Der kaiserliche Krimi in Genf Elisabeth, Kaiserin von Österreich-Ungarn

Aus dem Buchband «Blaues Blut. Royale Geschichten aus der Schweiz» von Michael van Orsouw. Erschienen im Verlag Hier und Jetzt.

Vorwort von Beat Gugger und Bruno Meier 

Man hätte meinen können, die Kaiserin der Schweiz sei gestorben. 

Tausende von Menschen säumen die Strassen in Genf, schon morgens um sieben Uhr. Fünf der sieben Schweizer Bundesräte besteigen im Hotel des Bergues ihre Kutschen. Flankiert werden sie von eidgenössischen Weibeln in rotweissen Talaren. Im Schritttempo rollen die Equipagen in Richtung Hotel Beau Rivage. Die Menschen beobachten schweigend das Schauspiel.

Beim «Beau Rivage» wartet bereits der Genfer Staatsrat. Die Bundes- und Kantonspolitiker betreten miteinander das Hotel, vor dem zwei Gendarmen die ganze Nacht Wache gestanden sind. 

Wenige Minuten vor acht Uhr tragen schwarz livrierte Diener den Sarg die Hoteltreppe hinunter. Darin befinden sich die sterblichen Überreste von Elisabeth, der Kaiserin von Österreich und Königin von Ungarn, die mit vollem Namen Elisabeth Amalie Eugenie, Herzogin von Bayern, hiess und einfachheitshalber «Sisi», «Lisi» oder in den Filmen «Sissi» genannt wurde. Hinter dem Sarg folgen Grafen, Gräfinnen, Generäle und weitere Mitglieder des Hofstaats, die Gesichter der Damen sind hinter dichten Trauerschleiern kaum zu erkennen, in der feierlichen Stille hört man einzig das Schluchzen von Gräfin Sztáray, der Hofdame der Kaiserin.

Punkt acht Uhr beginnt die Clémence, die grosse Glocke der Kathedrale von Genf, zu läuten. Die Türen des Hotels gehen auf, die Träger schreiten mit dem Sarg auf die Strasse, wo die schwarze Kutsche bereitsteht. Sie ist geschmückt mit vier Laternen und einer Kuppel mit aufgestecktem Kreuz sowie mit wertvollen Stoffen. Die Diener schieben den Sarg sorgfältig auf den Wagen, bevor sie ihn mit einem schwarzen, silberbestickten Tuch bedecken. Vier Rappen ziehen die Leichenkutsche, die Tiere sind mit schwarzen Pleureusen und mit teuren, dicken, ebenfalls bestickten Decken geschmückt. Der Leichenzug wird von Feuerwehrleuten mit blitzenden Helmen eskortiert. Dahinter folgen zwei offene Trauergefährte, die über und über mit Kränzen und Blumen beladen sind. 

Gut zu wissen

  • Wer: Elisabeth, Kaiserin von Österreich-Ungarn. Mit vollem Namen hiess sie Elisabeth Amalie Eugenie, Herzogin von Bayern.
  • Wann: Geboren am 24. Dezember 1837 in München, ermordet am 10. September 1898 in Genf.
  • Was: Im Alter von 16 Jahren heiratet sie ihren Cousin, den österreichischen Kaiser Franz Joseph, und wird zur höchsten Frau in der Monarchie.
  • Wie: Kaiserin Elisabeth entzieht sich zusehends dem Hofleben in Wien und reist viel umher.
  • Bezug zur Schweiz: Elisabeth von Österreich-Ungarn besuchte die Schweiz mehrfach, unter anderem Zürich oder den Rheinfall. Vor allem die Region Genfersee hatte es ihr angetan, wobei sie meistens in Montreux und Territet abstieg. Von dort aus besuchte sie 1898 Genf, wo sie einem Attentat zum Opfer fiel.

Es sind Szenen wie aus einem üppig ausgestatteten Film. Wobei der Tod und die aussergewöhnlichen Umstände des Todes der Monarchin in den berühmtesten Filmen über Kaiserin Elisabeth keine Erwähnung fanden. Die süss-romantischen «Sissi»-Filme von Ernst Marischka mit Romy Schneider in der Hauptrolle lassen diesen Part ganz weg. Eigentlich erstaunlich, denn das Gebotene ist durchaus filmreif.

