Aargau, Luzern, Zürich und Spanien retour

Georges Roth verbrachte fast dreissig glückliche Jahre als Taxifahrer in der Stadt Zürich. Dann wurde er überfallen, gab seinen Traumberuf auf und zügelte nach Spanien. Aus dem geplanten Jahr wurden ganze dreissig. Zurück in der Schweiz wurde der leidenschaftliche Autofahrer zum Wanderer.

Rund dreieinhalb Millionen Kilometer legte ich in meinem Leben im Auto zurück. Bei mir drehte sich bereits in der Kindheit fast alles ums Auto. Schon als kleiner Bub im Aargauer Wynental bewunderte ich täglich die Fahrzeuge in unserem Dorf und im Nachbarort. Natürlich konnten sich zu jener Zeit erst die Reichen wie etwa die Fabrikbesitzer ein eigenes Auto leisten.

Da ich die Bezirksschule nur drei Jahre besucht hatte, wurde nichts aus der Lehre als Automechaniker. So lernte ich Bauspengler und hatte Glück: Mein Lehrmeister war ein Autofan wie ich. Da mir die Arbeit auf dem Bau nicht zusagte, absolvierte ich die Hotelfachschule in Luzern und arbeitete eine Zeit lang in grossen Hotels in der Schweiz.

Risikoberuf Migros-Verkaufswagenfahrer

Später fuhr ich als erster Chauffeur für die Migros durch den Kanton Luzern, vier Tage pro Woche von 4 Uhr morgens bis neun Uhr abends. Damals waren die Verkaufswagen ebenso neu wie verpönt. Der Verkauf auf öffentlichen Plätzen war verboten. In Sursee wurde jedem Mann mit dem Verlust der Arbeitsstelle gedroht, falls seine Frau bei uns einkaufte. In Schötz warf der Gemeindeammann einer unserer Kundinnen die gekauften Eier an den Kopf. Ich selbst wurde einmal mit einer Peitsche angegriffen. Danach fuhr immer die Kantonspolizei mit.

Ein Kollege vermittelte mir eine Stelle als Taxifahrer in Zürich. Man stellte mich vom Fleck weg ein, ohne jegliche Ortskenntnisse. Mein erster Kunde, der von Oerlikon zum Hauptbahnhof wollte, musste mir den Weg erklären, weil ich keine Ahnung hatte.

Als ich mit 23 Jahren heiratete, hätten sich meine Schwiegereltern wohl einen besseren Schwiegersohn gewünscht. Zürich hielten sie für einen Sündenpfuhl. Sobald sie aber ihre Enkelin kennenlernten und sahen, wie hart ich arbeitete, hatten wir das beste Verhältnis.

80-Stunden-Wochen

Die ersten Jahre war ich jeden Tag im Einsatz, oft achtzig Stunden pro Woche. Beschränkungen und Fahrtenschreiber gab es damals noch nicht. Meist fuhr ich einen weissen Mercedes, den ich immer selbst pflegte und reparierte. Nur wenige Autos halten die grosse Belastung in diesem Geschäft aus.

In meinem Taxi mit der Nummer ZH 8897 war ich in meinem Element. Ich genoss es einfach, Zeit im Auto zu verbringen – egal, ob es fuhr oder stand. Musste ich warten, so las ich oder hörte Radio. Seit meinem ersten Globi-Buch als Kind las ich alles, was mir in die Finger kam. Selbst die Bibel habe ich zweimal gelesen.

Mir gefielen die Begegnungen und Gespräche mit ganz unterschiedlichen Menschen. Unglaublich, was einem die Leute alles anvertrauen. Bis hin zum Intimsten. Das Taxi scheint eine Art fahrender Beichtstuhl zu sein. Ein befreundeter Psychiater meinte einmal, er brauche zig Sitzungen, bis er über einen Klienten so viel wisse wie ich nach einer einzigen Fahrt…

Ich hörte die Klagen von Arbeitnehmer- wie von Arbeitgeberseite. Fuhr Prominente ebenso wie Betrunkene, die wir im Auftrag der Polizei nach Hause brachten. Mal ging es zu einer Hochzeit, mal zu einer Beerdigung. Manchmal musste ich für die IBM Computerteile befördern, dann wieder für die Swissair bei Nebel Passagiere von Basel nach Zürich holen. Einmal stieg sogar ein Scheich samt Harem bei mir ein. So lernte ich: Die Reichen haben zwar mehr Geld als andere, aber genauso viele Sorgen.

Mit Bill Ramsey auf Tournee

Den Leuten gefiel meine Fahrweise. Ich war immer subtil unterwegs, bremste nicht abrupt und nahm Kurven sanft. Der Sänger Bill Ramsey engagierte mich 15 Jahre lang für seine Tourneen. Obwohl wir stets beim Sie blieben, wurden wir gute Freunde. Durch ihn lernte ich in den Studios viele Berühmtheiten aus Film und Fernsehen kennen.

