Ein roter Fiat und ein gemeinsamer Weg

Der kleine rote Fiat 500 ihres Zukünftigen hatte es Verena Baur-Rüttimann (*1945) aus Sarmenstorf AG angetan. Damit erlebte das junge Paar seine ersten Ferien – und fast eine grosse Panne.

Als unser Enkel kürzlich Autofahren lernte, war er froh, konnte er mit dem handgeschalteten Auto von uns Grosseltern üben. Mein Mann erteilte ihm Fahrstunden – wie mir anno 1963. Deshalb weiss ich aus Erfahrung, dass Thomi das gut und mit der nötigen Ruhe macht. Frisch verliebt brachte er mir damals in seinem knallroten Fiat 500 das Autofahren bei. Mit viel Geduld, obwohl ich den Motor x-mal abwürgte, bevor ich das mit dem Zwischengas beim Schalten endlich beherrschte.

Was für ein «Blöffer», dachte ich, als ich meinem Zukünftigen zum ersten Mal begegnete. Als Fünftklässlerin fand ich die Bezirksschüler, die mit ihren Mappen unter dem Arm wichtigtuerisch an unserem Primarschulhaus vorbeistolzierten, völlig daneben. Doch als ich Thomi ein paar Jahre später an einer Turnveranstaltung wieder traf, änderte ich meine Meinung schon während dem ersten Tanz.

Dass der junge Mann bereits ein eigenes Auto besass, war natürlich kein Nachteil. Sogar eines mit einem Dach, das sich öffnen liess – grossartig! Als Damenschneiderin hätte ich mir kurz nach der Lehre selbst kein Auto leisten können. Die Fahrprüfung bestand ich – Thomi sei Dank – am 1. Mai 1964 auf Anhieb.

Ferien dank Notlüge

Ein Jahr später fuhr uns der kleine Fiat auch in unsere ersten Ferien ans Meer nach Alassio. Mit einer Notlüge im Gepäck: Unverheiratet zu verreisen, hätte mein strenger Vater mir wohl auch mit 24 Jahren noch verboten. Deshalb erzählte ich meinen Eltern, ich begleite meine Freundin Lisbeth. Sie deckte mich und musste die ganze Woche höllisch aufpassen, zuhause in Wohlen nicht plötzlich meinen Eltern zu begegnen. Mein Vater arbeitete als Camionneur und kreuzte mit Ross und Wagen am Bahnhof jeden Morgen Lisbeths Weg.

Wegen des Fiats wären wir allerdings beinahe aufgeflogen. Denn auf der Rückreise versagte der Motor nach dem Gotthardpass und lief nur noch auf einem Zylinder. Ich setzte mich ans Steuer und Thomi musste bei jeder Steigung stossen. Über die flachstmögliche Route durch die Stadt Zug statt via Immensee schafften wir es knapp nach Hause.

Verena Baur mit ihrem Fiat 500 auf dem Sustenpass in den 1960er Jahren
© privat

Autofahren war damals noch etwas Besonderes, das man genoss. War das Wetter gut, stiegen wir in unseren Fiat und unternahmen eine Ausfahrt. Etwa jene auf den Susten 1965, kaum dass der Pass im Frühling wieder öffnete. So gewaltige Schneemassen sähe man heute wohl nicht mehr. Und wahrscheinlich auch kein so elegantes Reise-Outfit. Als gelernte Schneiderin legte ich Wert auf eine tadellose Garderobe. Mein Kostüm hatte ich selbst genäht und trug stolz einen schwarzen Stroh-Hut. Schliesslich stamme ich aus Wohlen, das man damals wegen der florierenden Hutflecht-Industrie «Chly Paris» nannte.

Noch die Generation meiner Mutter ging kaum ohne Hut aus dem Haus. Am Sonntag in der Kirche wetteiferten die Frauen, wer den schöneren Kopfschmuck trug. Später schloss eine Fabrik nach der anderen – weil die Frauen lieber zum Coiffeur gingen, statt einen Hut zu tragen, hiess es. Heute erinnert noch ein interessantes Stroh-Museum* in Wohlen an jene Zeiten.

Ich wäre gerne Handarbeitslehrerin geworden, bestand jedoch die Aufnahmeprüfung nicht. Als Damenschneiderin verdiente ich in der Lehre anfangs 5 Franken pro Monat. Schon damals war dieser Frauenberuf schlecht bezahlt, doch ich nähte, entwarf und gestaltete mein Leben lang gern. In Steckborn liess ich mich zur Instruktorin für Bernina-Nähmaschinen ausbilden, um den Kundinnen das Nähen beizubringen. Ich arbeitete im Bernina-Geschäft in Zug und bewohnte eine eigene kleine Wohnung – eine schöne Zeit.

Hochzeit anno 1968

Hochzeitsfoto von Verena Baur und ihrem Mann 1968
© privat

Selbstverständlich nähte ich auch mein Hochzeitskleid selbst, als Thomi und ich 1968 heirateten. Dass ich danach meinen Beruf aufgab, war damals selbstverständlich. Wir zogen in den Geburtsort meines Mannes nach Sarmenstorf, wobei ich eine Bedingung stellte: Wenn wir Kinder hätten, wollte ich ein Auto zur Verfügung haben.

Dass wir unseren Sohn und unsere Tochter nicht in eine Kita schickten, war für uns beide ebenfalls klar. So suchte ich Nebenbeschäftigungen, die ich von zu Hause aus erledigen konnte, solange die Kinder klein waren. In meinen Beruf kehrte ich nie zurück, nähte aber oft für die Familie – bis die Jeans-Welle kam und die Kinder über selbstgenähte Kleider die Nase rümpften.

1978 konnten wir ein eigenes Haus beziehen, das heute unser Sohn mit Familie bewohnt. Als neuste Wohnetappe bauten wir die ehemalige Garage neben dem Elternhaus meines Mannes zu unserem «Alterssitz» um. Hier fühlen wir uns wohl und zuhause. Unser Alltag ist ruhiger geworden, auch seit die Enkelkinder erwachsen sind. Grosse Sprünge machen wir nicht mehr, höchstens nach Ascona oder Interlaken.

Apropos Sprünge: Seit einem komplizierten Oberschenkelbruch vor einem Jahr muss ich mich in Geduld üben. Erst langsam lerne ich wieder laufen. Da freut man sich über Kleinigkeiten, etwa wieder in den oberen Stock oder aus dem Haus zu gehen. Wenn mir in den vergangenen Monaten daheim manchmal die Decke auf den Kopf fiel, chauffierte mein Mann mich etwas herum. Noch immer mit «AG 66214»: Mit dieser Nummer fahren wir nun seit über sechzig Jahren glücklich gemeinsam durchs Leben.

Aufgezeichnet von Annegret Honegger

*Alles über die Geschichte der Freiämter Strohgeflecht-Industrie und Hutmode im Schweizer Stroh-Museum in Wohlen AG www.schweizer-strohmuseum.ch


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Beitrag vom 19.03.2026

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