Beste Freundinnen – seit 72 Jahren!

Ihre Freundschaft begann 1952 mit Schulbriefen – und hält bis heute. Die Luzernerin Evelyne Felder (84) und die Bayerin Brigitte Döll (85) vertrauen sich alles an. Ein Gespräch.

Interview: Fabian Rottmeier

Alles begann 1952, während Ihrer Schulzeit. Bitte erzählen Sie!
Brigitte Döll:
Der Lehrer verteilte im Gymnasium kleine Heftchen, die dazu einluden, sich auf eine Brieffreundschaft einzulassen. Ich habe darauf vier Schülerinnen angeschrieben. Von dreien erhielt ich bald keine Antwort mehr, was mich jedoch nicht weiter störte: Einige der Briefe waren so seltsam verfasst, dass sie mir missfielen. So blieb am Ende nur noch der Briefaustausch mit Evelyne aus der Schweiz übrig.
Evelyne Felder: Ich war damals 12 Jahre alt und schrieb zwei neuen Brieffreundinnen, eine lebte in Hannover und die andere, Brigitte, in Bad Kissingen. Die Schülerin aus Hannover war etwas schludrig, was mich als «Tüpflischiesserin» störte – bald einmal meldete ich mich nicht mehr bei ihr. Mit Brigitte jedoch ergab sich ein reger Austausch. Wir schrieben uns immer längere Briefe, bis diese bald einmal 10 A4-Seiten umfassten! Jedes Mal.

Evelyne Felder und Brigitte Döll

Evelyne Felder (links) und Brigitte Döll


Brigitte: Anfänglich tauschten wir uns über die Schule aus, was man halt so mit 12 Jahren schreibt. Später dann über die erste Liebe oder Jungs, für die wir schwärmten. Bald einmal schilderten wir unseren Alltag unglaublich detailliert. Das Ausmass unserer Briefe kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.
Evelyne: Wir schrieben uns das Herz von der Seele und teilten alles miteinander.
Brigitte: Unser Postbote winkte jeweils schon von weitem, wenn er wieder einen neuen dicken Brief von Evelyne für mich hatte.

Besitzen Sie die Briefe noch?
Brigitte:
Als ich von zu Hause auszog, liess ich die Briefe dort. Schade, dass meine Eltern sie später ungefragt weggeworfen haben.
Evelyne: Ich habe sie sogar eigenhändig verbrannt, was ich heute sehr bereue. Vor meiner Hochzeit mit 24 Jahren hatte ich mich entschieden, all meine persönlichen Briefe, auch diejenigen von früheren «Schätzen», zu vernichten. Ich wollte diese Vergangenheit nicht in meinen neuen Lebensabschnitt mitnehmen. Leider fielen auch die Briefe von Brigitte den Flammen zum Opfer.

Nach sieben Jahren, im Frühling 1959, trafen Sie sich zum ersten Mal. Woran erinnern Sie sich noch auf Ihrer Reise nach Bayern, Frau Felder?
Evelyne: Ich war 18 Jahre alt – und es war meine erste Auslandreise überhaupt. Was meine Eltern natürlich etwas besorgt zurückliess. Familie Winter empfing mich sehr herzlich. Brigittes Vater sprach mich später immer mit «mein Engele» an. Brigitte, ihre Schwestern und ihre Eltern lebten in einer Zweizimmerwohnung. Wir haben viele schöne Ausflüge per Bus unternommen. Beim Aufstöbern alter Fotos geriet mir kürzlich das Zugbillett meiner Rückreise in die Hände. Erstaunt las ich, dass ich in der 1. Klasse gereist war. Die Rückfahrt kostete 123.30 Schweizer Franken.

Mittlerweile sind Sie seit 72 Jahren befreundet.
Brigitte:
Wir sind weit länger befreundet, als ich verheiratet war – mein Mann verstarb nach 56 gemeinsamen Ehejahren. Die Beständigkeit unserer Freundschaft ist etwas Wichtiges. Die Briefe haben uns rasch nähergebracht. Etwas Geschriebenes hat mehr Gewicht und bleibt länger haften als Gesprochenes.

Was macht Ihre Freundschaft aus?
Brigitte: Das Gefühl, über 300 Kilometer entfernt jemanden zu haben, der mich versteht – und den man in schlechten Zeiten oder als Witwe in Momenten der Einsamkeit jederzeit anrufen kann. Einen Menschen zu haben, den ich mag und verstehe – und der für mich da ist und mir Halt gibt. Ich konnte mich bei Evelyne auch immer darauf verlassen, dass meine Heimlichkeiten unter uns bleiben.
Evelyne: Wir waren auch in schweren Zeiten immer füreinander da. Wir hören uns gegenseitig aufrichtig zu und nehmen Anteil. Wir wissen, dass wir immer eine ehrliche, überlegte Antwort und guten Rat erhalten. Brigitte und ich haben keiner anderen Freundin so Intimes erzählt. Aber ich äussere mich auch mal kritisch.
Brigitte: Ich schätze diese Offenheit sehr. Es ist gut, dass mir jemand auch mal den Spiegel vorhält und sagt, wenn ich mich daneben verhalten habe. Angegriffen fühlte ich mich deswegen nie.

Mehr Freundschaftsgeschichten in der nächsten Zeitlupe-Ausgabe!

In der Februar-Ausgabe stellt die Zeitlupe drei langjährige «Freundschaftspaare» vor, die sich gegenseitig beschreiben. Die Porträts zeigen, wie vielfältig Freundschaften sein können – und wie wichtig. Das Heft erscheint am 13. Februar. Falls Sie noch kein Abo haben: Bestellen Sie sich gleich hier online gratis eine Probenummer – oder per Telefon an 058 510 61 13. 📧

Gibt es etwas, für das Sie einander beneiden?
Evelyne: Ich beneide Brigitte um ihre sportliche Disziplin. Sie ist jede Woche aktiv – mit Schwimmen, Velofahren, Spazieren oder Turnen. Trotz ihrer Hüftbeschwerden. Das finde ich super. Ich hingegen muss mich immer überwinden. Wenn ich mich wegen des Wetters wieder einmal schwer tue, hilft mir jedoch mein verstorbener Mann. Ich denke dann: «René würde nun an die frische Luft.» Und dann raffe ich mich auf.

Evelyne Felder und Brigitte Döll

Brigitte: Ich staunte schon früher, wie gut Evelyne über Kosmetik Bescheid wusste. Sie hat mir viel beigebracht. In jungen Jahren etwa, wie man seine Augen schminkt. Auch in Sachen Kleidung war sie stets ein Vorbild, an dem ich mich orientierte. Ich bewundere sie bis heute dafür, wie schick und gepflegt sie immer aussieht.

Weshalb haben Sie über all die Jahrzehnte nie den Draht zueinander verloren?
Evelyne: Weil wir uns bewusst sind, was wir aneinander haben. Wir fühlten uns trotz geografischer Distanz immer nahe. Es hat von Beginn an gestimmt – und stimmt heute mehr denn je. Wir haben uns immer bemüht, einander zu besuchen, teilweise sogar auch mit Partner und Kindern. Zu Weihnachten und zum Geburtstag schicken wir uns noch heute eine Karte.
Brigitte: Es fühlt sich für mich an, als wären wir nicht nur Freundinnen, sondern auch Nachbarinnen. Wir holen uns gegenseitig Trost und Rat – und helfen uns gegenseitig, Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Beitrag vom 06.02.2024

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