Die Strecke vom Hotel Beau Rivage zum Bahnhof Genf misst nur gerade 600 Meter, auch deshalb ist das Gedränge auf den Strassen so gross. Alle Einkaufsläden sind geschlossen. Hotels, Pensionen, öffentliche Gebäude und auch Privathäuser haben ihre Genfer und Schweizer Fahnen auf Halbmast gesetzt, sie sind mit Trauerflor geschmückt. Die Genfer Polizei kann die Menschenmenge unmöglich alleine lenken; deshalb stehen auch Samariter und Feuerwehrleute im Einsatz. 

Nacheinander rollen zwanzig Kutschen vom Quai du Mont-Blanc über die Rue des Alpes bis zum Bahnhof. Hinter dem Leichenwagen und den blumenübersäten Trauerkaleschen fahren sechs Kutschen mit dem Hofstaat der Kaiserin. Dahinter folgt der Schweizer Bundesrat und, in gemessenem Abstand, der Genfer Staatsrat. 

Es muss ein eindrücklicher Leichenzug gewesen sein, der an diesem Mittwoch, dem 14. September 1898, durch die ungewöhnliche Stille der morgendlichen Stadt rollt. Der Bahnhof Genf ist komplett abgeriegelt und stillgelegt. Dort, wo sonst Dampfzüge rumpeln und zischen, wo Menschen umherwuseln, wo die Stadt um diese Zeit brodelt, herrscht jetzt nur andächtiges Schweigen. Dutzende Kränze liegen beim Bahnhofseingang, den man speziell für diesen Tag mit einem Stoffdach herausgeputzt hat.

Der Leichenwagen hält, ausgewählte Träger heben den Sarg aus der Kutsche und tragen ihn durch die Bahnhofshalle, die mit Flaggen der Schweiz und Österreichs geschmückt ist, zudem sind Wappenschilder mit dem Österreichischen Adler angebracht. An der Stirnseite der Halle ist ein Wappen befestigt, das den Adler des Reichs zeigt und darunter den Buchstaben «E» in Silber. Der Sarg ist aus Eichenholz geschnitzt und mit einer silbernen Kaiserkrone geschmückt.

Zwei Abbés nehmen ihn in Empfang, schieben ihn sorgfältig in den Eisenbahnwaggon – einen erhöhten, mit schwarzen Vorhängen drapierten Raum, um den ein schwarzer, vergitterter Gang läuft – und sprechen den letzten Segen. Durch die Wagenfenster kann man den Sarg nun sehen. Er steht auf einem erhöhten Podest und ist mit Riemen befestigt. Daraufhin nimmt der Hofstaat in einem der Begleitwaggons Platz. Ohne Pfiff und fast gespenstisch leise setzt sich der Zug mit der Leiche der Kaiserin in Bewegung, die Kirchenglocken läuten. Die grosse Menge von Zaungästen bleibt in stiller Trauer zurück; die Frauen tragen schwarze Kleider und die Männer ihre Hüte in der Hand. Sisis letzte Fahrt durch die Schweiz beginnt.

Exzentrische Hauptfigur des Krimis

Damit finden für die Region am Genfersee aufregende Tage ihren Abschluss. Die Stadt hat einen veritablen Kriminalfilm mit sehr prominenter Besetzung erlebt. Kaiserin Elisabeth war am 30. August in Territet bei Montreux eingetroffen. Sie mag die Gegend des Genfersees sehr und ist seit 1893 immer wieder hier zu Gast – wie mehr als hundert Jahre vor ihr Kaiser Joseph II., ein Verwandter ihres Mannes. Schon zu ihrer Zeit ist Sisi ein Mythos, etwas überspannt und überzeichnet, wie die Figur in einem spannenden Krimi. 

Unsere Kaiserin ist exzentrisch: Sie ist sechzig Jahre alt, galt einst als die schönste Frau Europas, lässt sich nun aber seit fast dreissig Jahren nicht mehr porträtieren. Sie ist mindestens so eitel wie ihr Cousin Ludwig II. von Bayern. Ihr Gesicht versteckt sie ständig hinter eleganten Fächern oder unter Sonnenschirmen, die Kleider, die sie trägt, sind seit dem tragischen Selbstmord ihres Sohnes Rudolf ausschliesslich schwarz. Sie macht sich rar, meidet die Öffentlichkeit wie ihren Mann, Kaiser Franz Joseph, und das Leben am Hof in Wien ist ihr ein Graus – die kaiserliche Hofburg nennt sie bezeichnenderweise «Kerkerburg». 

