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Abschied online

In Corona-Zeiten geht fast alles online – sogar Beerdigungen. Johannes Ruchti überträgt als einer der ersten Bestatter in der Schweiz Abschiedsfeiern live per Video-Stream.

Interview: Annegret Honegger

Herr Ruchti*, wie erleben Sie als Bestatter die Corona-Zeit?
Das Virus hat den Tod viel stärker in den Fokus gerückt. Zu normalen Zeiten sagen mir auch sehr alte Menschen oft, das Sterben liege für sie noch in weiter Ferne. Jetzt ist vielen bewusster geworden, dass das Leben endlich ist – und kostbar. Die Pandemie hat den Tod präsenter gemacht. Und das Abschiednehmen komplizierter.

Im letzten Frühling lag die Obergrenze für Beerdigungen zeitweise bei fünf Personen.
Ich habe deswegen viele traurige Szenen miterlebt. Abschiedsfeiern im kleinsten Kreis, mit Abstand und ohne Berührungen, Umarmungen oder gemeinsames Singen: Corona verwehrt den Trauernden die menschliche Nähe und die tröstlichen Rituale, die sie gerade in diesen Momenten dringend bräuchten. Für die Angehörigen war es brutal, dass sie ihre Trauer nicht mit anderen teilen konnten. Und für das Umfeld war es schmerzhaft, dass sie beim Abschied nicht dabei sein durften.

Viele Familien haben die Trauerfeier auf später verschoben.
Das geschah vor allem zu Beginn der Pandemie, als man noch auf eine baldige Besserung der Lage hoffte. Aber eine gewisse Nähe der Abschiedsfeier zum Tod einer Person ist wichtig. Die Beerdigung und der gemeinsame Abschied von einem geliebten Menschen sind Schritte, die den Hinterbliebenen ein Weitergehen im Trauerprozess ermöglichen. Danach kann man leichter loslassen und weiterleben.

Im März letzten Jahres begannen Sie, Beerdigungen per Live-Stream zu übertragen. Wie kam es dazu?
Da ich meine Trauerreden filme, wurde ich angefragt, ob ich die ganze Feier live per Video-Stream übertragen könne. Mit dem Live-Stream kann ich in Pandemiezeiten auch denjenigen eine Form von Teilhabe ermöglichen, die aus Angst vor einer Ansteckung nicht zu einer Abdankung kommen, weit entfernt leben oder sich gerade in Isolation oder Quarantäne befinden.

Wie funktioniert ein Live-Stream denn technisch?
Die Trauerfamilie erhält einen Link auf Youtube, den sie an die Teilnehmenden weiterleitet. Per Klick darauf kann man die Beerdigung am Computer live mitverfolgen. Ich selbst bin mit meiner kleinen Spezialkamera vor Ort, die auf einem Stativ steht. Die Kamera ist nur so gross wie ein Handy, aber vollbepackt mit modernster Technik. Sie kann 15 Bildausschnitte aufnehmen und so den Eindruck erwecken, als ob aus mehreren Blickwinkeln gefilmt würde. Wie ein Regisseur steure ich die Bilder mit meinem Handy.

Eine Trauerfeier mit Gästen. Rechts im Bild eine Kamera, die den Ablauf filmt. Zeitlupe.
Abschied im kleinen Kreis, gefilmt von einer Spezialkamera. © zVg

Man erlebt die Trauerfeier also quasi durch Ihre Augen?
Es soll möglichst so wirken, als sei man selbst vor Ort. Ich fange mit meiner Aufzeichnung jeweils etwa zehn Minuten vor der Trauerfeier an, um die Atmosphäre einzufangen. In der Kirche und am Grab filme ich den ganzen Ablauf, nehme die Pfarrerin oder den Musiker auf, zeige Nahaufnahmen von der Urne oder vom Blumenschmuck. Mit meiner Kamera gehe ich hinter der Trauerfamilie her zum Grab. Man sieht etwa, wie ich Blumen auf den Sarg lege. Ich kann auch Fotos und Texte einblenden oder einen Lebenslauf der Verstorbenen. Und am Schluss lasse ich die Feier mit den Kirchenglocken ausklingen.

