«Ich lebe einfach gern»

Hören statt lesen: Dank der «SBS Schweizerische Bibliothek für Blinde, Seh- und Lesebehinderte» gibt es die Zeitlupe auch als Hörzeitschrift. Diese nutzt zum Beispiel die seit ihrer Kindheit blinde Cornelia Zumsteg aus Zürich.

Text: Annegret Honegger; Fotos: Markus Forte

Portrait von Cornelia Zumsteg in ihrem Sessel. Sie trägt eine Sonnenbrille, eine weisse Perlenkette und eine violett-gemusterte Bluse. Sie lächelt in die Kamera. Die blinde Cornelia Zumsteg hört sich gerne die Zeitlupe an, bereitgestellt von der Blindenbibliothek.

«Mir gefällt an der Zeitlupe, dass ganz unterschiedliche Menschen aus den verschiedensten Sparten zu Wort kommen.» © Markus Forte

Wenn die neue Zeitlupe zehn Mal im Jahr bei den 56‘478 Abonnentinnen und Abonnenten im Briefkasten liegt, erhält Cornelia Zumsteg ein gelbes Couvert mit der Aufschrift «Blindensendung A-Priority» und einer CD drin. Schiebt die Zürcherin diese in ihren CD-Player, ertönt die Stimme von Schauspielerin Dominique Lüdi, die als Sprecherin der «SBS Schweizerische Bibliothek für Blinde, Seh- und Lesebehinderte» die Zeitlupe-Texte in eine Hörzeitschrift verwandelt.

Gemütlich im Bett, in ihrem eleganten Fauteuil oder beim Haushalten hört die bald 76-Jährige so Interviews, Porträts, Reportagen und sogar die Kleinanzeigen: «Mir gefällt an der Zeitlupe, dass ganz unterschiedliche Menschen aus den verschiedensten Sparten zu Wort kommen.»

Cornelia Zumsteg verlor ihr Augenlicht schon als Kind und ist seit ihrem zwanzigsten Geburtstag vollständig blind. Die SBS nutzt sie seit vielen Jahren und schätzt deren breites Sortiment vom Krimi bis zum Kochbuch, vom Roman bis zum Ratgeber, vom Märchen bis zur Mundartgeschichte und vom Klassiker bis zum aktuellen Bestseller. Hörbücher und Hörzeitschriften leiht sie aus, aber auch Bücher in Braille, der Blindenschrift, die sie seit der Schulzeit beherrscht. Leider bräuchten Braille-Bände deutlich mehr Platz als herkömmliche Bücher, sagt sie seufzend: Das Neue Testament der Bibel zum Beispiel umfasse 17 Bände.

Selbstständig und unabhängig – auch dank Braille

Die Blindenschrift verhilft Cornelia Zumsteg zu mehr Selbstständigkeit und Unabhängigkeit. Auf ihrem Schreibtisch steht eine kleine Schreibmaschine, mit der sie sich Notizen in Braille machen kann. Ein weiteres Apparätchen druckt Etiketten aus, mit denen sie etwa Gewürze, Tees oder Medikamente beschriftet, um sie nicht zu verwechseln. Weitere Hilfsmittel sind ein spezieller Scanner, der Texte vorlesen kann, allerdings nur solche ohne Bilder. Ihre Waage kann ebenso sprechen wie ihr Fieberthermometer. Bei der Wahl der Garderobe hilft ein Gerät, das Farben erkennen kann. Ansonsten hört Cornelia Zumsteg oft Radio und «schaut» fern: «Ohne Bild natürlich, dafür kann ich gleichzeitig kochen oder etwas erledigen, das ist praktisch.»

Ihre unerschöpfliche Energie und ihre offene Art helfen Cornelia Zumsteg, den Alltag zu bewältigen, der viel Kraft erfordert: «Wer nicht sieht, ist ständig hochkonzentriert. Ich muss auf Geräusche achten und meinen Weg finden, ohne dass ich vom Trottoir abkomme oder in ein Hindernis pralle.» Unterwegs in der Stadt merkt sie sich in den Geschäften etwa, wo sich die Rolltreppen befinden oder den Namen von freundlichen Mitarbeitenden. Kommt sie allein nicht weiter, holt sie sich Unterstützung. Ihre Blindheit habe sie früh gelehrt, aktiv auf andere Menschen zuzugehen: «Die Leute sind ungeheuer hilfsbereit, da mache ich fast nur positive Erfahrungen.»

Plötzlich gelähmt

Ständige Schmerzen gehören seit vielen Jahren zu Cornelia Zumstegs Leben. Sie leidet an Polyarthritis, einer Autoimmun-Erkrankung, bei der sich Gelenke, Weichteile und auch Organe entzünden. «Als Dreijährige ging ich als gesundes Kind zu Bett und erwachte am nächsten Morgen vom Kiefer an abwärts gelähmt», erinnert sie sich an jenen für die ganze Familie schlimmen Tag.

