Der Getriebene und Verjagte Gustav IV. Adolf von Schweden

Aus dem Buchband «Blaues Blut. Royale Geschichten aus der Schweiz» von Michael van Orsouw. Erschienen im Verlag Hier und Jetzt.

Vorwort von Beat Gugger und Bruno Meier 

Der schwedische König Gustav IV. Adolf lebte mehrere Jahre in Basel und in St. Gallen, bereiste Lenzburg, Brugg, Bern, Schaffhausen, Neuenburg und Luzern, und er erwarb sogar das Basler Bürgerrecht. Indes erinnert kein Denkmal an ihn, keine Strasse ist nach ihm benannt, keine Stadtführung befasst sich mit ihm. Nur auf zwei mickrigen Gebäudetafeln ist er erwähnt, eine befindet sich an der verkehrsreichen Ausfallachse der Basler St. Johanns-Vorstadt, die andere praktisch nicht sichtbar oberhalb eines Schaufensters in der St. Galler Altstadt. 

Dieser König hinterliess in der Schweiz kaum Spuren. Er war ein kurliger Kauz, seine Anwesenheit war keine Sternstunde der Geschichte. Er erfüllte jene, die ihm begegneten, nicht mit Stolz, sondern mit Scham oder peinlichem Schweigen.  Denn er war ein Verlierer, an den man sich nicht gerne erinnerte. Auf Neudeutsch formuliert: Er war ein Loser.

Gustav IV. Adolf, Gemälde von Per Krafft d. J., 1809
Gustav IV. Adolf, Gemälde von Per Krafft d. J., 1809 © wikimedia commons

Es ist das Jahr 1818. Aus dem einstigen Schwedenkönig Gustav IV. Adolf wird am 4. Februar der titellose Bürger Oberst Gustav Adolf Gustafsson. Der Rat von Basel verleiht ihm nach langem Hin und Her das Basler Bürgerrecht. 1500 Franken beträgt die bar zu entrichtende Einbürgerungsgebühr.

Gustav, der Schwede, bewohnt damals in Basels Stadthausgasse die unteren Zimmer im «Haus zum Seufzen» – der Hausname scheint zum abgehalfterten König zu passen. Seine Zimmer, welche auf die damals bestialisch stinkende Birsig hinausgehen, nennt er «Kajüte», den Fluss bezeichnet er als «Kloake». Diese Wohnsituation ist ein Unglück mehr in seinem Leben, das so überaus reich ist an Pleiten, Pech und Pannen, wie wir noch sehen werden.

Gut zu wissen

  • Wer: Gustav IV. Adolf von Schweden.
  • Wann: Geboren am 1. November 1778 in Stockholm, gestorben am 7. Februar 1837 in St. Gallen.
  • Was: Er war von 1792 bis 1809 König von Schweden.
  • Wie: Der absolutistisch regierende König agierte aussen- und innenpolitisch glücklos, bis er 1809 von Offizieren gestürzt und des Landes verwiesen wurde.
  • Bezug zur Schweiz: Nach seinem Sturz kam er 1810 erstmals in die Schweiz. Zeitweilig wohnte er in Basel, wo er sogar das Bürgerrecht erwarb. Die letzten drei Jahre seines Lebens verbrachte er in St. Gallen. Dort starb er schliesslich 1837. Erst 1884 wurden seine Gebeine nach Stockholm überführt und im Grab der schwedischen Könige beigesetzt.

Gustav IV. Adolfs unglückliches Leben beginnt bereits mit seiner Geburt am 1. November 1778 in Stockholm. Am fernen Wiener Hof geht das Gerücht, der junge Thronfolger könne unmöglich der Sohn von König Gustav III. Adolf sein, weil dieser schwul sei. Der Vater des Babys sei entweder der Stallmeister oder der königliche Leibarzt, der schon mal neben dem königlichen Schlafgemach nächtigte und schwülstige Liebesbriefe von der Königin erhielt. 

