© Pia Neuenschwander

Latours Tagebuch für die Artenvielfalt

Hanspeter Latour hat sich vom Fussballtrainer zum Naturliebhaber gemausert. In seinem neuen Buch macht er in 365 Texten deutlich, dass Biodiversität kein Modewort, sondern eine Notwendigkeit ist.

Fabian Rottmeier, Zeitlupe Redaktor
© Jessica Prinz

Text: Fabian Rottmeier

Das Fussballgeschäft ist laut. Was dabei oft ein wenig vergessen geht: Fussballtrainer sind auch gute Beobachter. Nur so können sie die richtigen Schlüsse ziehen, wenn sich ein Spiel nicht wie erhofft entwickelt. Hanspeter Latour schärft sein Auge längst abseits der Rasenplätze und Stadien. Der ehemalige Trainer bekannter Vereine wie Thun, GC oder Köln hat sich als Naturfreund einen Namen gemacht und bereits zwei Bücher dazu veröffentlicht. Vor kurzem ist sein drittes erschienen. Es heisst ganz einfach «Biodiversität».

Darin schildert er zu jedem Tag des Jahres eine Begegnung oder einen Moment, die oder den er (meist) mit seiner Fotokamera festgehalten hat. 635 der 650 Fotos im 1,3 Kilogramm schweren Buch hat der 74-Jährige selbst gemacht. Er ist stolz darauf, welch seltene Tiere er schon vor die Linse bekommen hat, etwa ein Hermelin. Ganz nebenbei lernt man auch, dass es sich beim Grossen und Kleinen Fuchs oder beim Braunen Bären um Schmetterlingsarten handelt.

Auch einen Braunen Bär (links) und einen Waldbaumläufer hat Hanspeter Latour vor die Linse gekriegt. © Hanspeter Latour

Der Autodidakt vermittelt auf den 412 Seiten viel Wissen, ohne dabei ein trockenes Sachbuch abzuliefern. Zu nah sind die Texte mit ihm und seinem Alltag als Naturliebhaber verknüpft. Er zeigt anhand von unzähligen Beispielen auf, weshalb Biodiversität kein Modewort ist, sondern eine Notwendigkeit für die Existenz unseres Planeten. Insekten und kleinste Organismen spielen auch in unserer Nahrungskette eine tragende Rolle. Der Thuner will dazu animieren, vor der eigenen Haustür respektive im eigenen Garten zu beginnen, um die «biologische Vielfalt oder Vielfalt des Lebens» zu erhalten, wie eine im Buch verwendete Definition lautet.

Bereits ein Asthaufen im Garten hilft

Das kann ein angelegter Asthaufen in der Ecke des Gartens sein, ein selteneres Rasenmähen als üblich – oder auch die Einsicht, sich nach dem Ableben der Katze keine neue anzuschaffen. 1,7 Millionen Büsi seien viel zu viele, so Latour. «Hauskatzen dominieren im Siedlungsgebiet die natürliche Fauna viel stärker, als von ihren Besitzern wahrgenommen wird.» In einem Interview mit der Zeitschrift «Natürlich» sagte er kürzlich: «Alle, die einen Garten oder ein Stück Land besitzen, sollten der Natur etwas zurückgeben.» Hier sei nicht nur die Landwirtschaft gefordert. Auch in privaten Gärten sei mehr Biodiversität möglich. «Aber es ist auch wichtig, die Natur zu kennen.» Man schütze oft nur, was man kenne.

Hochbetrieb an einer einzigen Blume: mehrere Insekten machen sich gleichzeitig über den Blütennektar her.
© Hanspeter Latour

So unterhaltsam und süffig seine Texte daherkommen: Hanspeter Latour scheut sich auch vor Themen nicht, die viele am liebsten ignorieren. Auch unappetitliche Bilder sind kein Tabu – so zeigt er einen überfahrenen Grasfrosch (Bildlegende: «Müsste nicht sein …») oder einen plattgewalzten Igel.

Brückenbauer Latour

Hanspeter Latour schlägt mit seinem dritten Buch wiederum Brücken zur Natur. Er schreibt: «Die Experten verstehen immer mehr über die Zusammenhänge. Dafür die Allgemeinheit immer weniger. Tönt hart, deckt sich aber mit meinen Erfahrungen bei Auftritten ausserhalb von Naturschutzorganisationen und entspricht dem Aussehen vieler unserer Gärten und Landschaften.» Der Thuner zeigt auf, wie bereichernd ein Naturgarten sein kann. Da ein Waldbaumläufer, der im Brunnen badet, dort ein schlaues Eichhörnchen, das den Plastikbecher voller Vogelfutter öffnet und sich bedient. Es braucht es keinen Löwen oder Giraffen, um Hanspeter Latour zu begeistern. 

© Hanspeter Latour

So alarmierend vieles klingt: In der Vielzahl der Texte lebt das Buch vom typisch latourschen Enthusiasmus, der ihn schon an der Seitenlinie des Fussballfeldes ausgezeichnet hat. Die meisten Beobachtungen hat Hanspeter Latour an und um seinem Zweitwohnsitz im Eriz gemacht, einem Naturparadies auf 1000 Metern, oberhalb des Thunersees. Dort hat er sich einen grossen Naturgarten samt Biotop angelegt. Doch oft geht er auch auf die Pirsch, um Tiere zu fotografieren. Dass der vermeintlich Ruhelose dabei auch sehr viel Geduld zeigen und innehalten kann, hat er im vergangenen Jahr im grossen Zeitlupe-Interview erzählt (hier gehts zum Artikel). Darin schilderte er auch, wie sein Vater in Klein-Hanspeter die Liebe zur Natur weckte. «Er hat uns vermittelt, dass man der Natur Sorge tragen muss, weil sie allen gehört.»

In «Biodiversität» hat es neben etwas Eigenlob auch Platz für Selbstironie. Im Text zum 3. Mai schreibt Latour von einer «Sensation», als er sich aufmacht, die in der Ferne entdeckten Schwäne auf 1000 Metern fotografisch festzuhalten. Als er sich diesen bis auf wenige Meter angenähert hat, stellt er fest, dass es sich bloss um Restschneeflächen handelt. Ist Schnee im Mai nun auch Biodiversität? Mit etwas Humor … bestimmt.

Hanspeter Latour: «Biodiversität – 365 Beobachtungen und Geschichten», Weber Verlag, Thun, ca. CHF 39.–, weberverlag.ch

Äusserst amüsant: unser Video «5 Fragen an Hanspeter Latour»

Video: Jessica Prinz

Beitrag vom 21.04.2022

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