Wir holen alles nach, Kapitel 22 Von Martina Borger

Sina hat das Gefühl, dass die Ereignisse sich überschlagen in der letzten Zeit, jeden Tag passiert etwas Unerwartetes, sie kommt kaum zum Luftholen, geschweige denn zum Nachdenken, aber es ist gut so.

Sie trifft Entscheidungen, für die sie früher Wochen, eher Monate gebraucht hat, in einem Moment, sie krempelt um. Oder wird umgekrempelt.

Am Freitag, dem Tag nach der Schreckensnacht, ist Torsten gegangen. Als sie aufstand nach zwei, drei Stunden Schlaf, hatte er die Reisetasche schon fertiggepackt, den Rest seiner Sachen werde er, wenn Sina einverstanden sei, am Samstag holen, wenn sie mit Elvis ins Allgäu führe, um Fritzi abzuholen, es sei bestimmt besser, dem Jungen seinen Auszug zumindest optisch zu ersparen. Sie hatte genickt und «okay» gesagt.

Sie standen in der Küche, sie an der Kaffeemaschine, noch im Bademantel, er in der Tür, geduscht, angezogen, nach Aftershave duftend. Elvis schlief noch, er musste erst zur zweiten Stunde. Torsten sah sie einen Moment schweigend an, als erwarte er eine weitere Reaktion von ihr, er hoffte vielleicht, sie werde ihn aufhalten, nicht so schnell, lass uns noch mal in Ruhe reden, wir finden eine Lösung. Aber sie konnte es nicht.
«Was sagst du Elvis?», hatte er gefragt.

«Ich weiss noch nicht.» Die Kaffeemaschine war endlich aufgeheizt, sie drückte auf den Knopf für Espresso. Einen langen Moment war nur das kurze Schnarren der Maschine zu hören, dann das sanfte Plätschern, mit dem der Kaffee in den Becher floss.
«Es tut mir so schrecklich leid», er sprach so leise, als könnte Elvis ihn durch den Flur und seine geschlossene Zimmertür hören, «ich wollte nicht …» Er brachte den Satz nicht zu Ende. Was wolltest du nicht, hätte sie fragen können, wieder trinken? Mich verletzen? Alles kaputtmachen, was wir hatten? Aber sie war zu müde für ein Gespräch dieser Art.
«Ich weiss», hatte sie nur gesagt. «Mir tut’s auch leid.» Mehr nicht. So endet also alles, hatte sie gedacht.
«Den Schlüssel leg ich dir hin, am Samstag», hatte er gesagt. «Und meine neue Adresse schreib ich dir.»
«Gut.» Sie hatte nicht gefragt, wo er unterkommen würde die ersten Tage, sie musste alles ausblenden, was sie zweifeln lassen könnte. Der Espresso war fertig durchgelaufen, sie nahm den Becher, hob ihn an die Nase, sog den Geruch ein.

«Dann geh ich jetzt», hatte er gesagt, und dann, bevor er sich umdrehte: «Kann ich dich anrufen?»
«Irgendwann mal.» Sie hatte die Hände fest um den Becher geschlossen, ihre Finger prickelten von der Wärme. «Aber nicht jetzt. Nicht gleich.»
«Versteh ich.» Er hatte sich umgedreht und war in den Flur gegangen, sie hatte gehört, wie er seine Jacke von der Garderobe nahm, dann den Schlüssel von der Kommode, er öffnete die Wohnungstür, behutsam, um so wenig Lärm wie möglich zu machen, und schloss sie ebenso leise hinter sich. Sie widerstand dem Impuls, zum Fenster zu gehen und ihm nachzusehen, zu beobachten, wie er aus dem Haus trat und zum Auto ging, die Tasche verstaute, einstieg, abfuhr. Ausblenden, so viel wie möglich, das war jetzt wichtig. Sich panzern.

