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Ein Hoch auf das Frauenstimmrecht – per Töfftour

50 Jahre Frauenstimmrecht: 25 Motorradfahrerinnen und -fahrer besuchen auf einer Tour de Suisse des Frauentöffclubs «Kultur & Kilometer» prägende Wegbereiterinnen. Ein Tagebuch von Teilnehmerin Eva Weber, Teil 1.

Vier Tage vor dem Aufbruch zur 13-tägigen Töfftour «CH2021 via»

Eva Weber aus Wetzikon: «Ich habe erst vor elf Jahren, als 59-Jährige, mit Töfffahren begonnen. Meine Tochter, eine leidenschaftliche Motorradpilotin, hatte mich dazu gebracht. Das Töffvirus hat mich so stark erwischt, dass ich seit meiner Pensionierung an sehr viele Orte auf zwei Rädern gereist bin. Ich habe mehrmals auf gebuchten Gruppentouren in Südfrankreich, Sizilien, Sardinien, Kroatien, Montenegro und Albanien teilgenommen – meistens als einzige Frau unter den Teilnehmenden. Das hat sich mittlerweile ein wenig geändert, da vor allem auch viele jüngere Frauen den Töff für sich entdeckt haben. Im Schnitt fahre ich 22 000 Kilometer pro Jahr und bin Mitglied in zwei Töffclubs. Ich fahre gerne kurvenreiche Strassen. Geradeaus ist langweilig. Viele Jahre habe ich all meine Ferien nur noch mit Töfffahren verbracht – wie eine Verrückte. Die Corona-Pandemie hat mich ein wenig ausgebremst. Mittlerweile habe ich nicht mehr so grosse Lust auf die ganz langen Fahrten und beschränke mich lieber mit Ausflügen ins Tösstal, ins Appenzellerland oder ins Toggenburg. Die Idee einer Töfftour zum 50-Jahre-Jubiläum des Frauenstimmrechts und den geplanten 150 bis 250 Kilometern pro Tag kam mir da sehr gelegen. Organisiert wird die Reise vom Frauentöffclub «Kultur & Kilometer». Ich freue mich sehr darauf.

Tag 1: Zürich – Schönholzerswilen – Kreuzlingen, 91 km

Als ich am Morgen losgefahren bin, war es gerade mal 12 Grad warm. Ich habe mit der Autofähre den Zürichsee überquert, um dann von Horgen aus auf den noch leeren Strassen zum ersten Treffpunkt nach Zürich-Leimbach zu fahren. Das war stimmungsmässig ein schöner Einstieg. In Leimbach begrüssten uns die Regierungsrätin Jacqueline Fehr und die Juristin Zita Küng. Letztere ist auch Mitbegründerin und Präsidentin des Vereins «CH2021», der zum 50-Jahr-Jubiläum des Schweizer Frauenstimmrechts eine Plattform lanciert hat. Beide fuhren im Seitenwagen ein Stück mit uns mit. Mit 25 Motorrädern peilten wir als erstes Ziel den Emilie-Lieberherr-Platz in Zürich an – sie war die erste Stadträtin Zürichs gewesen. Jacqueline Fehr und die Frauenrechts-Aktivistin Zita Küng erzählten uns von deren Werdegang und vom Kampf vieler Frauen für das Stimmrecht. So hätten früher viele Frauen zwar studieren dürfen, danach ihren Beruf aber weder ausüben, noch einen Doktortitel erhalten können.

SP-Politikerin Jacqueline Fehr in Fahrt. // © zVg

Die erste längere Fahrt führte uns durch den schönen Kanton Thurgau nach Schönholzerswilen. Dort empfing man uns in einer kleinen Bierbrauerei. Die Bier-Sommelière Karin Patton schilderte uns, wie sie vor knapp 20 Jahren ihrem Mann ein Bier-Kit schenkte, um sich mit ihm im Bierbrauen zu versuchen. So begannen die beiden, zu Hause ihr eigenes Bier herzustellen. Und weil sie damals am Barfussweg wohnten, heisst ihre Marke heute «Barfussbier». Ihre Biere konnten wir am Abend, nach der Fahrt, in unserer Jugendherberge in Kreuzlingen degustieren. Es gibt auch ein Himbeerbier in deren Sortiment. Ich war erstaunt zu hören, dass es weltweit mittlerweile 8500 verschiedene Biersorten gibt. Und, dass man früher auch deshalb Bier hergestellt hat, weil dieses Getränk im Gegensatz zum damaligen Trinkwasser dank des Erhitzens und des Gärprozesses frei von Keimen war.  Die Jugendherberge Kreuzlingen befindet sich in einer prächtigen Villa, die wunderschön am Bodensee liegt. Ich war schon seit Jahrzehnten in keiner Jugendherberge mehr. Einige von uns sind ins Wasser gehüpft.

