D-Day – der Anfang vom Ende

 Vor 75 Jahren blickte die ganze Welt auf die Normandie. Mit der Landung der alliierten Truppen in Nordfrankreich am 6. Juni 1944 wurde das letzte Kapitel des Zweiten Weltkriegs aufgeschlagen.

Text: Martin Hauzenberger

D-Day: Alliierte Landungen in der Normandie
Über 300 000 Soldaten landeten am Abschnitt «Utah» der Normandie-Küste. © Keystone/akg-images

 Schon fast fünf Jahre litt Europa im Sommer 1944 unter dem Krieg, den die Deutschen am 1. September 1939 mit ihrem Überfall auf Polen ausgelöst hatten. Das Deutsche Reich hatte in einer Reihe von Blitzkriegen fast ganz Europa erobert oder zur Zusammenarbeit gezwungen. Nur Schweden und die Schweiz hatten eine prekäre neutrale Unabhängigkeit halten können.

Im Sommer 1941 griff Hitler mit seinen Armeen die Sowjetunion an und schien kaum mehr zu stoppen zu sein. Und in Asien weitete das mit Deutschland und Italien verbündete Japan seinen Krieg gegen die asiatischen Nachbarn auf die britischen, französischen und niederländischen Kolonien in Südostasien aus und eroberte ein Land und eine Insel um die andere. Die deutschen und japanischen Kriegsmaschinen liessen sich durch nichts aufhalten. Die angeblich uneinnehmbare britische Festung Singapur kapitulierte nach zwei Wochen. Und Ende 1941 zerstörte Japan einen grossen Teil der US-Pazifikflotte im hawaiischen Stützpunkt Pearl Harbor.

Mit ihren Aktionen allerdings hatten die Deutschen und die Japaner zwei schlafende Riesen gegen sich aufgebracht und damit ihr Schicksal besiegelt: Der Kriegseintritt der USA und  Endeder Sowjetunion liess das Gleichgewicht der Kräfte auf die Seite der Alliierten kippen. Das zuvor fast allein mit seinen kolonialen Truppen aus dem Commonwealth kämpfende Grossbritannien hatte plötzlich mächtige Verbündete, und so wendete sich denn auch das Kriegsglück. Die Kapitulation einer deutschen Armee in Stalingrad an der Wolga und immer effizientere russische Gegenangriffe zwangen die Deutschen zum Rückzug. Und im Pazifik begann mit den von den USA gewonnenen Seeschlachten um Midway und im Korallenmeer der Niedergang der japanischen Militärmacht.

Hirngespinst aus Wolkenkuckucksheim

Im Sommer 1943 landeten die Alliierten zuerst auf Sizilien, dann in Süditalien und stiessen von dort immer weiter nach Norden vor. Italiens Diktator Mussolini wurde gestürzt, doch als die neue italienische Regierung mit den Alliierten Frieden schliessen wollte, wurde das Land von der deutschen Wehrmacht besetzt und verbissen gegen die vorrückenden Briten und Amerikaner verteidigt. Der britische Premier Winston Churchill und US-Präsident Franklin Delano Roosevelt sahen die Notwendigkeit, in Nordwesteuropa eine dritte Front gegen die Deutschen zu eröffnen.

Ende 1943 begann sich der Süden Englands in ein gigantisches Heerlager zu verwandeln. Unter dem alliierten Oberbefehlshaber Dwight D. Eisenhower war vor allem der legendäre britische Feldmarschall Bernard Montgomery eine der treibenden Kräfte dieser Vorbereitungen zur Invasion in Nordfrankreich. Auf deutscher Seite stand ihm pikanterweise ein alter Bekannter gegenüber: Generalfeldmarschall Erwin Rommel, mit dem er sich während der deutschen Afrika-Feldzüge gegen das britisch besetzte Ägypten blutige Schlachten geliefert hatte, die nordafrikanische Ortschaften wie Tobruk, El Alamein und Sidi Barrani auch in Europa bekannt gemacht hatten. Die zwei hatten auch während der alliierten Landungen und Vormärsche in Italien das jeweilige Kommando innegehabt und waren dann beide an die neue Hauptfront am Ärmelkanal beordert worden.

Beide Seiten wussten, dass die Invasion in Nordfrankreich den weiteren Verlauf des Weltkriegs wesentlich entscheiden würde. Entsprechend intensiv waren die Vorbereitungen. Die Deutschen hatten während ihrer vier Jahre dauernden Besetzung Frankreichs die Atlantik-und die Ärmelkanalküste zu einem schwer befestigten «Atlantikwall» ausgebaut, der mit viel Beton und Stahl, Bunkern und Geschützstellungen jeden Angriff hätte abwehren sollen. 

