Befreiung auf Elba

Theres Bütler verfolgte die 68er-Bewegung nur aus Distanz, probte aber dennoch ihren persönlichen Aufstand: Sie trotzte ihren Eltern und reiste mit 23 Jahren erstmals in den Urlaub – auf die Insel Elba. 

Schwarzweissbild: Zwei Frauen liegen in Liegestühlen am Strand, in Bikinimode der 1960er Jahre, mit Hüten tief ins Gesicht gezogen.
© akg-images / Erich Lessing

Ein Jahr lang hatte ich gespart, und dann wurden sie endlich Tatsache, meine ersten Ferien: ein Pauschalangebot inklusive Transport für 395 Franken auf der Insel Elba, gebucht in einem Reisebüro in Bern. Eine Freundin begleitete mich. Wir reisten mit dem Zug von Bern an die Küstenstadt Piombino. Nach mehrstündigem Warten am Hafen tauchte doch noch eine Fähre auf: ein rostiges, hässliches Ding. Es stank auf dem Schiff derart nach Erbrochenem, dass wir die ganze Fahrt über an Deck blieben. 

Wir hatten auf Elba im einzigen Hotel im Ort Magazzini ein Zimmer gebucht. Es war ziemlich alt und abgelegen, verfügte über eine Veranda, einen Parkplatz und einen kleinen Anbau für die Fischerboote. Eine Treppe führte zu einer Plattform, auf der hufeisenförmig ein paar Garagenboxen aufgereiht waren. Die «normalen» Hotelzimmer waren schon vergeben, also schliefen wir in einer Garage mit Glasfront und Mini-WC, vor der unter einer Pergola aber immerhin ein Tisch mit Stühlen stand. Die Bettauflage war ein Drahtgeflecht, eine kalte Dusche für alle gab es bloss draussen. 

Mein Vater, ein Patriarch, schimpfte lauthals, als er erfuhr, dass ich verreise und «die Alten zu Hause krüppeln müssen». Meine Mutter klagte, ich solle mit diesem Geld lieber eine Nähmaschine kaufen. Doch mein Unmut über das Bauernmilieu im aargauischen Freiamt war mit den Jahren stetig gewachsen, und ich wollte mich alleine behaupten. Als ich auf Elba eintraf, war ich denn auch stolz, dem Widerstand getrotzt zu haben. Die Reise war rückblickend ein wichtiger Aufbruch und auch eine Befreiung für mich. Und ich sah das erste Mal das Meer! Wie ich es genoss! Ausser ein paar ekligen Algen an unserem kleinen Hotelstrand war das Wasser traumhaft. Das Meer und insbesondere dessen Geruch liebe ich noch heute. 

Zum Abendessen gab es im Hotel jeden Abend Spaghetti mit Muscheln. Dank anderer Hotelgäste kamen wir trotzdem in den Genuss von Alternativen. Da wir als Einzige kein Auto hatten, nahm uns ein Schweizer Ehepaar regelmässig mit zu anderen, schöneren Stränden, wo ich die erste Pizza meines Lebens ass: eine Margherita mit viel Oregano. Abends sangen ich und meine Freundin oft unsere liebsten Schlagerlieder, von Connie Francis über Roy Black bis Salvatore Adamo. Ich hatte meine Gitarre mitgebracht, die ich damals immer bei mir haben musste. Sie gab mir ein gutes Gefühl. 

In der zweiten Ferienwoche entdeckten wir draussen im Meer plötzlich Kriegsschiffe. Später flogen Militärflugzeuge über uns hinweg. Wir dachten zuerst, das passiere bloss zu Übungszwecken. Aber mitten in der Ferienzeit?! Als die Manöver mehrere Tage anhielten, war uns dann doch ein wenig mulmig zumute. Was diese militärischen Aktionen zu bedeuten hatten, wussten wir bis zu unserer Rückkehr in die Schweiz aber nicht. Meine Eltern gestanden mir dann, sie hätten Todesängste um uns ausgestanden, und sie erzählten mir, weshalb die Flugzeuge und die Kriegsschiffe mobilisiert worden waren: Die Sowjetunion hatte im Mittelmeerraum rund 40 Kriegs-und Versorgungsschiffe als Macht- und Drohgebärde gegen den Westen in Position gebracht, worauf die Nato ihre Präsenz verstärkte. Ich verspürte eine leise Schadenfreude, dass meine Eltern um mich gebangt hatten. Sie mochten mich also doch noch! 