Meinen Traumberuf musste ich nach fast dreissig Jahren aufgeben – unfreiwillig. Eines Morgens um 6 Uhr überfielen mich zwei Männer. Die Täter sahen harmlos aus, aber als ich mein Portemonnaie zückte, spritzte mir einer von hinten ein giftiges Gas ins Gesicht. Ich sah nichts mehr und fürchtete um mein Leben. Die über Funk herbeigerufene Polizei brachte mich ins Universitätsspital.

Lange war unklar, ob ich mein Augenlicht wiedererlangen würde. Meine Menschenkenntnis und mein Grundvertrauen waren zutiefst erschüttert. Auch als ich wieder sehen konnte, ertrug ich es nicht mehr, wenn Fahrgäste hinter mir sassen oder sich mir jemand von hinten näherte.

Neues Glück in Spanien

Nach einem Jahr ständiger Nervosität konnte meine Frau mein Leiden nicht mehr mit ansehen. Wir nahmen uns eine Auszeit und reisten nach Spanien. Aus dem geplanten Jahr wurden ganze dreissig. Wir bauten ein Haus und ich verdiente Geld mit verschiedenen Beteiligungen. Finanzen und die Börse hatten mich schon immer interessiert.

In die Schweiz kehrten wir erst vor fünf Jahren zurück. Meine Frau hatte sich in den letzten Jahren stark verändert und erhielt schliesslich die Diagnose Demenz. In dieser schwierigen Zeit tat es mir gut, in einer kleinen Broschüre die kuriosen Erlebnisse aus meiner Taxi-Zeit aufzuschreiben, die ich in all den Jahren in meinem schwarzen Notizbüchlein festgehalten hatte. Für mich war das wohl eine Art Schreibtherapie.

Unterdessen bin ich verwitwet und fahre nicht mehr Auto. Den Fahrausweis und meinen Wagen habe ich abgegeben, als ein grosser Service nötig geworden wäre. Dieser Moment, vor dem ich mich lange gefürchtet hatte, ging letztlich ganz einfach. Schliesslich sind die schönen Zeiten, als es auf unseren Strassen noch wenig Verkehr und kaum Vorschriften oder Geschwindigkeitsbegrenzungen gab, sowieso längst vorbei. Auch das Taxigewerbe ist durch die Konkurrenz von Uber noch viel unsicherer und hektischer geworden als zu meiner Zeit.

Auch auto-los glücklich

Dafür habe ich das Wandern entdeckt. Täglich lege ich etwa 15 Kilometer zurück. Einmal pro Monat gehe ich zu Fuss die 35 Kilometer bis nach Luzern. Meine Beine laufen und laufen und werden nicht müde. Vielleicht verdanke ich dies den vielen Jahren, in denen ich vor allem im Auto sass.

Unterwegs komme ich wie früher im Taxi mit vielen Leuten ins Gespräch und freue mich über die schönen Begegnungen. An manchen Tagen löse ich eine ÖV-Tageskarte und unternehme Ausfahrten. Einfach hineinzusitzen und die Aussicht zu geniessen, das ist herrlich!

Aufgezeichnet von Annegret Honegger


«Georges Roth erzählt Geschichten aus seinem Alltag als Taxifahrer»

Lesen Sie hier ein paar Geschichten, die Georges Roth während seiner Arbeit als Taxifahrer schriftlich festgehalten hat.

Ein Fehler der Grossmutter

Zwei junge Burschen im Taxi warnten mich vor einer Radarfalle. «Habt ihr Erfahrung mit dieser gemacht?» fragte ich. «Ja, leider, deshalb müssen wir jetzt Taxi fahren.» «Was ist denn passiert?» «Also, wir wollten einmal gucken, wie es blitzt. Wir haben die Autonummer abmontiert und sind mit übersetzter Geschwindigkeit durchgefahren – schön hat es geblitzt. Doch am Abend stand die Polizei vor der Tür.» «Aber warum haben sie euch erwischt, wenn ihr doch die Autonummer demontiert habt?» «Schuld hat die Grossmutter. Denn die hat die Nummer auf ein Kissen gestickt, welches auf der Hutablage im Auto lag.» Die Grossmütter machen auch nicht immer alles richtig.


Der vergessliche Soldat

In Zürich-Schwamendingen hat es einen Taxistand, wo immer mehrere Taxis stehen. Eines Tages kam ein Soldat und wollte zum Hauptbahnhof. Er erzählte mir, dass er gleich neben dem Taxistand wohnte (für den Verlauf der Geschichte ist das wissenswert). Wir legten also seinen Tornister in den Kofferraum des Taxis und fuhren los. Er setzte sich zu mir nach vorne um ein bisschen mit mir über seine künftige Dienstzeit zu sprechen. Etwa ein Kilometer vor dem Bahnhof kam von hinten her ein anderes Taxi, dessen Chauffeur wie verrückt hupte und blinkte. Ich dachte, dass ich vielleicht einen platten Reifen oder sonst einen Defekt an meinem Taxi hätte? Da ich aber nichts bemerkte, fuhr ich weiter. Am Hauptbahnhof angekommen, öffnete ich den Kofferraum und half dem Soldaten seinen Tornister anzuziehen, da hielt das Taxi von vorher, welches gehupt hatte. Der Chauffeur stieg aus und übergab dem Soldaten sein Gewehr, das er zuhause vergessen hatte. Während einige Leute mit einem Lächeln zuschauten, hielt ein zweites Taxi an und übergab dem Soldaten sein Bajonett. Jetzt begannen die darum herumstehenden Leute an zu lachen. Meine Bemerkung: In der Schweiz wird eine Mobilmachung nie funktionieren, denn es gibt zu wenig Taxis, welche Vergessenes nachliefern könnten.