Das Unglück des kleinen Gustav IV. Adolf nimmt fortan seinen Lauf. Kaum den Kinderschuhen entwachsen, fällt sein Vater König Gustav III. Adolf 1792 einem Attentat zum Opfer; dass der theaterverrückte König ausgerechnet an einem seiner geliebten Maskenbälle ermordet wird, ist so bizarr, dass Giuseppe Verdi später aus dem Stoff die Oper «Ein Maskenball» entwickelt.

Der junge Thronfolger Gustav IV. Adolf, verwirrt nach der Ermordung seines Vaters, erbt die schwedische Krone, kommt aber unter Vormundschaft seines Onkels und Regenten, der wiederum von einem herrschsüchtigen, paranoiden Günstling dominiert wird. Gustavs Mutter, Königinmutter Sophie Magdalene von Dänemark, ist ihrem Sohn keine Hilfe, sie hatte sich nach Bekanntwerden der homosexuellen Eskapaden ihres ermordeten Mannes komplett aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. 

Vier Jahre später ist Gustav IV. Adolf volljährig und regiert alleine, er entlässt seinen Onkel und Vormund sowie dessen Günstling. Stattdessen stellt er Hofbeamte ein, die schon seinem Vater gedient haben. Ganz Europa ist von der Aufklärung aufgewühlt – wie seinerzeit Kaiser Joseph II. in Wien – und nach der Französischen Revolution im Aufbruch (wir erinnern uns an Louis-Philippe in Frankreich); einzig der junge Schwedenkönig hält starrsinnig und altertümlich an traditionellen Formen und Denkmustern fest. Sein Verhalten sei, heisst es, so spröde und starr wie schwedisches Eisen! Zudem türmt Gustav IV. Adolf einerseits gerne romantische Gedankengebäude auf und flüchtet sich anderseits in eine schwärmerische Religiosität.

Die geplatzte Verlobung

Kein Wunder, folgt das nächste Verhängnis auf dem Fuss. Gustav IV. Adolf will Prinzessin Luise Charlotte von Mecklenburg-Schwerin heiraten und verlobt sich mit der 16-jährigen Schönheit. Doch er hat den Einfluss der russischen Zarin Katharina II. unterschätzt. Diese will aus taktischen Gründen lieber ihre russische Enkelin mit dem Schweden verheiraten. Gustav IV. widersetzt sich nicht grundsätzlich, sondern aus religiösen Gründen dieser Einmischung. Er will keine russisch-orthodoxe Heiratsfeier. Stattdessen heiratet er schliesslich eine andere 16-Jährige, nämlich Friederike von Baden. Immerhin ist deren ältere Schwester bereits mit dem Grossfürsten Alexander von Russland (der spätere Zar Alexander I.,) verheiratet, sodass die russische Katharina einverstanden ist und der Schwede indirekt auf eine politische Annäherung an Russland hoffen darf.

Aber die taktische Überlegung in Sachen Heirat schadet Gustav IV. Adolf in seiner Heimat massiv. Denn die Schweden interpretieren die königliche Verbindung als Beginn fortwährenden Elends. Die badische Königin, so der Vorwurf, denke und fühle deutsch, hasse die langen, dunklen Winter im Norden und könne die schwedische Bevölkerung nicht leiden. Tatsächlich wird das königliche Ehepaar auffällig wenig in Stockholm anwesend sein: In den Jahren 1803 bis 1805 lebt das Paar mehr als 18 Monate im Ausland, sodass freche Stockholmer ein Schild beim königlichen Schloss anbringen, auf dem steht: «Zimmer zu vermieten!»

Auch politisch bringt die Heirat nicht die erhoffte Annäherung an die europäischen Herrscherhäuser. Zeichen der Freundschaft wie den Schwarzen Adlerorden Preussens und den St.-Andreas-Orden Russlands lehnt Gustav IV. Adolf ab, was nichts anderes als eine diplomatische Abfuhr bedeutet. Der schwedische König isoliert sich mehr und mehr, was ihm den Übernamen «Don Quijote des Nordens» einträgt. 

