© shutterstock

Schmausen oder schmeissen?

Pro Kopf werden in der Schweiz jährlich 330 Kilogramm Lebensmittel weggeworfen. Doch nicht alles, was im Abfall landet, ist tatsächlich verdorben. Eine Expertin erklärt, worauf wir achten sollten.

Interview: Roland Grüter

Lebensmittel sind mit Verfallsdaten gekennzeichnet. Sind diese sakrosankt?
Nein. Produkte mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum («mindestens haltbar bis») sind länger haltbar als verzeichnet und können auch nach Ablauf des Datums bedenkenlos konsumiert werden. Der Hersteller gibt nach dem vermerkten Datum jedoch keine Garantie mehr für Geruch, Geschmack, Farbe und andere Eigenschaften. Danach muss man das abgelaufene Lebensmittel selbst optisch, geschmacklich, etc. beurteilen.

Wie stehts mit dem Verbrauchsdatum – ist dieses ebenfalls flexibel?
Nein. Produkte mit Verbrauchsdatum («zu verbrauchen bis») sind empfindlicher und müssen meist gekühlt gelagert werden. Nach Ablauf des vermerkten Datums dürfen diese nicht mehr verkauft werden. Ausserdem muss von einem Verzehr abgeraten werden – aus gesundheitlichen Gründen. Vorsicht ist besser als Magengrimmen.

«Produkte mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum sind länger haltbar als verzeichnet und können auch nach Ablauf des Datums bedenkenlos konsumiert werden.»

Andrea Cramer, Ernährungsberaterin

Welche Zeichen deuten eindeutig darauf hin, dass Lebensmittel ungeniessbar sind?
Schimmelpilz, unangenehmer Geruch, ungewöhnlicher Geschmack und optische Veränderungen. Oder der Befall von Lebensmittelmotten und anderem Ungeziefer. Auch angelaufene, vereiste Verpackungen mahnen zur Vorsicht. Solche Mängel weisen auf eine unterbrochene Kühlkettehin.

Gibt es Speisen, bei denen besondere Vorsicht geboten ist?
Durchaus. Dazu zählen: rohe Lebensmittel wie Fleisch, Fisch, Geflügel, Eier, Meeresfrüchte (z.B. Rindstatar oder Sushi), Poulet, Eier (wegen Salmonellen etc.). Ausserdem müssen gewisse Personengruppen (Schwangere, Immungeschwächte, ältere Personen, etc.) zur Vermeidung von Listeriose, Toxoplasmose und anderen Krankheiten besonders auf gute Lebensmittelsicherheit achten und anfällige Produkte ganz weglassen. 

Werden durch das Einfrieren unter minus 18° C nicht sämtliche Keime abgetötet, sodass man Speisen bedenkenlos auch nach dem Verfallsdatum essen kann?
Schimmelpilz (Mykotoxin) wächst bei minus 18° C nicht mehr weiter, andere schädliche Mikroorganismen jedoch schon, beispielsweise Listerien.

Wie lange kann man Jogurts nach Ablauf des Verfallsdatums noch konsumieren? 
Wie vorgängig beschrieben, können Produkte mit Mindesthaltbarkeitsdatum länger verzehrt werden als es auf den Verpackungen vermerkt ist – und es liegt in unserem eigenen Ermessen, danach den Zustand einzuschätzen. Ein Fingerzeig: Je nach Fettgehalt ist ein Joghurt bis zu zwei Monate haltbar. Sobald Geschmack, Geruch und Farbe sich verändern oder an der Oberfläche Schimmelpilz zu sehen ist, muss es jedoch definitiv entsorgt werden. Ein aufgeblähter Deckel verweist übrigens nicht – wie gemeinhin angenommen – auf ein verdorbenes Produkt, sondern auf die natürliche Aktivität von Milchsäurebakterien.

«Je nach Fettgehalt ist ein Joghurt bis zu zwei Monate haltbar.»