Unsere Protagonistin ist ständig unterwegs, auf der Flucht vor sich und der höfischen Welt. Im Sommer pflegt sie zur Kur zu gehen, die Winter verbringt sie auf Korfu, dazwischen reist sie in die Schweiz, wie jetzt, Ende August 1898. Seit Jahren leidet sie für ihre Schönheit. In jüngeren Jahren war sie eine Sportfanatikerin: Ihre Figur versuchte sie mit Hungern, Reiten und stundenlangen Gewaltmärschen zu halten, bei denen auch junge Hofdamen entkräftet aufgaben. Ihr Gewicht liess die Kaiserin drei Mal täglich messen, sie liess sich vom Korsett einschnüren, bis sie kaum mehr atmen konnte, ihr Mittagessen bestand oft nur aus gesalzenem Eiweiss. Ausserdem liess sie sich eigene Fitnessräume in den kaiserlichen Palästen einrichten, um in Form zu bleiben und zu trainieren – heute würde im Minimum eine Magersucht diagnostiziert.

Kaiserin Elisabeth von Österreich
Kaiserin Elisabeth von Österreich (Porträt von Franz Xaver Winterhalter, Öl auf Leinwand, 1865) © wikimedia commons

Sie, mit fünfzig Kilogramm Körpergewicht eindeutig untergewichtig, machte das Schlanksein zur Mode an den europäischen Königshöfen. Sie war mit ihrer Figur das Gegenbeispiel zu Queen Victoria von England. Über Nacht legte Sisi sich rohes Kalbfleisch aufs Gesicht, um die Jugend ihrer Haut zu erhalten. Doch allen Bemühungen um Schönheit und Fitness zum Trotz: Immer wieder verfolgen sie depressive Phasen. Ihre Lieblingstochter stirbt mit zwei Jahren, ihr Lieblingscousin Ludwig II. von Bayern ertrinkt im Alter von vierzig Jahren, ihr Lieblingssohn erschiesst sich mit dreissig Jahren. Von ihrem Mann Franz Joseph hat sie sich schon lange entfremdet, sie versucht sogar, ihn mit einer Schauspielerin des Wiener Burgtheaters zu verkuppeln. Sie fühlt sich unverstanden und unglücklich. In ihr Tagebuch notiert sie:

«Die Seele gab es nie,
die mich verstand.»

Ihr Leben ist in eine merkwürdige Melancholie getaucht, die sie mit dem Verfassen schwermütiger Gedichte verstärkt, in denen sie sich nach dem Jenseits sehnt. Zum Beispiel in diesem:

«Du bist so jung gestorben
Und gingst so rein zur Ruh’.
Ach wär’ mit dir gestorben, 
Im Himmel ich wie du.»

Vielleicht sind diese kummervollen Gefühle der Grund, weshalb sie keine besonderen Sicherheitsmassnahmen wünscht: Sie lässt den Genfer Behörden mitteilen, dass sie auf polizeiliche Personenbewachung verzichte. 

Am 9. September reist Kaiserin Elisabeth mit dem Dampfschiff über den Lac Leman nach Genf. Sie will dort Bekannte der Bankiersfamilie Rothschild treffen und steigt für zwei Tage im Hotel Beau Rivage direkt am See ab. Um kein Aufsehen zu erregen, verwendet sie den bewährten Decknamen «Herzogin von Hohenembs». Doch eine Lokalzeitung enttarnt die Kaiserin und macht den Besuch der europäischen Hochprominenz öffentlich. 

Der kräftige Schlag des Bösewichts

Der Kriminalfall nähert sich seinem Höhepunkt. Am 10. September, um ungefähr 13.30 Uhr, begibt sich die Kaiserin in Begleitung ihrer Hofdame Irma Sztáray zum Schiffsteg, um mit dem Dampfschiff Genève zurück nach Montreux zu fahren. Als die beiden Damen auf der Seepromenade des Quai Mont-Blanc dem Schiff zustreben, nähert sich ihnen ein kleiner, leicht untersetzter Mann mit abgetragener Kleidung und verbeultem Hut – natürlich handelt es sich um den Bösewicht.

