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Die Macht der Spraydose

Ein gelungener Dokumentarfilm porträtiert den streitbaren Zürcher Graffiti-Pionier Harald Naegeli. Ein Krebsleiden hat den knapp 82-Jährigen gezeichnet, aber nicht ausgebremst.

Text: Fabian Rottmeier

Harald Naegeli wusste immer ganz genau, was er tat. Musste er ja auch: Wer mit einer Spraydose Graffiti sprayt, hat nur eine Chance und kann nichts ausradieren oder rückgängig machen. Der Zürcher Künstler und Provokateur hat auch mit über 80 Jahren nichts von seiner Entschlossenheit eingebüsst, wie nun ein Dokumentarfilm über ihn verdeutlicht. «Harald Naegeli – Der Sprayer von Zürich» läuft derzeit in den Kinos. 

Die französische Regisseurin Nathalie David hat ihn 2019 und 2020 in Düsseldorf und Zürich begleitet, obwohl ihr Harald Naegeli zuerst abgesagt hatte. «Leider bin ich zu krank und zu alt, um noch an Filmprojekten mitzuarbeiten», hatte er auf die Frage der in Deutschland lebenden Filmemacherin geantwortet. Harald Naegeli hat Krebs im Endstadium. Mit Sätzen wie «Wir wollen eine Hommage machen an die Utopie» konnte sie ihn schliesslich doch für ein erstes Treffen gewinnen.

Das ambivalente Gefühl beim Sprayen

Utopie ist eines von Harald Naegelis Lieblingsworten. Manchmal unterzeichnet er seine E-Mails mit «Herzliche Grüsse, Ihr Utopist H.N.» Und in seinem 80. Lebensjahr – im Dezember 2021 wird er 82 – wolle er zur Utopie zurück, sagt er im Film. «Die Krankheit gibt das Signal, dass man weg muss.» Ende der 1970er-Jahre, als Harald Naegeli mit seinen Graffiti in Zürich je nach Ansichtssache für Aufsehen oder Ärger sorgte, verstand er die Utopie als Ausbruch aus der Gefangenschaft: den bürgerlichen Vorschriften. Seine «Strichmännli» an den Betonwänden waren unverkennbar und galten als Kritik am spiessigen Zürich, an der Politik und der Umweltzerstörung. Er verspüre beim Sprayen immer gleichzeitig ein schlechtes Gewissen und Glücksgefühle, sagt er heute. Harald Naegeli weiss um die Macht der Spraydose. Immer wieder provozierte er damit Klagen und Strafbefehle und wanderte 1984 für sieben Monate in Untersuchungshaft, nachdem er 1981 aus der Schweiz nach Deutschland geflohen war.

Eines von über 50 Strichsensenmännchen, die Harald Naegeli im Frühling 2020 während des Lockdowns als sprayte. Er nannte die Werke «Totentänze».

Regisseurin Nathalie David zeichnet ein facettenreiches Bild eines Künstlers, der weit mehr als die ikonischen Graffiti schuf und an gewissen Malwerken wie etwa seinen «Wolken» schon jahrzehntelang arbeitet. Mal ist Harry Wolke, wie er sich in Mails an seine Freunde auch nennt, aufgedreht und witzig, selten auch launisch. Immer wieder weckt der Film auch den Eindruck, dass niemand Naegelis Graffiti so toll findet wie er selbst. Er ist von sich selbst begeistert. Der Film arbeitet nicht nur seinen Werdegang auf, sondern lässt auch Freunde, Wegbereiter und Kläger zu Wort kommen.

Die «Totentänze» passten zum Corona-Situation

In den Monaten des ersten Corona-Lockdowns, im Frühling 2020, schuf Harald Naegeli sein (bisher) letztes öffentliches Werk: An über 50 Orten sprayte er in Zürich seine «Totentänze» hin. Es sind Sensenstrichmännchen, die weitaus fröhlicher daherkommen als seine gleichnamigen gemalten Bilder, in denen er die schmerzhaftesten Stunden seines Krebsleidens apokalyptisch verarbeitete. Die Totentänze brachten ihm eine Klage des Kantons Zürich ein, derweil ihm im September 2020 die Stadt Zürich den Kunstpreis verlieh.

Der Tod als solches beschäftige ihn nicht, sagt Harald Naegeli im Film. «Ich habe keine Angst vor dem Tod, aber vor der Sterberei.» Sein Mittel dagegen heisst Exit. Schon längst ist er Mitglied der Sterbehilfeorganisation. Wenn die Schmerzen eines Tages zu viel werden, mache er Schluss, sagt er bestimmt. Es wäre ein typisch naegelischer Schlussstrich.

«Harald Naegeli – Der Sprayer von Zürich», jetzt im Kino. Informationen und Kino-Spielzeiten: dersprayervonzuerich-film.ch

Die Filmvorschau

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