Wir holen alles nach, Kapitel 21 Von Martina Borger

Der Arzt wollte gegen zehn kommen, aber er hat angerufen, dass es etwas später wird, ein Notfall in der Praxis. Sie sind kein Notfall, nicht mehr.

Sie liegt neben ihm auf dem Boden vor dem Sofa, er rührt sich seit Tagen nicht mehr von diesem Platz weg. Sie hat eine Hand auf seinen Rücken gelegt, fühlt, wie er sich leicht hebt und senkt, er atmet flach. Kaum vorstellbar, dass er noch vor zwei Wochen neben ihr hergelaufen ist auf ihren morgendlichen Touren.

Sie haben fast eine Woche lang alles versucht. In der Notaufnahme haben sie ihm eine Aufbauspritze gegeben und ein Antibiotikum, danach schien es ihm besserzugehen. Ihr Tierarzt hat diese Behandlung am nächsten Tag fortgesetzt, eine Entzündung der Leber, hat er wegen der gelben Augen vermutet. Ellen hatte Hoffnung geschöpft, weil sein Zustand zumindest stabil zu sein schien, er frass sogar ein bisschen. Sie setzte ihm alle seine Lieblingsgerichte vor, Hähnchenbrust, weichgekochte Eier, Wiener Würstchen, gegen all ihre Prinzipien kaufte sie sogar in der Feinkostabteilung des Kaufhauses eine Nektarine aus Chile, er nahm nur ein kleines Stück. Alle paar Stunden trug sie ihn hinunter zu dem kleinen Grünstreifen und liess ihn sein Geschäft verrichten. Und sie ging jeden Tag mit ihm in die Praxis, bettete ihn, in eine Decke gewickelt, in den Anhänger und schob das Fahrrad behutsam die Strassen entlang.

Die Behandlungen bezahlte sie immer gleich in bar, ihre Ersparnisse schmolzen rapide dahin. Sie hatte sich am Sonntag gerade entschlossen, Miri wegen eines Darlehens zu fragen, als Vitus anrief. Sie bat ihn um zweitausend Euro, der Hund sei krank, die Behandlung teuer, mehr brachte sie nicht heraus. Vitus fragte nicht gross nach. «Klar», sagte er, «gib mal deine Kontonummer.» Und am Ende des Telefonats, als Ellen die Unterhaltung längst auf andere Themen gelenkt hatte, Vitus’ Job, das Wetter, die amerikanische Politik, hatte er gesagt: «Das Geld müsste schon auf deinem Konto sein, ich hab’s per Sofortüberweisung geschickt. Wenn du mehr brauchst, sag Bescheid.»

Aber es wird reichen. Am Montag entdeckte der Arzt auf dem Ultraschall den Tumor, den er einen Tag später entfernte. «Jetzt müssen wir Glück haben», hatte er danach zu Ellen gesagt. Aber sie hatten keins. Gestern ging es dem Hund so schlecht, dass er sich erbrach und einnässte, er wurde unter ihren Augen von Stunde zu Stunde schwächer, sie konnte förmlich sehen, wie das Leben aus seinem Körper wich. Und er hatte so offensichtlich Schmerzen, dass sie ihn nicht mehr transportieren wollte. Der Arzt kam nach seiner Sprechstunde zu ihr und schüttelte nach der Untersuchung nur noch den Kopf.

«Ist es okay, wenn wir noch bis morgen warten?», fragte sie.
Er nickte. «Aber länger besser nicht. Die Schmerzmittel wirken nicht ewig …»
Jetzt fragt sie sich, ob es richtig war, ihm noch diese eine Nacht zuzumuten. Auf was hat sie gehofft? Auf eine Spontanheilung? Ein Wunder?

Sie ist froh, dass in dieser Woche Herbstferien sind, so muss sie keine Nachhilfestunden oder ihren Kurs mit den Afrikanerinnen absagen und vor allem nicht den Grund erklären. Nur ihre morgendlichen Zeitungstouren absolviert sie wie immer, sie beeilt sich dabei besonders, um schnell wieder zu Hause bei ihm zu sein.

Ihr ist flau im Magen, sie muss etwas essen, ihre letzte Mahlzeit war gestern gegen Abend, sie hat nur schnell im Stehen ein Brot gegessen. Er reagiert nicht, als sie aufsteht und in die Küche geht. Sie schüttet Haferflocken in eine Schale, schneidet einen Apfel klein und holt aus dem Kühlschrank den Rest Quark. Der Becher rutscht ihr aus den Fingern und platzt auf dem Boden auf. Noch vor zehn Tagen wäre er sofort zur Stelle gewesen, um ihr bei der Sauerei behilflich zu sein, er hätte den Boden akribisch abgeschleckt. Sie sieht nach unten auf den weissen Matsch, sie müsste sich jetzt bücken, einen Lappen holen, aufwischen, aber sie kann nicht. Sie schliesst die Kühlschranktür und lehnt den Kopf dagegen.

