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Auf dem Dach der Welt

Vor siebzig Jahren, am 29. Mai 1953, gelang Edmund Hillary und Tenzing Norgay die Erstbesteigung des Mount Everest. Interessantes zum höchsten Berg und seinen Bezwinger:innen.

14 Berge über 8000 m Höhe gibt es auf der Erde, der höchste davon ist mit 8848 m der Mount Everest im Himalaya. Sagarmatha, Stirn des Himmels, nennt man ihn in Nepal. Chomolungma, Mutter des Universums, in Tibet. Seinen westlichen Namen erhielt der Berg zu Ehren des britischen Landvermessers George Everest. Dieser sprach seinen Nachnamen übrigens «Iivrist» aus.

Für die Menschen der Region ist der Mount Everest wie alle markanten Gipfel ein heiliger Berg, bewohnt von Geistern und Dämonen. Nach Ansicht der Buddhisten ist er der Sitz einer der fünf «Schwestern des langen Lebens», die auf den fünf höchsten Himalaya-Gipfeln wohnen. Vor jeder Besteigung führen die Sherpas eine Opferzeremonie, eine sogenannte Puja, durch, um Unheil abzuwenden.

Bergpanorama mit Mount Everest
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Die klimatischen Bedingungen am Berg sind extrem. Die Temperaturen können bis auf -60 Grad Celsius sinken. Selbst im wärmsten Monat Juli beträgt die Durchschnittstemperatur auf dem Gipfel nur -19 Grad. In den Sommermonaten Juni bis September prägen vom indischen Monsun beeinflusste Niederschläge und heftige Schneestürme das Wetter. Die Windgeschwindigkeit steigt im Winter bis auf 285 km/h. Wegen seiner Wolkenfahne hielt man den Himalaya lange für eine Vulkankette.

Nur selten günstige Bedingungen

Wie üblich im Hochgebirge kann das Wetter rasch umschlagen, was auch für die beiden Bergsteigersaisons im Mai und im Oktober gilt. Schneefälle von bis zu drei Metern pro Tag sind nicht ungewöhnlich. Tage mit stabilem Wetter gibt es nur wenige – dies sind die sogenannten «Fenstertage», an denen die günstigsten Bedingungen für eine Besteigung herrschen.

Der Druck auf dem Gipfel des Mont Everest beträgt nur knapp ein Drittel des Normaldrucks auf Meereshöhe, wodurch Wasser bereits bei 70 Grad siedet. Nur wenige Tiere konnten sich diesen extremen Bedingungen anpassen. Blütenpflanzen gibt es in der lebensfeindlichen Umwelt des ewigen Eises keine. Infolge des Klimawandels bilden sich zunehmend Schmelzwasserseen, die das Unfallrisiko vergrössern.

Sherpas errichten im Basislager des Mount Everest einen Puja Altar.
Sherpas errichten im Basislager des Mount Everest einen Altar. Vor jeder Besteigung führen sie eine Opferzeremonie durch. © shutterstock

Fast die Schweizer

Den höchsten Gipfel der Welt zuerst besteigen, das wollten natürlich viele Nationen. Besonders die Briten setzten alles daran, nachdem sie bereits das Rennen zum Nord- und Südpol verloren hatten. Erste Besteigungsversuche gab es in den 1920er Jahren, anfangs ohne und später mit zusätzlichem Sauerstoff. Immer wieder brachen Expeditionen neue Höhenrekorde.

Ab 1935 war der Nepalese Tenzing Norgay bei verschiedenen britischen Gruppen als Träger und später Führer dabei. Fast hätten Schweizer Bergsteiger den Gipfel zuerst erreicht. 1952 versuchten gleich zwei Schweizer Expeditionen ihr Glück. Auch sie setzten auf die Dienste von Tenzing Norgay und stellten einen neuen Höhenrekord von 8600 Metern auf, mussten aber aufgrund des Wetters aufgeben. Ihre Erkenntnisse über die Route konnte die erfolgreiche britische Expedition im folgenden Jahr nutzen.

Am 29. Mai 1953 brachen der Neuseeländer Edmund Hillary und Tenzing Norgay um 6:30 Uhr vom Höhenlager auf 8510 m zum Gipfel auf und standen um 11:30 Uhr ganz oben. «We finally knocked the bastard off», erzählte Edmund Hillary nach seiner Rückkehr («Endlich haben wir den Mistkerl erledigt»).

«We finally knocked the bastard off» © creative commons

Die Nachricht von der erfolgreichen Erstbesteigung erreichte England ausgerechnet am Morgen des Krönungstages von Queen Elizabeth II, die Edmund Hillary und Tenzing Norgay später ehrte. Die Erstbesteigung wurde international als Eroberung des «dritten Pols» nach dem Nord- und Südpol gefeiert.

1956 gelang auch zwei Schweizer Gruppen die Besteigung des Mount Everest, sie waren der dritte, vierte, fünfte und sechste Mensch auf dem Gipfel. Auf der Rückreise dachten die Bergsteiger gemäss Hansruedi von Gunten, nach ihnen wolle «sicher niemand mehr hinauf». Es kam anders.

Der Run auf den Berg

Der Mount Everest entwickelte sich zu einer grossen Attraktion. Es folgten Besteigungen auf verschiedenen Routen und von verschiedenen Nationen. Viele hatten Erfolg, viele scheiterten. 1975 stand mit der Japanerin Junko Tabei die erste Frau auf dem Gipfel. 1978 bestiegen Reinhold Messner und Peter Habeler den Berg erstmals ohne zusätzlichen Sauerstoff. Im gleichen Jahr gelang einem Österreicher die erste Solobesteigung, 1980 stand erstmals ein Mensch im Winter auf dem Everest.

