Peter Kaempfen mit Tochter und Enkeln während der Fussball-Weltmeisterschaft © zVg

«Nach vierzig Jahren fühle ich mich als Brasilianer»

Als junger Mann verliess Peter Kaempfen (*1949) die kleine Schweiz und bereiste die grosse Welt. Seine Arbeit führte ihn nach Afrika, nach Asien und schliesslich nach Brasilien, wo er seit vier Jahrzehnten lebt. Vor allem wenn hierzulande der Winter naht, möchte er nicht tauschen.

Die Ferne zog mich bereits in jungen Jahren an. Mich interessierten andere Länder und Kulturen – aber nicht bloss als Tourist. 1975 wurde das Fernweh schliesslich so übermächtig, dass ich meinen Koffer packte und auswanderte.

Als gelernter Schreiner und Monteur konnte man mich fast überall brauchen. Zuerst ging es nach Südafrika, dann nach Simbabwe und Botswana. Später lebte und arbeitete ich in Ägypten, in Nigeria, in Saudiarabien und im Iran. Dort gefiel es mir ausgezeichnet, aber als der Schah gestürzt wurde, musste auch ich weiterziehen. Ständig Neues kennenzulernen, fand ich faszinierend. Dank der guten Wirtschaftslage folgte auf ein Angebot das nächste. Einmal war ich ganze 16 Jahre lang nicht in der Schweiz.

Als Entwicklungshelfer nach Brasilien

Doch mit der Zeit wuchs der Wunsch, mit meiner Arbeit mehr zu erreichen als bloss Geld zu verdienen. Ich wollte etwas Sinnvolleres, Nachhaltigeres tun und liess mich bei der Organisation Interteam zum Entwicklungshelfer ausbilden. Mein erster Einsatz führte mich 1980 nach Brasilien, das damals noch eine Militärdiktatur war. Als Leiter einer Genossenschaft mit Schreinerei, Ziegelei, Bootsbau und einer Keramikwerkstatt bildete ich junge Leute aus und war nach drei Jahren für rund hundert «Socios» verantwortlich.

Marajó liegt in Nordbrasilien im Mündungsgebiet des Amazonas. Die grösste Flussinsel der Welt war damals noch ganz ursprünglich. Meine Reise führte mich quasi 300 Jahre zurück in die Vergangenheit. Strom gab es erst wenige Stunden am Tag. Nachts hörte man nichts ausser bellende Hunde und sirrende Moskitos.

Brasilien war anders als alle Länder, in denen ich vorher gelebt und gearbeitet hatte. Die unberührte Natur im Amazonasgebiet fand ich fantastisch. Auch das warme Klima, das Essen und das fröhliche Temperament der Menschen sagten mir zu. Ich lebte auf einer Farm mit Pferden und Kühen direkt am Fluss – das hätte ich mir in der Schweiz nie leisten können.

Schönes gibt es überall, weiss ich als Weitgereister. Mein Rat: Man muss offen sein dafür und darf sich nicht ständig beklagen. Wichtig ist auch, dass man sich anpasst und möglichst so lebt wie die Einheimischen. Wer selbst positive Signale aussendet, erhält auch solche zurück. Mit dieser Haltung bin ich immer gut gefahren und konnte viele schöne Freundschaften knüpfen.

Die reichen Schweizer

Da man uns Schweizer für sehr reich hält, wird man oft von Schlitzohren bedraengt. Die Leute denken, wir hätten zuhause einen Baum, an dem Dollars wachsen. Dass auch wir für unser Geld arbeiten müssen, können sie sich kaum vorstellen. Manchmal stellt sich heraus, dass jemand freundlich zu einem ist, weil er oder sie Geld will. Überhaupt funktioniert die Kommunikation in Brasilien ganz anders, als ich es gewohnt war: Man redet zuerst über alles andere, bevor man zum eigentlichen Anliegen kommt.

Auslandsschweizer Peter Kaempfen in seiner Ferienresidenz in Brasilien.
Peter Kaempfen an seinem Wohnort João Pessoa ganz im Osten Brasiliens © zVg

Nach zwölf Jahren in Marajó zügelte ich mit meiner Frau und meiner Tochter nach Belém aufs Festland und baute eine Möbelfirma auf. Alles lief gut, bis ich in ein dubioses Geschäft investierte und all mein Geld verlor. So zog ich weiter und wohne nun seit sieben Jahren in João Pessoa, einer Stadt mit rund 800‘000 Einwohnerinnen und Einwohnern am östlichsten Punkt Brasiliens, drei Flugstunden entfernt von Rio de Janeiro. Die Familie, zu der unterdessen auch zwei Enkelkinder gehören, blieb in Belém und wir pflegen einen guten Kontakt auf Distanz.