Ohne Lokführer fährt kein Zug

Der Fahrgast, den ich morgens um 4:30 Uhr in Zürich-Affoltern abholte, wollte ganz schnell auf den Hauptbahnhof. Er war ganz nervös und ich tröstete ihn, dass bald wieder ein anderer Zug fahren würde, falls er den nächsten nicht erreichen würde. Er erklärte mir aber; dass er diesen Zug unbedingt erreichen müsse, denn er sei der Lokomotivführer.


Fast im Gefängnis

Ein Herr stieg ein und wollte so schnell wie möglich nach Regensdorf. Nachdem ich ihm erklärte, dass Regensdorf ein gemütliches Dorf sei und dort schon jedermann einmal zu spät angekommen sei, erklärte er mir, er sei Insasse des Zuchthauses. Wenn er verspätet von seinem Urlaub zurückkäme, so sei sein nächster Urlaub gestrichen und er käme 3 Tage in Einzelhaft. Ich hatte Erbarmen mit dem Mann und erklärte ihm, ich käme mit ihm zum Eingang wo der Gefängniswärter sei. Dort würde ich ihm sagen, mein Taxi hätte einen Plattfuss gehabt und durch den Radwechsel hätten wir viel Zeit verloren. Ich hielt dann einen Moment an, stieg aus und dann ging es weiter. Der Wärter am Eingang war sehr misstrauisch und umrundete mein Taxi. Er sah, dass das Rad hinten links im Gegensatz zu den drei anderen Rädern ziemlich sauber war. Jetzt wusste der Fahrgast auch, was ich schnell gemacht hatte, als ich unterwegs anhielt und schnell nach hinten ging. Der Wärter sagte dann, es sei in Ordnung und der Mann kriegte keine Strafe. Ich glaube man hatte selten jemanden gesehen, der mit einem Lächeln auf dem Gesicht ins Gefängnis hinein ging. Merke: Wenn man vor einem Gefängnis lügt, muss man vorher sein sauberes Nastuch zweckentfremden und ein Rad damit putzen. Die Vorwürfe kamen später von meiner Frau, nach dem Waschen.


Vertrauen in einen Taxifahrer

Ein Herr, den ich schon öfter gefahren war, stoppte mich an der Bahnhofstrasse. Er sagte mir: «Bin ich froh, dass ich sie treffe. Ich muss an eine Sitzung und habe ein wichtiges Schriftstück in meinem Tresor vergessen. Hier haben Sie meinen Wohnungs- und Tresorschlüssel. Der Tresor ist hinter dem Bild im Korridor. Dort ist ein Couvert mit einem Bankenumschlag der UBS. Das muss ich dringend haben in der Bank. Ich bin im Sitzungszimmer 8 im 5. Stock.» Ich staunte über sein Vertrauen, denn im Tresor war nicht nur das Couvert, sondern auch jede Menge Geldbündel. Der Mann bedankte sich sehr und wurde später landesweit ein bekannter Politiker. Geld allein macht nicht glücklich. Der Ruf ist wichtiger.


Abweisungen des Funksignals

Inzwischen hatten wir Funk im Auto. Das Gerät war 20 Kilo schwer und beanspruchte den halben Kofferraum. Es gab viele Defekte und unter anderem schwankte manchmal die Frequenz und störte andere Geräte. Eines frühen Morgens wartete ich vor dem Hotel Nova, circa zehn Meter vom Eingang entfernt. Als ich ein wenig an meinem Funkgerät herumspielte, gehen plötzlich die automatischen Eingangstüren des Hotels auf und wieder zu. Also noch einmal drücken und es passierte wieder das Gleiche. Nach dem 3. Mal kam der Concierge heraus, schüttelte den Kopf und ging wieder hinein. Ich drückte wieder an meinem Funkgerät herum und der Concierge kam mit Tempo wieder gucken. Wieder sieht er niemand. Er versteckte sich hinter einer Säule und es passierte natürlich nichts. Ich sage jetzt nicht wie viel Mal ich noch gedrückt habe. Ich wusste nicht, dass ich so boshaft sein konnte. Aber es war doch ein unnachahmlicher, lustiger Spass.


«Ich habe den Taxi-Fahrerberuf 30 Jahre ausgeübt und es war nie eine Arbeit für mich, sondern ein Hobby. Ich hätte noch 100 Erlebnisse zu erzählen, aber es gibt viele Sachen, die man am besten für sich behält.»

Georges Roth

Beitrag vom 29.09.2022

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