Glücklich altern ist (k)eine Kunst

 Laufen, Lernen, Lieben, Lachen. Wer diese «4 L» pflegt, tut sich etwas Gutes und hat beste Chancen, zufrieden alt zu werden. Dies schreibt der deutsche Philosoph Otfried Höffe. Das Glück beginnt im Kopf – und bei der Sprache. 

 Als der bekannte britische Geiger Nigel Kennedy mit 60 Jahren gefragt wurde, wie sich das Älterwerden anfühle, antwortete er: «Oh, keine Ahnung – ist mir bislang noch nicht passiert.» Es ist eines von vielen pointierten Zitaten, die der deutsche Philosoph Otfried Höffe in seinem Buch «Die hohe Kunst des Alterns» zusammengetragen hat. Darin erklärt er nicht weniger als die «kleine Philosophie des guten Lebens», wie es im Untertitel heisst. Der Essay hat sich in den ersten Monaten seit dem Erscheinen sehr gut verkauft. Wohl auch, weil der 75-Jährige den Schlüssel zum glücklichen Altern verständlich und einprägsam auf vier Wörter reduziert hat: Laufen, Lernen, Lieben, Lachen. Die vier «4 L» zum Glück sozusagen.

Der Gedanke der 4-L-Formel ist allerdings nicht neu, sondern über 2000 Jahre alt. Der Staatsmann, Redner und Philosoph Marcus Tullius Cicero hob sie schon in der römischen Antike «als überragend wichtig» hervor. Im Zentrum steht dabei die Frage: Wie kann man in Würde und möglichst gut und glücklich altern? Ganz nach der Redewendung «Ein gesunder Geist in einem gesunden Leib» ist es ein positives Zusammenspiel von Psyche und Physis, das zu einer hohen Lebenserwartung führen kann (gesunde Ernährung und genügend Schlaf vorausgesetzt, wie der Autor klarstellt).

Nicht nur die körperlichen und geistigen Fähigkeiten werden, so Höffe, aktiviert, sondern auch die emotionalen und sozialen. Und sie machen nicht zuletzt auch Freude und verzögern den Alterungsprozess. Wie sagte doch der bekannte Cellist Pablo Casals: «Alter muss nicht Altern bedeuten.» Er lebte fast 97 Jahre lang. Doch auch hier gilt: Übung macht den Meister bzw. die Meisterin: «Mit allen vier L hat man früh zu beginnen», schreibt Otfried Höffe. Nicht weil man schon als junger Mensch an seine Altersjahre denken solle, sondern um dann bereits anzufangen, sich einen Fundus aufzubauen. Mit dem Ziel, dass all die schönen Erinnerungen, aber auch die Fähigkeiten, mit schmerzhaften Erfahrungen umzugehen, eines Tages «menschliche Rendite abwerfen», wie es Höffe nennt.

Die Wortwahl des Philosophen überrascht immer wieder: Vereinsamung im Alter heisst bei ihm der «soziale Vortod». Die Alterskunst fängt für Höffe auch bei der Sprache an. Es sei alles andere als belanglos, ob man den demografischen Wandel als «alternde Gesellschaft» oder als «gewonnene Jahre» diagnostiziere. «Statt einer Überalterung findet ein ‹Gewinn an Lebensqualität› statt.» Höffes Botschaft: Man ersetze altersfeindliche durch altersfreundliche Bilder. Im Zeitlupe-Gespräch erklärt er, dass der Mensch im Wesentlichen ein geistiges Lebewesen sei. «Der Geist prägt viel stärker, als uns bewusst ist. Dazu gehören auch Sprachbilder.» Ein sehr grosser Teil der älteren Personen sei mit ihrem Leben zufrieden, fährt er fort. «Man sollte also nicht in die Klage einstimmen, dass es uns im Alter schlechtgeht.»

Schön auch, wie Höffe im Buch den Spiess umdreht und statt von einer Überalterung von einer «Unterjüngung» spricht. Ein Begriff, der vom Zürcher Soziologen Franz-Xaver Kaufmann stammt. Gleichwohl wird einem das Ziel, für sich eine «Gelassenheit des Alters» zu gewinnen, nicht geschenkt. «Diese muss man sich selbst und mühsam erarbeiten», schreibt der Tübinger. Vielleicht hilft es da, sich die positiven Seiten des Laufens, Lernens, Liebens und Lachens einzeln anzuschauen – und sich von älteren Menschen davon erzählen zu lassen.