Sie würde es Elvis am Abend sagen, hatte sie sich vorgenommen, vorher nur, falls er fragte. Was er nicht tat, er war es gewohnt, dass Torsten früh das Haus verliess. Als sie ihn weckte, war er sofort munter, er redete ohne Punkt und Komma, während er in der Küche sein Müsli ass. Noch ein Schultag war zu überstehen, die Ferienwoche war zum Greifen nahe, neun ganze Tage, davon acht mit Fritzi, rechnete er. Oder zumindest siebeneinhalb, sie hatten mit der Züchterin vereinbart, gegen Mittag im Allgäu zu sein. Wie lange würden sie brauchen, nicht mal zwei Stunden, oder? Dann würden sie spätestens um zehn losfahren?

Sie folgte seinem Redefluss nur halb, sie zwang sich, einen trockenen Toast zu essen, um dann zwei Schmerztabletten schlucken zu können, ihre Regelschmerzen waren diesmal stärker als üblich. Dann machte sie ihm sein Pausenbrot, füllte seine Wasserflasche, schminkte sich, föhnte die Haare. Die kleinen alltäglichen Handgriffe halfen ihr, so empfand sie es, in der Spur zu bleiben.

In der Mittagspause bekam sie einen Anruf von einer Frau Dürr, der Direktorin von Elvis’ Schule. Passe es gerade? Habe Sina zehn Minuten Zeit? Sie müsse dringend etwas besprechen.
Sina ging mit dem Handy auf die Terrasse, wo sich einige Raucher um den Aschenbecher drängten, und steuerte die entgegengesetzte Ecke an.
Frau Dürr erklärte, es sei ihr sehr unangenehm, was sie Sina jetzt sagen müsse, aber es habe sich etwas ereignet. Der Sportlehrer von Elvis habe heute Vormittag beobachtet, wie Sinas Sohn in den Duschräumen von drei Jungs aus der Klasse traktiert worden sei, sie benutzte wirklich dieses Wort, wahrscheinlich, weil es harmloser klang als geschlagen, vermöbelt, terrorisiert. Unter den Jungs sei auch Lukas gewesen, von dem die Lehrer immer geglaubt hätten, er sei Elvis’ Freund.

Der Sportlehrer habe ihr den Vorfall sofort gemeldet, sie habe dann die drei Schüler in Anwesenheit der Klassenlehrerin Frau Graml ins Gebet genommen, sie waren nach einigem Leugnen auch geständig und hatten zugegeben, das Mobbing gehe schon seit Monaten. Wieder so ein abstraktes Wort, das für Sina nichts zu tun hat mit den Verletzungen, die sie an ihrem Sohn beobachtet hat.
Zum ersten Mal unterbrach sie den Wortschwall der Frau. «Warum?»
«Sie es getan haben?» Frau Dürr atmete tief auf.
«Dafür haben sie leider keine plausible Erklärung gegeben. Einer hat nur gesagt, sie könnten Elvis nicht leiden.»
Sina schloss kurz die Augen, liess für einen Moment die Bilder zu, die sich ihr aufdrängten, ihr Sohn zwischen drei anderen, in die Enge getrieben wie ein Tier. Sie öffnete die Augen wieder, sie durfte es sich nicht vorstellen, nicht jetzt.
«Sie haben ihn wohl auch unter Druck gesetzt», sagte die Direktorin, «ihm gedroht, falls er sie verrät, Einzelheiten waren aus ihnen noch nicht herauszubekommen. Deswegen hat er Ihnen gegen- über wohl auch geschwiegen.»
«Haben Sie mit ihm geredet?»
«Ja, vor einer halben Stunde erst. Ich habe ihm gesagt, wie leid es mir tut, uns allen. Und dass er jetzt in Sicherheit ist.»
In Sicherheit. Diese Kuh, was weiss die schon.
«Das heisst, wir sind jetzt nicht mehr verdächtig, mein Partner und ich?»
«Natürlich nicht. Ich habe von Frau Graml gehört, welche Wellen die Sache geschlagen hat. Es tut mir sehr leid, Frau Poschmann. Alles. Wirklich. Dass ausgerechnet an meiner Schule …» Ihre Stimme zitterte.

