Mirjam Kündig © Sonja Ruckstuhl

«Hunde tun uns Menschen gut»

Was sollten sich ältere Menschen im Vorfeld überlegen und worauf sollten sie besonders gut achten, wenn sie sich einen Hund als Begleiter anschaffen möchten? Tierärztin Mirjam Kündig beantwortet die wichtigsten Fragen.

Immer wieder hört man, dass Hundezüchter Interessenten abweisen, weil sie diese für zu alt halten. Macht das Sinn?
Das Alter allein reicht nicht aus als Kriterium. Entscheidend sind auch die Lebensumstände und die körperliche Verfassung der Halterinnen und Halter oder die Grösse und Kraft des gewünschten Hundes. Und: Besonders kleinere Hunde können 15 und mehr Jahre alt werden. Da muss man vorsorglich an eine Regelung* denken, aber das ist auch bei jüngeren Menschen sinnvoll. 

Wenn man pensioniert ist, hat man Zeit. Das wäre eigentlich ideal.
Genau. Einen Hund zu haben, ist sehr zeitintensiv. Ausserdem braucht es einen geregelten Tagesablauf, während dem der Vierbeiner mindestens drei Mal spazieren sollte. Wie lange, hängt mehr von der Rasse als von der Grösse ab. 

Wie meinen Sie das?
Auch kleinere Hunde, wie zum Beispiel Terrier, benötigen viel Auslauf und Beschäftigung.

Was geschieht, wenn Hunde zu wenig Abwechslung haben?
Dann beschäftigen sie sich selber. Sie zerkauen Schuhe, machen sich an Stuhl und Tischbeinen zu schaffen. Das kommt sehr gerne auch beim Zahnwechsel von Welpen vor. 

Stimmt die oft gehörte Regel «Grosser Hund, grosse Wohnung. Kleiner Hund, kleine Wohnung»?
Der Platz zu Hause ist nicht das wichtigste Kriterium. Die Bewegung muss im Freien stattfinden. So oder so braucht es einen angenehmen, von Durchzug geschützten Schlafplatz für den Hund. Ein Garten ist ein netter Bonus. 

Wo sehen Sie die Vor- und Nachteile von Rassehunden?
Zu Rassehunden gibt es viele Informationen über deren Wesen und Charakter. So kann man im Vorfeld abklären, ob der Hund zu einem passen könnte. Auch sind diverse rassespezifischen Krankheiten bekannt. Die Nachteile: Es kommt meist zu langen Wartezeiten bei den Züchtern. Hinzu kommen oft hohe Preise und die bereits erwähnten Anforderungen, die durch die Züchterinnen gestellt werden.

Was würden Sie jemandem empfehlen, der erstmals einen Hund kauft: ein Welpe, ein Junghund oder ein erwachsener Hund?
Als erster Hund ist ein Welpe ideal. Wenn man den Vierbeiner von klein auf bei sich hat, ist der Einfluss auf die Sozialisierung am grössten. Man lernt alles gemeinsam kennen, aber es ist auch am anstrengendsten. Man muss zu Beginn selbst in der Nacht aufstehen und Gassi gehen. Von einem Junghund rate ich ab.

Wo liegt das Problem bei einem Junghund?
In der Pubertät vergessen Hunde wie wir Menschen auch, was sie gelernt haben. Sie sind unflätig, gehorchen schlecht. Das ist nicht ideal. Beim Welpen kann man die Entwicklung von Anfang an beeinflussen und prägen.

Und ein erwachsener Hund?
Den sollte man zuerst gut kennenlernen, bevor man ihn zu sich nimmt, denn bei ihm ist der Charakter sichtbar. Hat er Macken? Wie ist er im Umgang mit anderen Menschen und Hunden? Mag er Kinder? Einem alten Hund bringt man nur schwer neue Dinge bei.

Sollten alle Hunde in die Schule?
Ich finde schon. Dort lernen sie nicht nur den Grundgehorsam, sondern auch andere Artgenossen kennen. Als Besitzerin erfährt man in der Hundeerziehung zudem viel über die Körpersprache der Vierbeiner, wann aus Spiel Ernst wird und vieles mehr. 

Hunde sind wunderbar, aber zeitintensiv. Was sollte man vor einem Kauf bedenken?
Hilfreich ist ein hundefreundlicher Freundeskreis. Wer kümmert sich um den Hund, wenn ich mal einen auswärtigen Termin habe, ins Spital oder Altersheim muss? Es hilft, wenn der Vierbeiner ein, zwei alternative Bezugspersonen hat und ihn diese regelmässig betreuen. Professionelle Dogsitter sind auf die Dauer ziemlich kostspielig. 

Viele Hunde werden vermenschlicht. Was halten Sie davon?
Ein Hund ist ein neues Familienmitglied und schätzt das Rudel, aber er bleibt ein Tier. Mit der Vermenschlichung tut man ihm keinen Gefallen. Werden Hunde zu sehr verhätschelt, erkennen sie ihre Rolle im Rudel nicht mehr. Hunde sind aber grossartige Begleiter, an denen man Freude hat. Sie tun uns Menschen gut.

 *Patientenverfügung, Vorsorgeauftrag, Testament:

Im Docupass von Pro Senectute kann man sämtliche persönlichen Bedürfnisse und Wünsche für den Ernstfall festhalten. Bestellen: prosenecute.ch oder Telefon 044 283 89 89.

Mirjam Kündig ist Tierärztin in Küsnacht und schreibt regelmässig den Tier-Ratgeber in der Zeitlupe, Telefon 044 912 04 04, tierarztpraxiskuesnacht.ch.

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  • Beitrag vom 07.02.2022

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