© Bundesamt für Justiz, Foto: gabriel design

Erinnern – auch für morgen

Im Museum Luzern macht die Wanderausstellung «Versorgt, Verdingt. Vergessen?» über fürsorgerische Zwangsmassnahmen erstmals Halt in der Deutschschweiz: ein schmerzhaftes Kapitel Schweizer Geschichte.

Sie wurden gedemütigt, geschlagen, ausgebeutet. Sie mussten arbeiten, gehorchen, schweigen. Man nannte sie «lasterhaft», «arbeitsscheu» oder «geisteskrank. Dabei waren sie oft einfach arm, alleinerziehend, unehelich geboren, psychisch belastet – oder sonst wie «anders».

Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein verletzte der Staat im Namen der Fürsorge die Würde und die Grundrechte von hunderttausenden Menschen in der Schweiz. Man trennte sie von ihren Familien, verweigerte ihnen Bildung, drängte sie zur Kindsweggabe oder benutzte sie für Medikamentenversuche. Statt sie zu schützen, wurden sie kontrolliert. Statt sie zu begleiten, wurden sie beschämt.

Dieser Teil der Schweizer Geschichte und die damit verbundenen Lebensgeschichten wurde lange verschwiegen und verdrängt. Von den Behörden, der Politik und der Öffentlichkeit – wie auch von den Betroffenen selbst: Aus Scham- und Schulgefühlen und aus Angst. (Lesen Sie hier das Porträt einer Betroffenen.)

Erst mit der Anerkennung des Unrechts begann zu Beginn des 21. Jahrhunderts die öffentliche Aufarbeitung. Die Ausstellung «Versorgt, Verdingt. Vergessen?» ist Teil davon. Besuchende begegnen persönlichen Lebensgeschichten von Betroffenen und erhalten einen Einblick in den langen Weg der politischen Aufarbeitung. Sie erfahren, wie es zu den fürsorgerischen Zwangsmassnahmen kommen konnte und welche Folgen sie bis heute haben. Und sie sind eingeladen, sich Fragen zu stellen: Lässt sich vergangenes Unrecht wiedergutmachen? Und was können wir tun, damit sich diese Geschichte nicht wiederholt?

Die Wanderausstellung beleuchtet ein Kapitel Schweizer Geschichte, welches das Leben vieler Menschen prägte. Sie trägt die wissenschaftlichen Erkenntnisse und die Stimmen der Betroffenen in alle Landesregionen, jeweils ergänzt durch den lokalen Teil «Weisst du, wer hier gelebt hat?» und ein regionales Veranstaltungsprogramm.

«Versorgt, Verdingt. Vergessen?»: 14. Mai bis 23. Oktober 2026 im Museum Luzern, Kasernenplatz 6, 6003 Luzern. Die Ausstellung ist Teil des Programms «erinnern für morgen» des Bundesamtes für Justiz.

Weitere Ausstellungsorte:

Rahmenprogramm Museum Luzern

  • Donnerstag, 28. Mai: 18:30 Uhr Filmvorführung «Nebelkinder – Aufbruch aus dem Schweigen» mit anschliessender Diskussion.
  • Sonntag, 31. Mai: 13:30 Uhr Sonntagsführung
  • Mittwoch, 3. Juni: 11 Uhr Mittags im Museum mit Luzern 60plus, 12 Uhr Suppenzmittag
  • Donnerstag, 25. Juni: 19:45 Uhr Filmvorführung mit anschliessender Diskussion zum Thema Aufwachsen in Pflegefamilien heute
  • Donnerstag, 27. August: 19:30 Uhr – Was ist und wozu dient die historische Aufarbeitung von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen?
  • Donnerstag, 17. September: 18:30 Uhr – Fürsorge und Zwang heute: Die gegenwärtige Praxis der fürsorgerischen Unterbringung
  • Donnerstag, 8. Oktober: 19:45 Uhr «Dazwischen die Einsamkeit» – Simone Stolz’ Graphic Novel als Vermittlungs-, Aufklärungs- und Forschungsmedium

Veranstaltungskalender Museum Luzern


Ausstellung «Wir und der Krieg» bis 17. Januar 2027 im Landesmuseum Zürich.
Führungen für Seniorinnen und Senioren am Donnerstag, 30. April, 4. Juni und 16. Juli von 14 bis 15:15 Uhr. Öffentliche Führungen jeweils am Samstag und Donnerstag.

Ausstellung Vergessene Schweizer Fotografinnen: «Frauen. Fragen. Fotoarchive.» bis 14. Juni 2026 in der Fotostiftung Schweiz, Grüzenstrasse 45, 8400 Winterthur

Beitrag vom 14.05.2026

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