Trauerfeier 25. Mai 2020

Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder ist 69 Jahre alt. Als Angehörige der Risikogruppe erzählt sie jeden Montag aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: vom Zusammensein in schweren Stunden. 

Das «verre d’amitié» im Anschluss an eine Beerdigung darf in meiner trink- und lebensfreudigen Verwandtschaft mütterlicherseits nicht fehlen. Mit einem Glas Weisswein stösst man auf den Verstorbenen an, erzählt sich Episoden und Anekdoten aus seinem Leben und erinnert sich an gemeinsame gute und schlechte Zeiten. Danach wendet man sich wieder dem Leben und der Zukunft zu. Nicht nur der engste Familienkreis oder die weitere Verwandtschaft trinken zusammen das «verre d’amitié». Das ganze Dorf wird dazu eingeladen und alle, die dem Verstorbenen die letzte Ehre erweisen. 

Vor zehn Tagen starb der jüngste meiner noch lebenden Onkel. Eine lange Leidenszeit ging zu Ende. Zermürbend waren die letzten Wochen auch für meine Tante und die beiden Cousins: Jegliche Spitalbesuche waren verboten. Eine Lockerung der strengen Vorschriften gab es erst in den letzten Tagen, als mein Onkel auf der Palliativabteilung lag: Jeweils eine Person durfte während maximal dreissig Minuten pro Tag an seinem Bett sitzen. Erst in der Todesstunde können seine Frau und die Söhne gemeinsam von ihm Abschied nehmen.

Zur Beerdigung dürfen – der Grösse der Kirche entsprechend – maximal vierzig Personen eingeladen werden. Jede zweite Bankreihe ist mit einem weissen Plastikband abgesperrt. Auf die restlichen Bänke mit zwei Metern Abstand aufgeklebte Punkte zeigen, wo sich die Trauergäste hinzusetzen haben – nicht ohne sich beim Eingang die Hände desinfiziert zu haben. Keine Musikkapelle spielt den Marsch «Alte Kameraden». Niemand darf – wie es die Tradition vorsieht – den Sarg vor dem Altar mit Weihwasser segnen, keine Hand darf zum Friedensgruss gereicht werden. Bei der Kommunion mahnt der Priester zu genügend Abstand. Das gemeinsame Lied verliert sich in der grossen Kirche. Bleich knien meine Tante und die Cousins allein in der vordersten Reihe.

Nach dem Gottesdienst stehen die Verwandten in kleinen Gruppen auf dem weitläufigen Kirchplatz. Einige winken sich nur von Weitem zu und gehen gleich nach Hause. Andere setzen sich über die Abstandsregeln hinweg – die meisten spontan, ein paar absichtlich – und umarmen sich. Verloren bewegt sich meine Tante unter ihren Angehörigen und sucht Nähe auf Distanz. Mein Onkel hätte sich eine grosse Beerdigung gewünscht, mit fröhlichen Menschen, die sich seiner erinnern. Stattdessen liegt Trauer über den Anwesenden. Trauer, die nicht nur dem Verstorbenen gilt. 

Usch Vollenwyder

Zeitlupe-Redaktorin