«Frühstücksgedanken» Von Dagmar Schifferli

Ein Glück, dass mir das Frühstück jeden Morgen gut, sogar sehr gut schmeckt, obwohl ich immer das Gleiche esse:z wei Scheiben Roggenbrot, Butter, Honig und Aprikosenkonfitüre, dazu ein Kännchen Kaffee mit Milch, aber ohne Zucker. Zur dritten Tasse Kaffee jeweils die Lektüre der Tageszeitung. Das habe ich mir nach Werners Tod angewöhnt. Auch schon wieder zwei Jahre her. 

Wir hatten uns kaum eingerichtet mit den wenigen Möbeln, die wir aus unserer Vierzimmerwohnung in das Alterszentrum mitnehmen konnten, als er eines Abends heftig erbrechen musste; es wurde ihm schwindlig, am Boden liegend rief er nach mir. Doch jede Hilfe kam zu spät. Es war schrecklich, so unvorbereitet, so abrupt. Es hat lange gedauert, bis ich darüber hinweg war. Seither nehme ich die Mahlzeiten immer unten im Speisesaal ein, wo ich mich inzwischen mit einer netten Frau, Witwe wie ich, angefreundet habe. 

Wir teilen viele Interessen, sie liest auch täglich die Zeitung, so dass wir immer das Neueste aus aller Welt miteinander diskutieren können. Schon bald begann ich zudem mit meinen Aufzeichnungen, weil mir ein Gesprächspartner fehlte und ich plötzlich so viel Zeit für mich alleine hatte. Besser als ständig vor dem Fernseher zu sitzen, schreibe ich meine Erinnerungen auf, dachte ich damals, und habe es nichtbereut. Ich bin schon sehr weit damit, überlege bereits, ob ich meine Notizen mit dem Eintritt ins Heim enden lassen  oder weiterschreiben soll. Lieber weiterschreiben, denke ich momentan. Meinem Mann hätte ich vermutlich nicht alles erzählt, was ich inzwischen notiert habe. Von Hand, in mein dickes Moleskine-Buch, das mir schon richtig ans Herz gewachsen ist. Auf dem Deckblatt in besonders schöner Schrift: Anna von Gunten. Lebenserinnerungen. 

Heute ist Sentas sechzigster Geburtstag. Meine Tochter, schon sechzig. Ihre Kinder, meine Enkel, auch bereits fünfunddreissig und zweiunddreissig. Unglaublich, wie die Zeit vergeht. Senta wird mich gegen Mittag abholen und zum Essen ausführen, mich sogar einladen, nicht umgekehrt. Darauf hat sie bestanden. Ich finde es so lieb von ihr. Der Ort soll eine Überraschung sein. Vielleicht in dem Stadtviertel, wo wir wohnten, als sie noch ein kleines Kind war? Gut möglich, denn in letzter Zeit interessiert auch sie sich vermehrt für Vergangenes, nicht nur in ihrem eigenen Leben, sondern auch in meinem. 

Sie wisse so wenig von mir, hat sie schon mehrmals gesagt. Es klang nach Neugier, Interesse, aber stets schwang auch ein leiser Vorwurf mit. Ich finde, dass sie fast etwas wie ein Recht darauf hat, mehr über mich zu erfahren. Immerhin ist sie meine Tochter, mein eigenes Fleisch und Blut, wie man so sagt. Soll ich ihr wirklich meine Aufzeichnungen zum Lesen nach Hause geben? Oder besser bei ihr sitzen, wenn sie sie liest? Oder keins von beidem? Vielleicht könnte es ihr auch ein wenig für ihre eigenes Leben nützen.

Zum Beispiel, wenn sie wüsste, dass ich zwei Schwangerschaftsabbrüche gehabt habe, schwanger von verschiedenen Männern, allerdings einige Zeit bevor ich ihren Vater kennenlernte. Ich traute es mir nicht zu, alleine ein Kind grosszuziehen. Darauf nämlich wäre es in beiden Fällen hinausgelaufen, denn welcher Mann lässt sich schon wegen einer Geliebten scheiden. Als ich dann mit Werner verheiratet war, fiel mir die Vorstellung leichter, ein Kind zu haben, wenngleich die Belastung nie ganz von mir gewichen ist. Komisch, auch jetzt, in meinem hohen Alter mit über achtzig, fühle ich mich noch irgendwie verantwortlich für meine längst erwachsene Tochter. 

