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«Das Model» von Kraftwerk Songs und ihre Geschichten

Keine deutsche Band ist international so bekannt und einflussreich geworden wie Kraftwerk. Sie gelten als Vorreiter der elektronischen Musik. Ihre Klangwelten sind nicht nur geprägt von Minimalismus und Abstraktion,sondern auch durch streng konzipierte Bildwelten und Videoästhetik. Ihre Hits wie «Autobahn», «Trans Europa Express», «Wir sind die Roboter» oder «Tour de France» sind zeitlos.

Von Urs Musfeld

Angefangen hat alles in den 1960er-Jahren in Düsseldorf, als sich Ralf Hütter und Florian Schneider kennenlernen. Erst gründen sie 1968 die Band Organisation, zwei Jahre später benennen sie sich um in Kraftwerk. 

Nach drei teilweise akustisch und experimentell ausgerichteten Alben zeigt sich mit der 1974 erschienen LP «Autobahn» ein markanter Wechsel in ihrem Sound, der nun fast ausschliesslich elektronisch eingespielt wird. Zum ersten Mal gibt es gesungene Melodien zu hören, die mit ihrer monotonen und nüchternen Vortragsweise zum Markenzeichen Kraftwerks werden. Auf dem rund 23-minütigen Titelstück inszenieren sie eine kühle, aber nicht kaltherzige Illustration deutscher Wirtschaftswunder-Markenzeichen und Ingenieurs-Identität. Das Anlassgeräusch eines Motors, ein beschwingtes Hupen, eine verfremdete Stimme, die das Wort «Autobahn» wiederholt. Der fröhlich-naive Refrain «Fahrn, fahrn, fahrn auf der Autobahn» wird zum geflügelten Wort und zum Synonym für gesellschaftliche Erleichterung.

Es folgen die Alben «Radioaktivität» (1975) und «Trans Europa Express» (1977), die erste echte Pop-Platte der Band mit durchweg klaren Songstrukturen und tanzbaren Beats.

Kraftwerk auf der Bühne
© Kraftwerk

«Wir sind die Roboter»- der erste Song auf dem Kraftwerk-Album «Die Mensch-Maschine»von 1978 ist gleich das zentrale Statement: Hier spielt keine Band, wie man sie bis dato kennt. Kraftwerk – in der Besetzung Florian Schneider, Ralph Hütter, Wolfgang Flür und Karl Bartos – schaffen den charismatischen Frontmann ab. Das Subjektive verschwindet im Kollektivsound. «Wir sind die Roboter. Wir funktionieren automatik. Jetzt wollen wir tanzen mechanik.»

Mitten im Kalten Krieg zitieren Kraftwerk auf der Albumhülle den russischen Konstruktivismus: Die vier Musiker, gekleidet in identischen Anzügen mit roten Hemden und schwarzen Krawatten. Die Gesichter sind unwirklich weiss geschminkt, die Lippen übernatürlich rot: Ein bewusst künstliches Auftreten, zwischen Puppe und Roboter. Entsprechend dem Thema der Platte lassen Kraftwerk sich bei der Tournee und den Pressekonferenzen in Paris und New York von lebensecht modellierten Doppelgängerpuppen vertreten.

Bis heute treten Kraftwerk in einer uniformierten Bühnenkleidung auf, verziehen vor Publikum keine Miene, zeigen – Automaten gleich – keinerlei Emotionen.

Zurück in die Zukunft

«Musikarbeiter», so haben sich Kraftwerk selbst stoisch immer wieder genannt, oder «Menschmaschinen». Den Menschen durch die Maschine zu ersetzen oder, vielleicht noch besser: Mensch und Maschine zu kreuzen, das ist ein verwegener Traum, der schon lange geträumt wird.

Das Album «Mensch-Maschine» setzt ganz auf die Schnittmenge von Technik und melancholischer Grossstadt-Romantik («Neonlicht»: Neon Licht, schimmerndes Neon Licht / Und wenn die Nacht anbricht, ist diese Stadt aus Licht). Kraftwerk kitzeln dafür die Seele ihrer Maschinen. Wo Synthies bei anderen nur Spielerei sind, werden sie bei Kraftwerk zu Hauptinstrumenten.

Kraftwerk gehen zurück in die Zukunft, huldigen der futuristischen Stadt Metropolis (inspiriert vom gleichnamigen Stummfilmklassiker des Regisseurs Fritz Lang von 1927), werkeln im Space Lab und landen schliesslich beim ältesten Thema der Menschheit, der unerfüllten Liebe.