Eigentlich hatte dieser Prinz Henri Philippe d’Orleans im Visier, den Urenkel von Frankreichs Bürgerkönig Louis-Philippe. Doch er verlor dessen Spur, erfährt daraufhin aus der Zeitung vom Besuch der Kaiserin und wartet deshalb seit Stunden vor dem Hotel, bis sie auftaucht. Nun sieht er also die Monarchin, tritt auf sie zu, versetzt ihr einen kräftigen Schlag auf die Brust und sucht sofort das Weite. Die Kaiserin ist verwirrt und stürzt kurz zu Boden. Nach ein paar Schrecksekunden richtet sie sich wieder auf und geht weiter in Richtung Schiffsteg. 

Sie tauscht sich mit ihrer Hofdame aus: Sie verspüre Schmerzen in der Brust, wahrscheinlich sei der Verbrecher auf ihre Uhr aus gewesen. Kaiserin Elisabeth ist durch die ständigen Diäten, einschnürende Korsette und durch das Stechen eines Tattoos einiges an körperlichem Schmerz gewohnt, sie beisst die Zähne zusammen und erreicht das Dampfschiff. Aber kurze Zeit nach der Abfahrt des Schiffs bricht die Kaiserin auf dem Oberdeck – hier würde die Filmkamera eindrückliche Nahaufnahmen zeigen – ohnmächtig zusammen. Hofdame Irma beugt sich über sie, fächelt ihr Luft zu und öffnet ihr Bluse und Mieder. Da entdeckt sie Blut, das aus einer winzigen Stichwunde oberhalb der linken Brust tropft. 

Der sofort benachrichtigte Kapitän wendet das Dampfschiff umgehend und legt wieder in Genf an. Aus Stühlen, Ruderblättern und Segeltuch improvisiert die Schiffmannschaft eine Bahre, auf der sie die Kaiserin zurück ins Hotel Beau Rivage trägt. Elisabeth stirbt im Beisein von Ärzten und eines Pfarrers eine halbe Stunde später, nämlich um 14.40 Uhr. Bei der Obduktion stellen die Ärzte eine 85 Millimeter tiefe, dreieckige Stichwunde fest, die der Mörder mit einer langen, spitzigen, dreieckigen Feile zugefügt hat. So unscheinbar die Waffe auch gewesen sein mag, sie richtete schwere Verletzungen an: Der Attentäter hat damit die vierte Rippe verletzt, den linken Lungenflügel durchdrungen, den Herzbeutel zerstört und die linke Herzkammer durchstossen.

«Unsere Träume sind immer schöner, wenn wir sie nicht verwirklichen.»

Elisabeth (Sisi)

Wäre dies ein Kriminalfilm, würde der Fokus nun auf die Ermittlungsbehörden gelenkt. Die Polizisten würden sich über die Kaiserin ärgern, die jeglichen Begleitschutz abgelehnt hatte. Aber die Ermittler haben Glück: Schon kurz nach dem Attentat kann die Genfer Polizei den Mörder verhaften. Es handelt sich um den italienischen Anarchisten und Kommunisten Luigi Luccheni. 

Für diesen ist das Attentat der Höhepunkt eines unglücklichen Lebens: Unehelich geboren, in grosser Armut bei Pflegeeltern und in Heimen aufgewachsen, schlägt er sich als Tagelöhner durch. Nach seiner Festnahme zeigt er sich gut gelaunt und soll gesagt haben: «Ich habe sie gut getroffen, sie muss tot sein.» Im Verhör nennt er als Motiv: «Weil ich Anarchist bin, weil ich arm bin, weil ich die Arbeiter liebe und mir den Tod der Reichen wünsche.» Dass Komplizen am Attentat beteiligt waren, bestreitet er vehement, doch die Untersuchungsbehörden glauben ihm nicht.

Die Nachricht der Ermordung der Kaiserin von Österreich verbreitet sich rasch. Die Bestürzung ist gross, auch deshalb, weil zuvor schon der russische Zar Alexander II. und der französische Staatspräsident Sadi Carnot Attentaten von Anarchisten zum Opfer gefallen waren. Sonderausgaben von Zeitungen erscheinen mit Trauerrand, Kondolenztelegramme aus aller Welt treffen ein. Auch der Schweizer Bundesrat spricht Sisis Ehemann Kaiser Franz Joseph «seinen tiefsten Schmerz und seine tiefste Entrüstung» über die «unselige Tat auf schweizerischem Gebiet» aus. 

Dabei dürfte auch ein bisschen schlechtes Gewissen mitschwingen: Die Schweiz gilt als liberal gegenüber politischen Aktivisten und ist zu jener Zeit sogar als Anarchistennest verrufen. Gerade jetzt, nach dem eindeutig politisch motivierten Attentat, schreiben ausländische Zeitungen kritisch über die liberale bis legere Haltung der Schweiz.

