
«Der Frosch, der aus dem Sumpf kam»
Der Titel des autobiografischen Romans von Georg Segessenmann aus Obergösgen zeigt: Einfach hatte es der 1932 geborene Solothurner nicht im Leben. Und doch findet er im Rückblick: «Ich hatte Glück».

Dass aus mir sicher nichts Rechtes werde, hörte ich schon früh. Etwa von meinen Lehrern, die mehr mit dem Stock erzogen als mit Pädagogik. Einem besonders brutalen Exemplar mussten wir den Nachschub an Ruten sogar selbst im Wald schneiden, weil sie ständig zerbrachen. Wir Kinder aus «armengenössigen» Familien mussten fast immer den Kopf hinhalten, während die Söhne und Töchter des Pfarrers oder des Gemeindeammanns verschont blieben. Für uns mittellose Schlucker setzte sich niemand ein. Schliesslich bezahle man mit den Steuern unseren Unterhalt, hiess es im Dorf. Hätte ich mich daheim beklagt, so hätte ich gleich nochmals eine Tracht Prügel einstecken müssen.
1932 kam ich als Zweitältester von sieben Geschwistern in Dulliken SO zur Welt. Meine Mutter erlebte ich meist überfordert mit den vielen Kindern und dem ständigen Kampf ums Überleben. Liess der Lebensmittelhändler sie nicht mehr anschreiben, schickte sie uns Kinder zum Einkaufen. Auch auf dem Fürsorgeamt erhielt weniger, wer nicht bettelte und kuschte. Zudem drohte der «Armenvater», wie man den Vorsteher der Behörde nannte, oft damit, unsere Familie in die Heimatgemeinde abzuschieben oder uns Kinder zu verdingen.
Zwei verschobene Weltuntergänge
Mein Vater war ein Krampfer, aber leider der Sekte «Geschwister der gekreuzigten Sonne» verfallen (Name geändert, Anm. der Red.). Ihn interessierte vor allem, ob wir Kinder brav die Gottesdienste und die Sonntagsschule besuchten. Um unsere Erziehung oder Ausbildung hingegen kümmerte er sich kaum. Zweimal verkaufte er all seine Habe, weil die Sekten-Apostel den baldigen Weltuntergang voraussagten, der natürlich ausblieb. Ich kann mich nicht erinnern, dass mir mein Vater je ein liebes Wort gesagt oder seine Liebe sonst wie gezeigt hätte.
Weil ich brandmager und ständig hungrig war, suchte ich zum Pausenende jeweils Essensreste von Mitschülern im Abfalleimer der Schule. Auch am Bahnhof hatte ich manchmal Glück und jemand warf eine Bananenschale weg. Selbstverständlich musste ich die Kleider und Schuhe meines älteren Bruders nachtragen – auch nachdem meine Füsse grösser waren als seine.
Lesen und schreiben als Zuflucht
Was mich in diesen Zeiten rettete, war das Lesen. Ich hatte es früh mit meinem Bruder gelernt, der bereits Bücher aus der Bibliothek ausleihen konnte. Weil wir das Bett teilten, schaute ich ihm immer über die Schulter. Dabei musste ich schnell lesen, damit er nicht umblätterte, bevor ich das Seitenende erreichte. Auch auf der Strasse las ich jedes Papierfetzchen auf und entzifferte, was darauf stand.
Die Schulbibliothek wurde mein grosses Glück. Da man nur ein Buch pro Woche ausleihen durfte, verschlang ich auch die Bücher meiner Schulkollegen und Geschwister. Im uralten Bauernhaus, das uns die Gemeinde vermietete, fegte ich den ausrangierten Ofen sauber, legte ihn mit Zeitungen aus und las dort im Schein einer Kerze.

Aber wehe, wenn ich in der Schule flüssiger vorlas als die anderen, dann verprügelten sie mich in der Pause. Auch dass ich gute Aufsätze schrieb, missgönnten mir die Kameraden. Nur ein Lehrer förderte mich. Am Ende des Schuljahres behielt er sogar mein Aufsatzheft, weil ich sicher einmal ein berühmter Schriftsteller würde.
Es kam anders. Als ich die Prüfung für die Bezirksschule ablegen sollte, machte meine Mutter meinen Traum zunichte. Was mir ein Schulabschluss bringe, schimpfte sie, wenn mich am Ende doch nur die Arbeit in der Schuhfabrik erwarte? Wichtiger war ihr, dass ich möglichst bald Geld heimbrachte. Mein Lehrer meinte: «Das wirst du später noch bereuen». Er hatte recht.
Gut schreiben kann, wer auch das Lügen beherrscht, davon bin ich überzeugt. Denn beides braucht Fantasie. Lügen lernte ich in meiner Kindheit perfekt, musste ich doch ständig eine Lüge parat haben – etwa um die Armut der Familie zu vertuschen oder wenn wir uns mit Schulkollegen zum Spielen trafen. Dies hatte der Vater verboten, weil er Spiel und Sport für Teufelszeug hielt, das einen direkt in die Hölle brachte.
Einmalig: Die Dulliker Velo-Musik
Einen wahren Freund, mit dem ich alles hätte teilen können, hatte ich in jungen Jahren nie. So wurde mein Velo zu meinem besten Kameraden und ich Mitglied im Veloclub Dulliken. Mit Kollegen, die wie ich auch in der Dorfmusik mitmachten, bildeten wir die einzige Velo-Musik der Schweiz, wenn nicht gar der Welt. Wir spielten einhändig auf Instrumenten, die wir von einer Reitermusik übernommen hatten. Statt zu Pferd musizierten wir auf Drahteseln, statt der Zügel hielten wir den Lenker in der Hand. So waren wir eine Attraktion, wo immer wir auftraten. Etwa am Trachtenfest in Interlaken, wie mein Foto zeigt.


