© public domain/ A&M Records

«Yesterday once more» von den Carpenters Songs und ihre Geschichten

Mit Karens samtigem, gefühlvollem Gesang und Richards bemerkenswerten Fähigkeiten als Songschreiber, Multiinstrumentalist und Arrangeur leistete das Geschwister-Duo Carpenters Pionierarbeit für melodischen, melancholischen Pop. Mit Welthits wie «(They long to be) Close to you»,  «Top of the world», «Yesterday once more» oder «Mr. Postman» gehörten die beiden zu den erfolgreichsten Acts der 1970er-Jahre. 

Text: Urs Musfeld

Richard Carpenter Trio,  1967
Richard Carpenter Trio, 1967 © public domain

Aufgewachsen in den Nachkriegsjahren in New Haven, Connecticut, ziehen die Carpenters mit ihren Eltern 1963 in einen Vorort von Los Angeles. Ihre musikalische Karriere beginnen die Geschwister Mitte der 1960er-Jahre als Mitglieder eines Jazz-Trios mit Karen als Schlagzeugerin und Sängerin und Richard am Klavier.

Zum Ende des Jahrzehnts beschliessen sie, als Duo weiterzumachen. Als sie 1969 bei A&M Records einen Plattenvertrag unterschreiben, ist Karen gerade 19 Jahre alt. Ihre erste Single, eine Balladenversion des Beatles-Songs «Ticket to ride», erreicht Platz 54 der US-Billboard-Charts. Im Sommer 1970 landen die Carpenters mit «(They long to be) Close to you» von Burt Bacharach zum ersten Mal auf Platz eins.

Karens entrückte Stimme und Richards luftige Melodien und sorgfältig ausgearbeitete Arrangements stehen in direktem Kontrast zum lauteren, wilderen Rock (Led Zeppelin, Pink Floyd, David Bowie), der sonst die Hitparaden dominiert. Dennoch werden die Carpenters mit ihrem Easy Listening-Sound ungemein populär und verkaufen mehr als 100 Millionen Platten. Bewusst fällen beide die Entscheidung, ihr künstlerisches Augenmerk auf Bewahrung und Pflege eines eleganten, klassischen Song-Stils zu legen.

Die Carpenters sind das «blitzsaubere» Spiegelbild der Mittelschicht, das sprichwörtliche Gesicht aus der Zahnpastawerbung. Sie repräsentieren das verunsicherte, konservative Amerika jener Zeit. Bei allen kommerziellen Triumphen gelten sie damals als die denkbar spiessigste Popmusik überhaupt. 

In einem ZEIT-Interview erklärt Richard Carpenter später: «Wir waren zwar nett, aber dieses Spiesserimage hatten wir leider den PR-Menschen unserer Plattenfirma zu verdanken. Diese ganzen Fotos auf unseren Plattenhüllen, auf denen wir immer um die Wette lächeln, hat das Label so ausgesucht. Als ich versucht habe, das zu korrigieren, wurde ich davon mit aller Macht abgehalten. Die hatten ein Konzept für uns, und wir mussten das aushalten. Wir hatten hitzige Debatten, aber es nützte nichts. Wir wurden als glückliches Paar verkauft, waren aber Bruder und Schwester. Das passte alles überhaupt nicht. Letztlich hatte die Plattenfirma keinen Schimmer, wie sie uns vermarkten sollte. Ich habe einige unserer Plattencover wirklich gehasst.»

Nach «We’ve only just begun» (1970), «Rainy days and Mondays» (1971) oder «Superstar» (1971) gelingt den Carpenters 1973 mit «Yesterday once more» ein weiterer Instant-Klassiker: Ein erhabener Lobgesang auf das Oldie-Radio, ein Lied über die anhaltende Fangemeinde und den Verlust der Unschuld des US-Pop im Laufe der 1960er-Jahre, die Sehnsucht nach der Welt von gestern. Es handelt von der nostalgischen Kraft eines Liedes – seiner Fähigkeit, einen an den Ort und in die Zeit zurückzuversetzen, an dem man es zum ersten Mal gehört hat, egal wie lange das her ist.

When I was young
I’d listen to the radio
Waitin› for my favorite songs
When they played I’d sing along
It made me smile

Als ich jung war
Hörte ich Radio
Ich wartete auf meine Lieblingslieder
Wenn sie sie spielten, sang ich mit
Es brachte mich zum Lächeln

Those were such happy times
And not so long ago
How I wondered where they’d gone
But they’re back again
Just like a long lost friend
All the songs I loved so well

Das waren so glückliche Zeiten
Und nicht so lange her
Ich fragte mich, wohin sie gegangen waren
Aber sie sind wieder da
Wie ein verlorener Freund
Alle Lieder, die ich so liebte

Every Sha-la-la-la
Every Wo-o-wo-o
Still shines
Every shing-a-ling-a-ling
That they’re startin› to sing’s
So fine

Jedes Sha-la-la-la
Jedes Wo-o-wo-o
Leuchtet immer noch
Jedes shing-a-ling-a-ling
Das sie anfangen zu singen
Ist so schön

When they get to the part
Where he’s breakin› her heart
It can really make me cry
Just like before
It’s yesterday once more

Wenn sie zu dem Teil kommen
Wo er ihr Herz bricht
Bringt es mich echt zum Weinen
So wie früher
Es ist wieder gestern

Lookin› back on how it was
In years gone by
And the good times that I had
Makes today seem rather sad
So much has change.