Nochmals 10’000 Trauergäste 

Der pompös inszenierte Eisenbahnzug mit Sisis Leiche fährt von Genf nach Lausanne, wo er um zehn Uhr eintrifft. Etwa 10’000 Menschen warten vor dem Bahnhof, 35 Polizisten stehen Spalier. Fünf Minuten steht der Zug still, die Glocken der Lausanner Kirchen läuten, niemand steigt aus, niemand steigt ein, dann fährt der Zug weiter. Ein ähnliches Bild zeigt sich in Fribourg, Bern, Aarau, Baden und Zürich. Die Glocken naher Kirchen läuten, Behördendelegationen stehen Spalier und entbieten ihre Hochachtung. Die Szenerie des kaiserlichen Leichenzugs, der mit vielen Stopps durch die basisdemokratische Schweiz tuckert, ist reichlich bizarr.

Weil die Verstaatlichung der Eisenbahn in der Schweiz damals zwar beschlossen, aber noch nicht vollzogen ist, fahren die entsprechenden Privatbahn-Direktoren persönlich mit: Von Genf bis Fribourg beispielsweise Ernest Ruchonnet, Direktor der Jura-Simplon-Bahn, ab Aarau Philipp Birchmeier von der Schweizerischen Nordostbahn. Die Aargauer Regierung erinnert sich an die österreichischen Wurzeln in ihrem Kanton und lässt die Fahnen auf der Ruine des Schlosses Habsburg ebenfalls auf Halbmast setzen.

In Baden ist zufälligerweise die Armeespitze zugegen: Korps- und Divisionskommandanten stehen mit ihren Stabsoffizieren am Bahnhof und erweisen militärische Ehren. Auch in Zürich hat sich beim Hauptbahnhof eine grosse Menschenmenge versammelt, darunter viele Exil-Österreicher. Der Zug trifft um 16.16 Uhr ein und fährt bereits um 16.30 Uhr wieder Richtung Wien weiter, wie enttäuschte Reporter penibel berichten. Doch die 14 Minuten in Zürich reichen, um Kränze niederzulegen. Auf einem steht: «Ihrer geliebten, unvergesslichen Kaiserin».

Während der Zug durch die Schweiz fährt und Massen bewegt, sitzt der Attentäter Luigi Luccheni in seiner Zelle im Untersuchungsgefängnis St. Antoine in Genf und schreibt einen Brief an den Schweizer Bundespräsidenten Eugène Ruffy. Darin bittet Luccheni um eine Verlegung, weil er auf seine Enthauptung hofft. Der Kanton Genf hat die Todesstrafe abgeschafft, im Gegensatz zum Kanton Luzern, nach dessen Gesetzen er deshalb verurteilt werden möchte. «Ich bitte Eure Exzellenz, nicht etwa anzunehmen, dass mein Gesuch nicht ernst gemeint sei. Im Gegenteil!». Unterschrieben ist der Brief mit «Ihr Ihnen verbundener Luigi Luccheni, Anarchist – und einer der gefährlichsten». 

Der Attentäter ist stolz auf seine Tat, triumphierend strahlt er in die Kameras der Fotografen und nennt sich «Wohltäter der Menschheit». Er erhält sogar Fanpost wie diese: «Alle, die für das Wohl der Menschheit kämpfen, bewundern Deine noble Tat. Diese Frau war durch ihre Geburt schon verbrecherisch. Sie hat niemals gearbeitet! Sie wollte nie arbeiten! Sie hat immer herrschen wollen. Sie ist schändlich, ebenso wie ihr schändlicher Mann.» Ein anderer Anhänger schreibt: «Der freigebige Stich, den Du der Repräsentantin der österreichischen Bourgeoisie versetzt hast, hat mir grossen Eindruck gemacht. Natürlich hat er für uns alle in der Schweiz schlimme Repressalien zur Folge gehabt.» 

Tatsächlich weisen die Genfer Behörden noch am Tag des Attentats Anarchisten aus. Die Schweizer Behörden verbieten daraufhin die Anarchistenzeitung L’Agigatore, die in Neuchâtel erscheint, und schieben 35 bekannte italienische Anarchisten ab.

