Ein fast vergessenes Kapitel

Tuberkulose war in der Schweiz bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts verbreitet und gefürchtet. Ursula Riesen aus Köniz litt als Kind unter einer seltenen Form und verbrachte vier Jahre in Spezialkliniken im Waadtland.

Bei Tuberkulose denkt man an die bekannte Lungenkrankheit. Dass die Bakterien auch Knochen, Gelenke, Nieren und andere Organe befallen können, wissen die wenigsten.

Wohl deshalb konnte auch mir lange niemand sagen, warum mir als kleines Mädchen oft der Ellbogen wehtat. Der Arzt gipste ihn manchmal ein, doch das half nichts. Erst als die Schmerzen in der Hüfte begannen und ich eines Tages auf dem Heimweg vom Kindergarten plötzlich keinen Schritt mehr gehen konnte, kam ich ins Spital. Die Diagnose: Tuberkulose im Ellbogen- und im Hüftknochen.

Der Krankenwagen brachte mich in eine Spezialklinik für Kinder in Leysin VD. Im Parterre wohnten die Buben, im ersten Stock wir Mädchen, vor allem aus den Kantonen Bern und Waadt, aber auch aus Frankreich. Im grossen Schlafsaal stand Bett an Bett. Wir erhielten Antibiotikaspritzen und jeden Tag schob man uns für die Sonnenkur auf den Balkon. Gemäss damaligem Wissen sollte das UV-Licht bei dieser «Heliotherapie» die Tuberkelbakterien abtöten.

Monatelanges Liegen

Die ersten Monate waren besonders hart, weil ich nur liegen und meine Knochen nicht belasten durfte. Ein Gurt über dem Oberkörper verhinderte, dass ich mich aufrichtete. Eine Weile lang gipste man mir auch die Beine ein und hängte Gewichte daran, damit sich das kranke Bein nicht verkürzte.

Anfangs hatte ich furchtbar «Längizyti» nach daheim, die fremde Sprache und das ungewohnte Essen behagten mir nicht. Erst als ich Französisch gelernt und Kameradinnen gefunden hatte, ging es mir besser. Meine Mutter konnte die lange Reise von Bern her nur einmal im Monat machen. Da war die Puppe wichtig, deren Kleider meine Grossmutter gestrickt hatte. Und den «Bäri» auf dem Foto von 1958 habe ich bis heute.

Schwarzweissbild von 1958: ein Mädchen liegt in einem weissen Gitterbett, lächelt in die Kamera und hält einen Teddybären.

Womit wir uns den ganzen Tag beschäftigten, weiss ich nicht mehr genau. Ein Ballon, ein Adventskalender, ein Buch oder eine Blockflöte, Briefe und Postkarten: Jede Abwechslung war willkommen. Eine Lehrerin ging mit dem Schulstoff von Bett zu Bett. Einmal täglich machten wir Gymnastik im Liegen. Wir produzierten auch ellenlange Ketten mit dem «Stricklieseli», die die Schwestern für uns zu Topflappen und Teekannenwärmern zusammennähten. Einmal besuchte mich ein Onkel mit dem Auto, das war ein Highlight.

Wieder stehen und gehen lernen

Schwarzweissfoto von 1958: ein kleines Mädchen mit Krücken, dahinter steht eine Krankenschwester in Uniform.

Als es mir nach gut einem Jahr besser ging, musste ich ganz langsam wieder stehen und gehen lernen. Wieder selbst aufstehen und mich waschen zu können, war wunderbar. An den bewegenden Moment, als ich erstmals meine Bettnachbarin umarmen konnte, neben der ich monatelang gelegen hatte, erinnere ich mich gut. Berührungen waren selten, nur wenige Schwestern hatten Zeit für Zuwendung.

Mittels der sogenannten Blutsenkung wurde regelmässig getestet, ob die Infektion noch aktiv war. Heute geht das mit einem kleinen «Piks», damals hasste ich die ständige Stecherei. Jedes Mal, wenn der Test schlecht ausfiel, musste ich länger bleiben. Es dauerte ganze vier Jahre, bis ich 1960 endlich geheilt nach Hause durfte. Dort scheuten sich die anderen Kinder anfangs mit mir zu spielen, weil sie eine Ansteckung fürchteten. Meine Mutter informierte die Nachbarschaft, dass meine Form der Tuberkulose gar nie ansteckend gewesen war.

Endlich schmerzfrei

Die Krankheit prägte mein Leben. Mein Ellbogen blieb steif und Velofahren oder Autofahren lernte ich nie. Auch litt ich bereits als Teenager unter Arthroseschmerzen im Hüftgelenk, weil die Tuberkulose meine Knochen angegriffen hatte. Ende Dreissig rang ich mich dazu durch, mir eine Hüftprothese einsetzen zu lassen. Die Operation, bei der ein Wiederaufflammen der Tuberkulose möglich schien, verlief gut. Seither bin ich glücklich über mein schmerzfreies Leben.

Später las ich viel über Tuberkulose, die auch heute leider noch nicht «ausgerottet» ist. Selbstverständlich liess ich meine Kinder impfen, sobald dies möglich war. Wäre ich seinerzeit geimpft worden oder hätte man meine Krankheit früher entdeckt, wäre mir viel Leid erspart geblieben.

Erzähle ich heute von meiner Zeit in Leysin und der Behandlung dort, klingt es unglaublich. Doch als Kind gewöhnte ich mich an die Umstände und nahm sie als gegeben hin. So schützt man sich wohl selbst vor schlimmen Erfahrungen. Diese Jahre gehören zu meinem Leben wie andere schwierige Zeiten auch.

Aufgezeichnet von Annegret Honegger


Beitrag vom 08.11.2022

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