Flicksocken, Appenzell, 1920er–1980er © Umberto Romito/Ivan Šuta, Museum für Gestaltung Zürich / ZHdK

Das Ende der Konsumgesellschaft

Reparieren statt konsumieren – die Ausstellung «Repair Revolution!» zeigt, dass der Nachhaltigkeit die Zukunft gehört, und in «Game Design Today» blickt man hinter die digitalen Kulissen der Videospiele. Beides zu sehen im Museum für Gestaltung in Zürich.  

Von Marc Bodmer

Als Kind war ich immer fasziniert von einem Ei, das ich meist in der Waschküche meiner Mutter fand. Es residierte in der Regel in einem Nähkästchen, aber nicht in dem mit Nähnadel und Faden, sondern dem mit Wolle und breiten Nadeln. Es war ein Stopfei, das zum Flicken der Wollsocken meines Vaters benutzt wurde, wenn diese – meist vorne beim grossen Zeh – ein Loch hatten. Heute landen kaputte Socken im Müll, obschon sich der Defekt sich einfach beheben liesse, wenn man noch weiss, wie es geht und die Zeit dafür aufwenden könnte.

Nun besteht leise Hoffnung, dass das Stopfei ein Comeback feiern wird. Denn: Das Reparieren kaputter Dinge ist zum Glück keine Notlösung mehr. Nach Jahrzehnten der Konsum- und vor allem Wegwerfgesellschaft findet langsam eine Rückbesinnung auf beständigere Werte statt. Dies zu Gunsten von Umwelt und letztendlich der Gesellschaft.

Eindrücklichstes Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit ist die Aktion des Outdoor-Bekleidungsunternehmens Patagonia. Im vergangenen September hat Yvon Chouinard, Gründer von Patagonia, seine Firma an gemeinnützige Stiftungen verschenkt bzw. diese gegründet. Der schon immer sehr umweltbewusst agierende Unternehmer hat damit einen neuen Massstab in Sachen Klimaschutz gesetzt. In einem offenen Brief mit dem Titel «Earth is now our only shareholder» erklärt er diesen radikalen Schritt, der aber bestens in die Geschichte Patagonias passt. Bereits 2018 wandelte Chouinard den Firmenzweck um: «Unser Geschäft ist es, den Planet Erde zu retten.»

Alexis Malefakis, Schuhreparatur in Tansania, 2013, Foto: Link Reuben Nazael
Alexis Malefakis, Schuhreparatur in Tansania, 2013, Foto: Link Reuben Nazael

Die Ausstellung «Repair Revolution!» im Zürcher Museum für Gestaltung widmet sich dieser wichtigen Entwicklung. Die Kuratorinnen und Kuratoren schreiben dazu: «Die Ausstellung zeigt, dass das Reparieren im Umgang mit den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts umsetzbare Möglichkeiten bietet. Fünf thematische Bereiche zeichnen mittels einer diversen Auswahl von nationalen und internationalen Projekten ein vielstimmiges Bild von Initiativen und Menschen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. ‘Made to Break?’ führt die Müllproblematik plastisch vor Augen, in ‘Pièces de Résistance’ wird die Schönheit reparierter Gegenstände aus verschiedensten Zeiten und Kulturkreisen zur Inspiration für heute. Im Bereich ‘Radikal reparabel’ wird gezeigt, dass Reparierbarkeit eine Designaufgabe ist. ‘Reparatur-Material total’ spannt einen Bogen von Materialinnovationen zu bekanntem Flickzeug. ‘Repair-it-together’ zeigt Initiativen und Kollektive, welche Reparieren als gemeinschaftliche, postkapitalistische Praxis begreifen.»

Was hinter Videospielen steckt

Parallel zu dieser ernsten Thematik beleuchtet das Museum für Gestaltung in «Game Design Today» die Arbeit, die in Videospielen steckt und lädt auch ein, manche Games selbst zu erkunden. Noch immer herrscht in vielen Köpfen die Meinung vor, dass die Maschine, der Computer, den Bärenanteil der Arbeit abnimmt. Selbst der kreative Prozess wird manchmal in Frage gestellt, wenn ein Rechner im Spiel ist.

Amanita Design, Samorost 3, 2016, © Amanita Design
Amanita Design, Samorost 3, 2016, © Amanita Design

Bei praktisch allen Exponaten zeigen Videodokumentationen und andere Formen von «Making of», wie viel (Kunst-)Handwerk in einer Game-Entwicklung steckt und wie unterschiedlich die Herangehensweisen der Studios sind. Noch bevor eine Zeile Programm-Code geschrieben ist, werden Skizzen erstellt, Modelle von Figuren oder gar Landschaften gefertigt. In vielen Fällen greifen die Designerinnen auf sogenannte «Papier & Bleistift»-Prototypen zurück. Diese rudimentären Vorstufen erlauben das Testen von Spielmechaniken, was entscheidend für den ludischen Erlebnischarakter ist.

Monate, ja Jahre später voll von Kreativität und Hirnschmalz können Meisterwerke entstehen wie das wunderschöne Abenteuerspiel «Far: Changing Tides» (2022) des Schweizer Studios Okomotive oder die mehrfach preisgekrönte Provokation «Plug & Play» (2015) von Michael Frei und Mario von Rickenbach. Nicht minder aufwändig, aber in eine völlig andere Richtung bewegt sich der «Exercube», wiederum ein Schweizer Design, das sich an Fitnessfans wendet. Das 2018 gegründete Fittec-Start-up aus Zürich verbindet Gaming und Bewegung mit einer virtuellen Umgebung, die zur Interaktion auffordert und einen gehörig ins Schwitzen bringt. Natürlich können Besucherinnen, die etwas Geduld aufbringen – der Fitness-Würfel ist beliebt –, das Trainingserlebnis ausprobieren.

Die Ausstellung «Game Design Today» bietet sich auch für einen Ausflug mit den Enkelkindern an. Doch empfiehlt es sich, diese im Auge zu behalten, denn schon in der ersten Woche waren manche Ausstellungsobjekte lädiert, weil der spielerische Enthusiasmus etwas gar gross war.


  • «Repair Revolution!», bis 15.10.23 & «Game Desing Today», bis 23.7.23
    im Museum für Gestaltung, Toni Areal, Zürich, museum-gestaltung.ch
Beitrag vom 15.04.2023

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