Vom «Mezzogiorno» in den Aargau

Obwohl sie viel Schweres erlebte, blieb Maria Fortunata Roina-Vitale eine Frohnatur. Ihre Tochter, Zeitlupe-Leserin Julia Streutker, erzählt die Geschichte ihrer Mutter, die als junge Frau aus Italien in die Schweiz kam.

Als Kind liebte ich es, wenn wir in den Sommerferien ins süditalienische Dorf meiner Eltern fuhren. Die Nonna, das Meer, das gute Essen! Jedes Mal hoffte ich, das Zugpersonal streike, damit wir noch etwas bleiben konnten – was nicht selten auch geschah…

Weshalb meine Eltern als junges Paar ihre Heimat verliessen, verstand ich erst später. Die Armut prägte ihre Kindheit und Jugend im «Mezzogiorno» in der Nähe von Neapel, das sieht man auf dem Familienfoto sofort. Meine Mutter ist das kleine Mädchen ganz links aussen. Sie erzählte mir, dass die Familie abends oft am Feuer in der Küche zusammensass und sang. So verbrachte man damals die Freizeit.

Familienfoto mit der kleinen Maria Fortunata in Italien
© privat

Der frühe Tod meines Grossvaters war ein grosser Einschnitt. Meine Mutter hatte ihrem Vater sehr nahegestanden und ertrug es kaum, mit neun Jahren an seinem Totenbett wachen zu müssen. Es kam sogar noch schlimmer: Da meine Grossmutter nicht für alle acht Kinder sorgen konnte, wurden die Geschwister auf die Verwandtschaft verteilt. Unter der Trennung litten alle sehr.

Meine Mutter kam zu den Grosseltern, wo sie auf dem Feld arbeiten musste und kaum Kind sein durfte. Sie war eine sehr gute Schülerin und übersprang sogar eine Klasse. Gerne wäre sie Lehrerin geworden wie ihre ältere Schwester Liberatina, ihr grosses Vorbild. Doch dafür reichte das Geld nun nicht mehr. Nach der sechsten Klasse verliess sie die Schule und lernte Schneiderin – alles andere als ihr Traumberuf.

Die grosse Liebe und der Aufbruch nach Norden

Mit 21 heiratete sie ihre grosse Liebe Angelo, den gutaussehenden Freund ihres jüngeren Bruders. Das Hochzeitskleid war gemietet und die Hochzeitsreise bloss ein Tagesausflug nach Capri. Doch mich berührt, wie zuversichtlich meine Eltern auf dem Foto von 1957 in die Zukunft blicken.

Maria Fortunata und ihre grosse Liebe Angelo blicken von einer Schiffsreling aufs Meer
© privat

Ihr Glück suchten sie – wie so viele damals – im Ausland. Vor allem meine Mutter wollte dem Elend entfliehen und mehr aus ihrem Leben machen. Wenn die Auswanderer etwa aus den USA im Sommer die alte Heimat besuchten, staunte sie über deren Wohlstand.

Weil mein Vater nicht so weit weg wollte, fiel die Wahl auf die Schweiz. Vater reiste voraus, Mutter folgte ihm bald. In Chiasso, erzählte sie, holte man alle Auswandernden aus dem Zug und überprüfte ihre Gesundheit. Vor allem die offene Tuberkulose war damals gefürchtet. Den Fremden und besonders den Süditalienern schlug viel Misstrauen und Angst entgegen, da man mehr oder weniger alle für Angehörige der Mafia hielt.

Kein einfacher Start

Als gelernte Schneiderin und Schneider fanden meine Eltern bald eine Stelle bei einer Textilfirma im Aargau, wo bereits viele Italienerinnen und Italiener lebten. Meine Mutter war glücklich, dass sie jede Woche das orange Couvert mit ihrem Lohn erhielt. Sie schätzte ihren anständigen Chef und die Schweizer Zuverlässigkeit. Schon bald sagte sie zu meinem Vater, sie wolle nie mehr nach Italien zurück.

