Der schwarze Kaiser inmitten von Weissen Haile Selassie, Kaiser von Abessinien

Aus dem Buchband «Blaues Blut. Royale Geschichten aus der Schweiz» von Michael van Orsouw. Erschienen im Verlag Hier und Jetzt.

Vorwort von Beat Gugger und Bruno Meier 

Im neuen Badezimmer im barocken Landschloss Jegenstorf steht seit 1954 eine vergoldete Badewanne. Der Einbau kostete 18 000 Franken, ein für die damalige Zeit hoher Preis. Auch die Zentralheizung wurde revidiert, und die Küche mit einem neuen Elektrobackofen und Kühlschrank ausgestattet. Schliesslich lieh die Schlossverwaltung repräsentative Möbel im Historischen Museum Bern aus und mietete edle Teppiche hinzu. 

Es ist offensichtlich: Die offizielle Schweiz und der Stand Bern wollen sich nicht lumpen lassen, wenn vom 25. bis 28. November 1954 Kaiser Haile Selassie zu Besuch kommt und im bernischen Schloss Jegenstorf logiert. Der Kaiser wirkt etwas einschüchternd mit seinen eindrucksvollen Titeln «Der siegreiche Löwe aus dem Stamme Juda», «Der König der Könige», «Der Auserwählte Gottes» und «Der Kaiser von Äthiopien».

Hailé Selassie um 1930
Hailé Selassie um 1930

In den Schweizer Medien wird er der Einfachheit halber «Negus» genannt, was jedoch herabsetzend ist, da der Begriff König bedeutet und viele Stammesälteste in Äthiopien Könige sind. Der in die Schweiz reisende Kaiser ist jedoch der «Negus Negesti», der «König der Könige». Sein privater Name Haile Selassie bedeutet übrigens «Die Macht der Dreieinigkeit», er hat ihn in aller Unbescheidenheit selbst gewählt und trägt ihn seit seiner Krönung 1930.

Selassies Land heisst Äthiopien; Abessinien ist ein Teil davon. Das ganze Land Äthiopien ist so gross wie Deutschland, Frankreich, Belgien, die Niederlande und die Schweiz zusammen. Weil es hügelig ist und nie kolonialisiert wurde, nannte es der bekannte Schweizer Afrikaforscher Werner Munzinger-Pascha «die afrikanische Schweiz». Im Gegensatz zur Schweiz ist Äthiopien sehr dünn besiedelt und gilt als Land der Märchen und Wunder. 

  • Wer: Haile Selassie. Er hiess ursprünglich Ras Tafari Mahonnen.
  • Wann: Geboren am 23. Juli 1892 in Edjersso, gestorben unter ungeklärten Umständen am 25. August 1975 in Addis Abeba in Äthiopien.
  • Was: Er war Regent von Äthiopien (1916–1930), Kaiser von Abessinien (1930–1936, 1941–1974) und «Negus Negesti» (König der Könige), er nannte sich den 225. Nachfolger des Königs Salomon.
  • Wie: Während seiner Regierungszeit modernisierte er sein Land, auch mit der Hilfe des Westens. Im Verlaufe der langjährigen Regentschaft kamen vermehrt Stimmen auf, die den Kaiser als rückständigen Autokraten kritisierten. Mit seiner Absetzung 1974 fand ein 3000 Jahre altes Kaiserreich sein Ende. Für die Anhänger der weltweit verbreiteten Rastafari-Glaubensrichtung lebt er weiter, sie verehren ihn als Messias.
  • Bezug zur Schweiz: Haile Selassie besuchte die Schweiz drei Mal, 1924, 1936 und 1954. Zudem soll er mehrmals für Arztbesuche kurz in der Schweiz gewesen sein.

Wunderliches erlebt nun auch die Schweiz, als der Kaiser zu Besuch kommt. Denn Kaiser gibt es 1954 auf der Welt nicht mehr viele: Der habsburgische Kaiser Karl I. ist ebenso im Exil verstorben wie der deutsche Kaiser Wilhelm II. Der 62-jährige Selassie ist der einzige Kaiser, der noch wirklich über ein Land herrscht. Das führt zu Ver- und vor allem zu Bewunderung.