Andrea Cramer, Ernährungsberaterin

Müssen Reis und Teigwaren, die jenseits des Verfallsdatums liegen, ebenfalls entsorgt werden?
Solche, trockene Produkte weisen ebenfalls ein Mindesthaltbarkeitsdatum («mindestens haltbar bis») auf und können darüber hinaus selbst beurteilt werden.

Wie lange kann man abgepackten Fertig-Salat nach dem Ablaufdatum konsumieren? 
Bei diesem Produkt gilt: Unbedingt den Ablauf des Verbrauchsdatums beachten und einhalten. Abgepackter Fertigsalat ist leicht verderblich und speziell gefährdet, mit Listeriose, Toxoplasmose, Schimmelpilzen, Keimen oder Bakterien belastet zu sein.

Ist die Schoggi-Mousse geniessbar, wenn sie drei Stunden an der Wärme stand? Diese enthält schliesslich rohe Eier.
Zubereitete Speisen sollten nicht länger als zwei Stunden bei Raumtemperatur aufbewahrt werden. Falls sie in dieser Zeit im Keller oder auf dem Balkon bei unter 5° C gekühlt wurde, darf man sie getrost geniessen.

Kann man Schimmel bei Käse einfach abschneiden oder von der Konfi löffeln?
Schimmelpilze haben fädenartige Ausläufer, die ins Innere des Lebensmittels wuchern. Somit ist das Ausmass des Befalls von Auge nicht erkennbar. Deshalb müssen insbesondere wasserhaltige Lebensmittel wie Früchte, Gemüse, Pilze, Säfte, Suppen, Joghurts, Quarks, Weich-/Frischkäse, und auch Konfi bei einem Befall weggeworfen werden. Ebenso Brot und Toasts sowie Nüsse. Grosszügig wegschneiden darf man nur geringfügig auftretenden Schimmel bei Hart- und Extrahartkäse. Reibkäse wiederum ist davon ausgenommen. Auch bei grossflächigem Befall ist vermutlich das Innere des Käses mit Schimmelpilz befallen. Also weg damit.

Wie siehts mit vorgekochten Speisen aus: Darf man diese beliebig oft aufwärmen?
Nein. Sicher sind diese Speisen lediglich, wenn sie nach der Zubereitung rasch abgekühlt (unter 5° C, im Kühlschrank) und einmalig bei mindestens 70° C wieder erwärmt werden. Besser also nur Portionen aufwärmen, die man auch essen mag.

Ein Tipp, wie man Übersicht bewahrt – damit Lebensmittel nicht unnötig verfallen?
Keine zu grossen Vorräte horten, Verfallsdaten regelmässig kontrollieren und dringlich, zu verbrauchende Lebensmittel im Schrank und Kühlschrank in der vordersten Reihe platzieren.

Was tun, wenn man trotz aller Vorsicht Magengrimmen bekommt?
Bei Durchfall und Erbrechen unbedingt genügend Flüssigkeit zu sich nehmen. Und bei länger anhaltenden Symptomen selbstredend einen Arzt, eine Ärztin, aufsuchen. Dies gilt insbesondere für gefährdete Personen wie Schwangere, Säuglinge und Kleinkinder oder jene mit einem geschwächten Immunsystem.

Weitere Ernährungsthemen finden Sie hier.

 

Beitrag vom 30.03.2022
Andrea Cramer

ist Ernährungsberaterin BSc BFH Ernährung und Diätetik – und Mitarbeiterin des Ernährungszentrums Zürich. Mehr Infos dazu: ernaehrungszentrum.ch

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Das könnte sie auch interessieren

Essen & Trinken

«Kräuter und Gewürze sind mein Werkzeug»

Die Tessiner Köchin und Wildpflanzenspezialistin Meret Bissegger spricht über saisonales Kochen sowie die Bedeutung von Gewürzen beim Zubereiten. Sie rät zum Mut am Herd.