© zVg / Unsplash Glen Carrie

Lesen als Mittel gegen die Isolation

Die 68-jährige Dora Hammer macht das Beste aus der Corona-Misere, obwohl sie seit Wochen fast niemanden mehr treffen darf. Innensicht aus dem Pflegeheim Stadtpark Olten.

Aufgezeichnet von Fabian Rottmeier

«Auch uns hat Corona voneinander getrennt, hier im Pflegeheim Stadtpark Olten. Momentan dürfen wir nur zu den Bewohnerinnen und Bewohnern derselben ‹Abteilung› Kontakt haben. Dies beschränkt sich aber in der Regel auf die Mahlzeiten im Gemeinschaftsraum. Meine gewohnten Esstisch-Nachbarinnen – aus einer anderen Abteilung – habe ich schon seit Wochen nicht mehr gesehen. Immerhin dürfen wir wieder unsere Zimmer verlassen – das war in den ersten Quarantäne-Wochen der zweiten Welle nicht so. Damals brachten uns die Pflegerinnen das Essen dreimal täglich aufs Zimmer.

Ich komme trotz allem gut mit der Situation klar und bin froh, dass ich mich alleine beschäftigen kann. Nach meiner Ankunft im November 2019 wohnte ich noch in einem Zwei-Bett-Zimmer, fünf Mal mit verschiedenen Frauen. Das war nicht immer einfach. Jetzt lebe ich auf eigenen Wunsch in einem Einzelzimmer.

«Dass ich meine Familie nun schon seit mehreren Wochen nicht sehen konnte, schmerzt. Aber man muss sich damit abfinden, ob man möchte oder nicht.»

Hier gelandet bin ich wegen einer Hirnblutung – und nach einer rund halbjährigen Spital- und Rehabilitationsphase. Gehen kann ich noch immer nicht allein und bin deshalb auf einen Rollstuhl angewiesen. Meine Therapien fallen wegen Corona leider aus. So mache ich täglich alleine meine Spiegeltherapie, die mir dabei helfen soll, meine linke Hand und meinen linken Arm zu aktivieren.

Ich bin kinderlos und seit gut zehn Jahren pensioniert. Vorher arbeitete ich 30 Jahre als kaufmännische Angestellte für die Publicitas in Olten. Bis zur Hirnblutung war ich aktiv und oft unterwegs – unter anderem als Präsidentin des Verbands Schweizer Volksmusik Kanton Solothurn. Auch Schicksalsschläge konnten mich nicht aufhalten: Mein zweiter Ehemann ist vor neun Jahren verstorben, drei Wochen nach meinem Vater. Seither ist meine Schwester meine wichtigste Stütze, sie schaut gut zu mir und kümmert sich zusammen mit meinem Bruder auch um unsere Mutter, die pflegebedürftig zuhause lebt. Auch mein Bruder hilft mir jetzt.

Dass ich meine Familie nun schon seit mehreren Wochen nicht sehen konnte, schmerzt. Aber man muss sich damit abfinden, ob man möchte oder nicht. Mit meiner Schwester telefoniere ich oft oder wir schicken uns SMS. Dinge, die sie für mich besorgt, gibt sie am Empfang des Stadtparks in einer Tasche ab.

«Kürzlich ist ein hochaltriges Ehepaar, mit dem ich mich gut verstanden habe, innert zehn Tagen gestorben.»

Meine Kontakte beschränken sich derzeit aufs Minimum, denn in meiner Abteilung verbringen viele ihre Zeit meist auf den Zimmern. Das macht mir jedoch nichts aus. Schade ist einzig, dass wir auch zu jenen Räumen, in denen man üblicherweise andere Bewohnende auf einen Kaffee oder einen Schwatz antrifft, seit Wochen keinen Zutritt mehr haben. Eine kurze Zeit lang durften wir immerhin unten am Buffet etwas kaufen und mitnehmen. Das geht nun auch nicht mehr, ganz zu schweigen vom geschlossenen Restaurant. Das alles macht es schwerer, die Situation zu ertragen.