Grosse Aufregung beim Bahnhofsvorstand

Die letzte Station von Sisis Leichenzug ist der Bahnhof Buchs im oberen Rheintal. Hier, am Knotenpunkt von Schweizer Rheintalbahn und österreichischer Arlbergbahn, sorgt der Zug schon vor seiner Ankunft um 22 Uhr für grosse Aufregung. Der Bahnhofsvorstand weiss von nichts und unterhält sich lebhaft mit dem Leiter des Schweizer Zollamts. Soeben ist ein Telegramm aus Bern mit bundesrätlicher Unterschrift eingetroffen: «Wir bitten Sie, den Extrazug gänzlich unbehelligt durchzulassen. Schweizerisches Politisches Departement.» Seltsam, dass sich der Bundesrat um einen einzelnen Zug kümmert. Solche Demarchen erhält er nicht alle Tage. Während sich der Bahnhofsvorstand Übersicht verschaffen will, wird ihm gemeldet, dass ein echter Fürst und das rumänische Königspaar dem Zug vor der Weiterfahrt die Ehre erweisen wollen.

Über eine Stunde bleibt der Zug mit den vielen Kränzen auf dem Galeriewagen hinter der Lokomotive stehen. Irgendwann muss es dem Bahnhofsvorstand gedämmert haben, dass der Zug etwas mit dem publizitätswirksamen Attentat auf die österreichische Kaiserin zu tun haben könnte. Die adeligen Besucher erweisen sich als Fürst Alain Benjamin Arthur de Rohan (1853–1914) und König Karl I. von Rumänien (1839–1914) mit seiner Gattin Elisabeth zu Wied (1843–1916), die alle in Bad Ragaz zur Kur sind und die zwanzig Kilometer zurücklegten, um ihrer blaublütigen Kollegin und Verwandten die letzte Ehre zu erweisen. 

Obwohl mittlerweile dunkle Nacht ist, läuten nach der Abfahrt in Buchs im benachbarten Fürstentum Liechtenstein alle Glocken. Was dann wenig später an Prunk und Inszenierung in Österreich abgeht, übersteigt die Fantasie von Drehbuchautoren und Filmemachern. Der britische Schriftsteller Mark Twain erlebt es, weil er sich gerade in Österreich aufhält: «Nicht einmal der Mord an Julius Caesar vermochte die Welt so sehr zu erschüttern wie der an Elisabeth.» Und den Täter situiert er «am untersten Ende der menschlichen Stufenleiter, ohne Gaben, ohne Talent, ohne Bildung, ohne Moral, ohne Charakter, ohne jede innere Anmut».

Zwölf Jahre hält dieser talentlose und moralfreie Luigi Luccheni im Genfer Gefängnis durch. Dann erhängt er sich am 19. Oktober 1910 mit einem Gürtel in seiner Zelle. Die Enthauptung, auf die er 1898 so sehr gehofft hatte, findet doch noch statt: Der Genfer Professor Louis Mégevand trennt den Kopf vom Körper und sägt Lucchenis Schädeldecke auf, um nach abnormen Gehirnwindungen zu forschen. Zu seiner Enttäuschung findet er nichts Auffälliges. Während der Körper des Mörders auf dem Gefängnisareal beerdigt wird, kommt dessen wieder zusammengenähtes Haupt in die pathologisch-anatomische Sammlung des Gerichtsmedizinischen Instituts der Universität Genf. Während Jahrzehnten liegt der Kopf des Attentäters als eingelegtes Präparat dort aufrecht in Formaldehyd. 

Erst 1985 wird der Glasbehälter nach Wien gebracht, weil er für die «österreichische Geschichtsschreibung interessant» sei, allerdings mit der Auflage, dass die makabre Reliquie nicht öffentlich ausgestellt werden darf. Endlich findet im Februar 2000 das bizarre Hin und Her ein Ende: Der Schädel Lucchenis wird in aller Stille auf dem Wiener Zentralfriedhof beigesetzt; übrigens genau acht Kilometer von der Kaisergruft entfernt, wo sich der Sarkophag der Kaiserin befindet. 

Blaues Blut. Royale Geschichten aus der Schweiz», Michael van Orsouw, Verlag Hier und Jetzt, 2019, CHF 39.–. www.hierundjetzt.ch

Michael van Orsouw

ist Schriftsteller und promovierter Historiker aus Zug. Er hat für sein literarisches Schaffen diverse Auszeichnungen und Literaturpreise in Deutschland, Österreich und der Schweiz erhalten. Er schreibt Bücher, für die Bühne und fürs Radio. www.michaelvanorsouw.ch