Können so vor dem Bildschirm Gemeinschaftsgefühle aufkommen?
Obwohl man sich physisch nicht am selben Ort befindet, ist man im Moment des Abschiednehmens zusammen und irgendwie seelisch und geistig verbunden. So erleben es viele Leute. Die Menschen haben das Bedürfnis, ihre Gefühle zu teilen. Die virtuelle Gemeinschaft kann helfen, sich mit seiner Trauer weniger allein zu fühlen. Das Zusammensein gibt Kraft und tröstet, auch wenn es nur vor dem Bildschirm stattfindet. Einen Bezug zum Geschehen vor Ort vermitteln auch die vertrauten Gesichter der Trauerfamilie, dich ich filme – natürlich nur mit Erlaubnis.

Online trauern: Zu sehen ist ein iPad, auf dem eine Trauerfeier übertragen wird. Zeitlupe.
Die Bilder werden per Handy gesteuert. © zVg

Welche Rückmeldungen erhalten Sie?
Ein Live-Stream ist natürlich kein Ersatz für eine reale Abdankung, weil vieles wegfällt: Die Anreise, das Betreten der Kirche, die Kontakte und Gespräche vorher und nachher … Wer also sucht, was fehlt, empfindet den Live-Stream als mangelhaft und enttäuschend. Aber für viele ist die virtuelle Teilnahme viel besser als gar keine Teilnahme. Wer traurig ist, weil er wegen Corona nicht an einer Beerdigung teilnehmen kann, ist oft erleichtert und dankbar, dass es diese Möglichkeit gibt.

Wer sind Ihre Kundinnen und Kunden?
Ich biete seit einem Jahr Live-Streams an und erhalte unterdessen Aufträge in der ganzen Schweiz. Grosse Länder wie etwa die USA kennen diese Form schon länger, hierzulande ist sie noch gewöhnungsbedürftig. Es sind bisher eher die Jüngeren, die offen sind für Neues. Ungefähr die Hälfte meiner Streaming-Kundinnen und -kunden haben Angehörige im Ausland. Diese sind froh, die Beerdigung trotz Distanz erleben zu können. Ebenso diejenigen, die aus Angst vor einer Ansteckung nicht vor Ort sein wollen. Auch Kirchgemeinden sind interessiert oder Altersheime, welche Abschiedsfeiern direkt ins Heim übertragen möchten. Kürzlich streamte ich die Beerdigung einer bekannten Persönlichkeit, die viel mehr Trauergäste anzog als die derzeit erlaubten fünfzig Personen.

Also werden Beerdigungen via Live-Stream zunehmend alltäglich?
Das Digitale wird sicher auch in diesem Bereich selbstverständlicher, auch nach Corona. Ganz neu biete ich ein digitales Gedenkportal an – eine Art virtuellen Friedhof. Dort kann man die Videos, die ich bisher nach ein paar Tagen gelöscht habe, online samt Bildern und Trauerrede auch später anschauen – zum Beispiel am Todestag eines Verstorbenen. Angehörige und Freunde können Fotos und Beileidsbotschaften teilen. Wird beim physischen Grab auf dem Friedhof ein QR-Code platziert, gelangen Besucherinnen und Besucher per Handy direkt auf die Gedenkseite und können die Trauerfeier nachträglich miterleben.


*Johannes Ruchti ist Bestatter und Trauerredner – und mit seiner Firma funus ein Pionier beim Live-Streamen von Abdankungen. www.funus.ch

Hier können Sie das Live-Stream-Video einer Beerdigung auf dem kürzlich gegründeten Funus-Gedenkportal anschauen: https://funus-gedenkportal.ch/gedenkprofil/mike-schwegler/


  • Memento mori – sei dir der Sterblichkeit bewusst: In unserem Themenschwerpunkt widmen wir uns einen Monat lang Themen rund um den Tod und das Sterben. Zum Dossier.

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