Es sei ihm bestimmt schon eine ganze Weile schlechtgegangen, hatte der Tierarzt gestern bei der letzten Untersuchung gesagt. Er sei ein sehr tapferer Kerl, wenn er sich bis vor wenigen Tagen kaum etwas habe anmerken lassen. Dieser Satz geht ihr seitdem andauernd durch den Kopf. Wenige Tage ist nicht richtig. Er hat sich etwas anmerken lassen, länger schon, aber sie hat nicht reagiert. Sie war nicht aufmerksam. Sie hat dieses Lebewesen, das ihr anvertraut, das auf sie und ihre Fürsorge angewiesen ist, vernachlässigt. Man könnte sogar sagen, misshandelt.

Der Arzt kommt kurz nach elf. Er entschuldigt sich für die Verspätung, sie wehrt ab. Sie ist dankbar, dass er ihr ermöglicht, es hier zu tun. Sie kniet auf dem Fussboden vor ihm. Sie legt ihr Gesicht an seinen Kopf, streichelt ihn an der Stelle hinter den Ohren, wo er es besonders mag. Früher gab er dann ein leises wohliges Brummen von sich, jetzt keinen Laut mehr. Er öffnet auch die Augen nicht. Nie wieder dieser feuchte schwarze Blick.

«Sind Sie so weit?», fragt der Arzt. Es gibt kaum etwas vorzubereiten, wegen der Antibiotika hat er schon vor Tagen einen Zugang gelegt.
Kann man jemals so weit sein? «Ja», sagt sie.
Sie atmet noch einmal seinen Geruch ein und flüstert ihm ins Ohr, dass alles gut ist, dass er keine Angst haben muss, dass sie bei ihm ist, dass die Schmerzen gleich vorbei sind. Vielleicht stört sie ihn damit mehr, als dass sie ihn beruhigt, aber wer weiss das schon. Aus dem Augenwinkel kann sie erkennen, dass die Injektion gesetzt wird.

Die Nacht hat sie neben ihm verbracht. Sie hat ihre Yogamatte neben ihm ausgerollt, Kopfkissen und Decke geholt und sich an seine Seite gelegt. Er hat ganz kurz den Kopf ein Stück gehoben und zu ihr gedreht, vermutlich hat er sich gewundert, was sie hier machte, in ihr Bett hatte er nie gedurft. Der Arzt hatte ihm noch mal eine hohe Dosis Schmerzmittel gespritzt, das bis zum Morgen wirken würde. Was es offenbar auch tat, denn er schlief reglos bis um halb acht. Um Mitternacht hatte sie das letzte Mal auf die Uhr gesehen, danach musste sie eingeschlafen sein. Sie wachte um drei auf, ihre übliche Zeit, aber sie konnte liegen bleiben, der nächste Tag war ein Feiertag, sie musste keine Zeitungen austragen.

Sie lag auf der Matte, spürte, wie sich die Flanke des Hundes hob und senkte, und sah zum Fenster. Sie dachte an eine andere Nacht in derselben Jahreszeit, in der sie in der Dunkelheit auf das erste Licht gewartet hatte, damals im Krankenhaus, als Jock operiert wurde. Miri war bei den Kindern geblieben. Nach stundenlangem Warten konnte Ellen nicht mehr sitzen, sie war in dem Flur auf und ab gelaufen, an jedem Fenster blieb sie kurz stehen. Als es endlich hell wurde, eilten längst die Schwestern geschäftig an ihr vorbei, scheppernd wurden Frühstückswagen über den Gang geschoben, und sie sah immer wieder hinaus in den hellgrauen Himmel, vor dem sich die Bäume jetzt klar abzeichneten, teils schon unbelaubt, teils noch mit Blättern in allen Schattierungen zwischen Gelb und Braun. Eigentlich hatte sie es da schon gewusst.