Wenn ich zurückschaue, wie es war
In all den Jahren
Und die guten Zeiten, die ich hatte
Lässt das Heute ziemlich traurig aussehen
So viel hat sich verändert

It was songs of love that
I would sing to then
And I’d memorize each word
Those old melodies
Still sound so good to me
As they melt the years away

Es waren Liebeslieder
Die ich dann sang
Ich merkte mir jedes Wort
Diese alten Melodien
Hören sich für mich immer noch gut an
Während sie die Jahre dahinschmelzen lassen

All my best memories
Come back clearly to me
Some can even make me cry.
Just like before
It’s yesterday once more

All meine besten Erinnerungen
Kommen klar zu mir zurück
Einige können mich sogar zum Weinen bringen
So wie früher
Es ist nochmals gestern

Karen Carpenters Stimme, die mit der allergrössten Leichtigkeit die Register wechselt und von ganz tief und warm zu hoch und kristallklar moduliert, die kräftig, aber niemals schrill ist, scheint leicht über der Instrumentalbegleitung zu schweben. 

Karen singt nicht nur, sondern spielt auch ausgezeichnet Schlagzeug. Allerdings wird sie bei den Auftritten schon bald in die Rolle der Frontfrau gedrängt und trommelt nur noch bei den schnelleren Nummern. Da sie sich entblösst und unsicher fühlt, beginnt sie ein strenges Diät- und Sportprogramm.

Die Carpenters sind ständig unterwegs, ständig im Fernsehen. Ab 1975 gerät ihre Musik mehr und mehr in den Hintergrund. Richard wird stark tablettensüchtig, Karen kämpft zur gleichen Zeit mit Magersucht. Ende der 1970er-Jahre versucht sich Karen an einer Soloplatte, die jedoch nie fertiggestellt wird. Mit dem Comeback-Album «Made In America» und der Single «Touch me when we’re dancing» sind die beiden 1981 nochmals kommerziell erfolgreich.

Am 4. Februar 1983 stirbt Karen Carpenter im Alter von 32 an den Folgen ihrer Anorexie.

Über die Jahre hat sich das Image der Carpenters stark gewandelt. Auch Künstler*innen ausserhalb des Mainstreams würdigen die Melancholie und Perfektion ihrer Musik, beispielsweise auf der Compilation «If We Were A Carpenter» aus dem Jahr 1994.

Urs Musfeld alias Musi

Portrait von Urs Musfeld

© Claudia Herzog

Urs Musfeld alias MUSI, Jahrgang 1952, war während 39 Jahren Musikredaktor bei Schweizer Radio SRF (DRS 2, DRS 3, DRS Virus und SRF 3) und dabei hauptsächlich für die Sendung «Sounds!» verantwortlich. Seine Neugier für Musik ausserhalb des Mainstreams ist auch nach Beendigung der Radio-Laufbahn nicht nur Beruf, sondern Berufung.

Auf seiner Website «MUSI-C» gibt’s wöchentlich Musik entdecken ohne Scheuklappen zu entdecken: https://www.musi-c.ch/

Beitrag vom 19.03.2024

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Das könnte sie auch interessieren

Musik

«Il est cinq heures, Paris s’éveille» von Jacques Dutronc

Jacques Dutronc wird mit «Il est cinq heures, Paris s’éveille» über Frankreich hinaus bekannt. Mit einer Mischung aus Charme, Coolness und Schüchternheit wird er vom Teenie-Idol zum Grandseigneur des Pop.

Musik

«Sign o’ the times» von Prince

Prince, war einer der erfolgreichsten Popmusiker der Welt. Bereits mit 17 begann er seine Karriere – und wurde mit seinem androgynen Auftreten, seiner Sexyness und seiner Mischung aus schwarzen und weissen Musiktraditionen zum Idol. Mit dem Doppelalbum «1999» gelang ihm 1982 der Durchbruch.

Musik

«Winter» von Tori Amos

Tori Amos debütierte in den 1990ern mit Songs aus weiblicher Perspektive, wurde zur feministischen Ikone und erfand sich immer wieder neu. Zu ihren bekanntesten und beliebtesten Liedern zählen «Cornflake girl», «Winter» oder «Professional widow».

Musik

Alt, aber kein bisschen leise

Was beutet Älterwerden im Schweizer Rock- und Pop-Zirkus? Zwei junge Musiker erkundigten sich bei jenen, die es wissen müssen: den Pionieren der Branche. Entstanden ist daraus eine berührende Fernsehdokumentation.