Bei Kraftwerk werden keine Frauen besungen, wie wir es aus der Musikgeschichte gewohnt sind: keine «Barbara Ann» (Beach Boys), keine «Suzanne» (Leonard Cohen), keine «Angie» (Rolling Stones). 

In dem Stück, in dem eine Frau besungen wird, bleibt sie namenlos: «Das Model», dem Überhit aus «Mensch-Maschine».

Sie ist ein Model und sie sieht gut aus
Ich nähm sie heut gerne zu mir nach Haus
Sie wirkt so kühl, an sie kommt niemand ran
Doch vor der Kamera, da zeigt sie, was sie kann

Sie trinkt in Nachtclubs immer Sekt (Korrekt!)
Und hat hier alle Männer abgecheckt
Im Scheinwerferlicht ihr junges Lächeln strahlt
Sie sieht gut aus
und Schönheit wird bezahlt

Bei der Entstehung der Textidee ist der Co-Autor Emil Schult hoffnungslos in ein Model verliebt. Unter diesem Einfluss schreibt er die Verse nieder, die später das Textgerüst des Liedes bilden. Seine dazugehörende, stark gitarrenlastige Komposition passt allerdings nicht zum musikalischen Konzept von Kraftwerk. Deshalb schreiben Bartos und Hütter die Musik neu. 

Die Stimme, die nach der Zeile «Sie trinkt im Nachtclub immer Sekt» das «korrekt!» ruft, gehört einem Kellner, der die Band zur Zeit der Aufnahme regelmässig in einem Düsseldorfer Szene-Lokal bedient. Seine Frage an neu eintreffende Gäste – «Hallöchen. Sekt?» – beantwortet er grundsätzlich selbst: «Korrekt!». Kraftwerk laden ihn daraufhin in ihr Studio ein und nehmen ihn für das Lied auf.

Sie stellt sich zur Schau für das Konsumprodukt
Und wird von Millionen Augen angeguckt
Ihr neues Titelbild ist einfach fabelhaft

Ich muss sie wieder seh’n, ich weiss sie hat’s geschafft

Es dreht sich um einen ironischen und abgeklärten Zugang zum Verlangen. Weil sie schön ist und ihr neues Titelbild fabelhaft, wird sie begehrt. Die Liebe kennt hier kein Geheimnis, sie wird bestimmt von den kulturellen Normen der Zeit. «Das Model» beschreibt das Wesen des Models exemplarisch.

Mit seinem hypnotischen Sprechgesang, den treibenden, minimalen Beats und der unverwechselbaren Melodie wird der Song zur Blaupause für Elektropop. 1982 erreichen Kraftwerk mit der englischen Version «The Model» Platz eins in den britischen Charts. Bis heute gehört das Lied zu einem der meistgecoverten der Popgeschichte.

Hall of Fame

Auch wenn die Band seit den 1980ern nur noch vereinzelt neues Material veröffentlicht hat, sind sie auf der Bühne weiter präsent. Die im 2020 geplante Tournee zum 50-Jahr-Jubiläum findet wegen der Corona-Pandemie neu 2022 statt. Ralf Hütter, der Kopf von Kraftwerk, hat im August seinen 75. Geburtstag gefeiert. Florian Schneider, das andere Gründungsmitglied, ist 2020 im Alter von 73 verstorben.

Am 30. Oktober dieses Jahres sind Kraftwerk in die Rock`n`Roll Hall of Fame (Ruhmeshalle des Rock`n`Roll) aufgenommen worden – für ihren Einfluss auch auf die Rockmusik.


Urs Musfeld alias Musi

Portrait von Urs Musfeld

© Claudia Herzog

Urs Musfeld alias MUSI, Jahrgang 1952, war während 39 Jahren Musikredaktor bei Schweizer Radio SRF (DRS 2, DRS 3, DRS Virus und SRF 3) und dabei hauptsächlich für die Sendung «Sounds!» verantwortlich. Seine Neugier für Musik ausserhalb des Mainstreams ist auch nach Beendigung der Radio-Laufbahn nicht nur Beruf, sondern Berufung.

Auf seiner Website «MUSI-C» gibt’s wöchentlich Musik entdecken ohne Scheuklappen zu entdecken: https://www.musi-c.ch/

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