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«Schlimmer geht immer» 13. September 2021

Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder (69) erzählt seit Beginn der Corona-Krise jede Woche aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von einem unglücklichen Hund und viel zu vielen Fischen. 

Usch Vollenwyder
Usch Vollenwyder,
Zeitlupe-Redaktorin

Es gibt Tage, selbst im Urlaub, da sollte man erst gar nicht aufstehen. Oder zumindest das Ferienhäuschen nicht verlassen. Ein solcher Tag war der Freitag. Ich hatte einen Ausflug nach Brest geplant. «Le Brestoâ» verbindet unsere ruhige Ferienhalbinsel mit der Grossstadt im westlichsten Zipfel der Bretagne. Meinen Mann muss ich dazu überreden: Er interessiert sich weder für Städte, die nach dem Zweiten Weltkrieg möglichst schnell und funktional wieder aufgebaut wurden, noch für Schiffsüberfahrten auf windiger See und auch nicht für das Océanopolis, ein in jedem Reiseführer als Highlight empfohlenes Aquarium etwas ausserhalb der Stadt.

Rechtzeitig und fast zuvorderst stehen wir bei der Anlegestelle in der maskierten Warteschlange. Irgendwie schaffen wir es, nach hinten durchgereicht zu werden, und betreten das Schiff ganz am Schluss mit den Velofahrerinnen und Velofahrern. Mit ihnen bleibt uns auch nur der Platz im Heck. Die Motoren dröhnen und Boden und Bänke zittern. Der zottelige Vierbeiner – normalerweise die Gelassenheit in Hund – erschrickt dermassen, dass er in einem grossen Sprung auf meinen Knien landet. Die Tasche fällt zu Boden, der Inhalt kullert heraus. Der Hund hechelt und jammert, wir besänftigen, die Fahrgäste hinter ihren Masken lassen sich das Schweizer Schauspiel nicht entgehen. 

Die vor 75 Jahren von den Alliierten bombardierte Stadt bietet kaum Sehenswürdigkeiten. So haben wir genügend Zeit, in einem Hafenrestaurant Sardinen und Zwiebelkuchen zu essen. Dann machen wir uns auf Richtung Océanopolis. Eine halbe Stunde höchstens dauere der Weg dorthin, hatte der Matrose auf der «Brestoâ» gesagt. Ich stellte mir einen gemütlichen Spaziergang an der Hafenkante vor. Stattdessen führt der Weg schnurgerade an einer von schweren Lastwagen befahrenen Strasse entlang, vorbei an Lagerhallen, Silos, Industrie- und Gewerbegebäuden, an Absperrungen, Tanklastern und Tanklagern, an hohen Gitterzäunen, ausrangierten Schiffsbäuchen und mächtigen Kranwagen. Der schmale Grasstreifen ist voller Abfälle, ein beissender Gestank liegt in der Luft. 

Nach einer halben Stunde werfe ich einen Blick aufs Handy: Wir haben noch nicht einmal die Hälfte des Weges zurückgelegt. Ich sehe unseren Besuch im Océanopolis ins Wasser fallen. Mit Hund können wir ja nicht miteinander, sondern nur nacheinander das Aquarium besuchen. «Dafür gewinnst du den Preis für die hässlichste je geplante Wanderung», sagt mein Mann und meint: «Schlimmer geht immer.» Es könnte ja zum Beispiel über dreissig Grad heiss sein wie vor zwei Tagen oder wie angekündigt in Strömen regnen. Ich finde seine Witzchen überhaupt nicht lustig. Punkt 17 Uhr wird die Fähre beim Océanopolis ablegen. Und jetzt ist schon fast 15 Uhr.

«Geh du», sagt mein Mann grosszügig, als wir endlich bei der Eingangshalle – angelegt für die Sommer-Touristenströme und jetzt praktisch leer – ankommen. Er trinke ein Bier in der Hafenbar. Zügig gehe ich durch den Bretagne-, den Tropen- und den Polarpavillon. Für die angepriesenen Videos, Diaserien und Computeranimationen fehlt mir die Zeit. In den zahlreichen karg eingerichteten Becken drehen Massen von Fischen ihre Runden oder schwimmen an der Glasfront hin und her. Und dafür habe ich den schrecklichen Weg aus dem Stadtzentrum – immerhin fast acht Kilometer – auf mich genommen? «Mehr Platz für weniger Tiere», das Motto des Berner Tierparks Dählhölzli, kommt mir in den Sinn. Brest kann es mir nicht mehr recht machen. 

Im Shop zwischen all den Plüschfischen und Matrosenkleidern, den Bretagne-Souvenirs und Meerbüchern, erstehe ich für meinen geduldigen Mann eine Flasche hellgoldenen «Whisky de Bretagne». Wem auch immer er zu Hause ein Gläschen davon kredenzen wird, dem wird er diesen Höhepunkt unserer Ferien schildern. Wobei: So schlimm finde ich den Ausflug schon jetzt nicht mehr. 


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