Glück: Flug über ein Kleefeld
Glück: Schweben über grünem Klee © Ann-Kathrin Busse

Erstes L: Laufen

Wer sich regelmässig bewegt, schützt sich vor einem Herzinfarkt, einem Schlaganfall, vor Bluthochdruck oder Diabetes, um nur einige positive Beispiele zu nennen. Zudem kann körperliche Betätigung den Verlauf von Arthrosen positiv beeinflussen, Muskeln als auch die Knochen stärken. Man verbessert damit nicht nur sein Wohlbefinden, sondern auch seine Gehirnfunktionen. Wie die Universität Zürich und die Harvard Medical School 2012 bei einer Untersuchung herausgefunden haben, kann man den Ausbruch einer Krankheit durch eine gesunde Lebensweise um bis zu 20 Jahre hinauszögern. Dabei spiele die Bewegung eine weit grössere Rolle als die Ernährung. Nicht zuletzt sind körperliche Aktivitäten auch für den Stoffwechsel und die Versorgung der Organe mit Sauerstoff sehr wichtig.

Schon als Kind war ich es gewohnt zu laufen. Velos gab es nur für Erwachsene. Vergangenen Sommer habe ich ein neues Kniegelenk erhalten und hoffe, dass es auch für den nächsten GP von Bern reicht. Obwohl Walking eigentlich nicht so meine Sache ist. Ziele waren mir aber immer wichtig. Der «Engadiner» war ebenso gesetzt wie viele Volksläufe. Ich kam mit Joggen und Langlauf pro Jahr auf über 2000 Kilometer. Das ständige In-Bewegung-Sein ist ein gesunder Motor. Jede Medaille ist ein neuer Motivationsschub. Meine Frau sagt immer, ich würde an den vielen Medaillen ja selbst sehen, wie oft ich weg war. Heute sage ich ihr: Es ist ja auch für die Gesundheit! Im April feiern wir unseren 60. Hochzeitstag. Josef Degelo, 89, aus Burgdorf, 2018 ältester Teilnehmer am GP von Bern (über 4,7 km Walking)

Zweites L: Lernen

Wer liest, lebt länger. Otfried Höffe schreibt, dass Menschen, die täglich mehr als eine halbe Stunde lesen, eine um zwei Jahre höhere Lebenserwartung haben. Die Sterblichkeitsrate der Viellesenden in der Studie der Yale-Universität war nach zwölf Jahren um ein Viertel kleiner. Wer sein Gehirn auf Trab hält, soll zudem einer Demenzerkrankung vorbeugen. Durch Lernen bleibt man geistig flexibel und baut Stress ab. Im Idealfall schafft man damit die Basis, sich im Alter gemäss Höffe eine «lebenskluge Selbsteinschätzung» anzueignen. Er erwähnt auch, dass heutige Seniorinnen und Senioren nicht nur weniger Infarkte und weniger Gefässverkalkungen als frühere Generationen hätten, sondern im Durchschnitt auch grössere Gehirne.

Nach meiner Pensionierung habe ich eine Art «Nachstudium» absolviert, indem ich als Hörer an der Universität Bern Geologie-Vorlesungen besucht habe. Ich hatte ja den ganzen Tag Zeit – wie die Studierenden. ‹Schwänzen› kam für mich nie in Frage. Entweder mache ich etwas richtig oder gar nicht. Schliesslich lud mich der Professor gar ein, als Fahrer bei einer Exkursion dabeizusein. Erst dort fragte mich ein Student: «Sag mal, was machst du eigentlich hier?» Nach knapp drei Jahren wechselte ich zur Seniorenuniversität Bern, wo meine Frau bereits regelmässig Vorträge besucht hatte. Ich engagierte mich als freiwilliger Helfer und reiste jede Woche zweimal in die Bundeshauptstadt, lüftete vorab den Hörsaal, bediente die Storen, räumte den Abfall weg und testete die Mikrofone.Jakob Ender, 89, aus Solothurn, langjähriger Besucher der Seniorenuniversität Bern

Drittes L: Lieben

«Anerkennung und das Gefühl, geliebt zu werden, wirken stärker als viele Arzneimittel», schreibt Otfried Höffe. Gerade im Alter, in dem die Zeit frei einteilbar ist, ergeben sich mit Vereinen, ehrenamtlichen Tätigkeiten, bei Familie und Freunden viele Gelegenheiten, sich sozial abwechslungsreich zu vernetzen. Höffe empfiehlt, rechtzeitig anspruchsvolle Hobbys zu pflegen. Insbesondere Freundschaften sind für ältere Menschen eine Chance: Gemäss einer Studie der Harvard-Universität gehörten diejenigen Menschen, die mit 50 am zufriedensten waren mit ihren Beziehungen, mit 80 Jahren zu den gesündesten. Freundschaften sind mitunter das beste Mittel gegen Einsamkeit.

