Wir holen alles nach, Kapitel 23 Von Martina Borger

Es ist jetzt zehn Tage her. Ganz hat sie sich an seine Abwesenheit noch nicht gewöhnen können, am dritten Tag hat sie sich dabei ertappt, wie sie »Avanti!« sagte, als sie frühmorgens aus einem der Häuser kam.

Sie rechnet auch jedes Mal, wenn sie die Kühlschranktür öffnet, damit, das schnelle Tappen seiner Pfoten auf dem Flur zu hören, immer hat er gehofft, sie hole eine Leckerei für ihn heraus. Sie hält ihren Tagesplan strikt ein, trägt ihre Zeitungen aus, macht lange Spaziergänge in den Parks, gibt ihren Kurs und ihre Nachhilfestunden. Sie darf sich jetzt nicht gehenlassen. Inzwischen wissen alle Bescheid, sie hat viel Mitgefühl erfahren, vor allem von Miri und Vitus, die am besten wissen, wie eng ihre Bindung an den Hund war; dennoch hat sie den Eindruck gehabt, dass auch sie das ganze Ausmass ihrer Trauer nicht nachvollziehen können, vielleicht sogar insgeheim für unangemessen halten würden, wüssten sie davon. Dass der Verlust eines Tieres ebenso viel Kummer bereiten kann wie der eines Menschen, ist schwer zu verstehen, sie hätte vor ein paar Jahren nicht anders reagiert.

Elvis war sehr betroffen, als er es erfuhr. Er erkundigte sich fassungslos nach den Details des Krankheitsverlaufs, warum und wieso so schnell, weshalb es kein wirksames Mittel dagegen gab. Er hatte natürlich sofort seinen Fritzi im Kopf, sie konnte sehen, wie Furcht in ihm aufstieg, die sie ihm nicht nehmen konnte. Spätestens jetzt weiss er, wie untrennbar Liebe und Angst miteinander verbunden sind.

Seit den Ferien bringt er Fritzi zu jeder Nachhilfestunde mit. Er gibt sich Mühe, sich nicht ablenken zu lassen, aber natürlich leidet seine Konzentration unter der Anwesenheit des Welpen, immer schweift sein Blick ab zu dem Tier, das meistens friedlich unter dem Tisch schläft.

Ellen hat befürchtet, dass der Pudel ihren Schmerz um den Verlust des Hundes verstärken könnte, aber die Zuneigung, die er ihr entgegenbringt, löst in ihr höchstens leise Wehmut aus. Wenn sie die Wohnungstür für Elvis öffnet, läuft der Welpe sofort auf sie zu, springt an ihr hoch, leckt ihre Hand und braucht ein paar Minuten, bis sich seine Wiedersehensfreude wieder gelegt hat. «Er mag dich», sagt Elvis dann jedes Mal, «weil er merkt, dass du Tiere gernhast.»

Am Ende jeder Stunde machen sie gemeinsam ein kleines Training mit Fritzi. «Sitz!» kann er schon gut, auch «Platz!» klappt halbwegs, er liegt dann da und guckt aus seinen schwarzen Augen so lobheischend und erwartungsvoll zu ihnen hoch, dass sie lachen müssen. Elvis erlaubt Ellen grossmütig, ihm das Belohnungsleckerli zu geben. Das Gefühl der feuchten Hundeschnauze an ihren Fingern ist noch sehr vertraut.

Am Samstagvormittag geht sie in den Supermarkt, um ein paar Kleinigkeiten für das Wochenende zu kaufen. Vor dem Kühlregal trifft sie auf Sina, die die Joghurt-Paletten durchkramt. Bei der Begrüssung bemerkt Ellen, dass Sina blasser ist als sonst, sie ist ungeschminkt und scheint auch abgenommen zu haben.
«Wie geht es Ihnen?»
«Danke», sagt Sina nur, was gut oder schlecht bedeuten kann, wieso drücken sich manche Leute so vage aus. «Gut, dass ich Sie treffe, ich wollte Sie nämlich die Tage schon anrufen.»
«Ach ja? Worum geht es?» Ellen weicht einem bärtigen jungen Mann aus, der sich mit einem vollbeladenen Einkaufswagen an ihr vorbeidrängt.
«Also … es kann sein, dass Elvis nur noch ein paar Wochen zur Nachhilfe kommt. Es ist noch nicht sicher, aber ich wollte Sie schon mal vorwarnen. Damit Sie planen können, finanziell. Keinen Nachteil haben.»

Ellen ist ehrlich überrumpelt. «Darf ich fragen, wieso? Glauben Sie, es ist nicht mehr nötig? Oder soll er nicht mehr aufs Gymnasium?»
Sina schüttelt nur den Kopf, ihr Blick schweift ab.
Ellen kann es sich nicht vorstellen, doch sie fragt trotzdem. «Ist er vielleicht nicht mehr gern bei mir?»
«Nein nein. Es hat nichts mit Ihnen zu tun.»