Die Sowjets sind da!

«Wird das Mittelmeer ein Sowjet-Meer?», fragt der «Spiegel» in seiner Ausgabe vom 13. Mai 1968. In einem Gespräch mit dem Oberbefehlshaber der Nato-Streitkräfte Süd, US-Admiral Horacio Rivero, wird die zunehmend stärkere Präsenz der sowjetischen Marine im Mittelmeer analysiert. Nach dem Sechstagekrieg 1967 bildete die Sowjetunion den Marine-Mittelmeerverbund «5. Geschwader». Je nach Quelle ist von 30 bis 40 Schiffen die Rede, die 1968 im Mittelmeer «eine reale, doppelte Bedrohung » für den Westen darstellen, wie Rivero sagte. Nicht nur die Kriegsschiffe, Kreuzer und Zerstörer gehörten zum sowjetischen Waffenarsenal, sondern auch die Unterseeboote, die nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem wichtigen Baustein wurden, um im Wettrüsten mit den USA mitzuhalten. Die Nato reagierte mit einer ihrerseits grösseren Präsenz der italienischen, türkischen und griechischen Marineflotte – und beorderte schliesslich die 6. US-Flotte ins Mittelmeer. Die russischen Schiffe erhielten Liegerechte in Syrien, später durften sie auch in Ägypten oder Jugoslawien anlegen.

Die 68er-Bewegung habe ich interessiert verfolgt und alles darüber am Radio «aufgesogen». Sie hat mich wachgerüttelt, und ich begann, ein politisches Bewusstsein zu entwickeln und Autoritäten infrage zu stellen. Ich hätte mich jedoch nie getraut, mich ihr aktiv anzuschliessen, obwohl ich hie und da von den Hippies tagträumte. Vieles davon habe ich zehn Jahre später, als meine Kinder in die Schule gingen, nachgeholt. Ich war die «Spinnerin» in unserem konservativen Wohnblock. 

Die Ferien endeten übrigens mit einem Schreckensmoment. Wir waren mit drei deutschen Jungs per Auto im Ausgang gewesen, als wir auf dem Nachhauseweg auf eine Unfallstelle stiessen. Ein Auto lag in einem Bachbett, ein Mann war verletzt, seine Begleiterin schrie um Hilfe. Ich werde nie den zitterenden Arm des Arztes vergessen, als er beim Verunfallten eine Spritze ansetzen wollte. Wie sich später herausstellte, war der Verunfallte sein Sohn. Was aus ihm wurde, habe ich nie erfahren. 

Auf der Rückreise wurden wir mit einer schöneren Fähre entschädigt. Auf Elba war ich seither erst einmal wieder, aber nur ganz kurz. Eine Toskana- Rundreise per Bus 2016 beinhaltete einen Ausflug auf Elba. Ich versuchte, den Buschauffeur zu einem Abstecher nach Magazzini zu überreden. Es sei ja nicht weit, flehte ich. Doch er winkte ab. 

Zur Person

Theres Bütler wurde am 18. August 1945 geboren und wuchs im Freiämter Dorf Beinwil in einer elfköpfigen Bauernfamilie auf. Bereits mit 15 Jahren arbeitete die Aargauerin als Haushaltshilfe für eine Familie in Hünenberg, später in Schötz, bevor sie in Muri eine Lehre als Damenmode-Verkäuferin absolvierte. Danach folgte ein Jahr als Au-pair-Mädchen in London. Zurück in der Schweiz, blieb sie der Modebranche treu, bevor sie heiratete und eine Tochter und einen Sohn gebar. Sie wohnt seit 1969 in Rothenburg und ist geschieden.

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