Nun bereist dieser Kaiser die Schweiz. Bei der Ankunft in Basel wird der «König der Könige» auf Perron eins von Bundesrat Max Petitpierre, lokaler Prominenz und viel Militär empfangen. Die sonst so nüchternen Basler Bahnhofshallen sind mit Blumen, Lorbeerkränzen und Fahnen geschmückt, und auf dem Perron liegt ein riesiger Teppich mit dickem Flor ausgebreitet. Der Kaiser wirkt mit seinem hohen Zweispitzhut, von dem das Löwenhaar wallend herunterfällt, mit den farbigen Orden und dem Krummsäbel wie aus einer anderen Welt und einer anderen Zeit. Das offizielle Händeschütteln führt die scheinbar getrennten Welten zusammen, danach schmettert die Militärkapelle die abessinische Landeshymne.

Der Kaiser schreitet salutierend die 140 Mann umfassende Ehrenkompanie ab und zwei Basler Trachtendamen – von denen eine früher als Lehrerin in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba gewirkt hat – überreichen ihm grosse Blumensträusse. Wenige Minuten nach der Ankunft geht die kaiserliche Tour de Suisse bereits weiter, der hohe Gast besteigt den «Roten Pfeil», die elegante Zugsformation RAe 4/8 1022 der SBB, die erst seit einem Jahr in Betrieb ist. Der sogenannte Doppelpfeil besticht durch seine besonders luxuriöse Innenausstattung und führt den Kaiser in den nächsten Tagen quer durch die Schweiz. 

Der Kaiser von Äthiopien kommt mit seiner rund zwanzigköpfigen Entourage und seinen 3000 Kilogramm Gepäck im Landschloss Jegenstorf unter, während er tagsüber ein dichtes Reise- und Ausflugsprogramm durch die Schweiz absolvieren wird. 

Schloss Jegenstorf: Kaiser Selassie verlässt den Salon
Schloss Jegenstorf: Kaiser Selassie verlässt den Salon © ETH Bildarchiv

Nach der Ankunft auf dem Schloss gibt es einen märchenhaften Empfang für 250 Personen und ein exklusives Dinner für dreissig geladene Gäste: Dabei serviert das Personal des noblen Berner Hotels Bellevue ein aufwändiges Sechs-Gang-Menü mit erlesenen Zutaten und köstlichen Weinen. Doch der äthiopische Kaiser ist weder ein geniesserischer Weinkenner noch ein grosser Esser; während andere dem Champagner und gut gelagertem Wein zusprechen, begnügt er sich mit Fruchtsaft. Zu Ehren des hohen Gastes spielt das Stadttheater Bern Ausschnitte aus Richard Wagners Oper «Lohengrin» und aus Richard Strauss’ Operette «Der Rosenkavalier».

Nach dem Festessen ruht sich der Kaiser im ersten Stockwerk des Schlosses aus, in einem Zimmer mit Blick auf den Schlossweiher und den Park. Dutzende von Soldaten, Polizisten, Detektiven und Wachhunden sichern das Anwesen und damit den Aufenthalt des Kaisers. Der Bodyguard des Kaisers, der ihm zugeteilte Berufsoffizier Heinrich Städeli, weicht nicht von der Seite des hohen Gasts. Dazu eine kleine Anekdote: Als der Kaiser mit dem Bundesrat ins Gespräch vertieft ist, schnappt sich Offizier Städeli ein Souvenir. Er reisst aus dem kaiserlichen Zweispitz heimlich eines der echten Löwenhaare. Sorgfältig wird er dieses während Jahrzehnten in einem Umschlag aus Zellophan aufbewahren.

Der Staatsbesuch des äthiopischen Herrschers ist ein präzise durchkomponiertes Grossereignis. Es ist übrigens erst das siebte Staatsoberhaupt, das die Schweiz besucht, und Haile Selassie ist nach dem etwas wunderlichen deutschen Kaiser Wilhelm II. der zweite Kaiser in offizieller Mission. 

100’000 Schaulustige in Bern

Auf dem Programm des Staatsbesuchs stehen Abstecher nach Bern, Zürich, Baden und Genf. Der Kaiser bringt mit seinen farbigen Uniformen, den goldbesetzten Orden, den ornamentalen Hüten mit echtem Löwenhaar und der dunklen Hautfarbe Exotik und Abwechslung in den grauen Schweizer November. Die Zeitungen berichten täglich und detailliert über den Kaiserbesuch, und die Schweizer Illustrierte bringt sogar eine Extraausgabe heraus und interpretiert jedes Detail: «Die absolute Unbewegtheit der fast zierlich zu nennenden Gestalt mit den feingliedrigen Händen gibt der Erscheinung im Stehen wie im Sitzen etwas vollkommen Sicheres und Abgeschlossenes.» 

