr vor Jocks Tod passiert, die Werkstatt lief damals nicht besonders, nicht zuletzt, weil Jock oft Termine überzog, sie hatten schon zweimal die Kreditraten nicht an die Bank zahlen können. Umso froher waren sie beide gewesen, als ein neuer Kunde auftauchte, ein Urologe aus Starnberg, der seine Maschine mit allerlei überflüssigem Schmarrn, wie Jock es nannte, aufrüsten lassen wollte; Geld spielte offenbar keine Rolle, der Mann zuckte jedenfalls bei der Summe, die Jock ihm nannte, nicht mit der Wimper. Ellen war zutiefst erleichtert, das Geld würde sie über den Monat bringen. Sie beschwor Jock, den vereinbarten Termin auf jeden Fall einzuhalten, der Arzt hatte eine Freundesclique erwähnt, alles Motorradfahrer, vielleicht konnten sie die für Jocks Werkstatt gewinnen, falls der Mann zufrieden war.

Das war er bei Abholung auch, Jock und Ellen atmeten tief durch. Doch zwei Stunden später rief der Kunde an und behauptete, aus dem Topcase seiner Maschine sei eine sündhaft teure Uhr verschwunden, der Gegenwert entsprach ungefähr Jocks Rechnung; er hatte die Uhr angeblich gerade erst in Zürich gekauft, den Beleg dafür könne er vorlegen.

Er hatte das Wort Diebstahl nicht ausgesprochen, aber das war auch nicht nötig, es war klar, was er unterstellte. Äusserlich war Jock ganz ruhig geblieben, er hatte erklärt, das Topcase gar nicht angefasst zu haben, und den Mann gebeten, noch einmal alle Stellen abzusuchen, an denen die Uhr möglicherweise sein könnte. Im Übrigen übernehme er, das stehe auch im Vertrag, in so einem Fall keine Haftung. Der Pissarzt, wie Jock ihn ab diesem Moment zur Begeisterung der Jungs nannte, hatte weiter insistiert, einen befreundeten Rechtsanwalt erwähnt, der den Fall gerne übernehmen werde, und gedroht, im Internet potentielle Kunden vor Jock und dessen Geschäftsgebaren zu warnen. Auch da hatte Jock noch die Fassung bewahrt, obwohl Ellen, die gerade mit Benedikt und Vitus in der Werkstatt vorbeischaute, bemerkt hatte, dass die Ader an seiner Schläfe anschwoll und seine Hände zu Fäusten geballt waren. Einen Tag später hatte die Frau des Urologen angerufen und etwas kleinlaut erzählt, die Uhr sei wiederaufgetaucht, ihr Fehler, nichts für ungut.

«So ein dämliches Arschloch», hatte Jock danach wütend gesagt, «erst mich verdächtigen und dann zu feige sein, sich zu entschuldigen.» Er hatte die Urologen-Frau am Telefon gebeten, sie möge ihrem Mann ausrichten, er solle sich für die Zukunft eine andere Werkstatt suchen, er brauche solche Kunden nicht; im Übrigen erwarte er die baldige Begleichung der Rechnung.

Der Verdacht des Diebstahls hatte ihn damals tief getroffen. Es ging ihm dabei gar nicht so sehr um seinen Ruf oder den der Werkstatt, sondern um die Tatsache, dass jemand ihm persönlich zutraute, zu lügen und zu betrügen. Bei all seiner Nonchalance und seinen lockeren Sprüchen war es Jock wichtig, anständig zu sein, jemand, dem man vertrauen und auf dessen Wort man sich verlassen konnte. Ein ehrlicher Mensch, der andere nicht hinters Licht führte, sich nicht auf ihre Kosten bereicherte.

Was hätte er Ellen geraten wegen der Sache mit Elvis? Sie hat sich das vorgestern gefragt, als sie auf dem Friedhof an seinem Grab war, er wäre an diesem Tag einundsiebzig geworden. Sie grub mit blossen Händen ein Loch für den mitgebrachten roten Dahlienstrauch, den sie rechts vor den grauen Stein setzte, so dass die Inschrift Jakob Wildner, 1948–1993 noch zu lesen war.