Seine politischen Alleingänge haben schwerwiegende Folgen: Zuerst verliert König Gustav IV. Adolf das Gebiet Schwedisch-Pommern und die Insel Rügen an Napoleon Bonaparte, danach auch noch Finnland, das sein Schwager Zar Alexander I. in einem Blitzkrieg erobert. Damit ist Finnland, dieses «Juwel in Schwedens Krone» – nach 600 Jahren Zugehörigkeit zu Schweden – für sein Land verloren. Gustav IV. Adolf tobt: Er wirft seiner Leibgarde Feigheit vor, degradiert in seiner Wut 120 Gardeoffiziere und nimmt ihnen die Fahnen ab. Mit dieser entwürdigenden Herabsetzung bringt er den schwedischen Adel gegen sich auf. Als er aufgrund horrender Kriegskosten noch eine neue Kriegssteuer beschliesst, wendet sich auch das einfache Volk gegen seinen König.

In dieser Krise zeigt sich, wie König Gustav IV. Adolf tickt. Jegliche Kritik prallt an ihm ab, weil er sich als unfehlbaren Herrscher sieht, der von Gott eingesetzt ist. Jede Änderung des Althergebrachten ist für ihn ein Verstoss gegen die göttliche Vorgabe und Ordnung. Der schwedische Monarch ist ein Absolutist wie einst die Könige Frankreichs, welche die Französische Revolution längst weggefegt hat. 

Die Revolution ohne Blutvergiessen

Der schwedische König ist für jegliche Erkenntnisse aus der Geschichte taub und blind. Beamte und Berater, die ihn von seiner Linie abbringen wollen, setzt er ab und installiert an deren Stelle Ja-Sager. Aber die öffentliche Meinung in Schweden kippt allmählich: Der König gilt als Schwachkopf, Pedant und Narr, als ein Loser, der sein Land gefährlich nahe an den Abgrund geführt hat. So kommt es, dass Gustav den traditionellen Neujahrsball im Königshaus allein mit seiner Frau Friedericke feiern muss; sämtliche geladenen Gäste boykottieren den royalen Event.

Die ablehnende Haltung dem König gegenüber zieht weitere Kreise. Innerhalb von Schwedens Adel und Offizierskorps wächst die Ansicht, dass Schweden möglichst schnell zu retten sei, solange noch etwas zu retten ist: Es riecht nach Revolution. Tatsächlich dringt am 13. März 1809 eine Handvoll Offiziere ohne Gegenwehr ins Schloss Haga bei Stockholm ein und findet den König in seinem Schlafzimmer. Die Revolutionäre verhaften ihren König und überführen ihn in die Festung von Schloss Gripsholm – es ist ein Staatsstreich ohne Kampf und Blutvergiessen, merkwürdig unpathetisch. Dem König wird nichts weniger als Staatsverrat vorgeworfen: Er habe leichtfertig Krieg geführt, Schulden angehäuft und den blühenden Zustand des Reichs in allgemeine Not verwandelt. 

Der selbstmitleidige Gustav IV. Adolf hat zwar kein Einsehen, aber er erträgt die Beugehaft nicht. Nach 15 Tagen im Kerker knickt er ein. Um seine Haut zu retten, unterschreibt der Schwedenkönig seine Abdankungsurkunde. Darin beeidet er, dass er und seine Erben «der schwedischen Krone und Regierung verlustig» gehen, «nun und für ewige Zeiten». Eine folgenschwere Handlung.

«Im Schafstall kann ein Kalb König sein.»

Charles de Montesquieu 

Gustav IV. Adolf ist nicht mehr König, er hat keine Macht mehr, aber auch keine Pflichten. Die Welt steht ihm offen. Doch will er nicht weit weg von Schweden, damit er bei einem politischen Wechsel vielleicht doch wieder nach der Macht greifen könnte. Deshalb wählt er das verhältnismässig nahe gelegene Christiansfeld im Herzogtum Schleswig (heute Dänemark) als Rückzugsort. Aber das ist den Schweden nicht weit genug entfernt, weshalb man ihm die Schweiz als Exilort nahelegt. 