Das Interesse am hohen Besuch ist immens. In der Stadt Bern jubeln dem Kaiser mehr als 100’000 Schaulustige zu, sie schwenken Fähnchen und rufen hurra, als Haile Selassie winkend in der offenen Kutsche durch Berns Altstadtgassen fährt. Am Strassenrand jubeln auch viele Kinder, die sogar schulfrei haben. Geleitet von Polizisten auf Pferden und einem Kavallerieschwadron ziehen vier Pferde den Landauer, in dem der Staatsgast sitzt. Viele Zeitzeugen können sich später lebhaft an den Kaiser aus Afrika erinnern und erzählen noch Jahrzehnte davon.

Empfang im Bundeshaus: Der Kaiser steigt die Bundeshaustreppe hinab, flankiert von Politikern
Empfang im Bundeshaus: Kaiser Hailé Selassie steigt die Bundeshaustreppe hinab, flankiert von Politikern © ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv

Damit der Kaiser an diesem grauen Novembertag nicht friert, haben die umsichtigen Schweizer Gastgeber vorgewärmte Ziegelsteine in die offene Kutsche gelegt. Vor dem Bundeshaus fährt der Konvoi noch eine Platzrunde, bevor Stadtmusik, Ehrenkompanie und Bundesrat den hohen Gast in Empfang nehmen. 

Diese offen gezeigte Begeisterung für den Staatsgast ist auch eine Art Wiedergutmachung der Schweiz. Denn Haile Selassie hat zuvor zwei Mal schlechte Erfahrungen in der Schweiz gemacht. Blenden wir kurz zurück. 

Das erste Mal war er 1924 in der Schweiz gewesen, er hiess damals noch «Ras Tafari Mahonnen», war weder König noch Kaiser, sondern «nur» Regent unter Kaiserin Zaudita. Im Rahmen einer längeren Auslandsreise mit Abstechern nach Frankreich, Italien, England und Schweden kam er damals nach Genf. Doch musste er Hals über Kopf in seine Heimat zurückreisen, weil ein Staatsstreich geplant war, bei dem man ihn absetzen wollte. Er kam gerade noch rechtzeitig zu Hause an und blieb an der Macht.

Auch seine zweite Schweizer Reise führte ihn nach Genf. Inzwischen war er bereits Kaiser und kam 1936 als Bittsteller zur Versammlung des Völkerbunds, dem damals einzigartigen supranationalen Forum. Italien unter dem faschistischen Diktator Benito Mussolini hatte Abessinien mit Giftgas bombardiert, besiegt und annektiert. Kaum trat Haile Selassie in Genf ans Rednerpult, gellten Pfiffe durch das Völkerbunds-Palais: Es waren italienische Journalisten, die von der Pressetribüne pfiffen und den Redner mit Zwischenrufen störten – eine Respektlosigkeit sondergleichen, dessen war man sich einig. Unter grosser Aufregung eilten Polizisten zur Tribüne und nahmen die störenden Journalisten nach einem unrühmlichen Handgemenge fest. Erst dann konnte der Kaiser weiter sprechen und verlangte von den Grossmächten rigorose Massnahmen und wirksame Sanktionen gegen den Aggressor Italien. 

Zwar löste die Rede auf der ganzen Welt eine starke Wirkung aus, aber nur moralisch. Die bewegende Ansprache veranlasste die Staatsmänner keineswegs, Äthiopien wirklich zu helfen. Tatsächlich bedeutete die Abfuhr für den Kaiser einen Verrat an der Idee des Völkerbunds. Das System kollektiver Sicherheit, das der Völkerbund gerade kleineren Staaten bieten sollte, versagte hier komplett; Selassies Zurückweisung stellte den Anfang vom Ende des Völkerbunds dar. 

Der «König der Könige» sondierte im Anschluss an die Rede, ob wenigstens für ihn persönlich ein Exil in der neutralen Schweiz möglich wäre. Doch der Bundesrat lehnte etwas gewunden ab: «Die Einräumung eines dauernden Gastrechts an ein fremdes Staatsoberhaupt, das sich selbst im Kriege mit einem unserer Nachbarstaaten betrachtet, müsste zu Unzukömmlichkeiten führen.» Eine Karikatur von damals zeigt Bundesrat Giuseppe Motta, der als Mussolini-Bewunderer galt, wie er dem flüchtenden Kaiser die Türe vor der Nase zuschlägt. «Es tuet mir leid, ich dörf niemer ineloh», steht unter der Zeichnung. 

