© Jessica Prinz

Kleine Hunde, grosse Überraschung

Wer im Pensionsalter einen jungen Hund aufziehen möchte, sollte sich die Wahl der Rasse gut überlegen. Manche der kleinen Vierbeiner entpuppen sich als erzieherische Herkulesaufgabe. Zwei Halterinnen erzählen.

Text: Jessica Prinz und Fabian Rottmeier, Fotos und Videos: Jessica Prinz

Als sich Edith Schweizer vor einem Jahr entschloss, den fünften Hund ihres Lebens bei sich aufzunehmen, nannte sie das neun Wochen alte Welpen Iltschi. Der Name stammt von Winnetous Pferd – und steht für «Wind». Die 72-Jährige ahnte damals nicht, wie gut der Name später passen würde.

Es mag heute noch so stürmen und kalt sein draussen, ihr einjähriger Iltschi sprintet schnell wie der Wind – und ist oft auch selbst ziemlich stürmisch. «Er ist temperamentvoll, aufmerksam und gescheit. Aber manchmal hat er ganz einfach keine Lust, auf mich zu hören», sagt die Sankt Gallerin, die seit zehn Jahren mit ihrem Mann und drei Hunden im Appenzellerland lebt. Iltschi ist ein Mischling, mütterlicherseits halb Appenzeller Bless und halb Border-Collie, väterlicherseits ein Border Terrier.

Eveline Riolo war schon in der Kindheit immer von Hunden umgeben. Mit 20 Jahren besass sie ihren ersten eigenen Vierbeiner, seither folgten vier weitere. Vor knapp sechs Jahren verliebte sie sich in Yuna – halb Terrier, halb Hütehund. Eine Schweizer Tierschutzorganisation holte Yuna aus Polen – und rettete damit einen weiteren Hund vor dem Tod. Für Eveline Riolo ist es der erste Hund, den sie sich im Internet gekauft hat. Nie hätte die 67-Jährige gedacht, dass ihr das passieren würde. Aber als sie Yuna sah, hatte sie das Gefühl, die Hündin gehöre zu ihr.

Später kam in ihr das Bedürfnis nach einem zweiten Hund und einem Spielgefährten für Yuna auf. Sowohl gesundheitlich als auch finanziell musste sie sich gut überlegen, was sinnvoll war. Eveline Riolo wusste: Jetzt oder nie. So kam vor gut einem Jahr ein weiterer Tierschutzhund aus Ungarn dazu: Yuki. Heute wohnt das Dreiergespann in Grossaffoltern bei Lyss.

Eveline Riolo mit ihren beiden Hunden Yuna und Yuki. (© Jessica Prinz)


Konsequente Erziehung

Edith Schweizer und Eveline Riolo wollten sich im Pensionsalter nochmals auf einen jungen Hund einlassen. Edith Schweizer konnte Iltschi direkt von einer Bekannten abkaufen. Sie wünschte sich eine neue Herausforderung, denn die pandemiebedingt fehlenden sozialen Kontakte hatten ihr zugesetzt. «Die Rassenmischung schien perfekt bei Iltschi. Ausserdem mag ich Überraschungen.»

Doch Iltschi ist selbst für die erfahrene Hundehalterin zur Knacknuss geworden. Der Jagdtrieb des Border Terriers sei deutlich zu spüren. Ausserdem sei er sehr dickköpfig und auch etwas «coronageschädigt», weil er in der Prägungsphase (in den ersten vier Lebensmonaten) aufgrund des Lockdowns kaum Kontakt mit Menschen hatte und auch heute noch häufig in unangebrachten Situationen bellt. In kleinen Schritten gehe es vorwärts, sagt Edith Schweizer.

Die pensionierte Aktivierungsfachfrau stört sich daran, dass ein Fehlverhalten von kleinen Hunden oft als herzig oder vernachlässigbar abgetan werde. «Früher oder später wird das zum Erziehungsproblem – keine gute Voraussetzung bei Hunden mit Jagdtrieben.» Kleine Hunde würden eine ebenso konsequente und klare Erziehung wie grosse Hunde benötigen, «damit sie nicht zu notorischen Bellern und ungehorsamen Störefrieden heranwachsen und die Mitmenschen und andere Hunde nerven», so die quirlige Ostschweizerin.