Portrait von Maria Fortunata
© privat

Doch der Start in der neuen Heimat war alles andere als leicht. Die Arbeitstage in der Fabrik waren lang und hart, die Sprache ebenso fremd wie Sitten und Gebräuche. Und erst das kalte Wetter! Die Italiener fielen auf, weil sie viel lauter waren als die Schweizer und ihre Gefühle überschwänglich zeigten. Auch die hiesige Ordnungsliebe passte gar nicht zu meiner eher chaotischen Mutter. Vor allem in den ersten Jahren fürchtete sie ständig, etwas falsch zu machen und ausgewiesen zu werden.

Als 1961 mein Bruder Fabio zur Welt kam, ging meine Mutter so bald wie möglich wieder arbeiten. Erst nach meiner Geburt vier Jahre später konnte sie sich selbst um uns Kinder kümmern. Da wir daheim nur italienisch sprachen, lernte ich erst in der Schule Deutsch. Auch meine Mutter beherrschte die deutsche Sprache nie richtig, weil sie fast nur mit Landsleuten zu tun hatte. Selbst das Verkaufspersonal in den Läden lernte damals etwas italienisch, um die Kundschaft aus Italien zu bedienen. Das lohnte sich wohl, weil Italiener viel Wert aufs Essen legten und besonders um die Festtage grosszügig einkauften.

Ein Aal im Lavabo

Auch in unserer Familie feierten wir Ostern und Weihnachten mit einem Drei- oder Viergänger. An den lebenden Aal, der am 24. Dezember in unserem Lavabo schwamm, bevor er in der Pfanne landete, erinnere ich mich noch immer mit Schaudern. Bis heute sind Rezepte für mich aber auch wichtige Erinnerungen. Je älter ich werde, desto öfter habe ich Lust, wie meine Mamma zu kochen. Auch Pasta mache ich oft selbst. Bezüglich des Essens bin ich ganz und gar Italienerin.

Als mein Vater bereits mit 47 an Krebs starb, war das ein schwerer Schlag für meine Mutter. Hinzu kam ihre Angst, das Haus zu verlieren, das sich meine Eltern hart erarbeitet hatten. Die Steuerverwaltung verdächtigte sie sogar, Einnahmen zu verstecken. Dabei arbeitete sie einfach von früh bis spät und sparte eisern.

Die Generation meiner Eltern hat viel für die Schweiz geleistet. Nicht immer behandelte man sie fair und die wenigsten wagten, sich zu wehren. Die Zeiten haben sich zum Glück geändert, aber auch heute wird oft schlecht über Ausländerinnen und Ausländer gesprochen. Dabei machen sie meist die Arbeit, die Einheimische nicht übernehmen wollen.

Als ich mich 2005 einbürgern liess, behandelte man mich wie eine Fremde, obwohl ich in Aarau geboren wurde und mein ganzes Leben hier verbrachte. Auch dass die ganze Gemeinde über mich entscheiden konnte, tat weh. Ein bisschen wie im Film «Die Schweizermacher» geht es heute noch zu und her.

Die Heimat und die Familie zu verlassen, ist nicht so leicht, wie manche vielleicht meinen. Und zwei Heimaten zu haben und sich in beiden nicht wirklich zuhause zu fühlen, zerreisst einen manchmal fast – das spüre ich bei mir selbst. Meine Mutter hingegen war stolz, dass sie den Schritt ins Ausland gewagt hatte und bereute ihn nicht. Bloss mit dem Schweizer Wetter freundete sie sich nie an.

Obwohl sie viel Schweres verkraften musste und nach ihrem Mann auch ihre Enkelin verlor, blieb meine Mutter zeitlebens eine Frohnatur. Stets sah sie das Gute. Ihr Markenzeichen, gleichzeitig Radio und Fernseher laut laufen zu lassen, behielt sie selbst im Altersheim bei. Bis zum Schluss blieb etwas von der unbeschwerten und lebensfrohen jungen Frau auf dem Schiff nach Capri in ihr lebendig. Ich vermisse sie sehr.

Aufgezeichnet von Annegret Honegger

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Beitrag vom 18.05.2026

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