In Amerika der Mann des Jahres

Doch nun, 1954, sind die Umstände beim Schweizer Besuch des Kaisers ganz anders. Haile Selassie ist seit 1941 wieder in seiner Heimat und als Kaiser in Amt und Würden. Jetzt soll er einen guten, bleibenden Eindruck der Schweiz gewinnen, dafür wollen die Schweizer Behörden sorgen, unter anderem mit der vergoldeten Badewanne. In den internationalen Gazetten wird Haile Selassie wie ein Politstar gefeiert.

Obwohl er ein absolutistischer Herrscher ist, der wie einst der Sonnenkönig Frankreichs Legislative, Judikative und Exekutive dominiert, gilt er als vorbildlicher Vertreter von Fortschritt und der Unabhängigkeit Afrikas. Er ziert als «Man of the Year» das Titelbild des renommierten US-Nachrichtenmagazins Time und wird von Präsident Dwight Eisenhower in Washington persönlich empfangen. Der Kaiser hat sein Land ins internationale Bewusstsein gerückt und weiss es geschickt darzustellen. Öffentlichkeitswirksam bereist er ganz Europa. Warum der Kaiser ein besonderes Interesse an der Schweiz hat, ahnt der Bundesrat wohl kaum.

Der äthiopische Kaiser besucht im Jahr 1954 nicht nur die Schweiz, sondern auch Kanada, Deutschland, England, Frankreich, Jugoslawien, die Niederlande, Schweden und Dänemark. Er wird dabei von Grössen der Zeitgeschichte wie Theodor Heuss, Winston Churchill, Königin Elisabeth, Tito, Königin Juliana oder König Friedrich empfangen, er erhält Auszeichnungen wie in Montreal und in Bonn den Ehrendoktor, in Belgrad das Ehrenbürgerrecht, in Paris die Militärmedaille der französischen Ehrenlegion und in London den Hosenband-Orden der englischen Königin. In der Schweiz wird Haile Selassie nicht mit Auszeichnungen bedacht, man beschenkt ihn wohl aber mit drei Uhren.

«Es sind nicht alle gleich, die mit dem Kaiser reiten.»

Redewendung

Der «König der Könige» hat auf seiner kleinen Welttournee eine grosse Mission: Äthiopien soll durch einen kräftigen Modernisierungsschub das fortschrittlichste Land Afrikas werden. Er plant den Ausbau von Strassen, Schienen, Schulen, Spitälern, Energiezentralen und Kommunikationssträngen. Aber sein Land ist sehr arm, die Investitionen kosten Unsummen. Der schlaue Kaiser verzichtet deshalb auf Kredite, die Äthiopien auf ewig verschulden würden. Stattdessen lässt er sich Maschinen liefern, holt europäische Fachleute und vergütet die Lieferungen mit dem Export äthiopischer Waren wie Kaffee, Elfenbein oder mit wertvollen Bodenschätzen wie Gold, Erz, Platin, Kupfer, Schwefel und – besonders interessant – Uran.

Bereits arbeiten Piloten und Lehrer aus Amerika in Äthiopien, englische Offiziere für die Reorganisation der Armee, Ärzte aus Schweden und Ingenieure und Hotelfachleute aus der Schweiz. Sie unterstützen Selassie beim Aufbau seines Landes; im Gegensatz zu den kiffenden Rastafaris aus Jamaika, die ihn wie einen Messias verehren.

Er mag bodenständige Schweizer wie André Nicod, der die kaiserliche Musikkapelle – vierzig bewaffnete Gardisten – ausbildet. Nicod komponierte auch die äthiopische Nationalhymne. Selassies langjähriger Leibarzt ist ebenfalls ein Schweizer, nämlich Erwin Meyenberger. Auch der bekannte Flugpionier und Luftfotograf Walter Mittelholzer, der für die Unfallbilder von Königin Astrid nachts nach London flog, war mit dem Kaiser verbunden: Nach seinem legendären 46-Stunden-Flug von Zürich nach Addis Abeba verkaufte der Pilot dem Kaiser 1934 die dreimotorige Fokker. Mittelholzers populärer Film «Abessinienflug» und die eindrücklichen Fotografien des kaiserlichen Wirkens erinnern daran. 

Die Schweiz hat damals überhaupt einen guten Ruf in Abessinien, nicht zuletzt dank Ingenieur Alfred Ilg, der von 1897 bis 1907 dort Staatsminister war, den Bahnbau leitete, neue Gebiete erschloss und die Aussenpolitik führte. Kaiser Haile Selassie setzte viele Schweizer in führenden Positionen ein und dürfte der Schweiz sehr gewogen gewesen sein.