«Als meine Frau in den 1950er-Jahren für eine vermögende Familie in New York arbeitete, sahen wir uns eineinhalb Jahre lang nicht. Als sie ging, sagte ich: ‹Liebesbriefe schreiben kann ich nicht.›» «Er konnte es aber wunderbar», entgegnet seine Frau. Sie seien sich dadurch viel näher gekommen, ist Ernst Blättler überzeugt. Elisabeth Blättler sagt: «Seit der Pensionierung haben wir viel mehr Zeit füreinander, aber so richtig entspannen konnten wir noch immer nicht: Es ist einfach zu viel los! Aber wir schätzen die vielen Besuche natürlich sehr. Ich bin froh, dass ich einen grossen, warmen Mann hab. Ich friere und friere! Me«in Glück: Er geht vor mir ins Bett und wärmt meine Betthälfte auf.» Ernst Blättler hingegen mag es nicht zu warm: «Wenn sie reinschlüpft, hüpfe ich auf meine Seite.» Seine Frau lächelt und meint: «So schnell verschwindest du dann auch nicht immer! Ernst und Elisabeth Blättler, beide 91, seit fast 64 Jahren verheiratet, aus Zürich, Alterszentrum Limmat

Viertes L: Lachen

Selbst dann, wenn das Lernen nicht mehr so leicht fällt, das Laufen immer anstrengender wird und viele nahestehende Menschen schon gestorben sind, bleibt der Humor ein lebensbejahendes Rezept. Und: Lachen tut erst noch gut. Wie der Schweizer Neurologe Jürg Kesselring vom Rehabilitationszentrum Valens in einem Artikel der «Welt» schätzte, entsprechen 20 Sekunden Lachen etwa der Leistung von drei Minuten Rudern. Lachen stärkt das Immunsystem, lindert Schmerzen, schüttet im Körper das Glückshormon Endorphin aus und kurbelt das Herz-Kreislauf-System an. Und: Ansteckend ist das Ganze auch noch. 

Ich freue mich über jeden Tag, an dem ich meine Beine aus dem Bett hieven kann. Dafür und für alles, was andere für mich tun, bin ich dankbar. Dank meinem Humor bin ich bis heute gut durchs Leben gekommen. Lachen kostet nichts, das ist ja das ‹Verrückte›. Ich bin keine 50 mehr, aber ich weiss mich zu wehren und bin nicht zu stolz, meine «Kiste» (den Rollator) zu nutzen. Die würde ich nie mehr hergeben. Ich lebe noch immer gerne. Meine Kinder kommen oft vorbei, und auch meine vier Enkelkinder haben Freude an mir. Wenn man das alles von sich sagen kann: Was will man dann noch mehr?Bethli Wild, 87, aus Richterswil,Wohn- und Pflegezentrum Tertianum Etzelblick

Wer die «4 L» pflegt, erlangt nach Höffe nicht nur Zufriedenheit, er erreicht im hohen Alter gar eine neue Gelassenheit. Man erkennt, dass «das Verlangen nach Wohlstand, Macht und Ehre im Blick auf ein gelungenes Alter erheblich an Gewicht verlieren», so der Philosoph. Er denkt dabei auch an den Schriftsteller Christos Tsiolkas, der seinen Frieden darin fand, dass in der letzten Lebensphase alle Menschen, egal ob wohlhabend oder arm, ob mächtig oder unbekannt, gleich werden. Das Materielle hat an Bedeutung verloren, «die humanen Tugenden dürfen in den Vordergrund treten». Ganz im Sinne der «4 L». ❋

Buch: «Die hohe Kunst des Alterns. Kleine Philosophie des guten Lebens.» Otfried Höffe, C.-H.-Beck-Verlag, München. Richtpreis: CHF 29.–

Interview mit Otfried Höffe

Portrait des Philosophen Otfried Höffe
Ofried Höffe © Heike Schulz

Otfried Höffe, 75, wohnhaft in Tübingen, ist ein deutscher Philosoph, der 15 Jahre an zahlreichen Schweizer Universitäten und Hochschulen lehrte (unter anderem in Freiburg, Zürich und St. Gallen). Er war, von Bundesrat Couchepin eingesetzt, von 2009 bis 2015 Präsident der Nationalen Ethikkommission für Humanmedizin



«Viel liegt an uns selber»

Im Alter zufrieden zu sein, habe viel mit der eigenen Lebensweise zu tun, sagt der deutsche Philosoph Otfried Höffe. Die Länge des Lebens sei dabei nicht einmal entscheidend, so der Autor von «Die hohe Kunst des Alterns».