Junko Tabei 1985 am Pik Kommunismus
Junko Tabei war 1975 als erste Frau auf dem Gipfel (hier 1985 am Pik Kommunismus) © creative commons

Immer schwierigere Routen wurden bezwungen. 1988 gelang der ersten Frau die Besteigung ohne Sauerstoff und ein Franzose flog mit einem Paragleiter in elf Minuten vom Gipfel. 1990 stieg das australische Ehepaar, das später das Bekleidungsunternehmen «Sea to Summit» gründete, vom Golf von Bengalen bis auf den Mount Everest, also den gesamten Weg von der Meeresküste bis auf den Gipfel ohne die Unterstützung von Sherpas oder Sauerstoff. 1995/96 fuhr ein Schwede die ganze Strecke von Stockholm bis zum Mount Everest mit Velo und Anhänger. Er bestieg anschliessend den Berg und initiierte später die erste Säuberungsaktion.

1998 erreichte der erste Beinamputierte den Gipfel, 2001 der erste Blinde. Ein Sherpa stellte mit 21 Stunden ohne Sauerstoff auf dem Gipfel den Rekord des längsten Gipfelaufenthalts auf. 2000 erfolgte die erste vollständige Abfahrt mit Skiern. Als erste Schweizerin stand Evelyne Binsack 2001 zuoberst. Der jüngste Everest-Bezwinger ist 13-jährig, der älteste Mensch ein 80-jähriger Japaner. Ein 85-jähriger Mann starb 2017 im Basislager vermutlich an einem Herzinfarkt beim Versuch, den Altersrekord zu brechen.

Stau am Everest

Während in den ersten 27 Jahren nach der Erstbesteigung 99 Menschen auf dem Gipfel waren, brach seit den 1980er-Jahren eine regelrechte Everest-Euphorie aus. 1993 erreichten erstmals über 100 Menschen in einem Jahr den Gipfel, im Jahr 2003 waren es bereits über 200, in der Rekordsaison 2007 über 600 – von erfahrenen Alpinist:innen bis zu weniger Geübten.

An den seltenen «Fenstertagen» mit idealen Bedingungen im Mai stauen sich die Aufstiegswilligen an engen Passagen mehrere Stunden. Wer es hoch oben nicht schafft, den Endaufstieg in der Nacht vor der Gipfelbesteigung vor Mitternacht zu beginnen, erleidet meist schwere körperliche Schäden wie Erfrierungen an Zehen, Füssen, Fingern und Nase.

Zelte am Basislager des Mount Everest
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Unterdessen ist der Müll des Bergsteig-Tourismus am Everest durch Zelte, Sauerstoffflaschen, Dosen und Medikamente zum Problem geworden. Manche nennen den Mount Everest gar «die höchste Müllkippe der Welt». Regelmässige Aufräum-Expeditionen und ein Müllpfand sollen diese Situation verbessern. Seit 2014 sind zudem alle verpflichtet, auf dem Abstieg mindestens 8 Kilogramm Altmüll einzusammeln.

Für eine Begleitung durch Träger und Bergführer, die Fixseile legen, muss man mit Kosten zwischen 13000 und 65000 Dollar rechnen. Aufgrund der Kommerzialisierungen besteigen kaum noch bekannte Namen aus der Bergsteigerszene den höchsten Gipfel der Welt.  

30’000 wollten bisher hinauf

Seit der Erstbesteigung vor 70 Jahren haben bereits weit über 8000 Menschen den Mount Everest erklommen. Rund 30‘000 haben es versucht. Zeitweise halten sich über 1000 Bergsteiger:innen auf dem Berg auf. Nur jede:r Vierte oder Fünfte landet auf dem Gipfel.

Über 300 Bergsteiger:innen kamen auf dem Hin- oder Rückweg ums Leben, meist aufgrund von plötzlichen Wetterumschwüngen, Abstürzen, Erfrierungen, Erschöpfung, der Höhenkrankheit oder Lawinen. Sauerstoffmangel führt zu eingeschränkter Denk-, Entscheidungs- und Reaktionsfähigkeit.

Bergsteiger überqueren einen Gletscher auf dem Weg zum Mount Everest.
Bisher haben rund 30‘000 Menschen versucht, den Mount Everest zu erklimmen. © shutterstock

Die meisten Opfer verstarben oberhalb von 8000 m während des Abstiegs. Viele Tote konnten aus Kostengründen oder wegen eines zu hohen Risikos nicht geborgen werden und säumen die Routen. Ein verunglückter Bergsteiger aus Indien mit leuchtgrünen Bergstiefeln dient als «Green Boots» sogar als Wegzeichen. Die Verstorbenen – fast vierzig Prozent sind einheimische Sherpas – ehrt eine Gedenkstätte auf dem Weg zum Everest-Basislager.

Am gefährlichsten sind von den Normalrouten von Süden oder Norden abweichende Wege, die schwieriger und – obwohl viel seltener begangen – für über ein Viertel aller Todesfälle verantwortlich sind. Besteigungen ohne Sauerstoffflaschen sind immer noch selten und viel gefährlicher.

Verschiedene Routen mussten wegen Erdbeben geschlossen werden. Während der Coronapandemie wurde der Berg 2020 von beiden Seiten gesperrt, später erlaubte man die Besteigung unter Einhaltung eines Abstandes von 4 Metern wieder. Zudem durften sich die Gruppen auf dem Gipfel nicht zu nahe kommen. Das Gipfelplateau des Mount Everest ist rund zwei Quadratmeter gross.

Video: Virtueller Gipfelsturm – der Mount Everest in 3D


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Beitrag vom 29.05.2023

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