Doch anders als frühere gekrönte Häupter, die in der Schweiz auf Staatsbesuch weilten, will der afrikanische Kaiser statt der Bergwelt oder Sehenswürdigkeiten die moderne, industrielle Schweiz sehen. Er interessiert sich für die Errungenschaften der Schweizer Industrie, mit der er ins Geschäft kommen will; und für das Know-how der Nutzung von Wasserkraft, weshalb er in Baden die Kraftwerksbauer Brown Boveri & Cie. besucht. In Zürich besichtigt er an der ETH den neuen Hörsaal des Physikalischen Instituts und lässt sich unter anderem einen «photogrammetrischen Apparat» vorführen, also ein neuartiges Bildmessgerät.

Unterwegs säumen immer wieder Zehntausende die Strassen und jubeln jetzt dem Kaiser in Zürich zu. Die Zeitung Die Tat rapportiert: «An diesem Freitagvormittag vergassen grosse Teile der Stadtzürcher ihr demokratisches Gewissen, und das seltene Ereignis eines Kaiserbesuchs nahm sie voll gefangen.»

Der Freund des Waffenhändlers

Ebenfalls in Zürich folgt der wichtigste Teil des Kaisers Schweizreise: Er stattet der Waffenschmiede Bührle einen Besuch ab. Auf dem Fabrikdach wehen Fahnen in den äthiopischen Farben, so auch beim Fabrikeingang, wo zwischen kunstvoll drapierten Girlanden rote und gelbe Herbstblumen leuchten. 

So harmlos und friedfertig, wie der kleine, fast zerbrechlich wirkende Kaiser aussieht, ist er in Tat und Wahrheit nicht. Auch wenn er sich aussenpolitisch modern und offen gibt, agiert er innenpolitisch hart bis reaktionär und lässt auch mal einen Aufstand von aufbegehrenden Stammesfürsten eiskalt und blutig niederschlagen. Eine loyale Armee und leistungsfähige Waffen sind dazu unabdingbar. Einen Drittel des schmalen Staatsbudgets setzt er für Rüstung und Militär ein, das ist im internationalen Vergleich überdurchschnittlich viel. 

Hier kommt der deutsch-schweizerische Waffenproduzent Emil Georg Bührle (1890–1956) ins Spiel. Bereits seit Dezember 1934 ist Bührle Honorarkonsul Abessiniens in der Schweiz und damit hierzulande der einzige offizielle Vertreter des afrikanischen Staats. Die Ernennung nicht eines unabhängigen Diplomaten, sondern eines Waffenherstellers zum Ehrenkonsul, ist ziemlich aussergewöhnlich. 

Doch Äthiopien ist eben ein guter Kunde der Zürcher Waffenfabrik. Im Krieg gegen Italien war Haile Selassie selbst ins Feld gezogen. Ein westlicher Journalist berichtete, wie sich der Kaiser den Stahlhelm aufsetzte und eigenhändig mit einer Flugabwehrkanone der Marke Bührle auf die feindlichen Flugzeuge feuerte. 

Die gute Beziehung zur Schweizer Waffenschmiede hielt an. Bührle soll auch später, nach Inkrafttreten des Schweizer Waffenausfuhrverbots, weiterhin Waffen nach Abessinien geschmuggelt haben. Die Vorzugsstellung nutzte Bührle, um mit Bestellungen aus Äthiopien weitreichende Umgehungsgeschäfte einzufädeln. 1948 zum Beispiel lieferten die Zürcher Waffenbauer eine Grossbestellung nach Addis Abeba, bestehend aus 30 Fliegerabwehrkanonen, 20’000 Gewehren und 120’000 Stück Munition. Doch der äthiopische Gesandte konnte auf Nachfrage nicht belegen, dass die Waffen für sein Land bestimmt waren. Das Eidgenössische Politische Departement vermutete in einem Memorandum vom 18. September 1948, dass die Waffen weiter nach Palästina geliefert wurden. 

Angesichts der jahrelangen Geschäftsbeziehungen verwundert es nicht, dass Haile Selassie beim Staatsbesuch 1954 in der Schweiz auch die Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon besucht, wie die Waffenfertigung Bührles offiziell heisst. Emil Georg Bührle gilt dank der guten Geschäfte während des Zweiten Weltkriegs mittlerweile als reichster Schweizer. Beim Rundgang durch die Werkhallen zeigt der Kaiser besonderes Interesse an den Flugabwehrkanonen sowie an einem neu entwickelten Raketengeschütz. In der Folge lässt sich der hohe Besuch in den Schiesskeller von Bührle führen. 