Klein, aber eigenwillig

Eben diese herzige Art, die schnell falsch interpretiert werden kann, führte bei Eveline Riolo dazu, dass sie sich für Yuna und Yuki entschied. Die Rasse habe bei der Auswahl des neuen Haustiers nie eine Rolle gespielt, vielmehr achtete sie darauf, dass die Hunde nicht zu gross sind. Dafür gäbe es in ihrer Wohnung keinen Platz – und im Alter werde es immer schwieriger, genug Kraft aufzubringen, um die Hunde festzuhalten. «Ich hätte vielleicht ein bisschen weiter denken sollen. Ich war mir nicht bewusst, dass Terrier solch eigenwillige Tiere sind.» Das Ziel, dass die Hunde im Freien auf Abruf zu ihr kommen und dort bleiben, hat sie noch nicht erreicht. Bis dahin gilt Leinenpflicht. «Ich weiss nicht, wie realistisch es ist, dass die Hunde mir einmal so gut gehorchen werden. Es gibt aber immer wieder Wunder im Leben, vielleicht gibt es auch eines mit Yuki und Yuna. Wieso nicht?»

Auf die Bedürfnisse eingehen

Edith Schweizer erwähnt im Video fünf Punkte, die aus ihrer Erfahrung zentral für das Wohlbefinden des Hundes sind: eine Bezugsperson, genügend Zeit, Zuwendung, Bewegung – und eine Aufgabe.

In verschiedenen Hunde-Ausbildungen hat sie zudem gelernt, dass Hunde alleine durch Bewegung oft nicht genügend gefordert sind. Es sei wichtig, sie auch mit Kopfarbeit zu beschäftigen. Eine halbe Stunde reiche aus, um sowohl Iltschi als auch ihre Therapiehündin Sissi zu ermüden. Selbst das Energiebündel Iltschi sei danach für drei Stunden ruhig. Mit ihm betreibt sie auch Hundesportarten wie «Mantrailing», das Aufspüren von Personen anhand eines persönlichen Gegenstandes, und als Ergänzung «Spasssport» für Konzentration, Führung, Bindung und Nasenarbeit. «Es ist wichtig, dem Hund aufgrund seiner rassebedingten Bedürfnisse das richtige Umfeld zu bieten», ist Edith Schweizer überzeugt. Eine gründliche Vorinformation oder eine Beratung sei dabei essenziell.

Eveline Riolo weiss ausserdem: Je ruhiger sie selbst ist, desto besser gehorchen ihr die Hunde. Bis letzten Sommer war sie als Kunst- und Psychotherapeutin tätig, nahm Yuki und Yuna jeweils mit in ihre Therapiesitzungen. «Das war überhaupt kein Problem. Während den Sitzungen sassen beide friedlich in der Ecke. Das hat mir gezeigt, dass ein klares Auftreten wichtig ist – und dass es an einem selber liegt, wie gut die Hunde zuhören. Wir unterschätzen die Tiere oft.»

Doch auch auf die eigenen Bedürfnisse müsse der Hund abgestimmt sein, sagt Edith Schweizer. Soll es ein Kuschelhund sein? Ein Wanderhund? Ein Beschützer, der das Haus und alleine lebende Personen bewacht? Fragen wie diese würden helfen, die richtige Rasse zu wählen – ebenso wie die Lektüre des Zeitlupe-Interviews mit einer Tierärztin.

Eine grosse Bereicherung

Auch wenn Eveline Riolos Vierbeiner die Geduld oft herausfordern und sie die beiden auch hie und da wütend machen: Hergeben würde sie die Zwei nur im Notfall – etwa wenn sie aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr für sie sorgen könnte. «Wahrscheinlich würde ich mir aber vorher etwas einfallen lassen, würde beispielsweise Spaziergänger anstellen, die sie ausführen.» Sie könne auch nicht mit Sicherheit sagen, dass sie sich mit dem jetzigen Wissen für eine andere Rasse entschieden hätte. Denn sie hatte die kleinen, wuscheligen Terrier-Mischlinge sofort ins Herz geschlossen.

So anstrengend sie manchmal seien, so amüsant, lustig und lieb seien sie eben auch. «Zwei absolute Schätze. Und ich erkenne gewisse Charakterzüge von mir selbst in ihnen wieder. Wir gehen zwar mit ihnen zur Hundeschule – aber eigentlich lernen wir mindestens genauso viel von ihnen. Ich weiss, dass sie meine Geduld unheimlich fordern – etwas, das ich lernen muss.» Dass sie mit Yuna ausser einer Wegbegleiterin auch noch eine Wachhündin gefunden hat, freut sie besonders. Die 6-jährige Hündin bellt, wenn sich nachts rund ums Haus herum etwas bewegt. Damit fühlt sich Eveline Riolo sicher. 

