Rendez-vous am Gemüsestand

Das Hochzeitsfoto ihrer Eltern Marie und Otto Hauenstein-Brandenberger hängt bei Ruth Hess in Arbon an der Wand. Die gebürtige Züribieterin hält die Erinnerungen an ihre Vorfahren in Ehren. Sie lebt seit vielen Jahren im Thurgau und blickt zufrieden auf ihr bald 90-jähriges Leben zurück.

Bilder, Briefe und Alben von früher bewahre ich sorgsam auf. Mich interessieren die Geschichten und Hinterlassenschaften meiner Vorfahrinnen und Vorfahren. Ich besitze sogar einen Liebesbrief aus dem Jahr 1774. In einem alten Schrank, den ich erbte, fand ich eine Holzkiste voller Schriftstücke und Fotos. Bei mir hängen Erinnerungen an sechs Generationen an der Wand.

Auch das Hochzeitsfoto meiner Eltern von 1923. Kennengelernt haben sie sich am Gemüsestand. Zwei Mal pro Woche verkaufte mein Vater Otto Hauenstein Blumen und Gemüse von seinem kleinen Hof mit Gärtnerei in Fällanden ZH in der Stadt. Meine Mutter Marie Brandenberger, die bereits als junges Mädchen vom Bündnerland nach Zürich gezogen war, arbeitete als Köchin in der «Pflegi», der Pflegerinnenschule mit Frauenspital beim Römerhof. Kam er in die Stadt, brachte mein Vater meiner Mutter immer öfter ein Blumensträusschen mit.

Das waren noch Zeiten: Hochzeitspaar von 1923 im ovalen Bilderrahmen

Viel erzählt von ihrer Hochzeit haben die Eltern nie. Aber in der Holzkiste fand ich auch die Traupredigt von 1923. Darin ist von einem Jahr mit sehr wenig Niederschlägen die Rede – aussergewöhnliche Trockenheit gab es also schon damals. Das schwarze Seidenkleid mit dezenter Rosenstickerei – auf dem Foto nur schlecht zu sehen – kenne ich gut. Meine Mutter hatte es als geschickte Näherin selbst geschneidert. Weil ich früh hoch aufschoss, passte es mir bereits in der sechsten Klasse. Damals waren schwarze Hochzeitskleider üblich – und praktisch, da man sie später zum Abendmahl und an Beerdigungen tragen konnte.

Mein Vater, mit Jahrgang 1881 siebzehn Jahre älter als meine Mutter, trug zeitlebens einen schönen Schnauz. Den Zylinder, den er auf dem Foto in der Hand hält, besitze ich bis heute. Und die Taschenuhr, deren Kette man unter seinem Anzug sieht, nahmen mein Bruder und ich als Kinder einmal auseinander. Daran erinnere ich mich, weil uns ein Cousin erwischte und mir als Älterer gehörig der Hosenboden versohlt wurde.

Familienbetrieb in Fällanden ZH

Mein Vater übernahm den Hof und die Gärtnerei von seinen Eltern und meine Mutter stieg in den Familienbetrieb ein, wo sie es mit den Schwiegereltern nicht einfach hatte. Meine Grossmutter war nach einem «Schlägli» bettlägrig und auch ein taubstummer Onkel gehörte zur Familie.

Ich kam als viertes von sechs Kindern zur Welt. Meine Schwester und ich waren die Lieblinge meines Vaters. Mit meiner Mutter kam ich weniger gut aus, weil sie meine vier Brüder bevorzugte. Wir alle lernten zuhause früh, selbstständig zu arbeiten und Verantwortung zu übernehmen. Vor allem als die «Mame» sich überarbeitete und zur Kur musste. Heute würde man wohl von Burn-out sprechen.

Jeweils am Montag und am Donnerstag zogen wir mit Ross und Wagen, Gemüse und Blumen in die Stadt. Während des Krieges wurde unser Pferd als «Eidgenoss» zum Militär eingezogen. Ab dann zog eine Kuh den Karren. Wir waren Selbstversorger und mit der Zeit verstand ich, dass wir arm waren. Als ich den Vater darauf ansprach, sagte er: «Wir sind nicht arm, wir sind gesund.» Sechs gesunde Kinder seien keine Selbstverständlichkeit. Aus Stolz lehnte er die AHV-Rente mit der Begründung ab, er wolle keine Almosen. Die Mutter holte den hochwillkommenen Zustupf – 47 Franken – heimlich beim Pfarrer.