Als es vorbei ist, will sie den Arzt bezahlen, aber er schüttelt den Kopf, er wird ihr eine Rechnung schicken.
Sie sieht zu, wie er den Hund vorsichtig hochhebt und ihn in die Kiste legt, die er mitgebracht hat. Er wird ihn mitnehmen, das hat sie mit ihm schon vorab besprochen. Sie wird ihn nicht selbst beerdigen, sie will nicht an einer Grabstelle stehen oder eine Urne haben.
Sie hat niemandem etwas gesagt, nicht einmal Miri oder ihren Söhnen. Sie weiss, dass sie ein paar Tage brauchen wird, bevor sie darüber sprechen kann.

Nie mehr werde ich ein Tier haben, hat sie in der Nacht gedacht, als sie neben ihm auf der Matte lag. Es gibt inzwischen so viele nie mehr in ihrem Leben, und es werden immer mehr. Sie wird nie mehr in die USA reisen, so wie Jock und sie es sich vorgenommen hatten auf ihrer Hochzeitsreise in New York, sie hatten mit dem Motorrad einmal quer durch das ganze Land reisen wollen, Jock wollte vor allem unbedingt die Westküste entlang, den berühmten Highway 101. Sie hatte fliessend Italienisch sprechen, Klavier spielen lernen, einen Schrebergarten haben wollen, später, hatte sie immer gedacht. Jetzt ist es zu spät, all das nie mehr. Es gab immer Gründe, der Job, der Geldmangel, aber auch, wenn sie ehrlich ist, ihre eigene Trägheit. Vielleicht wäre es anders gekommen mit einem Menschen an ihrer Seite, der sie erinnert hätte an ihre Pläne, sie mitgezogen.

Aber auch das nie mehr. Nie mehr wird sie sich nachts an einen anderen Menschen schmiegen, in seinen Armen einschlafen und aufwachen, keine leidenschaftlichen Küsse mehr, keine spontanen Umarmungen, keine tiefen Blicke, keine wilden Nächte, alles vorbei. Die Zeit ist an ihr vorbei gerauscht, immer schneller, jetzt bleibt nur noch so wenig übrig. Was jetzt noch kommt, sind, wenn sie Glück hat, noch ein paar gute und gesunde Jahre, wenn auch mit allmählich nachlassenden Kräften, dann wird der endgültige Abstieg einsetzen, vielleicht langsam, vielleicht rapide, das kann niemand wissen. Sie hofft, dass ihr und den Jungs eine längere Krankheit erspart bleibt, wie es sich jeder alte Mensch wünscht. Und dann war’s das. Sie will nicht undankbar sein, ihr Leben ist nicht arm und klein gewesen, ganz und gar nicht, alles in allem ist sie ein Glückskind, sie hat Liebe und Freundschaft erlebt, sie hat ihre Kinder, sie hat viel von der Welt gesehen, nie Hunger, Kälte oder Todesangst leiden müssen … aber genug war es trotzdem nicht. Geht es anderen Menschen in ihrem Alter auch so? Dass der Gedanke an das in absehbarer Zeit zu erwartende Ende so schmerzt?

Als der Arzt gegangen ist, nimmt sie einen grossen blauen Plastikmüllsack und packt alle Sachen hinein, die Leine, die Näpfe, das Spielzeug, die Decke, das übriggebliebene Futter. Sie klemmt sich seinen Korb unter den Arm, geht in den Hof hinunter und wirft alles in die Restmülltonne.

Sein Geruch wird noch eine Weile bleiben, das merkt sie, als sie sich später auf dem Sofa ausstreckt, den Kopf auf dem Kissen, auf dem auch er oft gelegen hat. Sie atmet ihn tief ein. Er hat nie gemüffelt, wie sie befürchtet hatte, bevor er zu ihr kam. Überhaupt hat er alle Vorbehalte, die sie einmal gegen Hunde hatte, entkräftet. Und sie hat das Versprechen, das sie ihm insgeheim gegeben hat, halten können. Sie ist nicht vor ihm gestorben. Sie hat ihn nicht allein zurückgelassen.

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Martina Borger

Wurde 1956 geboren und arbeitete als Journalistin, Dramaturgin und Filmkritikerin, bevor sie sich aufs Drehbuchschreiben verlegte. Sie hat bei mehreren Serien als Storylinerin und Chef-Autorin gearbeitet. Gemeinsam mit Maria Elisabeth Straub veröffentlichte sie 2001 ihren ersten Roman «Katzenzungen», dem «Kleine Schwester» (2002), «Im Gehege» (2004) und «Sommer mit Emma» (2009) folgten. Ohne Co-Autorin erschien 2007 ihr Roman «Lieber Luca». Martina Borger lebt in München.


Martina Borger, «Wir holen alles nach», Roman, Diogenes

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120 / 20 / 44 / 1; ISBN 978 3 257 07130 6