Wir holen alles nach, Kapitel 24 Von Martina Borger

Schon als sie zu Hause die Einkäufe ausräumt, schämt Sina sich. Sie versucht, die Zeitung zu lesen, die sie mitgebracht hat, aber das Bild von Ellen, die auf der Bank sitzt und sie fassungslos anstarrt, schlagartig blass geworden, legt sich über die Buchstaben und Bilder.

Um sich abzulenken, entkalkt sie die Kaffeemaschine, bügelt einen Korb Wäsche weg, zieht ein neues Gummi in Elvis’ Sporthose. Nach dem Mittagessen, während Elvis mit einem Comic auf dem Sofa liegt, Fritzi auf seinem Bauch, überwindet sie sich und räumt den Kleiderschrank um, sie will nicht mehr jedes Mal die leeren Fächer sehen, wenn sie ihn öffnet. Torsten hat sein Versprechen gehalten, an dem Tag, an dem sie im Allgäu Fritzi in Empfang nahmen, hat er all seine Sachen abgeholt. Viel war es ohnehin nicht, Klamotten, Schuhe, ein bisschen Badezimmer-Kram, ein paar Bücher, einige Unterlagen aus zwei Fächern im Wohnzimmerregal.

Bei der Rückkehr ist sie durch alle Räume gegangen, sie war sicher, dass er etwas vergessen hatte, wenigstens eine Kleinigkeit wie sein Deo, aber keine Spur. Nicht mal das Ladekabel seines Handys war noch in der Steckdose im Wohnzimmer, sie vergisst das jedes Mal, wenn sie unterwegs ist. Die Schlüssel hatte er wie versprochen auf die Flurkommode gelegt.

Zwei Tage später hatte er ihr eine SMS geschrieben. Seine neue Adresse, der Strassenname sagte ihr nichts, von der Postleitzahl schloss sie auf Giesing, die Ecke um den Ostfriedhof, wo ihre Mutter be- graben ist. Danach kam nur noch der Satz Danke fürs Post nachschicken, T. Bisher hat sie zweimal seine gesammelten Briefe in einen Umschlag gesteckt, Kontoauszüge, ein Schreiben seines Anwalts, seine Mobilfunkrechnung, sogar die Werbung hat sie dazugelegt, aber keinen Zettel, keine Nachricht, keine Grüsse, kein Wie geht es dir? Dabei will sie es wissen, natürlich. Sie hat ihn sich aus dem Herzen gerissen, aber die Wunde ist noch offen, sie pulsiert, eitert, schmerzt. Die Gedanken an ihn haben sich an sie geheftet wie Kletten, nicht abzuschütteln den ganzen Tag vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Er hat sich in ihr festgekrallt, lässt nicht locker.

Als sie mit dem Schrank fertig ist, geht sie ins Wohnzimmer, wo Elvis gerade ein Video von Fritzi dreht, der mit seinem Ball spielt, er will es David schicken, als Dankeschön für das Geldgeschenk.
«Ich muss noch mal weg», sagt sie. «Ich hab das Telefon dabei, falls was ist.»
Er schaltet das Handy ab, seufzt genervt auf.
«Mann, jetzt hast du mir reingequatscht. Muss ich noch mal von vorne anfangen.»

Sie will schon klingeln, als ein Junge etwa in Elvis’ Alter das Haus verlässt und ihr höflich die Tür aufhält. Sie geht die zwei Treppen hinauf, läutet und wartet. Aus der Wohnung ist kein Laut zu hören. Damit, dass Ellen nicht zu Hause sein könnte, hat sie nicht gerechnet. Sie ist nicht sicher, ob sie so schnell noch einmal den Mut aufbringt zu kommen. Soll sie ein zweites Mal klingeln?

Aber dann öffnet Ellen doch, ihre Haare sind zerzaust, sie hat ihre Lesebrille in der Hand.
«Verzeihen Sie die Störung, Ellen», sagt Sina förmlich, ehe Ellen überhaupt reagieren kann. «Ich bin gekommen, um mich bei Ihnen zu entschuldigen.»
Ellen könnte ihr jetzt die Tür vor der Nase zuschlagen, es wäre nur gerecht, aber sie schaut sie nur an. Sina bemerkt, wie müde Ellen aussieht, zum ersten Mal wirkt sie so alt, wie sie ist. Die Frau muss jeden Tag im Morgengrauen aufstehen, vielleicht hat sie geschlafen, sie selbst sieht auch immer schrecklich aus, wenn sie geweckt wird.
«Es tut mir wirklich leid», sagt sie. «Das klingt jetzt idiotisch, aber … ich hab’s nicht so gemeint. Es ist nur … eigentlich hab ich mit mir selbst geredet …»
Und dann beginnt sie zu weinen, mitten im Treppenhaus, zum ersten Mal seit zwei Wochen.
Noch immer sagt Ellen nichts. Aber sie nimmt Sina am Arm und zieht sie in die Wohnung, schliesst die Tür und führt sie in die Küche, wo etwas auf dem Herd vor sich hin köchelt, es riecht gut, irgendwie exotisch.
«Setzen Sie sich», sagt Ellen. Sie nimmt eine Küchenrolle, stellt sie auf den Tisch, «ich mach uns einen Tee.»