Meiner ersten Firma, der Armaturenfabrik Nussbaum AG in Olten, blieb ich mein Arbeitsleben lang treu: vom 1. April 1948 bis am 31. Dezember 1997. Mit dreiunddreissig Jahren konnte ich dank der Unterstützung des Direktors sogar den Lehrabschluss als Mechaniker nachholen, was mir viel bedeutete.
Privat fand ich erst in meiner zweiten Ehe die Liebe und die Familie, die ich mir immer gewünscht hatte. Die zwei Kinder, die Edith in die Beziehung brachte, liebe ich wie meinen leiblichen Sohn. Unterdessen bin ich Grossvater von drei Enkeln und siebenfacher Urgrossvater.
Die schwarze Wand der Erinnerungen
Zu meinem sechzigsten Geburtstag schrieb ich meine Erinnerungen als Roman unter dem Titel «Der Frosch, der aus dem Sumpf kam» nieder. Später entstand daraus das Buch «Der Armeleutebub». Bis dahin hatte sich meine schwierige Kindheit immer angefühlt wie eine schwarze Wand, die mich erdrückte. Nach dem Buch war diese Wand plötzlich weg: Ich hatte mir meine Erinnerungen von der Seele geschrieben und hadere heute nicht mehr damit.
Ein berühmter Schriftsteller bin ich trotzdem nicht geworden. Auch wenn im Telefonbuch Schriftsteller neben meinem Namen steht, gehöre ich zu den vielen, die es versuchten, aber nie vom Schreiben leben konnten. Doch das Spiel mit der Sprache, das Schreiben und Reimen gehören bis heute zu meinem Alltag. Früh entdeckte ich den Computer und das Internet und bringe mich seit Jahren intensiv auf der Begegnungsplattform der Zeitlupe und auf Seniorentreff.de ein.
Aus allem das Beste machen
Seit dem Tod meiner Frau vor bald drei Jahren lebe ich allein im Haus in Obergösgen, das ich als junger Mann zu grossen Teilen selbst baute. Die Handwerker bezahlte ich mit Überstunden, indem ich etwa bis spätabends WCs putzte. Zähle ich all meine Überstunden zusammen, hätte ich mich wohl mit fünfzig pensionieren lassen können.
Mit bald 94 Jahren erledige ich im und ums Haus noch alles selbst, koche, wasche, putze und besorge den Garten. Meine Devise ist, aus allem das Beste zu machen, denn man kann immer etwas lernen. Vielleicht liegt meine gute Gesundheit an meiner positiven Einstellung, vielleicht am Kefir, den ich seit sechzig Jahren züchte, oder am Bierrettichsaft, den ich täglich trinke. Seit dreissig Jahren gehe ich ins Krafttraining und stemme mehr Gewicht als mancher Jüngere. Jeden Tag löse ich zwei Kreuzworträtsel und bin viel zu Fuss unterwegs. Mindestens ein Quartierspaziergang muss auch bei Rückenschmerzen oder schlechtem Wetter sein. Zudem versuche ich, täglich etwas Neues zu tun oder zu lernen – alles, damit ich kein Gewohnheitstier werde.
Denke ich zurück, finde ich: Ich hatte Glück. Ohne all diese Schicksalsschläge und Erlebnisse wäre ich nicht der geworden, der ich heute bin. In meinem Leben sind mir wahrlich viele Halunken begegnet, ich erfuhr Gewalt, wurde ausgenutzt und betrogen. Anerkennung musste ich mir immer hart verdienen. Umso stolzer bin ich auf das, was ich aus eigener Kraft erreicht habe. Nie mehr wollte ich erleben, dass andere über mich bestimmten, weil ich ein «Armeleutebub» war. Der Trotz, es allen zeigen zu wollen, gab mir die nötige Stärke.
Aufgezeichnet von Annegret Honegger
- Georg Segessenmanns Bücher «Der Armeleutebub» und «Herbstlaub» sind antiquarisch oder in Bibliotheken erhältlich.
Mehr Geschichten aus der Rubrik «anno dazumal»:
Vom Trachtenmeitli zur Lehrerin: Als junge Frau reiste Käthi Krüger-Spycher aus Erlach BE in der Flower-Power-Zeit mit dem VW-Bus bis nach nach Nepal. In Afghanistan lernte sie ihren späteren Mann kennen. Die Liebe blieb – diejenige zueinander ebenso wie diejenige zum Reisen im «Büssli».
Dreieinhalb Millionen Autokilometer: Georges Roth verbrachte fast dreissig glückliche Jahre als Taxifahrer in der Stadt Zürich. Dann wurde er überfallen, gab seinen Traumberuf auf und zügelte nach Spanien. Zurück in der Schweiz wurde der leidenschaftliche Autofahrer zum Wanderer.
Indien, meine zweite Heimat: Ann Mantel kam 1932 in Bombay zur Welt und verbrachte ihre Kindheit im britisch beherrschten Indien und in der Schweiz. Wegen der vielen Umzüge wurde sie früh selbstständig. Heute lebt sie in Flims und spricht manchmal englisch, so wie früher.
Ein fast vergessenes Kapitel: Tuberkulose war in der Schweiz bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts verbreitet und gefürchtet. Ursula Riesen aus Köniz litt als Kind unter einer seltenen Form und verbrachte vier Jahre in Spezialkliniken im Waadtland.
Als Knirps über den Wolken: Vom ersten Flug als Drei- oder Vierjährige können aus Werner Karths Generation wohl nur wenige erzählen. Der 95-jährige Basler hob bereits 1929 ab.