Mein Leben hier ist angenehm, aber längst nicht mehr so aufregend wie früher. Ich wohne in einer Art Ferienresidenz. Jeden Tag gehe ich am nahen Meer spazieren und in den Fitnessclub. Über eine Rückkehr in die Schweiz muss ich nicht nachdenken, da ich mir das Leben dort gar nicht leisten könnte. Mit meiner AHV und der Rente aus Brasilien komme ich gerade so über die Runden.

Mehr Brasilianer als Schweizer

Längst träume ich auf brasilianisch. Nach vierzig Jahren hier fühle ich mich eindeutig mehr als Brasilianer denn als Schweizer. Vor allem wenn in der alten Heimat der Winter naht, möchte ich nicht tauschen. Hier herrscht jeden Tag schönes Wetter und die Winde vom Meer her halten die Temperaturen zwischen angenehmen 25 und 32 Grad. Am heissesten ist es im Dezember und Januar. Von Mai bis November ist Regenzeit, von Dezember bis April regnet es kaum. Wenn doch, dann kurz und heftig wie unter einer Dusche.

In die Schweiz reiste ich vor drei Jahren das letzte Mal und besuchte meine Schwester, Freunde und Kollegen. Durchs Jahr hindurch halten wir mit Computer und Handy Kontakt. Das hat sich natürlich völlig verändert im Vergleich zu früher, als man Briefe schrieb – und dann zwei, drei Monate auf die Antwort wartete. In der Schweiz fällt mir auf, wie sicher, ordentlich und sauber alles ist – und wie unglaublich teuer. Brasilianer staunen immer, dass die Schweizer keine Gitter vor ihren Fenstern haben.

Seit ich Zeit habe, interessiere ich mich sehr für die brasilianische Politik. Das Bild, das die europäischen Medien von den letzten Wahlen hier gezeichnet haben, ist in meinen Augen völlig falsch. Auch verstehe ich nicht, warum sich so viele in der alten Welt für den kürzlich ganz knapp gewählten Präsidenten Lula da Silva begeistern. Unter Präsident Bolsonaro ging es Brasilien deutlich besser als zu Lulas Amtszeit davor.

Millionen leben in Armut

Die Korruption im Land ist unvorstellbar gross und zerstörerisch. In der Politik und in der Justiz sind fast alle bestechlich. Brasilien ist auf dem besten Weg, ein zweites Venezuela zu werden. Die Unterschiede zwischen den Reichen, denen es sehr gut geht, dem arbeitenden Mittelstand und den Armen sind riesig.

Eine gute Ausbildung kostet viel Geld, über das die meisten nicht verfügen. In Brasilien leben Millionen Menschen ohne Schulbildung, deren Hauptsorge es ist, genug zu essen für sich und ihre Familie zu beschaffen. Die derzeitige Teuerung verschlechtert ihre Lage zusätzlich. Viele haben resigniert und sind empfänglich für Versprechungen von Politikerinnen und Politikern jeglicher Couleur. Die Leute stimmen für diejenigen, die ihnen am meisten Geld bieten.

Letztes Jahr war natürlich die Fussball-Weltmeisterschaft ein grosses Thema hier – und das frühe Aus der Brasilianer. Läuft Fussball, reden die Leute 24 Stunden über nichts anderes. Die Strassen sind geschmückt und alle fiebern mit, dass die Seleção den Titel gewinnt. Scheidet die Nationalmannschaft aus, schlägt die Stimmung sofort um und die WM ist für die Brasilianerinnen und Brasilianer vorbei.

Weihnachten feiert man hier auch ganz anders als in der Schweiz. Anfangs war ich überrascht: Während man bei uns die Geschenke für seine Lieben heimlich kauft, nimmt man in Brasilien die Kinder gleich mit ins Geschäft. An Heiligabend wird im Garten grilliert, der künstliche Weihnachtsbaum leuchtet und man lässt Raketen und Schwärmer steigen. Weihnachten ist ein frohes Fest – und gleich danach beginnt die Fasnacht!

Aufgezeichnet von Annegret Honegger

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Beitrag vom 21.12.2022

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