Sina wischt sich mit dem Papier das Gesicht ab, sie will aufhören zu heulen, aber es geht nicht. Sie beobachtet, wie Ellen schweigend Wasser in den Kocher füllt und ihn einschaltet, die Kanne vorwärmt, Tassen, Milch und Zuckerdose holt und auf den Tisch stellt. Ihre ruhigen Handgriffe lassen Sinas Tränen versiegen. Aber dann fällt ihr einer der grossen Kräche mit David ein, nicht mal eine Woche nach der Hochzeit, sie war danach zu ihrer Mutter gegangen, die hatte auch als Erstes Tee gemacht. Inzwischen muss sie sich bei einer fremden Frau ausheulen. Wieder fliessen die Tränen.

Als Ellen den Tee einschenkt, putzt sich Sina ein letztes Mal die Nase. «Danke«», sagt sie.
Ellen setzt sich ihr gegenüber, gibt einen Tropfen Milch in ihren Tee. «Bitte», sagt sie nur.
Sina wartet auf Ellens Fragen, aber sie kommen nicht. Sie trinkt einen Schluck Tee und beginnt dann zu erzählen, erst stockend, dann schneller. Zwischendurch hat sie das Gefühl, den Faden verloren zu haben, aber Ellen wirkt nicht verwirrt oder irritiert; sie sitzt da und hört zu, ruhig, ohne Sina zu unterbrechen; zwischendurch geht sie an den Herd und rührt den Inhalt des Topfes um, der Geruch wird mit der Zeit immer intensiver.

Als Sina am Ende angekommen ist, fühlt sie sich erschöpft, aber es ist eine gute Müdigkeit. Sie wird hoffentlich schlafen können heute Nacht, endlich wieder.
«Und jetzt wollen Sie wegziehen?», fragt Ellen und schenkt den letzten Rest Tee ins Sinas Tasse.
«Ja. Für Elvis ist es bestimmt das Beste. Und für seinen Fritzi ist es auf dem Dorf auch schöner.»
«Aber was ist mit Ihnen?»
«Ich fang eben noch mal neu an. Ist nicht das erste Mal. Und kann ja auch eine Chance sein.»
«Vielleicht kommen Sie ja auch wieder zusammen, Ihr Partner und Sie? Wenn Sie ihn noch lieben?»
Sina gibt einen Viertellöffel Zucker in ihre Tasse, rührt um. «Das reicht nicht, wenn das Wichtigste fehlt.»
«Und was wäre das?»
«Vertrauen. Hat er offenbar nicht mir gegenüber. Sonst hätte er mich wohl kaum wochenlang getäuscht und belogen. Wie soll das funktionieren, in Zukunft, wenn ich ihm nicht glauben kann?»
«Gute Frage», sagt Ellen. «Aber was ist mit Ihnen? Haben Sie ihm denn vertraut?»

Sina kann nicht antworten. Sie rührt noch einmal um, nimmt dann den Löffel aus ihrer Tasse, beobachtet die herumwirbelnden Zuckerkörner, die langsam zu Boden sinken.
«Immerhin haben Sie ihm zugetraut, Elvis geschlagen zu haben», sagt Ellen sanft. «Zumindest haben Sie gezweifelt, oder? Es sich vorstellen können, wenn auch vielleicht nur einen Moment lang.»
«Ja», sagt Sina. «Und dafür schäme ich mich, glauben Sie mir.»
Ellen nickt. «Das tu ich. Ich schäme mich auch. Sehr sogar.»
«Wofür?»
«Für meine Gedankenlosigkeit, meine Ignoranz, meine Vorurteile, meine Feigheit. Ich hab Sie beide auseinandergebracht.»
«Stimmt nicht, Sie waren nur beteiligt.» Sina nimmt ihre Tasse, trinkt, der Zucker hat sich aufgelöst. «Und ausserdem haben Sie es ja gut gemeint.»