Oberbefehlshaber Rommel war bei seinen ersten Inspektionen allerdings entsetzt über den Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Die meisten Befestigungen waren noch nicht fertig. Er nannte den Atlantikwall denn auch einmal «ein Hirngespinst aus Hitlers Wolkenkuckucksheim». Das deutsche Oberkommando war der festen Überzeugung, der Angriff werde bei der Meerenge von Calais, der schmalsten Stelle des Kanals, erfolgen. Fast unglaublich ist im Rückblick die Tatsache, dass die alliierten Pläne geheim blieben, obwohl bei der riesigen Zahl der sich in Südengland vorbereitenden Truppen in gewissen Gegenden mehr Soldaten als Einheimische lebten und Geheimnisse schwierig zu hüten waren.

«Der längste Tag»

Am frühen Morgen des 6. Juni 1944 war es dann so weit. Mit rund 6000 Schiffen und 10 000 Flugzeugen wurden mehr als 300 000 Soldaten mit über 50 000 Fahrzeugen und 100 000 Tonnen Material an die Küste der Normandie zwischen der Halbinsel Cotentin und der Seine-Mündung bei Le Havre übergesetzt. Mit massiven Luftangriffen wurden die deutschen Stellungen beschossen und Hälfte der sogenannten Calvados-Küste landeten die Amerikaner auf den Strandabschnitten mit den Codenamen Utah und Omaha, im Osten auf den Abschnitten Juno, Gold und Sword waren es die Briten und ihre Kollegen aus dem Commonwealth, vor allem Kanadier, sowie geflüchtete Soldaten aus den von den Deutschen besetzten Ländern: Franzosen, Niederländer, Belgier, Polen, Tschechen.

D-Day: Amerikanische Truppenverstärkung nahe «Omaha Beach»
Truppenverstärkung trifft in Ruquet, nahe «Omaha Beach», ein. © Keystone/Rue des Archives

Mit Scheinangriffen am Pas de Calais, bei denen auch die deutschen Radareinrichtungen mit aus Flugzeugen abgeworfenen Metallstreifen gestört wurden, wurde der deutsche Glaube an die Attacke bei Calais bestärkt. Eine Ironie der Geschichte war die Tatsache, dass der deutsche Oberbefehlshaber Erwin Rommel am «längsten Tag» (den Ausdruck hatte er selbst während der Vorbereitungen auf die Invasion geprägt) gar nicht vor Ort war. Weil er überzeugt war, das Wetter sei zu schlecht für den entscheidenden Tag, war er zum Geburtstag seiner Frau, am 6. Juni, auf Heimaturlaub gefahren. Als ihn sein Stabschef telefonisch benachrichtigte, soll er gesagt haben: «Normandie – wie dumm von mir!»

Ein Jahr Tod und Verwüstung

Der erste Tag der Invasion kostete nach Schätzungen rund 70 000 Soldaten auf alliierter Seite und 50 000 auf deutscher Seite das Leben, dazu kamen Zehntausende von Verwundeten und Vermissten. Dem alliierten Vormarsch konnten die Deutschen, die auch an der Ostfront gegen die Sowjets unter schwerem Druck standen, nur noch punktuell etwas entgegensetzen. Aber bis zur Kapitulation der Deutschen sollte noch fast ein Jahr voller Tod und Verwüstung vergehen.

1959 publizierte der irischUSamerikanische Journalist und Schriftsteller Cornelius Ryan sein Buch «Der längste Tag», der die Geschichte dieses Tages aus der Sicht von Dutzenden von Interviewpartnern von beiden Seiten schilderte. 1962 wurde daraus ein äusserst erfolgreicher Film, inszeniert von gleich drei Regisseuren, dem Engländer Ken Annakin, dem aus Ungarn stammenden Amerikaner Andrew Marton und dem in Österreich geborenen Schweizer Bernhard Wicki. Mit berühmten Schauspielern wie Mel Ferrer, Henry Fonda und John Wayne auf US, Curd Jürgens, Gert Fröbe und Peter van Eyck auf deutscher sowie Richard Burton auf britischer Seite. Den englischen Soldaten Flanagan verkörperte ein schottischer Schauspieler namens Sean Connery. Im gleichen Jahr 1962 spielte er in «Dr. No» zum ersten Mal einen britischen Agenten namens «Bond, James Bond». But that’s another story. ❋

Beitrag vom 09.05.2019