Ich habe den Eindruck, dass wir eine tolle Truppe sind. Und dass auch sechs Männer dabei sind, freut uns ebenfalls. Etwa die Hälfte der Teilnehmerinnen kennt sich aus dem Töffclub «Kultur & Kilometer». Den Tag lassen wir am Lagerfeuer mit Bier, Marshmallows und einem Sonnenuntergang ausklingen.

Tag 2: Kreuzlingen – Teufen – Appenzell – Valbella, 166 km

Heute parkten unsere Motorräder auf dem erstaunlich wenig belebten Landsgemeindeplatz in Appenzell – einem mühseligen Ort in der Geschichte des Schweizer Frauenstimmrechts. Die 70-jährige Aline Auer aus Teufen erzählte uns davon. Die Juristin war mitverantwortlich, dass das kantonale Frauenstimmrecht 1989 im Kanton Appenzell Ausserrhoden endlich eingeführt wurde. 12 Jahre hatte sie dafür gekämpft, obwohl es auch viele Appenzellerinnen gegeben hatte, die sich nicht um das Wahlrecht scherten. Sie bedauert, dass die Ausserrhoder Regierung heute wieder vollständig männlich ist. Eine spannende und interessante Frau – wie auch die Bauersfrau Theres Durrer, Grossratsvizepräsidentin des Kantons Appenzell Innerrhoden, die ebenfalls zu uns sprach.

Völlig begeistert hat uns am Abend Isa Müller, eine verrückte Motorradfrau. In unserer Unterkunft in Valbella beschrieb sie uns, wie sie vor drei Jahren bei ihrer Weltumrundung per Motorrad einen neuen Frauen-Rekord aufstellte. Sie durchquerte drei Kontinente in 17 Tagen und 7 Stunden (reine Fahrtzeit) und bewältigte total 23 120 Kilometer. Alles ganz alleine. Sie legte oft 1500 Kilometer am Tag zurück, manchmal gar über 2000 Kilometer. Sie war auch nachts unterwegs und schlief nie länger als dreieinhalb Stunden am Stück. Ihre Leistung ist umso höher einzustufen, als dass sie zehn Wochen vor ihrer Abreise einen schlimmen Töffunfall erlitten hatte. Sie musste einen Gehstock auf die Reise nehmen.

Tag 3: Valbella – Müstair – Santa Maria, 126 km

Da denkt man, dass Isa Müller nicht zu toppen ist – und besucht das Kloster St. Johann in Müstair! Die Benediktinerinnen, die dort leben, haben uns alle tief beeindruckt. Wir trafen auf tolle, aufgeschlossene Frauen. Der Klostergarten, auch er Teil des Unesco-Weltkulturerbes, ist einzigartig. Ein Grossteil der Klostermauern steht seit dem Jahr 774! Die Nonnen erzählten, sie seien sehr auf ihr Leben in den eigenen vier Wänden fokussiert – das politische Geschehen würden sie eher am Rande verfolgen. Es war schön zu sehen, dass wir ihnen mit einer kurzen Fahrt im Seitenwagen eine grosse Freude bereiten konnten. Kaum waren wir zurück im Kloster, wollten zwei weitere Schwestern ebenfalls eine Runde drehen. Das war ein Riesenspass. Die Organisatorin der Reise, Judith Schmid, hat mir erklärt, weshalb sie das Kloster unbedingt in die Reise einbauen wollte: Schliesslich hätten die Nonnen schon vor 800 Jahren die Buben und Mädchen von Müstair unterrichtet und ihnen bereits damals das Lesen und Schreiben beigebracht. Davor war das St. Johann ein Männerkloster gewesen. 

Ich bin beeindruckt von den Frauen, die wir bisher kennenlernen durften. Die Gespräche gehen nicht spurlos an einem vorbei – in einem inspirierenden Sinn. Die Reise ist ein Hoch auf das, was Schweizer Frauen mit und seit dem Frauenstimmrecht geschafft und aus ihrem Leben gemacht haben.

Tag 4: Santa Maria – Silvaplana – San Bernardino –Bellinzona, 228 km

Eine tolle Fahrt von Santa Maria nach Zernez und über den Julierpass nach Tiefencastel. Leider goss es von da an wie aus Kübeln – fast die ganze Fahrt über bis nach Bellinzona. In Silvaplana trafen wir Katharina von Salis, eine 80-jährige Geologin, Frauenrechtlerin und Orientierungsläuferin. Sie ist ein sehr kritischer Geist und immer noch sehr aktiv in ihrer Gemeinde, was nicht immer gern gesehen wird. Sie hinterfragt alles. Ebenfalls erwähnenswert: Eine Reporterin von «Radio International Morcote» hat einen Film- und Radiobeitrag über unsere Tour erstellt.»

Aufgezeichnet von Fabian Rottmeier

Hier gehts zum zweiten Teil des Reisetagebuches von Eva Weber.

Weitere Infos zur Töfftour: ch2021unterwegs.ch
Weitere Infos zum Frauen-Töffclub «Kultur & Kilometer»: kulturkilometer.ch

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