So – die zweite Brotscheibe, mit Aprikosenkonfitüre, wie immer. Erstaunlich, wie gut der Kaffee schmeckt. Ein Gradmesser für die Qualität eines Hauses, genauso wie das Birchermüesli oder die Sauberkeit im öffentlich zugänglichen WC. Oder auch der Geruch im Eingangsbereich eines Heimes. Wir haben es hier gut getroffen, Werner und ich.

Wird es Senta interessieren, wie es für mich war, den Männern nur zusehen zu können, wenn sie wählen und abstimmen gingen, weil uns Frauen erst als ich schon über dreissig war, endlich das Wahlrecht zugestanden wurde? Dermassen bevormundet zu sein, war für mich richtig demütigend. Die Vormachtstellung der Männer hat sich ja auch sonst in vielen Bereichen gezeigt. Allerdings schon nicht mehr ganz so krass wie bei meiner Mutter, die nicht selbst entscheiden konnte, ob sie nach der Heirat weiterarbeiten wollte. Ihr Mann, also mein Vater, obwohl kein bisschen schlauer oder gebildeter als sie, hätte zustimmen müssen. Ohne sein Einverständnis ging gar nichts. Es stand sogar in ihrem Arbeitsvertrag, dass die Eheschliessung automatisch das Arbeitsverhältnis mit der Firma beende. Furchtbar.

Natürlich gibt es auch viel Schönes zu lesen, in meinem lieben Moleskine-Buch. Zum Beispiel über unsere beglückenden Ferien im Bündnerland, Picknicken auf den Alpwiesen, Bächestauen, mit dem Sessellift in luftiger Höhe hinauf zur Bergspitze. Vielleicht hat Senta gar keine Erinnerungen mehr daran, weil sie noch zu klein war? Wer weiss. 

Mal sehen, ob ich hier im Heim gelegentlich eine Lesung aus meinen frühen Gedichten machen könnte. Wie damals, zwei, drei Jahre vor meiner Heirat. Ich hatte gerade erst damit begonnen, Gedichte und kurze Erzählungen zu schreiben, als mich meine Kolleginnen vom Frauenverein baten, etwas daraus vorzulesen. Ach, du meine Güte, was für ein Lampenfieber mich doch befiel! Das Schlimmstehatte ich befürchtet, hatte so richtig Angst, dass es ihnen nicht gefallen könnte und sie mich von da an weniger mögen würden. Aber gottlob ging alles gut, sie haben sogar applaudiert, wie nach einer richtigen Lesung. 

Das steht natürlich auch in meinen Lebenserinnerungen. Nachdem Senta auf die Welt gekommen war, hörte ich mit Schreiben auf. Zu viel an Windeln, Einkaufen, Kochen, Putzen, umso mehr, als Bruno dann da war. Ein Wildfang, der meine ganze Aufmerksamkeit beanspruchte. Auch meine Zuneigung, wie ich im Laufe der Zeit mit Schrecken feststellte. Denn die kleine Senta rückte immer weiter weg von mir. Trotzdem habe ich mich stets dagegen verwahrt, ein Lieblingskind zu haben. Sie muss es dennoch gespürt haben, wenn mich sogar Werner hin und wieder darauf ansprach.

In meinem Lebensbuch konnte ich das ein wenig verarbeiten. Mein schlechtes Gewissen, das mich bis heute plagt. Mal mehr, mal weniger. Falls ich ihr das zum Lesen geben würde, möchte ich hinterher unbedingt mit ihr darüber reden. Es ginge ja zunächst mal um Verständnis, aber natürlich und vor allem um Verzeihung. Ich konnte damals nicht anders, es ist mir passiert. Heute weiss ich natürlich einiges mehr über Psychologie und frühkindliche Entwicklung. Und über die Folgen, die eine gefühlsmässige Vernachlässigung des älteren Kindes haben kann. 