© Jessica Prinz

Edith Schweizer musste sich 23 Jahre lang gedulden, bis sich ihr Wunsch nach einem eigenen Hund erfüllte. Als Mädchen hatte sich der Traum in Gossau SG schon nach einer Woche zerschlagen, weil der Vierbeiner, den der Vater heimgebracht hatte, das eine oder andere Küken frass … Später heiratete sie einen Bauern – Hofhund inklusive. Heute möchte sie nicht mehr ohne Hund leben. Ihre fast 14-jährige Therapiehündin Sissi, mittlerweile fast taubblind und ein wenig dement, sei ihre beste Freundin geworden. «Ein Hund gibt dem Tag eine Struktur, hält physisch und psychisch fit und gesund, weil man bei jedem Wetter an die frische Luft muss.» Und auch wenn Iltschi manchmal ganz schön viele Nerven koste: «Er ist nicht der Hund, den ich mir erträumt habe, sondern genau der Hund, den ich brauche.» Und er sei sehr anhänglich, wenn ihm eine Person vertraut ist.

Für die Zukunft sorgen

Edith Schweizer wird in diesem Jahr 72 Jahre alt. Sie hat sich vor einem Jahr bewusst für einen kleinen Hund entschieden. So könnte sie Iltschi im Falle eines späteren Umzugs in ein Alterszentrum mitnehmen. Es sei wichtig, sich gerade im Alter bewusst zu sein, dass heute viele Hunde 15 Jahre oder älter werden. Was mit dem Hund im Pflege- oder Todesfall geschehe, solle möglichst vor dem Hundekauf geregelt werden, rät sie (etwa mit dem Docupass von Pro Senectute). Ebenso gilt es einen Ferienplatz zu organisieren. Im Hinblick auf die in der Pension oft beschränkten finanziellen Mittel dürfe man auch diesen Punkt nicht vergessen. Denn ein Hund koste – wenn er krank wird ganz schön viel. 

Auch wenn Herrchen oder Frauchen gesundheitlich angeschlagen ist, wird es schwierig. Das musste Eveline Riolo letztes Jahr selbst feststellen. Als kürzlich einige medizinische Abklärungen bei ihr gemacht werden mussten, war sie froh, vorbereitet zu sein. «Ich habe mich vor dem Kauf mit einer Freundin abgesprochen. Sie hat selbst einen Vierbeiner und ist auch eine Bezugsperson für meine Hunde. Sie kennen einander, und auch die Hunde verstehen sich gut.» Das Wichtigste sei, dass für ihre Vierbeiner im Ernstfall gesorgt sei.

Die wichtigsten Fragen, die es vor einem Hundekauf ehrlich zu beantworten gilt, sind laut Edith Schweizer: Habe ich überhaupt noch genügend Energie? Habe ich genügend Kraft und Ausdauer für eine anspruchsvolle Rasse? Wenn ein Ja die Antwort ist, kann ein Hund auch im Alter viel Freude schenken. 

Edith Schweizer zeigt Übungen, die ihr Hund Iltschi bereits gelernt hat – wenn er will.


  • Welche Erfahrungen haben Sie mit kleinen Hunden gemacht? Teilen Sie Ihre Erlebnisse, indem Sie uns per Kommentarfunktion weiter unten daran teilhaben lassen. Wir würden uns freuen.
Beitrag vom 08.02.2022

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Das könnte sie auch interessieren

Tiere

Was passiert mit meinem Tier, wenn ich sterbe?

Um sicherzustellen, dass die eigenen Tiere auch dann gut versorgt sind, wenn man sich nicht mehr selber um sie kümmern kann, ist es wichtig, dass hierfür erbrechtliche Nachfolgeregelungen getroffen werden.

 

Publireportage

Tiere

Igel in Not!

Unsere Igel brauchen menschliche Hilfe – auch im Herbst und Winter!

Tiere

Tiere brauchen Sozialkontakte

Seit einigen Jahren ist in der die Tierschutzgesetzgebung ausdrücklich festgeschrieben, dass Tieren sozial lebender Arten Kontakt zu Artgenossen geboten werden muss. Als Ausnahmefälle gelten Katzen und Hunde.

 

Tiere

Hunde vor der Hitze schützen

Obwohl die Meisten wissen, dass die Temperatur in einem an der Sonne geparkten Auto innert kurzer Zeit stark ansteigt, werden auch im Sommer regelmässig Hunde in Fahrzeugen zurückgelassen. Dies kann für die Vierbeiner tödlich enden.