Wie viele Leute in unserem Pflegeheim am Coronavirus gestorben sind, weiss ich nicht. Wir sehen einzig die Kärtchen der Todesanzeigen, die von der Heimleitung beim Empfang aufgestellt werden. Kürzlich ist ein hochaltriges Ehepaar, mit dem ich mich gut verstanden habe, innert zehn Tagen gestorben. Aus meinem persönlichen Umfeld kenne ich sonst niemanden, der an Covid-19 verstorben ist – zum Glück! Das Pflegeheim liess uns schon mehrfach auf das Virus testen. Ist jemand in Quarantäne, wird das Enddatum der Isolation unübersehbar an seine Zimmertür geschrieben. Unser Zusammenhalt untereinander ist sehr unterschiedlich. Es gibt auf meiner Abteilung einige Männer und Frauen, mit denen ich mich gut verstehe.

Meine Tage verbringe ich meist gleich. Ich lese viel, morgens jeweils das Oltner Tagblatt. Schon als Kind im Baselbieter Waldenburgertal las ich gerne. Am liebsten sind mir liechti Sache, Unterhaltungsromane und auch Liebesgeschichten. Als nächstes gönne ich mir ein Buch des deutschen Heimatdichters Hans Ernst. Gewiss, Lesen ist auch eine Art Ablenkung. Manchmal jasse ich auch am Laptop oder lege für mich allein ein Scrabble.

«Der Zeitlupe-‹Treffpunkt› ist nicht zuletzt in Zeiten von Corona eine wichtige Anlaufstelle geworden, mich mit der Aussenwelt zu verbinden.»

Fest zu meiner Tagesroutine gehört auch, mich mehrmals in der Online-Begegnungsplattform der Zeitlupe auf zeitlupe.ch/treffpunkt einzuloggen. Der ‹Treffpunkt› ist nicht zuletzt in Zeiten von Corona eine wichtige Anlaufstelle geworden, mich mit der Aussenwelt zu verbinden. Ich mag den Austausch mit den anderen und lese gerne, welche Mitteilungen die Menschen auf der Plattform platzieren. Manchmal gebe ich meinen Senf dazu. Eigene Einträge mache ich selten. Das Schöne am Treffpunkt: Ich durfte schon einige Lupis, wie wir uns nennen, an Lupi-Treffs kennenlernen. Auch auf ein Mittagessen haben wir uns schon verabredet, aber in Zeiten von Corona ist das alles nicht mehr möglich. Es tut gut, sich zu sehen. Ab und zu telefonieren wir auch. Gerade kürzlich habe ich ein nettes Kärtchen von einer Lupi-Kollegin erhalten. Und nicht zu vergessen: Lupis haben mich auch schon, zum Teil mehrmals, besucht.

Bevor ich mich in der Regel um acht Uhr abends ins Bett lege, schaue ich mir auf SRF die Sendungen ‹Schweiz aktuell›, ‹Meteo› und die ‹Tagesschau› an. Auch ‹Mini Schwiiz, dini Schwiiz› mag ich sehr. Man erfährt dabei viel über unser Land. Insgeheim hoffe ich noch immer, dass ich eines Tages wieder nach Hause nach Trimbach ziehen kann. Ich würde gerne wieder mal mini feine Sache choche und bache, so wie ich es am liebsten mag.»

Vergangenen Sommer fand in Scuol das bisher letzte Lupi-Treffen statt. / © zVg

Der Zeitlupe-«Treffpunkt»

Der «Treffpunkt» ist eine digitale Plattform und Teil der Zeitlupe-Website. Der neun Jahre alte Begegnungs- und Austauschort für Zeitlupe-Leserinnen und -Leser wurde im vergangenen Jahr komplett überarbeitet, neu gestaltet, übersichtlicher strukturiert – oder kurz gesagt: verbessert. Hier finden Sie zehn Gründe, sich die Internet-Begegnungsplattform der Zeitlupe anzuschauen.

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