Stattdessen schlägt Gustavs Gattin Friederike Bruchsal (Baden-Württemberg) den Wohnort ihrer Mutter Amalie von Baden vor. Unter strenger Aufsicht von schwedischen Soldaten reisen die Exilanten dann via Karlskrona, Stralsund, Hamburg, Hannover und Frankfurt quer durch die deutschen Länder. Von Bruchsal aus können sie auch die Frage einer zukünftigen Niederlassung in der Eidgenossenschaft mit aller Sorgfalt prüfen. Allem Anschein nach hat die eidgenössische Tagsatzung nichts gegen einen dauerhaften Aufenthalt des königlichen Sonderlings einzuwenden. 

Das Wohnen in Bruchsal bei der Schwiegermutter gestaltet sich für die gefallene Königsfamilie alles andere als einfach. Gustav IV. Adolf trauert seiner ehemaligen Macht nach und verhält sich wie ein Tyrann: herrschsüchtig und launisch. Er führt sich auf wie ein König in Amt und Würden statt wie ein verbannter Monarch. Um die Situation zu entschärfen, bietet der Grossvater von Ex-Königin Friedericke der Familie das Schloss Meersburg am Bodensee als Bleibe an. Gustav IV. Adolf lässt sich alle Details des Schlosses beschreiben. Als er von den Wandtapeten hört, opponiert er heftig: Auf Schloss Gripsholm, wo er inhaftiert gewesen war, habe es ähnliche Tapeten gehabt, weshalb Meersburg keinesfalls in Betracht komme!

Gustav IV Adolf von Schweden(1778-1837) mit Gattin Friederike (1781-1826)
Gustav IV Adolf von Schweden (1778-1837) mit Gattin Friederike (1781-1826) © Nationalmuseum Schweden

Der Fluchtort Schweiz

Wie sprunghaft Gustav IV. Adolf ist, zeigt auch die nächste Episode seines traurigen Lebens. Ohne ein Wort der Erklärung oder des Abschieds reist der Schwede aus Bruchsal ab und kommt vor Ostern 1810 in die Schweiz. Ob es war, wie es ein Biograf vermutet, weil seine Frau sich dem Ex-König verweigert hat, oder ob er eine seiner unerklärlichen Launen hatte, wissen wir nicht. Doch seine Frau und seine Schwiegermutter reisen dem Entwichenen unverzüglich nach und holen ihn in Schaffhausen ein.

Aber alles Reden ist vergeblich: Gustav IV. Adolf will sich von Frau und Familie trennen. Kurz darauf erfolgt die Scheidung. Dabei überlässt er die Erziehung der Kinder seiner Frau, verzichtet auf die Verwaltung seiner Güter sowie auf die Rentenzahlungen aus Schweden: Er will fortan frei und unabhängig sein. Dazu wählt er ein karges Leben ohne Frau, ohne Kinder und ohne Hofstaat. Er will, erklärt er, nur von Erträgen aus seinen Diamanten leben.

Aller Pflichten entledigt, hätte Gustav IV. Adolfs Leben jetzt glücklich werden können. Doch das wird es ganz und gar nicht.

Der Pechvogel führt stattdessen ein rastloses Wanderleben, das ihn kreuz und quer durch Europa führt. Er meidet jeden Kontakt mit seiner Familie, die sich in Karlsruhe niedergelassen hat. Und doch versucht er immer wieder, sich als König zu rehabilitieren oder wenigstens seinen Sohn als Monarchen ins Spiel zu bringen. Als 1810 der designierte schwedische Thronfolger bei einer Revue einen Schlaganfall erleidet und tot vom Pferd stürzt, ist das für Gustav ein überdeutlicher Wink des Schicksals. Von der ostpreussischen Stadt Memel aus versucht er, möglichst schnell über die Ostsee nach Schweden zu gelangen. Aber der Unglücksrabe wird bereits auf dem Schiff enttarnt und wieder an Land gesetzt. Daraufhin wählt er den diplomatischen Weg: Gustav will mit seinem Schwager Zar Alexander I. von Russland und seinem einstigen Verbündeten George III. von England neue Allianzen schmieden – alles vergeblich. 

