Wir holen alles nach, Kapitel 15 Von Martina Borger

Heute Morgen wollte der Hund nicht aufstehen. Er lag in seinem Korb und hob kaum den Kopf, obwohl er sonst sofort aufspringt, sobald der Wecker klingelt. Ellen hat ihn noch eine Weile liegen lassen, sich erst fertiggemacht und ihm dann minutenlang gut zugeredet, erst dann erhob er sich und trottete langsam zur Tür.

Während sie ihre Tour machte, setzte er sich wie immer neben ihr Fahrrad und wartete, aber wenn sie zurückkam, fiel ihm das Aufstehen sichtlich schwer. Zu Hause legte er sich sofort unter den Küchentisch, sein Hüttenkäse-Frühstück, das Ellen extra mit einer Banane angereichert hatte, rührte er nicht an. Jetzt ist es Mittag, und er hat noch immer nichts gefressen, nur ein paar Schlucke Wasser getrunken. Ellen, die Kartoffeln schält und Gemüse putzt, wirft ihm immer wieder einen Blick zu. Ist er nur müde? Auch sie hat schliesslich manchmal Tage, an denen sie nicht in die Gänge kommt. Aber sie ist 68 und er erst sechs und normalerweise quicklebendig. Er war in den letzten Tagen schon ruhiger als sonst, matter, so als brüte er etwas aus. Und mit so grossem Appetit gefressen wie normalerweise hat er auch nicht.

Wenn nicht Samstag wäre, würde sie gleich beim Tierarzt anrufen und fragen, ob sie vorbeikommen kann. Sie könnte natürlich in die Veterinärklinik am Englischen Garten gehen, da war sie einmal mit Frau Annemarie, als die sich die Pfote verletzt hatte. Sie hat keine gute Erinnerung daran, nicht wegen der Behandlung, sondern weil sie Ewigkeiten warten musste. Und es ist weit dorthin, ohne Auto und beim heutigen Tempo des Hundes wird es sicherlich mindestens eine Stunde dauern.

Sie kämpft noch mit sich, als sie sieht, wie er aufsteht und zu seinem Futternapf tappt. Er frisst nicht viel, nur ein Drittel der üblichen Portion, aber immerhin. Sie wird noch bis Montag warten, ihn schonen, warm halten, ihn mit seinen Lieblingsspeisen ein bisschen verwöhnen. Vielleicht geht es ihm ja auch bis dahin besser, und sie kann sich das Geld für den Tierarzt sparen, denn trotz der grosszügigen Entlohnung für die Betreuung von Elvis muss sie ein bisschen haushalten im Moment, schliesslich hat sie während der Sommerferien durch das Ausbleiben der Nachhilfeschüler deutlich weniger verdient.

Am Abend findet in der Buchhandlung eine Veranstaltung statt, die Neuerscheinungen der Frankfurter Buchmesse werden den Kunden vorgestellt, danach gibt es einen kleinen Umtrunk. Ellen überlegt, ob sie wegen des Hundes zu Hause bleiben soll, aber er schläft und wird sie die nächsten zwei Stunden nicht vermissen. Und sie hat ausnahmsweise Lust auf Gesellschaft.

Nach der Buchvorstellung will sie sich ein Glas Wein am Tisch neben dem Eingang holen, an dem Kirsten sich mit einer großen Frau Mitte bis Ende dreissig unterhält, Ellen aber gleich um den Hals fällt. «Wie schön, dass du gekommen bist! Wie geht’s dir?» Ohne eine Antwort abzuwarten, lässt sie Ellen los und macht eine Handbewegung hin zu ihrer Begleitung. «Kennt ihr euch? Von der Schule?»
«Noch nicht», die junge Frau streckt Ellen die Hand hin. «Katharina Graml.»
Ellen braucht einen Moment, um den Zusammenhang herzustellen, sie hat sich die Frau immer ganz anders vorgestellt, kleiner, eher rundlich, dunkelhaarig. «Sie sind Elvis’ Klassenlehrerin.»
«Richtig.» Frau Graml spricht mit einem weichen bayrischen Einschlag in der dunklen Stimme.
«Und Sie sind Frau Wildner, seine Nachhilfelehrerin, gell? Schön, Sie kennenzulernen.»