Ganz sicher hätte er sich dieser komplizierten Frage nicht entzogen, so war Jock nicht, auch wenn er sich ansonsten ungern eingemischt hatte in die Privatangelegenheiten anderer Menschen. Aber in diesem Fall, in dem es um mehr ging als um Nachbarschaftsklatsch oder eine Ehekrise im Freundeskreis, wäre er nicht ausgewichen.

Sie vermutet, dass er das Problem Sina gegenüber direkt angesprochen hätte, auch auf die Gefahr einer wütenden Reaktion hin. Oder er hätte mit Elvis geredet, ganz direkt: »Schlägt dich jemand? Erzähl’s mir, ich helf dir.«
Hätte sie nach dem Gespräch mit der Lehrerin mit Sina reden müssen? Ihr erzählen von der Unterhaltung und dem im Raum stehenden Verdacht? Sie hat es nur kurz überlegt, sie will nicht zwischen die Fronten geraten, welche auch immer.

Inzwischen hat Frau Graml sicher schon längst mit ihrer Freundin gesprochen, sie wollte es noch am gleichen Abend tun. Dass diese Frau bereits etwas unternommen hat, kann sich Ellen nicht vorstellen, sicher hätte sie doch sonst Elvis etwas anmerken müssen. Aber er war gestern bei der Nachhilfe wie immer, höchstens ein bisschen unkonzentrierter, weil er vollkommen auf den kommenden Sonntag und die dann anstehende Ankunft von Fritzi fixiert ist. Wie lange kann es dauern, bis das Amt etwas unternimmt? Wochen, Monate? Wie lange soll sie warten, bevor sie nachhakt? Denn wenn nichts geschieht, muss sie etwas unternehmen, sie kann die Angelegenheit nicht auf sich beruhen lassen, falls es stimmt, was die Lehrer und sie selbst vermuten, falls sie die klaren Zeichen richtig gedeutet haben, und etwas anderes kann sie sich nicht vorstellen.

Was für ein Leben würde sie sonst führen? Was für ein Mensch wäre sie, wenn sie sich Gedanken um Avocados und ihren ökologischen Fussabdruck macht, aber die Augen verschliesst vor Grausamkeit und Not? Den Weltfrieden kann sie nicht herbeiführen, aber sie kann ein Kind beschützen, das nicht imstande ist, sich selbst zur Wehr zu setzen. Elvis wird instinktiv gewusst haben und noch wissen, dass er die Wahrheit nicht sagen kann, ohne eine Katastrophe heraufzubeschwören. Wie oft hat sie von Kindern gehört und gelesen, die ein unvorstellbares Martyrium erdulden und ihre Peiniger dennoch decken, die Schuld sogar auf sich nehmen und sich selbst für die Ursache der Gewalt halten.

Nein, sie muss Sina gegenüber kein schlechtes Gewissen haben. Im Gegenteil, Sina sollte froh sein, dass Ellen, wenn auch nicht allein, den Stein ins Rollen gebracht hat, der das Leid ihres Sohnes beenden wird. Auch wenn sie sicher eine Weile brauchen wird, um über die entsetzliche Enttäuschung, den fürchterlichen Verrat des Mannes, den sie liebt, hinwegzukommen. Aber ganz tief in ihrem Inneren wird sie wissen, dass ihr gequältes Kind jedes Opfer wert ist.


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Martina Borger

Wurde 1956 geboren und arbeitete als Journalistin, Dramaturgin und Filmkritikerin, bevor sie sich aufs Drehbuchschreiben verlegte. Sie hat bei mehreren Serien als Storylinerin und Chef-Autorin gearbeitet. Gemeinsam mit Maria Elisabeth Straub veröffentlichte sie 2001 ihren ersten Roman «Katzenzungen», dem «Kleine Schwester» (2002), «Im Gehege» (2004) und «Sommer mit Emma» (2009) folgten. Ohne Co-Autorin erschien 2007 ihr Roman «Lieber Luca». Martina Borger lebt in München.


Martina Borger, «Wir holen alles nach», Roman, Diogenes

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120 / 20 / 44 / 1; ISBN 978 3 257 07130 6