Jeden Tag stieg der «Bappe» in den Estrich hoch und las in seiner alten Familienbibel. Ihm war wichtig, dass wir Kinder immer einen Batzen mit in die Sonntagschule nehmen konnten. «Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb», pflegte er zu sagen. Oder: «Wer kärglich sät, wird kärglich ernten.» Das Wenige, das wir besassen, teilten wir mit denen, die noch weniger hatten.

Mein Vater war auch ein leidenschaftlicher Imker, sogar auf seinem Grabstein sind Bienen abgebildet. Früh lehrte er mich den Umgang mit den Tieren, die so zutraulich waren, dass wir immer barfuss ohne Schleier arbeiteten. Meinen grünen Daumen habe ich auch von ihm geerbt. Vaters Kakteen überwinterten jeweils im Elternschlafzimmer, welches direkt über der geheizten Stube lag. Ohne Chriesistei-Säckli aus dem Kachelofen gingen wir im Winter nie zu Bett. Eisblumen an den Fenstern und ein gefrorener Waschlappen am Morgen gehörten in meiner Kindheit dazu.

Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg

Dass heute in Europa wieder Krieg herrscht, beschäftigt mich sehr. Denn mit Jahrgang 1934 erinnere ich mich noch gut an den Zweiten Weltkrieg. Von Fällanden aus sahen wir direkt hinunter auf den Flughafen Dübendorf. Während des Krieges mussten dort immer wieder amerikanische Bomber notlanden. Einmal flog ein brennendes Flugzeug direkt über unseren Hof und stürzte in den Greifensee. Drei Soldaten starben nach Fallschirmabsprüngen bei der Landung in unserem Dorf. Einmal fanden wir einen amerikanischen Piloten im Wald, der Todesangst ausstand, weil er fürchtete, in Deutschland abgestürzt zu sein. Erst als ihm unser Bäcker «Switzerland, Switzerland» zurief, beruhigte er sich. Auch General Guisan traf ich – allerdings ohne es zu wissen. Er besuchte unsere Schule, aber wir Kinder waren Männer in Uniform gewohnt und verstanden nicht, dass dies ein besonders hoher Gast war.

Im Dorf hiess es, aus uns Kindern würde sicher einmal nichts Rechtes. Der Armenpfleger im Dorf drohte, uns zu «versorgen», wenn wir nicht spurten. Doch wir hielten zusammen und bewiesen allen das Gegenteil. Tatsächlich haben wir alle es auch ohne Sekundarschule oder Lehre zu etwas gebracht.

Ich wäre gern ins Ausland gegangen, blieb aber hier im Thurgau hängen, wo es mir gut gefällt. Meine «Züri-Schnurre» hört man auch nach all den Jahren noch. Willy und ich heirateten früh und bekamen zwei Töchter und einen Sohn. Mein Mann, der wie ich keine Ausbildung machen konnte, arbeitete auswärts. Ich besorgte den kleinen Bauernhof, der wie viele war: Zu klein zum Leben, zu gross zum Sterben. Daneben pflegte ich 22 Jahre lang meine Schwiegermutter. Damals war das selbstverständlich.

Mein Vater und meine Mutter lebten bis zu ihrem Tod 1966 und 1991 in Fällanden. Ob sie glücklich miteinander waren, weiss ich nicht. Früher sprach man wenig über solche Dinge. Wenn ich ihr Hochzeitsfoto betrachte, erinnere ich mich an die erste Zeit meiner eigenen Ehe. Damals lernte man einander ja erst nach der Hochzeit richtig kennen. In meiner Kindheit haben sich meine Eltern oft gestritten, weil das Geld an allen Ecken und Enden fehlte. Später, als wir Kinder sie mit unserem Lohn unterstützen konnten, wurde es harmonischer und mein Vater nannte meine Mutter zärtlich «Mameli».

Mein Mann und ich waren sehr glücklich, bis er mit sechzig Jahren viel zu früh starb. Seither fürchte ich mich nicht mehr vor dem Tod, weil ich weiss, dass mein Willy seit 33 Jahren drüben auf mich wartet. Ich habe eine wunderbare Familie mit vier Enkelkindern, sechs Urenkeln und einer Urenkelin. Dass ich einmal ein so schönes Leben haben würde, hätte ich nie erwartet.

Aufgezeichnet von Annegret Honegger

Beitrag vom 13.03.2023

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