© Sonja Ruckstuhl

Die Zeitlupe-Stimme

Wer ein Zeitlupe-Abo hat, kann sich auf www.zeitlupe.ch ab sofort alle Artikel auch anhören. Sprecherin Dominique Lüdi vertont diese – und damit erstmals auch einen Artikel über sich selbst. 

Text: Fabian Rottmeier

Eyjafjallajökull. Nein, so sollte ein Text eher nicht beginnen. Ausser vielleicht, man grüsst mit diesem Zungenbrecher die Sprecherin, die diese Zeilen nach deren Veröffentlichung vertonen wird. Seit acht Jahren spricht Dominique Lüdi die Zeitlupe für die «SBS Schweizerische Bibliothek für Blinde, Seh- und Lesebehinderte» ein – und damit nicht nur den isländischen Vulkan, sondern auch erstmals einen Text über sich selbst.

Das werde bestimmt seltsam, sagt sie beim Treffen im Tonstudio 1, der grössten von neun Sprecherkabinen der SBS. Wer daran vorbeigeht, guckt durch grosse Sichtfenster – fast wie im Zoo. Der eine Sprecher sitzt entspannt auf seinem Stuhl, mit leichter Rückenlage, ein anderer aufrecht wie ein Tramchauffeur. Vor ihnen, auf Kopfhöhe, die aufgeklappten Bücher, von Leselampen ausgeleuchtet wie Museumsschätze.

Dominique Lüdi steht am liebsten beim Lesen. Entspannt, aber mit festem Stand. Eine passende Metapher für ihre Arbeit, die eine gute Balance zwischen Lockerheit und Konzentration erfordert, wie die 38-Jährige sagt. Sie vergleicht die Aufgabe mit einem Langstreckenhindernislauf. Man brauche einen langen Atem und müsse stets präsent sein, insbesondere in Dialogen. «Das eine Auge liest immer voraus.» 

Gute Sprache, glückliche Sprecherin 

Heute liest Dominique Lüdi aus dem Roman «Und wenn es nicht gut ist, ist es nicht das Ende» von Mirjam Oldenhave. «Ich war viel zu früh am Krankenhaus», lautet der erste Satz, den sie beim Besuch ins Mikrofon spricht. Erst nach sechs Minuten verhaspelt sie sich erstmals. Sie sei heute gut drauf, sagt sie, und die zehnjährige Erfahrung helfe wohl auch. Ein weiterer Grund: Gute Literatur vereinfache ihre Arbeit, erklärt sie. «Man spürt, wos langgeht.» Für die Zuhörenden zeigt sich dies in überlegten Pausen. «Wie ein Zoowärter, der weiss, wie unterschiedlich er seine Tiere behandeln muss, entwickeln auch wir ein Gespür für die Textstile.»

Effizienz ist für die 90 SBS-Sprecherinnen und -Sprecher essenziell. Sie müssen in der Lage sein, die Texte «prima vista», so der Fachbegriff, einzusprechen: aus dem Stegreif, ohne Vorbereitung. Nur so kann die SBS möglichst viele Bücher «hörbar» machen. Die 116 Jahre alte Spezialbibliothek steht allen blinden, seh- und lesebehinderten Menschen mehrheitlich kostenlos zur Verfügung. Spenden sind für den Betrieb überlebenswichtig.

Die Kleininserate haben es in sich

Eine Stunde Hörbuch bedeute etwa zwei Stunden Arbeit, sagt Dominique Lüdi. Die Zeitlupe liest sie in rund sieben Stunden ein. Das Anstrengendste seien die vielen Kleininserate. Den Text eines Waffenhändlers, der seit Jahren inseriert, kennt sie praktisch auswendig. Man hört Dominique Lüdi gerne zu. Sie liest unangestrengt und dynamisch, so dass das Zuhören leichtfällt. Als eine ihrer Romanfiguren mit den Worten «Ich gebe dir noch eine aller-, wirklich allerletzte Chance» droht, wird ihre sanfte Stimme lauter, während ihr ausgestreckter rechter Zeigefinger in Richtung Tischplatte wippt.

Die Baslerin ist ausgebildete Schauspielerin, wie die meisten im Sprecherteam der SBS. Welche Bücher sie vertont, bestimmt die Produktionsleitung. «Abstimmungsvorlagen mache ich auch gerne», ergänzt sie. Neben ihrem 30-Prozent-Pensum bei der SBS leitet die dreifache Mutter in Basel auch theatralische Stadtführungen oder arbeitet als Theaterregisseurin mit Jugendlichen.

Ein Kapitel ist eingelesen. Dominique Lüdi schaut sich die visualisierten Tonsignale am Bildschirm an. So entlarvt sie Nebengeräusche wie knackende Halswirbel, Atemlaute oder Papierrascheln. Bei der korrekten Aussprache hilft ein Software-Programm mit Abhörfunktion. Der Name Verhagen? Die holländische Stimme sagt «Vrhaachen». Der Opel Kadett? Wird wie vermutet auf der zweiten Silbe betont.

Die grösste Herausforderung bleibt, im Ton und in der Sprache die richtige Balance zu finden, «weil wir unseren Kundinnen die Interpretation nicht aufdrängen wollen, sondern ihre Fantasie anregen möchten», begründet sie. Stolpern wird Dominique Lüdi während des Besuchs nur noch über das Wort Sumo-Ringerin – und über die Romanstelle, in der die Windel von Frau Smit plötzlich durchs Nachthemd schimmert. Gegen solches Kopfkino können selbst isländische Vulkane einpacken. ❋