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Ein Freund fürs Leben 12. Februar 2024

Die langjährige Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder erzählt alle zwei Wochen aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: vom Geschenk der Freundschaft.

Usch Vollenwyder
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Meine junge Kollegin von der Zeitlupe sitzt bei uns in der Wohnküche und stellt uns – meinem Freund Moritz und mir – Fragen. Schon vor Weihnachten hatte sie eine Mail geschrieben: Für das nächste Zeitlupe-Thema suche sie Freundschaftspaare. Ob ich mithelfen würde? Natürlich kann ich. Ich gehöre längst zur Zeitlupe-Leserschaft, habe einen lebenslangen Freund vorzuweisen und freue mich darauf, für einmal auf der anderen Seite von Mikrofon und Kamera zu sitzen. Zudem interessieren mich junge Menschen, und die Zeitlupe-Kollegin könnte locker meine Enkelin sein. Auch das Thema gefällt mir: Freundinnen und Freunde sind ein Geschenk. Sie gehören zum allerwichtigsten in meinem Leben. 

Wie wir uns kennengelernt hätten, lautet die erste Frage. Wir schauen einander an und lachen. Unsere Freundschaft begann tatsächlich mit einer Ohrfeige. Moritz kam frisch vom Theologie-Studium weg als Vikar in unsere katholische Kirchgemeinde. Ich war damals vierzehn, aufmüpfig und rebellisch, und eine Herausforderung in seinem wöchentlichen Religionsunterricht. All sein Bitten, Mahnen und Drohen, ich möge doch endlich still sein, nützten nichts. Bis er mir eine Ohrfeige verabreichte und heimschickte. Natürlich ging ich nicht nach Hause. Ich wusste genau, was mich dort erwartet hätte: Eine Strafpredigt und vielleicht eine zusätzliche Ohrfeige, weil ich «Hochwürden» nicht gehorcht hatte. 

Die Geschichte hatte trotz allem ein Nachspiel: Am Abend stand nämlich unser Vikar vor der Tür und wollte meine Eltern sprechen. Sie führten ihn in die Stube und schlossen die Glastür hinter sich. Ich wusste: Jetzt würde er sich über mich beschweren. Mir wurde heiss und kalt, meine Angst vor den elterlichen Konsequenzen war grenzenlos. Doch er hatte sich nicht beschwert, vielmehr wollte er sich für die Ohrfeige entschuldigen. Das anschliessende elterliche Donnerwetter gepaart mit vorübergehendem Liebesentzug bleibt mir unvergessen. Dass Moritz mit seinem Besuch bei den Eltern alles nur noch schlimmer gemacht hatte, konnte ich ihm lange nicht verzeihen. Trotzdem wurde aus uns ein lebenslanges Freundschaftspaar. 

Ich erinnere mich gut an die Freundschaften meiner Eltern – zu einer anderen Zeit und in einer anderen Generation. Man lud sich zwar gegenseitig ein, war aber bis weit in mein Erwachsenenleben hinein per Sie. Über Persönliches wurde nicht geredet, über Schwierigkeiten schon gar nicht. Alle Freundinnen und Freunde meiner Eltern schienen das Glück gepachtet und nur wohlgeratene und gescheite Kinder zu haben. Ich erinnere mich, wie sehr meine Mutter litt, als eine ihrer Enkelinnen in Drogenkreise geriet. Sie verlor ihr fröhliches Lachen und ihre Leichtigkeit. «Rede doch mit Marianne darüber», sagte ich zu ihr. Marianne war ihre Freundin, die Beiden waren nach vielen Jahren Bekanntschaft endlich per Du und sahen sich mehrmals pro Woche. Meine Mutter schaute mich fassungslos an: «Das ist doch nichts für Aussenstehende. Das macht man mit sich allein oder höchstens mit der Familie aus.»

Genau dafür habe ich Freundinnen und Freunde: Dass man nicht nur zusammen Feste feiert, sondern auch Schwieriges miteinander teilt. Dass man Anteil nimmt an dem, was den anderen beschäftigt, und auch selber nicht eine heile Welt vorspielen muss. Das verbindet mich seit bald sechzig Jahren mit Moritz. Der Gedanke, dass ich ihn in wohl nicht allzu ferner Zukunft werde himmelwärts ziehen lassen müssen, tut weh. Es ist der Preis, den es für Freundschaft zu zahlen gilt. 


  • Haben Sie auch eine langjährige Freundschaft in Ihrem Leben, die Sie keinenfalls missen möchten? Wir würden uns freuen, wenn Sie uns davon erzählen oder die Kolumne mit anderen teilen würden. Herzlichen Dank im Voraus.
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Freundschaften

«Der beste Weg, einen Freund zu finden, ist, einer zu sein», sagte einst der amerikanische Philosoph und Schriftsteller Ralph Waldo Emerson. Vier Lebensmenschen begleiten uns durchschnittlich durchs Leben, ihnen stehen wir besonders nahe: Was Freundschaften ausmacht und was sie bewirken.

Warum manche Freundschaften in Leben lang halten, lesen Sie in Zeitlupe-Ausgabe 2/2024.

Beitrag vom 12.02.2024

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