Um sich nicht dem Vorwurf der Einseitigkeit auszusetzen, platzierte Bührle im Werkhof andere Schweizer Industrieerzeugnisse, zum Beispiel zwei unverfängliche Gotthardlokomotiven der Schweizerischen Lokomotivfabrik in Winterthur und der Brown, Boveri & Cie. Ob der äthiopische Kaiser schliesslich nach dem Besuch von Bührles Schiesskeller weitere Kanonen bestellt, ist nicht belegt, doch es liegt auf der Hand.

Nach Zürich folgt ein Abstecher Selassies auf den Waffenplatz von Payerne. Dort stellt die Schweizer Luftwaffe ihr Können bei einer Schiessdemonstration des Flugzeugs Venom unter Beweis. Schliesslich steht noch eine Stippvisite in Genf auf dem Reiseprogramm. Dort besucht der Kaiser den Palast der Vereinten Nationen (UNO), der Nachfolgeorganisation des Völkerbunds. Erst dann geht nach vier reich befrachteten Tagen der Staatsbesuch zu Ende. 

Der «Negus Negesti» reist weiter nach Österreich. Nach dem offiziellen Staatsbesuch in Wien will er eigentlich noch ein paar Tage zur Erholung in Österreich bleiben. Darauf verzichtet er und kehrt am 2. Dezember 1954 ausser Programm und «privat» in die Schweiz zurück. Er reist mit dem Sonderzug wieder nach Zürich. Auf dem Perron im Bahnhof Enge warten erneut viele Menschen, um den Kaiser zu bestaunen. In Empfang nimmt ihn diesmal kein Bundes-, Regierungs- oder Stadtrat, sondern ein persönlicher Freund: der Waffenproduzent Emil Georg Bührle. 

Schliesslich kommt er im Badhotel Verenahof in Baden unter, wo er sich ein Appartement mietet, «um sich in den Thermen von den Anstrengungen seiner Staatsbesuche zu erholen», wie Die Tat berichtet. Nach einer knappen Woche verlässt er die Schweiz mit einer DC-6B der Swissair in Richtung Addis Abeba.

Darüber, wie der Kaiser die Schweiz wahrnahm, ist kaum etwas bekannt. Der Reporter der Schweizer Illustrierten meint: «Etwas seltsam Warmes liegt in den Worten des Kaisers, wenn er von seinem ersten glücklichen Aufenthalt in der Schweiz spricht.» 

Doch ein internes Memorandum des Bundesrates wählt andere Worte, es erwähnt eine «certaine froideur» während des ganzen Besuchs, eine gewisse Kälte. 

Dazu passen die Geschenke des Kaisers: In Zürich und Genf übergibt er Stosszähne von Elefanten, Speere und einen verzierten Buckelschild, in Bern verschiedene Speere und einen Buckelschild; die Eidgenossenschaft aber musste sich mit einer gerahmten Fotografie des Kaisers begnügen, was zu Mutmassungen und auch zu Verunsicherung führte. Das lange erwartete Dankesschreiben aus Äthiopien traf erst im März 1955 ein. Immerhin unterzeichnete der Kaiser mit «le grand ami». 

In den Schweizer Kinos brachte die «Schweizer Filmwochenschau» nach der Abreise von Haile Selassie eine Sonderausgabe zu dessen Staatsbesuch, mit Ausschnitten von Basel, Hindelbank, Jegenstorf, Bern, Zürich, Payerne und Genf. Als «Beiprogramm» lief in den Kinos «Besuch bei Tieren».

Und noch eine Kuriosität: Das im Schloss Jegenstorf errichtete Badezimmer existiert heute noch, allerdings ohne vergoldete Badewanne. Heute kann es für kleine Events, etwa Apéros gemietet werden. Der Kaiser, für den es eingebaut wurde, hat es dem Vernehmen nach gar nie benützt.

Blaues Blut. Royale Geschichten aus der Schweiz», Michael van Orsouw, Verlag Hier und Jetzt, 2019, CHF 39.–. www.hierundjetzt.ch

Michael van Orsouw

ist Schriftsteller und promovierter Historiker aus Zug. Er hat für sein literarisches Schaffen diverse Auszeichnungen und Literaturpreise in Deutschland, Österreich und der Schweiz erhalten. Er schreibt Bücher, für die Bühne und fürs Radio. www.michaelvanorsouw.ch