Um einfacher reisen zu können, verwendet er verschiedene Pseudonyme, so zum Beispiel die Namen «Oberst Gustafsson», «Graf Gottrop» oder «Herzog von Holstein-Eutin». Religiös, wie Gustav noch immer ist, möchte er ins Heilige Land nach Palästina pilgern. Doch auch dieser Reise ist kein Glück beschieden, weil er unterwegs vom grossen Wiener Kongress hört, an dem ganz Europa neu geordnet wird. In Wien sind alle Herrscher Europas versammelt; das ist für ihn der ideale Ort, um nochmals gegen seine ungerechtfertigte Absetzung zu protestieren: Gustav bricht seine Pilgerreise ab und spricht 1815 in Wien vor. Am Kongress wird er allerdings nicht einmal empfangen. Ihm als gestrauchelten König wird sein politischer Stellenwert deutlich vor Augen geführt, und er erlebt einen weiteren Tiefpunkt seines Lebens. Frustriert reist er ab.

Aus Mitleid lässt ihm sein Schwager Alexander I., der russische Zar und Leiter des Wiener Kongresses, das Schloss zu Jever in Niedersachsen bereitstellen. Doch der Verschmähte will weder Mitleid noch ein zur Verfügung gestelltes Schloss. Stattdessen macht er sich auf, sich in der neutralen Schweiz niederzulassen. Hier will er zur Ruhe kommen und sich eine neue Existenz aufbauen. 

Er kommt nach Basel, reist weiter, kehrt zurück, macht in Brugg Halt, schreibt von dort – auf Französisch – dem Basler Rat, dass er das Basler Bürgerrecht wünsche. Ein ehemaliger König will Teil einer demokratischen Stadt werden? Im Basler Einbürgerungsgesetz von 1816 steht jedoch, dass sich niemand durch Geburt oder Adel von den anderen abheben dürfe. Deshalb muss Oberst Gustafsson, wie er sich jetzt durchgehend nennt, auf alle adeligen Vorrechte und Ehrentitel verzichten. Das tut er, und danach ist der Weg für seine Einbürgerung frei: Gustav Adolf Gustafsson, der ehemalige König Gustav IV. Adolf von Schweden, wird 1818 ein gewöhnlicher Bürger der Stadt Basel.

Der Neo-Basler mit der royalen Vergangenheit kauft im August des gleichen Jahres ein Haus in der St. Johanns-Vorstadt 72. Das unscheinbare, aber frisch renovierte Gebäude kostet 12 000 Franken. Um das Haus bezahlen und seinen durchaus bescheidenen Lebenswandel bestreiten zu können, entlässt er seinen griechischen Diener, den er auf der Pilgerreise rekrutiert hat. 

Täglich verlässt Oberst Gustafsson zur gleichen Zeit das Haus am Stadtrand und spaziert Richtung Innenstadt. Natürlich wird er auf Basels Strassen erkannt und mit «Majestät» gegrüsst. Er aber spricht kaum und wenn, dann nur gebrochenes Deutsch, das Französische dagegen kommt ihm locker über die Lippen. Er geht stets zu Fuss und isst in Gastwirtschaften mit reisenden Kaufleuten, um deren Geschichten aus der grossen, weiten Welt zu hören. Doch Oberst Gustafsson ist ein wunderlicher Zeitgenosse: Er misstraut jedem, sein Gemüt ist sehr reizbar. Bereits eine nichtige Kleinigkeit genügt, um Entschlüsse sofort mit allen Konsequenzen wieder umzustossen. 