Laufen, Lernen, Lieben, Lachen lautet in Ihrem neusten Buch die Formel für ein glückliches Altern. Wenn man zum ersten Mal davon liest, klingt es erstaunlich einleuchtend – und simpel.Ich ziehe den Ausdruck «schlicht» vor, der aber für die Verbindung der «4 L» kaum passt. Ohnehin kommt man auf «einfache» Gedanken häufig erst, wenn man des Längeren nachgedacht hat und verschiedene einzelne Dinge in ihrem notwendigen Zusammenspiel erkennt. Das Einfache kann dann zu einer Eleganz finden, die auf höherem Niveau für Naturgesetze zutrifft.

Wie kamen Sie auf die Idee der «4 L»? Konkretisiert wurde der Gedanke der «4 L» im Rahmen der Akademiengruppe «Altern in Deutschland», in der Mediziner, Sozial- und Geisteswissenschaftler und mit mir ein Philosoph über mehrere Jahre intensiv miteinander arbeiteten. [Anm. d. Red.: Daraus resultierte eine wissenschaftliche Buchserie mit neun Bänden, die in der Pro-Senectute-Bibliothek ausleihbar sind.]

Beachten Sie persönlich die «4 L»?Selbstlob soll man vermeiden, aber da ich mich mit meinen 75 Jahren noch recht wohl fühle, habe ich wohl nicht so viel falsch gemacht. Obwohl ich vor ein paar Jahren emeritiert wurde, also in Rente ging, habe ich die Chance, noch vieles weiter zu betreiben. Ich halte im In- und Ausland Vorträge und schreibe sowohl Fachaufsätze, Zeitungsessays als auch Bücher, was ich als Geschenk und Privileg empfinde.

Von Ihnen Zitiertes wie die indische Lebensweisheit, dass man im hohen Alter nicht sterbe, sondern nur zu leben aufhöre, liest sich leicht. Doch wie beginnt man, eine Gelassenheit zum Tod zu entwickeln?Wie vieles im Leben muss man auch diese Gelassenheit lernen, beispielsweise, indem man sich früh bewusst wird, worauf es im Leben ankommt. Nämlich weniger auf Karriereerfolge und materiellen Wohlstand als auf eine mit sich und seinen Schwächen zufriedene, rechtschaffene Lebensweise.

Was raten Sie jemandem, dem es im Alter nur selten gelingt, glücklich in den Tag zu starten? Dazu müsste ich die Person näher kennen. Eine Möglichkeit ist, sich an schöne Erlebnisse und an liebenswürdige Mitmenschen zu erinnern. Hilfreich sind aufbauende Bücher, meditative Gymnastik, das Anhören eines geliebten Musikstückes oder eines Hörbuches.

«4 L» hin oder her: Braucht es nicht auch gute Gene, um alt zu werden?Seine Eltern kann man sich nicht aussuchen, das stimmt. Für seine Lebensführung ist man trotzdem selbst verantwortlich. Schon Immanuel Kant oder Karl Jaspers haben bewiesen, dass auch von Geburt an eher schwächliche Personen ein hohes Alter erreichen können. Ich bin überzeugt davon, dass viel in den eigenen Händen liegt.

Inwiefern hat Sie das Verfassen dieses Essays selbst bereichert?Obwohl ich nicht mehr jung bin, habe ich mich noch als produktiven Autor erfahren. Dabei habe ich viel über mein bisheriges Leben, einschliesslich Familie und Freunde, gelernt.

Sie schreiben: «Noch wichtiger ist, dass die Länge des Lebens für eine Alterskunst nicht entscheidend ist.» Können Sie dies ausführen?Alterskunst ist eine qualitative Aufgabe. Es geht um die Fähigkeit, während des Älterwerdens zufrieden zu bleiben. Das hängt nicht damit zusammen, ob ich 90 oder 100 Jahre alt werde. Sondern damit, dass ich frühzeitig, schon mit 50 oder auch früher, begonnen habe, mit meinem Leben zufrieden zu sein.

Hat das Buch mehr Reaktionen als andere ausgelöst? Die Resonanz war erfreulich gross, sowohl im persönlichen als auch im öffentlichen Bereich. Viele Medien haben das Buch aufgegriffen. Wir konnten im Zwei-Monate-Rhythmus eine neue Auflage drucken, was erstaunlich ist. Mittlerweile sind wir bei der vierten Auflage und geschätzten 15 000 Exemplaren angelangt.

● Otfried Höffe

75, wohnhaft in Tübingen, ist ein deutscher Philosoph, der 15 Jahre an zahlreichen Schweizer Universitäten und Hochschulen lehrte (unter anderem in Freiburg, Zürich und
St. Gallen). Er war, von Bundesrat Couchepin eingesetzt, von 2009 bis 2015 Präsident der Nationalen Ethikkommission für Humanmedizin.