«Gleichfalls.» Ellen ist die Frau auf Anhieb sympathisch, nicht nur des schönen Dialekts wegen.
«Er war einen Teil der Ferien bei Ihnen, hat er erzählt. Und dass Sie einen lieben Hund haben.»
«Ja, er ist ganz verrückt nach ihm.» Ellen tritt neben Frau Graml und schenkt Weisswein in einen der Plastikbecher, früher gab es hier Gläser. «Er kriegt demnächst selber einen, hat er das auch erzählt?»
«Er redet von fast nix anderem», Frau Graml lacht. «Ein Pudel, schwarz, aus dem Allgäu. Danke.» Mit einem Kopfnicken nimmt sie den Becher mit Wein, den Ellen ihr fragend entgegengehalten hat.
«Den Namen hab ich jetzt vergessen.»
«Fritzi.» Ellen schenkt einen weiteren Becher halbvoll, die Flasche ist jetzt leer. «In zehn Tagen ist es so weit. Das war der vorletzte Weisswein, Kirsten.»
«Ich hol Nachschub», Kirsten eilt in Richtung Lager.
Ellen dreht sich zu Frau Graml um, hebt kurz den Becher, nickt ihr zu und trinkt einen Schluck. Die Lehrerin tut es ihr nach. Als sie den Becher absetzt, lächelt sie Ellen an. Sie strahlt eine natürliche Wärme aus, wie Ellen sie nur bei wenigen anderen Menschen erlebt hat.
«Ich freu mich wirklich, dass ich Sie kennenlern», sagt sie. «Weil ich Ihnen schon längst sagen wollt, wie grossartig ich es find, wie Sie sich kümmern», sagt sie. «Elvis hat so viel erzählt von den Wochen bei Ihnen. Ich glaube, er hat’s sehr genossen, dass jemand mal viel Zeit für ihn gehabt hat. Und Geduld. Er hat ja nur seine Mutter, und die arbeitet ganztags, der Vater wohnt anscheinend weiter weg.»


«In Düsseldorf, ja. Aber er lebt ja auch noch mit dem Partner seiner Mutter zusammen.»
«Ach ja? Das hab ich nicht gewusst.» Frau Graml, die gerade den Becher zum Mund geführt hat, hält in der Bewegung inne, sieht Ellen abwartend an.
«Offenbar ist er nicht so wichtig wie mein Hund.» Ellen nimmt noch einen Schluck Wein, er ist zu warm.
Frau Graml lacht wieder. «Jeder hat seine Prioritäten.« Sie schenkt sich aus der letzten Flasche nach, sie hat einen guten Zug. «Aber was ich Ihnen auch noch sagen muss, der Elvis hat sich wirklich deutlich verbessert, seit er bei Ihnen Nachhilfe hat.»
«Das freut mich.»

«Sein grösstes Problem ist nach wie vor Deutsch. Aber er liest jetzt mehr, das ist ja schon die halbe Miete.»
«Ich versuche ihn ein bisschen zu animieren», sagt Ellen und winkt der vorübergehenden Anne zu, die einen Mann mit Pferdeschwanz zu den Fotobänden führt. «Wir gehen inzwischen alle vier Wochen zusammen in die Stadtbücherei, die haben eine ganz gute Comicsammlung, da bedient er sich gern.»
«Wurscht, was er liest», sagt Frau Graml. «Hauptsache, er macht’s. Auf die Dauer wird sich das bestimmt auf seine Noten auswirken. Aber ein bissl Geduld braucht man schon. Er ist ja eher ein Spätentwickler, tät ich sagen.»
«Ein bisschen verträumt noch, das stimmt», sagt Ellen. «Mit seinen Gedanken woanders. Was ja kein Problem wäre, wenn nicht im nächsten Jahr der Wechsel anstünde. Und er nicht aufs Gymnasium sollte.»

«Die Übertrittsempfehlungen, ja», Frau Graml seufzt tief auf. «Die machen mich jetzt schon ganz fertig. Was glauben S’, was ich für Diskussionen hab deshalb mit den Eltern. Dabei wär’s für die meisten Kinder besser, man könnt noch ein bissl warten und schauen, wie sie sich entwickeln. «Sehe ich genauso.» Ellen schüttelt den Kopf, als Frau Graml fragend die Weinflasche hebt; wenn sie noch mehr trinkt, wird sie morgen fürchterliche Kopfschmerzen haben. «Als ich in der vierten Klasse war, 19 – warten Sie – 59 muss das gewesen sein, da gingen von über dreissig Schülern ganze fünf aufs Gymnasium. Die meisten sind auf der Volksschule geblieben, wie das damals hiess. Aber das war auch auf dem Land.»