Wenn die jetzt heult, schrei ich, dachte Sina.
Sollte ich ohnehin tun.
«Ich muss wieder an die Arbeit.»
Sie hörte nur halb zu, was die Frau noch sagte, dass sie ein Gespräch mit den drei Elternpaaren führen müsse heute Nachmittag, dass sie noch nicht wisse, wie sie mit den drei Delinquenten verfahren solle, so einen Fall habe sie ja noch nie gehabt, sie könne sich um psychologische Betreuung für Elvis bemühen, falls gewünscht, die drei Jungs müssten sich natürlich bei Sinas Sohn entschuldigen, sicher würden auch die Eltern sich bei ihr melden wollen. Die Vorstellung von Katjas und Louis’ Krokodilstränen war unerträglich. Sie wollte von diesen Menschen nie mehr etwas hören und sehen.

Sie brach das Gespräch mitten in einem Satz der Direktorin ab, sehr unhöflich, es war ihr egal. Sie ging wieder zurück an ihren Schreibtisch. Am Nachmittag rief Katja an, dreimal. Dreimal drückte Sina den Anruf weg. Sie holte Elvis vom Hort ab, ihm war nichts anzumerken von den Vorfällen des Vormittags. Er erzählte von einem Mädchen im Hort, Theresia, die auch einen jungen Hund habe, einen Jack Russell Terrier, sie habe gefragt, ob sie nach den Ferien mal zusammen spazieren gehen wollten mit den Welpen, sie wohne nicht weit und sei sehr nett, ob Sina es erlaube? «Klar», sagte sie.

Erst nach dem Abendessen, als sie zur Feier des Ferienbeginns zusammen zu der neuen Eisdiele gingen, hatte sie ihm von dem Anruf der Direktorin erzählt.
«Warum hast du mir nichts gesagt? Dass die Jungs dich terrorisieren?»
Achselzucken.
«Weil du Angst gehabt hast vor ihnen?»
«Bisschen.»
»«ber wenn du’s mir erzählt hättest … ich hätte dir vielleicht helfen können. Zumindest hätte ich dich dann nicht mehr zu Lukas geschickt.»

«Aber dann wäre ich ein Verräter gewesen. Und die mag keiner.»
«Schläger auch nicht», hatte sie gesagt. «Das sind ganz miese Typen. Denen darf man sich niemals ergeben.»
«Frau Graml hat gesagt, die müssen vielleicht von der Schule. Auf jeden Fall kriegen sie eine Strafe.»
«Bist du froh, dass es vorbei ist?» Was für eine idiotische Frage.
«Schon», sagte er. Sie waren bei der Eisdiele angekommen, stellten sich hinten in die Schlange. «Aber nicht wegen der Strafe. Wie viele Kugeln darf ich?»
«Drei. Aber findest du nicht, dass sie eine verdient haben?»
«Eigentlich schon. Aber sie werden bestimmt davon noch böser.» Elvis reckte den Hals, um die Tafel mit den Sorten lesen zu können. «Das ist immer so. Einen Hund darf man auch nie schlagen. Mach ich mit Fritzi ganz bestimmt nie. – Ich nehm Vanille, Erdnuss und Banane.»

Auf der Rückfahrt aus dem Allgäu am Samstag sagte sie ihm, dass Torsten nicht nur kurz verreist war, wie sie am Abend zuvor behauptete, weil der Mut sie verlassen hatte, sondern dass er nicht mehr wiederkommen würde. Er sass neben ihr, das kleine schwarze Fritzi-Knäuel auf dem Schoss, er hatte ein altes Handtuch unter ihn gelegt, «falls er Pipi macht, weil er so aufgeregt ist». Aufgeregt war vor allem er selbst, er war schon um fünf Uhr morgens aufgewacht und in ihr Bett gekommen, ab acht löcherte er sie alle zehn Minuten, ob sie nicht lieber schon losfahren sollten, es könnte ja einen Stau geben oder einen Unfall, dann würden sie es nicht rechtzeitig schaffen. Als ob Fritzi weggegeben würde, wenn sie nicht um Punkt zwölf Uhr bei der Züchterin klingelten.