Begegnet ihm echte Armut, spendet er etwas. Doch schon bald werden ihm die vielen Bettler, von denen er «über alle Beschreibung überlaufen» wird, zur Plage. Überhaupt überfordert ihn der Alltag im damals noch recht beschaulichen Basel: Gleich hinter seiner Liegenschaft befindet sich das «Entenloch», ein beliebter Badeplatz am Rhein. Das Geschrei ausgelassener Kinder erträgt Gustav nicht. Einmal streift der Ball spielender Kinder sogar seine Wange. Kurz: Er fühlt sich unwohl in Basel. Gustafsson beklagt sich, dass er in seinem Haus keine Ruhe mehr finde. Seine Liebe zu Basel kühlt merklich ab. 

Diese Entwicklung verstärkt sich abermals, als er – der Mann, der nie einer geregelten Arbeit nachgegangen ist – sich als Zeughausverwalter in Basel bewirbt. Dass ihm die Basler die Stelle gar nicht geben können, weil er noch nicht zehn Jahre in der Stadt ist, wischt Oberst Gustafsson vom Tisch: Er fühlt sich von den Kindern und Bettlern belästigt und nun auch noch von den Bürgern verachtet. Das sind Gründe genug, um Basel 1822 den Rücken zu kehren. Er verlässt die Stadt auf einem Güterschiff in Richtung Frankfurt. Die nutzlos gewordene Bürgerurkunde sendet er dem Rat zurück und bittet gleichzeitig um die Rückerstattung der Einbürgerungsgebühr von 1500 Franken. Die Basler gehen darauf nicht ein. 

Gustav Adolf Gustafsson hält sich in der Folge nur noch sporadisch am Rhein auf, er besucht ab und zu Freunde wie Oberst Johann Albert Frischmann, Goldschmied Johann Jakob Handmann und Professor Christoff Legrand. Dann steigt er jeweils im Gasthof Zum Wilden Mann ab, wo man die Marotten des merkwürdigen Schweden mittlerweile kennt. Doch zwei Jahre später ist Gustavs Basler Zeit endgültig vorüber: Er verkauft sein Haus in St. Johanns-Vorstadt und nimmt offiziell Wohnsitz in Leipzig.

Die Ruhe im «Weissen Rössli»

Auf den nun folgenden Irrfahrten quer durch Europa verschlägt es Oberst Gustafsson immer wieder in die Eidgenossenschaft, er besucht weitere Schweizer Städte. Für seine Reisen benutzt er Postkutschen und Schiffe, viele Strecken legt er zu Fuss zurück. In Lenzburg steigt er bei Stadtammann Gottlieb Heinrich Hünerwadel (1769–1842) ab, wo er ein kleines Gastzimmer bewohnt. Dass die Treppen putzende Frau die Gattin des noblen Lenzburgers ist, erkennt Gustav nicht, was zu einem peinlichen Fauxpas führt. Der Schwede verhält sich zurückhaltend bis verschlossen, ausser wenn es um seine königliche Vergangenheit geht: Dann braust er sogleich auf. 

Die Stadt Bern gefällt ihm, er lernt dort Schultheiss Niklaus Friedrich von Mülinen (1760–1833) kennen. Wie viele andere Ausländer zu dieser Zeit bereist Gustav Adolf Gustafsson auch die Urschweiz und Luzern, um die Berge und den Vierwaldstättersee zu bewundern, aber einmal auch, um einer Landsgemeinde in Stans beizuwohnen. Gustafsson wird dabei dank der Empfehlung des Berner Schultheissen von den Behörden Nidwaldens mit Ehrungen empfangen. Wie dem einst absolutistischen Herrscher die urdemokratische Volksgemeinde gefallen hat, ist leider nicht überliefert. Auch nach Neuenburg reist der Schwede. Der Aufenthalt dort behagt ihm dermassen, dass er sich gleich nach den Niederlassungsbedingungen erkundigt. Doch daraus wird nichts. 