«Das hat sich dort inzwischen«auch sehr verändert», sagt Frau Graml. «Ich komm auch vom Land, aus dem Chiemgau.»
«Schöne Gegend», sagt Ellen. »Mein Mann war auch aus der Ecke.» Jemand tippt ihr von hinten auf die Schulter, sie dreht sich um und begrüsst Bernhard, den sie noch als Azubi kennengelernt hat und der mittlerweile die Abteilung für Reise und Natur leitet. Sie plaudern ein paar Minuten, Bernhard erzählt, dass er sich verlobt hat und im kommenden Jahr heiraten wird, und als er weitergeht, ist Frau Graml im Getümmel verschwunden.
Ellen bleibt noch eine halbe Stunde, guckt die Neuerscheinungen durch, schwatzt ein bisschen mit Anne und einer neuen Angestellten, die im Modernen Antiquariat arbeitet, und bekommt von Kirsten zwei Leseexemplare geschenkt. Um kurz nach neun verlässt sie die Buchhandlung, geht zu ihrem Fahrrad und schließt es auf.»

«Frau Wildner?«
Ellen dreht sich um. Frau Graml kommt gerade aus dem Laden und auf sie zu, im Gehen wickelt sie sich einen grauen Schal um den Hals.
«Jetzt hab ich gedacht, dass Sie auch auf dem Weg zur U-Bahn sind. Aber Sie haben Ihr Radl dabei.»
«Ich muss aber auch in die Richtung. Wir können gerne noch ein paar Schritte zusammen gehen.»
«Das wär schön. Ich wollt Sie nämlich noch was fragen …»

Ellen klappt den Fahrradständer ein und schiebt ihr Rad zu der Lehrerin. Langsam gehen sie nebeneinander her über das breite Trottoir.
«Also … es geht noch mal um den Elvis. Sie kennen den inzwischen schon recht gut, oder?»
«Ich denke schon.» Ellen schiebt ihr Rad an einem Obdachlosen vorbei, der sein Lager vor dem Supermarkt aufgeschlagen hat.
«Hat er … das klingt jetzt irgendwie blöd, aber … könnt es sein, dass er Probleme hat? Die nix mit der Schule zu tun haben?»
«Wie kommen Sie darauf?» Ellen fällt auf, dass Frau Graml sich verbal windet, offenbar ist ihr die Richtung, in die sie dieses Gespräch führt, unangenehm, so wie Ellen auch. Sie will auf keinen Fall in Klatsch über den Jungen verwickelt werden.
Frau Graml zögert. «Es ist so», sagt sie dann, «wir machen uns ein bissl Sorgen um den Buben, die Kollegen und ich. Nicht dass Sie denken, dass ich hier hinter seinem Rücken über ihn ratschen will.»
«Sorgen? Weshalb?»
«Er ist im Klassenverbund schon ein Aussenseiter. Und er wirkt nicht nur auf mich manchmal – wie soll ich das sagen – bedrückt. Als ob ihn irgendetwas belasten würd.«
«Meinen Sie?»
«Ich hab halt so ein Gefühl», sagt Frau Graml, «und normalerweise lieg ich da nicht ganz falsch. Vielleicht etwas Familiäres? Aber wenn Sie meinen, ich spinn, sagen Sie’s ruhig.»

Jetzt ist es Ellen, die zögert. «Seine Mutter kümmert sich recht liebevoll», sagt sie dann. «Das ist zumindest mein Eindruck.»
«Und … der Partner?»
«Über den kann ich nicht viel sagen, ich hab ihn bisher nur zweimal flüchtig gesehen.»
«Weshalb ich es überhaupt angesprochen hab …» Frau Graml bleibt vor dem Schaufenster einer Boutique stehen, Ellen fällt jetzt erst auf, dass ihre Augen von einem tiefen, leuchtenden Blau sind, so wie die von Jock waren. «Es hat da einen Vorfall gegeben vor drei Tagen. Oder sagen wir lieber, eine Beobachtung. Im Turnunterricht, bei einem Kollegen. Beziehungsweise in der Umkleide.»
«Ja?»
«Also der Sportlehrer meint, er hätte gesehen, dass Elvis blaue Flecken am Oberkörper hat. Als ob er …» Frau Graml bricht ab, zieht fröstelnd die Schultern zusammen, dabei ist es gar nicht kalt.
«Geschlagen worden ist?» In Ellens Magen klumpt sich etwas Kaltes zusammen.
«Ja. Es kann natürlich auch eine ganz normale Erklärung dafür geben, Kinder verletzen sich ja schnell mal beim Spielen, ich kenn das von meiner Tochter. Aber trotzdem …»

