© Richard Haydon

Zürich feiert seine letzte Äbtissin

Auf Amt und Würde verzichtete Katharina von Zimmern, als sie 1524 das Kloster Fraumünster der Stadt Zürich übergab. Dieses Jubiläum bietet in den nächsten Monaten Gelegenheit, um in diese vergangene Zeit einzutauchen.

Text: Marco Hirt

Es ist eine brenzlige Periode ab 1519: Huldrych Zwingli kommt als Pfarrer nach Zürich, wo er der Wortführer einer einschneidenden Reform des Kirchenlebens wird. Der Konflikt mit dem katholischen Glauben sorgt für Unruhen, Mitte 1524 kommt es zur Zerstörung des Kartäuserklosters Ittingen. Weitere bäuerliche Aufstände drohen. In dieser Zeit steht Katharina von Zimmern dem Fraumünsterkloster in Zürich vor. Ein Amt, das sie schon seit 28 Jahren innehat – mit 18 wird sie zur Äbtissin gewählt, ist somit auch Stadtherrin, nimmt Repräsentationspflichten wahr und kümmert sich als geschickte Unternehmerin um die Geschäfte der Abtei.

Doch das politische Spannungsfeld, in das sie gerät, wird zunehmend heikler. Denn sie hatte u.a. Zwingli erlaubt, seine Predigten auch im Fraumünster zu halten. Sie befürchtet, in den Sog der Tumulte zu geraten – und entscheidet sich, das Kloster mitsamt seinem Vermögen und seinen Ländereien an den Bürgermeister und den Rat der Stadt Zürich abzutreten. Am 8. Dezember 1524 ist dies der Fall – zu ihren Beweggründen steht in einer Ratsnotiz Ende November, dass es ansonsten «gross unruoh und ungemach» hätte bringen können. Und sie machte den Weg frei für eine Reformation ohne Bürgerkrieg.

Der 8. Dezember 1524 ist nun – 500 Jahre später – Anlass für Zürich, diesen durch Katharina von Zimmern ermöglichten Wendepunkt in der mittelalterlichen Stadt- und Reformationsgeschichte mit einem vielseitigen Programm bis Ende 2024 zu feiern. Nebst Ausstellungen, Führungen und Rundgängen gehört zu den Besonderheiten des Jubiläumsjahrs die neue Biographie, die im Mai erscheint, sowie das Oratorium «Katharina», das vom Fraumünster-Chor im November uraufgeführt wird.

Fraumünster Chor
Das Oratorium «Katharina» wird vom Fraumünster-Chor im November uraufgeführt. © zVg

Und als rundum sichtbares Element wird das Fraumünster seinen zweiten Turm «zurückbekommen». Das Fraumünster hatte ursprünglich zwei Türme, der eine wurde anlässlich einer umfassenden Renovation aus Kostengründen abgerissen. Ab August soll der Katharinen-Turm stehen – eine 40 Meter hohe Installation, umwickelt von Stoffbändern, auf denen die Namen von 500 Frauen stehen, die sich in der Geschichte und Gegenwart prägend für Zürich engagiert haben.

Ab August soll der Katharinen-Turm stehen. © Verein Katharinen-Turm

Katharina von Zimmern, die auf ihre Position mit allen Privilegien und Rechten verzichtet hatte, bekam vom reformatorisch gesinnten Rat u.a. eine grosszügige Rente. Sie heiratete 1525, zog nach Schaffhausen und hatte zwei Kinder. Nach dem Tod ihres Mannes zog sie zurück nach Zürich, lebte u.a. am Neumarkt, wo ihr am «Haus zum Mohrenkopf» eine Gedenktafel gewidmet ist. Hochangesehen blieb Katharina von Zimmern bis zu ihrem Tod mit 70 Jahren – in den Akten der Stadt erschien sie bis dahin als «die eptissin».


Beitrag vom 24.04.2024

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