© Schweizerisches Nationalmuseum

Selbstbestimmung hinter Klostermauern

Nonnen im Mittelalter waren keine armen, rechtlosen Frauen, die man(n) hinter Mauern vor dem Leben weggesperrt hatte. Die Ausstellung «Nonnen. Starke Frauen im Mittelalter» dokumentiert die vergangene Welt geistlicher Frauen jenseits von Klischees.

Text: Claudia Herzog

Zürich, um 1300: Die sechsjährige Elsbeth Stagel steht vor der Pforte des Dominikanerinnenklosters Töss in Winterthur. Es ist ein Schicksalstag für die Tochter eines Zürcher Ratsherrn und gewiss kein selbstbestimmter Schritt. Als geschenktes Mädchen, als «puella oblata», wird Elsbeth Stagel für immer dem Kloster übergeben. Sie soll Nonne werden.

Sicherheit und Bildung

Im Mittelalter war ein solcher Weg für ein Mädchen aus wohlhabendem Haus nichts Ungewöhnliches. Die meisten von ihnen wurden bereits als Kinder oder Jugendliche von ihren Familien in die Klöster gegeben – aus politstrategischen Überlegungen, zur Entlastung des Haushaltsbudgets oder zur Absicherung des elterlichen Seelenheils, für das die Töchter mit ihren frommen Diensten sorgen sollten.

Im Fall von Elsbeth Stagel entpuppte sich die extreme Fremdbestimmung jedoch als Chance auf ein erfülltes Leben, das ihr wohl selbst als wohlhabende Frau im weltlichen Leben so nicht beschert worden wäre. Im Kloster lernte Elsbeth Stagel von ihrer älteren Mitschwestern schreiben, lesen und rechnen.  Sie wurde schliesslich Priorin des Klosters Töss und schrieb um 1340 zusammen mit ihrem Beichtvater und Freund Heinrich Seuse das «Tösser Schwesternbuch» mit Lebensgeschichten von 39 Schwestern.

Im Schutz des Ordens wuchs Elsbeth Stagel somit zu einer der ersten Autorinnen der Schweiz heran. Zu damaligen Zeiten war das Kloster der einzige Ort, wo Frauen zu Bildung und Beruf kamen.  

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Und manchmal auch zu grosser Macht: Wie Elisabeth von Wetzikon (1235–1298), die Äbtissin des Zürcher Fraumünster. Als Klostervorsteherin gehörte sie dem Reichsfürstenstand an und verfügte über das Stimmrecht im Reichstag des Heiligen Römischen Reiches. Die Zürcher Stadtherrin prägte Münzen, kontrollierte Zölle, sie war oberste Richterin, ernannte den Bürgermeister und verwaltete die weitläufigen Ländereien des Klosters, die sich bis in die Innerschweiz erstreckten. «Äbtissinnen waren nach heutigem Sprachgebrauch Managerinnen eines KMUs, das oft über weitreichenden Grundbesitz verfügte und ganze Regionen mit Nahrung und Gütern versorgte», sagt die Kunsthistorikerin Christine Keller, die die Ausstellung «Nonnen. Starke Frauen im Mittelalter» kuratiert hat.

Die Welt mitgestalten

Mit dieser Machtfülle war Elisabeth von Wetzikon eine Ausnahmeerscheinung. Aber sie war nicht die einzige Äbtissin, die im Mittelalter über grossen politischen Einfluss verfügte. Als Kultur- und Bildungszentren bewahrten und vermittelten die Nonnen in den Frauenklöstern das Wissen der Antike, betrieben selbst Forschung und schufen Handschriften und Kunstwerke, die noch heute staunen lassen. Nur zwei Dinge durften Nonnen nicht: die Messe lesen und die Beichte abnehmen. So sicherten sich die Kirchenmänner das letzte Machtwort. Auch Heiraten war den Nonnen verboten.

Mit «Nonnen. Starke Frauen im Mittelalter» macht das Zürcher Landesmuseum eindrücklich deutlich, dass die vermeintlich abgeschotteten Klöster vielen Frauen einen Raum boten, wo sie die Welt selbstbestimmt mitgestalten konnten. Die Ausstellung kann noch bis zum 16. August vor Ort besucht werden.

Wer dies wegen Corona nicht tun will, begibt sich auf einen virtuellen Rundgang. Den sehr unterschiedlichen Biografien von fünfzehn Klosterfrauen folgend, geben Dokumente, Kunstwerke und Audiobeiträge einen Einblick in das Leben , das rund 10 Prozent der weiblichen Bevölkerung zwischen Hochmittelalter und Reformation in Europa geführt haben.

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Vom Kloster in die Ehe

Im Zuge der Reformation wurden viele Frauenklöster von Luther und Zwingli aufgelöst. In Zürich musste Äbtissin Katharina von Zimmern das Fraumünster 1524 der Stadt übergeben. Im Gegenzug erhielt die Tochter einer süddeutschen Adelsfamilie eine reichhaltige Abfindung in Geld- und Naturalienform – so standen ihr beispielsweise 65 Eimer Wein jährlich zu.

Für die meisten ihrer Kolleginnen war die Lage weit weniger komfortabel. Viele ehemaligen Nonnen heirateten – die Reformatoren propagierten diese Lebensform und hielten es für geboten, das schwächliche «Wyb» einem starken Oberhaupt zu unterstellen. Auch Katharina von Zimmern ging die Ehe ein. Dass sie schon im Kloster eine Tochter geboren hatte, gilt heute als verbrieft.

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«Nonnen. Starke Frauen im Mittelalter»

Die Ausstellung des Landesmuseum in Zürich wurde bis 16. August 2020 verlängert. Sie bietet den virtuellen Besucherinnen und Besuchern eine ganze Reihe von Video-Führungen und zur Vertiefung auch eine fünfteilige Podcast-Serie an.

In einem virtuellen Rundgang lässt sich die Ausstellung bequem von zu Hause aus via Handy oder Computer erkunden. Mehr Informationen finden Sie unter: https://www.landesmuseum.ch/nonnen