«Hat Ihr Kollege Elvis darauf angesprochen?»
«Nein. Er war wohl überfordert in dem Moment, verständlicherweise. Ihm ist in dem Zusammenhang aber eingefallen, dass Elvis sich nie mit den anderen Jungs umzieht, sondern wartet, bis er allein ist. Was ja ein Indiz sein könnte …»
«Also», Ellen muss sich räuspern, sie hat einen Kloss im Hals, «ich kann mir nicht vorstellen, dass seine Mutter ihn schlägt. Natürlich kann man in einen anderen Menschen nicht reinschauen, aber ich glaube es einfach nicht.»
Frau Graml seufzt erneut tief auf, setzt sich dann langsam wieder in Bewegung. «Das Thema ist entsetzlich und sehr heikel. Ich bin ehrlich gesagt ratlos, was ich tun soll, ich hab so einen Fall noch nie gehabt. Ich will ja auf keinen Fall jemanden zu Unrecht verdächtigen.»
Sie gehen schweigend ein paar Schritte weiter. In Ellens Kopf überschlagen sich die Gedanken. Kann sie, soll sie, darf sie überhaupt erzählen von ihrer Beobachtung, an dem Tag, als es Elvis so schlechtging? Kurz nachdem er mit dem Partner seiner Mutter zelten war? Diese Beobachtung, die sie sich erklärt, aber vielleicht auch nur schöngeredet hat, aus Angst, sich einmischen zu müssen? Und einen falschen Verdacht in die Welt zu setzen? Ist es überhaupt in Ordnung, dass sie hier mit der Lehrerin des Jungen über ihn spricht? Verletzen sie damit nicht seine Privatsphäre? Oder die von Sina? Andererseits, kann es ohne Bedeutung sein, dass der Lehrer Ähnliches gesehen hat wie sie?

«Wie gesagt, ich bin ratlos.» Frau Graml bleibt erneut stehen, sie sind an der Treppe zur U-Bahn angekommen. «Ich hab schon überlegt … Ich hab eine Freundin, die im Jugendamt arbeitet, ob ich mit der mal red. Vielleicht könnt die diskret recherchieren, ob’s schon mal was gegeben hat in der Familie. Oder mit dem Partner der Mutter.»
«Mit Frau Poschmann direkt sprechen wollen Sie nicht?»
«Davor hab ich Schiss, muss ich zugeben. Sie ist ja recht resch. Und wie gesagt, das Thema ist heikel, verstehen Sie?» Frau Graml sieht Ellen fragend, fast schon flehend an. «Meinen S’, wir übertreiben mit unserer Sorge? Und machen aus einer Mücke einen Elefanten?»
Ellen sieht der Frau in die blitzblauen Augen, die erwartungsvoll auf sie gerichtet sind. Sie muss antworten, aber sie bräuchte Zeit zum Nachdenken. Soll sie? Muss sie vielleicht sogar?

Auch als Frau Graml auf der Rolltreppe schon ausser Sichtweite ist, bleibt Ellen noch einen Moment stehen. Trotz ihrer dünnen Jacke ist ihr heiss, sie fühlt ihren Puls in ihren Ohren pochen. Den Rest des Heimwegs schiebt sie ihr Rad, sie kann im Gehen am besten nachdenken. Obwohl es dafür natürlich zu spät ist, sie hat bereits eine Entscheidung getroffen, in Sekundenschnelle. Und sie weiss nicht, ob es die richtige ist.

Was bisher geschah:
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Wurde 1956 geboren und arbeitete als Journalistin, Dramaturgin und Filmkritikerin, bevor sie sich aufs Drehbuchschreiben verlegte. Sie hat bei mehreren Serien als Storylinerin und Chef-Autorin gearbeitet. Gemeinsam mit Maria Elisabeth Straub veröffentlichte sie 2001 ihren ersten Roman «Katzenzungen», dem «Kleine Schwester» (2002), «Im Gehege» (2004) und «Sommer mit Emma» (2009) folgten. Ohne Co-Autorin erschien 2007 ihr Roman «Lieber Luca». Martina Borger lebt in München.


Martina Borger, «Wir holen alles nach», Roman, Diogenes

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120 / 20 / 44 / 1; ISBN 978 3 257 07130 6