Wahrscheinlich kommt er 1822 zum ersten Mal nach St. Gallen. Die kleine, etwas abseits gelegene Stadt hinterlässt bei ihm einen bleibenden Eindruck. Die freundliche Aufnahme im einfachen Gasthof Zum weissen Rössli wirkt, wie er in einem Brief bemerkt, «entscheidend». Beim Betreten des einfachen Zimmers soll Gustav gesagt haben: «Hier erinnert mich alles an mein Kabinett in Stockholm, selbst die Zimmertapete; in diesem Zimmer will ich wohnen.» Wir erinnern uns: Einst lehnte er das Schloss Meersburg der Tapeten wegen ab. Ausschlaggebend war gewiss auch, dass die St. Galler Unterkunft verhältnismässig günstig war. 

Noch immer zieht es den Getriebenen in die Welt hinaus, stets von der Hoffnung genährt, seinem Sohn den verlorenen Thron zu retten. Nach weiteren, anstrengenden und letztlich entwürdigenden Reisen ist er von der Erfolglosigkeit seiner unzähligen Anstrengungen überzeugt. So entschliesst er sich, in stiller Resignation seinen Lebensabend bei Rössliwirt Samuel Näf in St. Gallen zu verbringen. 

Der Rastlose will hier endlich zur Ruhe kommen. Ein volles Vierteljahrhundert lang hat die entthronte Majestät um ihr Recht gekämpft und gelitten, umso mehr will Gustav seinen Lebensabend in friedlicher Zurückgezogenheit verbringen. Während ihn die Fachwelt für ziemlich verrückt hält, flüchtet er in stundenlanges Klavierspielen und Bücherlesen. Er liest zahllose Zeitungen und Journale, am liebsten Kriegswissenschaftliches, über das er auch gerne redet.

Er schreibt auch selbst, zum Beispiel 1835 die rechtfertigenden Memoiren über seine Entthronung, die er unter dem Titel «Der 13. März oder die wichtigsten Tatsachen der Revolution von 1809» in St. Gallen herausgibt. Als Autor fungiert ein Oberst Gustafsson, sein Pseudonym, das ihm in Fleisch und Blut übergegangen ist. Er verfasst auch eine Abhandlung über Ebbe und Flut, einen «Versuch über die Staatsökonomie» sowie «Dialogue du Croyant et Clairvoyant», Worte des Trosts an politische Flüchtlinge, denen er sich als Exilant verbunden fühlt. 

Abends unternimmt der zunehmend schrullige Gustafsson ausgiebige Spaziergänge. Das Fahren und Reiten unterlässt er, weil er so sparsam leben muss. Er weiss nicht, dass seine Tochter Sophie, die Grossherzogin von Baden, dem Gastwirt Näf Geld zusteckt, damit ihr Vater nur die Hälfte der Pensionskosten bezahlen muss. Auch sorgt die von ihm verschmähte Familie dafür, dass er ab und zu frische Kleider bekommt. Er korrespondiert mit mehreren Fürsten und Staatsmännern in Europa. Antworten, die ihm missfallen, oder nicht beantwortete Klagen graben sich tief in sein reizbares Gemüt ein. Seine Empfindlichkeit holt ihn immer wieder ein: Bei wirklicher oder vermeintlicher Kränkung kommt es vor, dass er stundenlang weint, sich betrinkt oder sich monatelang in sein Zimmer einschliesst. 

Als er wieder einmal krank ist, mit geschwollenen Füssen und beengter Brust, sträubt er sich gegen Ärzte und Arzneien, weil er allen misstraut, und auch jeglicher Medizin. Am 8. Februar 1837 stirbt der gestürzte König von Schweden in einem einfachen Zimmer im «Weissen Rössli» in St. Gallen. 

Ein unglückliches Leben ist zu Ende gegangen.

Blaues Blut. Royale Geschichten aus der Schweiz», Michael van Orsouw, Verlag Hier und Jetzt, 2019, CHF 39.–. www.hierundjetzt.ch

Michael von Orsouw

ist Schriftsteller und promovierter Historiker aus Zug. Er hat für sein literarisches Schaffen diverse Auszeichnungen und Literaturpreise in Deutschland, Österreich und der Schweiz erhalten. Er schreibt Bücher, für die Bühne und fürs Radio. www.michaelvanorsouw.ch