Ellen gibt einen leisen Ton von sich, wie ein Schnauben, ähnlich einem Lachen. Einen Moment lang sitzen sie schweigend, Sina trinkt aus. Als sie die Tasse abstellen will, fällt ihr auf, dass auf deren Boden in hellem Grau etwas gemalt ist, etwas winzig Kleines. Sie kneift die Augen zusammen, es sieht aus wie ein Stern.
«Könnten Sie das?», fragt sie. «Ihm verzeihen? Und sich selbst?»
Ellen antwortet nicht, sie betrachtet konzentriert ihre Hände, die sie vor sich auf den Tisch gelegt hat.
«Sagen Sie was», Sina stellt die Tasse ab. «Was würden Sie tun, wenn Sie an meiner Stelle wären.» Ellen hebt den Kopf und sieht Sina an, ihr Blick ist warm, fast liebevoll. «Ich kann Ihnen nicht helfen, Sina«, sagt sie. »Es tut mir leid.»
Sina spürt, wie erneut Tränen in ihre Augen steigen. «Was soll ich tun?», sagt sie. «Ich fühl mich so allein. Und ich weiss nicht mehr, was richtig ist.» Sie muss schlucken, ihre Stimme zittert.
Ellen lächelt sie an, plötzlich sieht sie sehr jung aus, Sina kann die Frau von früher in ihr sehen, so alt wie sie selbst jetzt. «Doch», sagt Ellen, «ich glaube, das wissen Sie genau.»

Gegen halb elf, nach einem belanglosen Film, holt Sina aus dem Schreibtisch den Briefblock, den sie bestimmt schon Jahrzehnte besitzt und fast nie benutzt. Sie setzt sich an den Küchentisch und fängt an, aber sie kommt nicht weiter als Lieber Torsten. Sie steht auf, wandert durch die Wohnung, grübelt über die ersten Sätze nach. Ich vermisse Dich. Ich denke ständig an Dich. Wie geht es Dir? Es tut mir leid, dass …

Sie nimmt ihr Handy, geht damit ins dunkle Schlafzimmer, setzt sich aufs Bett. Sie starrt auf das blau leuchtende Display, das vor dem Bild einer Weltkugel die Uhrzeit anzeigt, 22:49 Uhr. Sie drückt auf die Sperre. Es ist zu spät. Andererseits ist Samstag, fast jeder kann ausschlafen am nächsten Tag. Die meisten Menschen sind ohnehin unterwegs in so einer Nacht, Essen, Kino, Kneipe, Freunde. Sie schaltet wieder ein, ruft ihre Favoriten auf, neben seinem Namen nur der von Elvis und die Zentrale der Agentur. Das Schlimmste wäre, im Hintergrund Stimmengewirr, Lachen, laute Musik zu hören, während sie allein hier sitzt, sie würde wahrscheinlich gleich wieder auflegen. Nicht viel besser wäre die Mailbox. Oder gar keine Antwort, sie würde sich sofort Sorgen machen, sie kennt sich, an Schlaf wäre nicht zu denken. Oder noch schlimmer, wenn sie der Stimme gleich anhört, dass … Nein, sie muss aufhören, sich alle möglichen Szenarien auszumalen, sie muss sich entscheiden, ja oder nein, solange sie überhaupt noch den Mut dafür aufbringt.

Sie starrt auf das Display, ihr Zeigefinger schwebt über der Nummer, minutenlang, während sie mit sich kämpft. Soll sie wirklich? Obwohl sie sich geschworen hat … Vielleicht ist es ohnehin zu spät. Aber das kann sie erst wissen, wenn sie es probiert hat. Sie ist so ein elender Feigling. Wenn sie es jetzt nicht tut, dann lange nicht, sie kennt sich. Sie lässt den Finger noch einen Millimeter sinken, zögert erneut, dann drückt sie.
Er nimmt nach dem zweiten Läuten ab. «Sina?» Er klingt sehr nah, sehr klar.
«Ja», sagt sie, «ich bin’s.»

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Martina Borger

Wurde 1956 geboren und arbeitete als Journalistin, Dramaturgin und Filmkritikerin, bevor sie sich aufs Drehbuchschreiben verlegte. Sie hat bei mehreren Serien als Storylinerin und Chef-Autorin gearbeitet. Gemeinsam mit Maria Elisabeth Straub veröffentlichte sie 2001 ihren ersten Roman «Katzenzungen», dem «Kleine Schwester» (2002), «Im Gehege» (2004) und «Sommer mit Emma» (2009) folgten. Ohne Co-Autorin erschien 2007 ihr Roman «Lieber Luca». Martina Borger lebt in München.


Martina Borger, «Wir holen alles nach», Roman, Diogenes

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120 / 20 / 44 / 1; ISBN 978 3 257 07130 6