Ellen wartet auf eine Erklärung, die aber nicht kommt. «Ich möchte nicht neugierig sein», sagt sie vorsichtig, «aber Elvis hat neulich mal erzählt, dass Sie einen neuen Job suchen.»
»«Das stimmt.»
«Falls es also im Moment bei Ihnen ein bisschen eng ist … wegen des Honorars … ich kann gerne …»
«Nein», sagt Sina schnell. «Das ist sehr nett von Ihnen, aber darum geht es nicht. Es ist nur … es kann sein, dass wir wegziehen. Bald schon.»
«Das kommt überraschend.»
«Ja. Aber eine alte Schulfreundin von mir hat ein Reisebüro, in der Nähe des Dorfes, wo ich aufgewachsen bin, ungefähr eine Stunde von hier. Sie würde mich gern einstellen.»

Ellen schiebt ihren Wagen erneut ein Stück zur Seite, wieder der bärtige Mann, der inzwischen das Handy am Ohr hat, «gibt hier keine glutenfreien Nudeln, was soll ich machen», hört sie. In ihrem Magen klumpt sich etwas zusammen bei dem Gedanken, Elvis könne aus ihrem Leben verschwinden. Noch ein Verlust. «Ich verstehe.»
«Ich kann da wahrscheinlich auch eine schöne Wohnung kriegen ab dem neuen Jahr», sagt Sina, sie sieht knapp an Ellen vorbei. «Die Mieten sind viel günstiger, der Ort liegt ausserhalb des Speckgürtels. Wer kann sich diese Stadt denn noch leisten.»
«Aber hat Ihr Partner nicht einen guten Job hier?»

Jetzt muss Sina beiseitetreten, eine verschwitzte junge Frau in Joggingklamotten, die durchdringend nach Schweiss riecht, drängt sich zwischen Ellen und sie und angelt nach einer Milchtüte. Sie wartet, bis die Frau weitergegangen ist. «Das stimmt», sagt sie dann, «aber wir sind nicht mehr zusammen.» Sie spricht mit fester Stimme, aber Ellen kann das Glitzern von Tränen in ihren Augen sehen.
«Wirklich? Davon hat Elvis gar nichts erzählt.» Sina zuckt nur die Achseln.

Ellen umklammert den Griff ihres Einkaufswagens. Über dem Kummer der letzten Tage hat sie Elvis’ Verletzungen, das Gespräch mit Frau Graml, den Verdacht gegen Sinas Partner ganz vergessen. Es muss also wahr sein. Was für einen Grund könnte es sonst geben. Der Mann hat Elvis misshandelt. Und Sina hat sich daraufhin von ihm getrennt.

«Das tut mir leid für Sie», sagt sie.
Sina nickt. Über Lautsprecher wird ein Herr Matschke in die Fleischabteilung gebeten, dringend. Ellen ist klar, dass Sina sie gern so schnell wie möglich loswerden möchte, aber sie muss es wissen.
Ob es richtig war, was sie getan hat.
«Wollen wir vielleicht woanders weiterreden? Ein paar Minuten noch?»
Sie rechnet nicht damit, dass Sina zustimmt, aber sie nickt. «Wir können uns draussen an der Bank treffen», sagt sie. «Mögen Sie auch einen Cappuccino?»

An der Kasse geht es unerwartet schnell, Sina ist vor Ellen dran und holt an der Brottheke neben dem Eingang den Kaffee, den Ellen nie kauft, schade um das Geld, und wozu dieser Plastikmüll, sie kann sich zu Hause einen besseren machen.
Sie setzen sich auf die Bank, unter der immer Hunderte von Zigarettenkippen liegen und sonstiger Müll, obwohl zehn Meter weiter ein grosser Abfalleimer samt Aschenbecher steht, die übliche Faulheit und Ignoranz der Leute. Sina ruft Elvis an, um ihm zu sagen, dass sie ein bisschen später kommt, er soll sich keine Sorgen machen. Elvis lässt Ellen grüssen und ausrichten, dass Fritzi fünfmal hintereinander «Platz!» gemacht hat.

«Ich glaub, für ihn wäre es auch gut, in eine neue Umgebung zu kommen», sagt Sina, als sie aufgelegt hat. «Es hat da nämlich was gegeben …»
Ellen wartet geduldig ab. Vorsichtig nippt sie an ihrem Kaffee, er ist noch sehr heiss, schmeckt aber wider Erwarten gut.
«Sie haben mich doch mal gefragt, wegen der blauen Flecken bei Elvis …»
Jetzt kommt es. «Ja.»
«Sie waren die Erste, der etwas aufgefallen ist. Als Sie mich damals darauf angesprochen haben … Ich war danach irgendwie sauer auf Sie. Ich hätte wütend auf mich selbst sein sollen. Aber Sie, Sie sind so ein aufmerksamer Mensch, Ellen.»
Ellen ist das Lob unangenehm, es geht hier nicht um sie. Sie muss ihre Ungeduld zügeln und warten, bis Sina zur Sache kommt, offenbar braucht sie einen verbalen Anlauf. Sie nimmt einen grossen Schluck Kaffee, bevor sie wieder ansetzt, erstaunlich, dass sie ihn schon trinken kann.
«Sie hatten recht. Er hat sich nicht gestossen. Er ist geschlagen worden.» Ihre Stimme senkt sich am Ende des Satzes, wird leiser.