Noch den letzten Schluck Kaffee, den letzten Bissen von dem feinen Roggenbrot. Sehe gerade auf der Frontseite, dass der Orkan Petra mit Windspitzen von über hundertsiebzig Stundenkilometern über die Schweiz gefegt ist. Da muss ich wohl über mein elegantes enzianblaues Deuxpièces den dicken Wintermantel anziehen. Mein sorgfältig gepflegtes Deuxpièces. Ein Geschenk von Werner zur goldenen Hochzeit. War eine ganz grosse Freude. Bleibt auch so, obwohl er mich darin nicht mehr sehen kann. Ich habe kein Foto von ihm aufgestellt, ich möchte ihn lebendig und tatkräftig in meinem Gedächtnis behalten. Auch für mich ist es gut, in Bewegung zu bleiben. Morgen frage ich mal in der Aktivierung, ob ich vielleicht eines meiner Gedichte vorlesen könnte. Bei dem Gedanken wird es mir ganz jubelig, ich spüre plötzlich eine längst vergessene Energi ein mir. Hoffentlich …

Hat es geklopft? – Senta? Du? Ich bin noch gar nicht soweit.


Dagmar Schifferli war viele Jahre lang Dozentin für Gerontologie und Sozialpädagogik. Seit 1996 veröffentlicht sie Romane (u. a. «Wegen Wersai», «Anna Pestalozzi-Schulthess», «Wiborada») sowie Fachartikel in Sachbüchern. A

Ausserdem unterhält sie eine Kolumne im Grosseltern-Magazin und schreibt Beiträge im Online-Magazin seniorweb.ch.www.dagmarschifferli.ch


«Voll im Wind»

Geschichten von A wie Altersheim bis Z wie Zwetschgenschnaps

Grossvater riecht nach Schnaps und Grossmutter lacht nicht mehr. Was ist passiert? «Älterwerden ist kein Spaziergang», erzählen Betroffene – und die Jüngeren nehmen es irritiert zur Kenntnis. Ruth und Fritz haben es doch schön in der Alterswohnung, und Trudi wird im Pflegeheim rund um die Uhr verwöhnt. Was ist daran so schlimm?

Es sind dies die Übergänge und Brüche; vermehrt gilt es, Abschied zu nehmen: vom Haus, vom Partner, vom Velofahren. Das Gehen verändert sich weg von der Selbstverständlichkeit hin zur Übung und Pflicht; das Autofahren ist ohnehin ein Tabu, so will‘s die Tochter. Ist es da so abwegig, den Kopf hängen zu lassen? Sich Pillen verschreiben zu lassen oder ein Glas über den Genuss hinaus zu trinken? Ja, es ist abwegig, weil es auf Abwege führt und nicht auf einen grünen Zweig.

22 Schweizer Autorinnen und Autoren erzählen Geschichten über ältere Menschen, denen der Wind derzeit mit voller Wucht entgegenbläst. Ein Anhang mit einfachen Infos und Tipps sowie weiterführenden Adressen bietet den nötigen Windschutz.

  • «Voll im Wind – Geschichten von A wie Altersheim bis Z wie Zwetschgenschnaps», Hrsg. Blaues Kreuz Schweiz,© 2020 by Blaukreuz-Verlag Bern, ISDN 978-3-85580-549-5
  • Cover-Illustration: Tom Künzli, TOMZ Cartoon & Illustration, Bern. Lektorat: Cristina Jensen, Blaukreuz-Verlag. Satz und Gestaltung: Stephan Cuber, diaphan gestaltung, Liebefeld. Druck: Friedrich Pustet GmbH & Co. KG, Regensburg
  • Das Projekt wird vom Nationalen Alkoholpräventionsfonds finanziell unterstützt. Für Begleitpersonen stehen unter www.blaueskreuz.info/gesundheit-im-alter weitere Fachinformationen zu den Themen des Buches bereit.

Beitrag vom 13.02.2022

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