Ihre Blindheit ist die Folge einer Fehldiagnose: Jahrelang wurde Cornelia Zumstein mit Medikamenten gegen Tuberkulose behandelt, die ihre Augen schädigten. Immer wieder musste sie sich nach schweren Krankheitsschüben und Operationen zurück ins Leben kämpfen. Zeitweise sass sie im Rollstuhl, lernte Schritt für Schritt wieder gehen und später sogar tanzen und skifahren. Grosses Pech hatte sie nach einer aufwändigen Augenoperation, als ihr im Kinderspital Genf ein anderer kleiner Patient bei einer Rangelei ein Spielzeugauto ins frisch geheilte Auge stiess.

Konnte sie eine Weile lang noch hell und dunkel unterscheiden, ist Cornelia Zumsteg nun seit über fünfzig Jahren völlig blind. Trotzdem lebt sie so selbstständig wie möglich und ist oft allein, mit Freundinnen, ihrem Partner, Bruder oder mit ihrem Sohn unterwegs, den sie über Jahre alleinerziehend grosszog. In ihrer Nachbarschaft sei sie gut aufgehoben: «Habe ich ein Problem, kann ich überall läuten.»

Die Erinnerung an Farben

Die Zürcherin besucht oft Lesungen, Konzerte oder das Theater. Auch «Lädele» in der Stadt geht sie gern, wobei ihr feiner Tastsinn hilft: «Ich liebe Kleider und geniesse es, die verschiedenen Stoffe anzufassen.» Aus der Erinnerung weiss Cornelia Zumsteg noch, wie Farben aussehen und was zusammenpasst. Auch Blumen bedeuten ihr viel: Sie pflegt ihre Geranien auf dem Balkon und weiss, wie herrlich gelb der Strauss Sonnenblumen auf ihrem Tisch leuchtet. «Mein Leben ist überhaupt nicht dunkel oder schwarz,», betont sie.

Dunkel ist es aber im Restaurant, in dem Cornelia Zumsteg neben ihrer Arbeit als Telefonistin und Receptionistin jahrelang mit Herzblut arbeitete: Im «Blinde Kuh» in Zürich, dem weltweit ersten und sehr erfolgreichen Dunkelrestaurant, begleitete sie bis vor kurzem die Gäste beim Dinner: «Allein über meine Erlebnisse dort könnte ich ein ganzes Buch schreiben.»

Kennt Cornelia Zumsteg bei all ihrer Lebensfreude auch schwierige Momente? «Klar gibt es die. Momentan macht mir aber vor allem das Weltgeschehen Sorgen», sagt sie. Auch dass sie nicht mehr reisen kann, schmerzt. Fast täglich nerve sie sich über jene, die aufs Smartphone starren und mit ihr zusammenstossen. Oder über Miet-Trottinetts, die überall herumstehen und -liegen: Für Sehende ein Ärgernis, für Blinde eine Gefahr. In Zürich vermisst sie, dass die Ampeln Grünphasen nicht akustisch anzeigen. Ebenfalls schwierig sei, dass man immer mehr Geräte nicht mehr mit Tasten, sondern per Touchscreen bedient.

Trotzdem habe sie in ihrem Leben die Erfahrung gemacht, dass wann immer sich eine Türe schliesse, sich anderswo wieder eine öffne: «Darauf vertraue ich. Und: Ich lebe einfach gern.» Dann muss Cornelia Zumsteg los, nimmt ihren weissen Stock, geht auf den Bus direkt vor ihrem Haus und mit einer Freundin ins Kino. Dort mag sie es, sich anhand von Geräuschen auszumalen, was über die Leinwand flimmert: «Ich spitze die Ohren und geniesse.»

SBS Schweizerische Bibliothek für Blinde, Seh- und Lesebehinderte

Wer Hörbücher und -zeitschriften, E-Books, Grossdruck-, Texthörbücher, Hörfilme, Musiknoten oder tastbare Spiele ausleihen möchte, braucht die Bestätigung einer Fachperson, dass eine Seh- oder Lesebehinderung vorliegt. Dazu gehört auch, wenn man aufgrund einer Krankheit oder Behinderung Bücher nicht mehr halten oder handhaben kann (z.B. Diabetes, Schlaganfall, Rheuma, Multiple Sklerose).

Die Medien können auf CD oder Speicherkarte bestellt oder direkt online abgespielt werden. Sie lassen sich auf CD- und DVD-Playern, speziellen Abspielgeräten, Computer, Tablet und Smartphone nutzen. Der Katalog ist auf online.sbs.ch öffentlich zugänglich. Die SBS unterstützt Nutzende bei technischen Fragen oder bei der Wahl von geeigneten Medien und Titeln.

Informationen zum Angebot und zur Hör-Zeitlupe: SBS Schweizerische Bibliothek für Blinde, Seh- und Lesebehinderte, Grubenstrasse 12, 8045 Zürich, Telefon 043 333 32 32, Mail nutzerservice@sbs.ch, sbs.ch

Hören Sie rein: Auf www.zeitlupe.ch sind die Hör-Artikel mit einem roten Balken gekennzeichnet.

Beitrag vom 26.10.2023

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