«Ich weiss», sagt Ellen. «Oder vielmehr, ich habe es vermutet, dass Ihr Partner …»
«Was?» Sina fällt ihr ins Wort, unerwartet laut.
Was soll diese Reaktion, denkt Ellen, ist es ihr unangenehm, dass ich es vor ihr geahnt habe? «Dass Ihr Partner ihn misshandelt hat, meine ich», vollendet sie den Satz.
Mit einem Ruck richtet Sina sich auf, sie sitzt jetzt sehr gerade. «Wie kommen Sie darauf?» Sie fixiert Ellen jetzt sehr intensiv, Ellen kann die bläulichen Schatten unter ihren Augen sehen.
«Ich habe nur eins und eins zusammengezählt. Und als mir Elvis’ Klassenlehrerin von der Beobachtung des Sportlehrers erzählt hat …»

Wieder unterbricht Sina sie. «Dann haben Sie Torsten bei ihr angeschwärzt? Und uns das Jugendamt auf den Hals gehetzt!»
Ellens Finger sind taub von der Hitze des Bechers, sie stellt den Kaffee neben sich auf die Bank.
«Ich versteh nicht …»
«Er war es nicht! Nie und nimmer hätte Torsten Elvis … Warum haben Sie nicht mit mir geredet, verdammt!» Sina steht abrupt auf. Wie betäubt beobachtet Ellen, wie sie die paar Meter zum Abfalleimer stiefelt, im Laufen den letzten Schluck Kaffee nimmt und den Becher dann in die Öffnung fallen lässt. Sie dreht sich wieder zu Ellen um, sie ist den Tränen nahe, schon wieder, aber anders als vorhin, jetzt ist es Zorn, der ihr das Wasser in die Augen treibt.

«Wissen Sie überhaupt, was Sie angerichtet haben?»
Ellen zwingt sich, den Blick fest zu erwidern.
«Nein», sie spricht so ruhig, wie es ihr möglich ist. «Das kann ich nicht wissen. Aber Sie könnten es mir erklären.»
Sina zieht die Schultern hoch, als fröstele sie. Dann kommt sie wieder zur Bank, Ellen erwartet, dass sie sich setzt, aber sie bückt sich nur und nimmt ihren Einkaufskorb. «Wozu«», sagt sie. «Ändert ja nichts mehr.» Sie macht zwei Schritte Richtung Strasse, bleibt dann noch einmal stehen. «Ich werde Elvis nicht mehr zu Ihnen lassen», sagt sie, sehr klar und kalt. «Ich will nicht, dass er mit Ihnen noch was zu tun hat. Lassen Sie uns in Ruhe.» Und dann geht sie, endgültig, mit erhobenem Kopf und schnellen Schritten.

Ein Mann, der mit einem Kasten Bier gerade den Supermarkt verlässt, wirft ihr einen Blick nach, schaut dann neugierig zu Ellen, er hat offenbar eher gespürt als gehört, dass harte Worte gefallen sind.
Ellen weicht seinem Blick aus. Sie spürt die Scham körperlich, ein Stechen in der Herzgegend, ihr Puls galoppiert; als sie nach einer Weile aufsteht, fühlen sich ihre Knie an wie Pudding, sie muss sich noch einmal kurz hinsetzen.

Er war es nicht. Das ist doch gut für Sina, wieso dann getrennt? Was genau hat sie gemeint mit angerichtet? Sie kann doch unter den Umständen mit der Trennung nichts zu tun haben. Oder doch? Aber wie und weshalb? Und überhaupt, sie hat doch fest geglaubt, das Richtige zu tun, es war keine böse Absicht, sie wollte Elvis schützen, sie hat es doch gut gemeint.

Sie stemmt sich schwerfällig von der Bank hoch und nimmt ihre Einkaufstasche auf. Immer noch ist ihr leicht schwindelig, aber sie will nach Hause. Und während sie langsam die ersten Schritte macht, fällt ihr ein, was Vitus oft sagt, «gut gemeint ist das Gegenteil von gut». Zum ersten Mal glaubt sie zu verstehen, was er damit meint.

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Martina Borger

Wurde 1956 geboren und arbeitete als Journalistin, Dramaturgin und Filmkritikerin, bevor sie sich aufs Drehbuchschreiben verlegte. Sie hat bei mehreren Serien als Storylinerin und Chef-Autorin gearbeitet. Gemeinsam mit Maria Elisabeth Straub veröffentlichte sie 2001 ihren ersten Roman «Katzenzungen», dem «Kleine Schwester» (2002), «Im Gehege» (2004) und «Sommer mit Emma» (2009) folgten. Ohne Co-Autorin erschien 2007 ihr Roman «Lieber Luca». Martina Borger lebt in München.


Martina Borger, «Wir holen alles nach», Roman, Diogenes

Alle Rechte vorbehalten
Copyright © 2020 Diogenes Verlag AG, Zürich, www.diogenes.ch
120 / 20 / 44 / 1; ISBN 978 3 257 07130 6

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