Der Welpe hatte am Anfang jämmerlich gefiept, «weil er seine Mutter vermisst», hatte Elvis mitleidig vermutet. Er hatte ihn unablässig gestreichelt und «hab keine Angst, hab keine Angst» gesagt, immer wieder. Nach zehn Minuten war der Hund still, «ich glaub, er ist eingeschlafen».
Sie erklärte es ihm ganz sachlich, Torsten werde in München bleiben, aber nicht mehr bei ihnen wohnen. Elvis könne aber mit ihm telefonieren, wenn er wolle, und ihn irgendwann später auch mal treffen, nur im Moment noch nicht. Er sagte erst nichts, er streichelte weiter Fritzi und hielt den Blick fest auf den Welpen gerichtet. Erst bei der Abfahrt von der Autobahn sagte er: «Dann habt ich euch getrennt.»
«Ja.» Sie schaltete den Scheibenwischer an, es hatte zu nieseln begonnen. «Das kommt für dich jetzt sicher überraschend, und du willst bestimmt wissen, warum …»
«Weiss ich schon.» Er fuhr Fritzi ganz vorsichtig mit dem Finger über den Kopf. «Weil ihr euch nicht mehr liebt.»
Sie hatte nichts darauf geantwortet, sie hatte Angst, sonst weinen zu müssen. Und er fragte auch nicht weiter.

Zwei Tage später fuhren sie in ihr Heimatdorf, um Carmen zu besuchen. Es war wieder sonnig und warm geworden, Elvis spielte mit Carmens elfjähriger Tochter Anna und Fritzi im Garten, Sina sass mit ihrer Freundin bei Kaffee und Streuselkuchen auf der Terrasse des Hauses, das sie so gut kannte; früher hatte es Carmens Eltern gehört, die beide inzwischen in einer behindertengerechten Wohnung zwei Strassen weiter wohnten, die Mutter sass im Rollstuhl, MS. Carmen erzählte von dem Reisebüro, das sie in der Kreisstadt eröffnet hatte und das hervorragend lief, sie wollte eigentlich vergrössern, aber es fehlte an Personal, sie hatte schon zwei Angestellte ausprobiert, beide Male ein Desaster. Sina hatte zugehört, in den Garten geschaut, den Apfelbaum betrachtet, auf den sie früher oft geklettert waren, sie hatte den Kindern zugesehen und dem Knattern eines vorbeifahrenden Traktors gelauscht, und dann hatte sie gefragt:
«Was muss man denn da können, in einem Reisebüro?»

Was bisher geschah:
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Martina Borger

Wurde 1956 geboren und arbeitete als Journalistin, Dramaturgin und Filmkritikerin, bevor sie sich aufs Drehbuchschreiben verlegte. Sie hat bei mehreren Serien als Storylinerin und Chef-Autorin gearbeitet. Gemeinsam mit Maria Elisabeth Straub veröffentlichte sie 2001 ihren ersten Roman «Katzenzungen», dem «Kleine Schwester» (2002), «Im Gehege» (2004) und «Sommer mit Emma» (2009) folgten. Ohne Co-Autorin erschien 2007 ihr Roman «Lieber Luca». Martina Borger lebt in München.


Martina Borger, «Wir holen alles nach», Roman, Diogenes

Alle Rechte vorbehalten
Copyright © 2020 Diogenes Verlag AG, Zürich, www.diogenes.ch
120 / 20 / 44 / 1; ISBN 978 3 257 07130 6

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