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Die «Hunde-Spitex»

Wer zu alt oder zu krank ist, um seinen Hund richtig zu versorgen, muss nicht unbedingt ein neues Plätzchen für ihn suchen. Ein ehrenamtlicher Verein kann bei der Betreuung mithelfen.

Text: Claudia Senn

Manche Menschen sind nicht nur besonders gut darin, Probleme zu erkennen. Sie setzen auch all ihre Kraft dafür ein, um sie zu lösen. Zu diesen Menschen gehört Heidi Randegger. 

Viele Jahre leitete die heute 55-Jährige den Tierrettungsdienst und das Tierheim Pfötli im Zürcherischen Winkel. Dort erlebte sie, was für einen Schock viele Tiere erleben, wenn sie im Tierheim landen, vor allem die älteren. Der plötzliche Verlust der Bezugsperson und der vertrauten Umgebung, die Enge, die Gerüche, die vielen unbekannten, oft unter Stress stehenden Artgenossen. «Dazu der Geräuschpegel», sagt Heidi Randegger – graue Wuschelfrisur, herzliche Ausstrahlung – «da kann man sich so viel Mühe geben, wie man will, diese Situation ist für die meisten Tiere eine Belastung.» 

Und noch ein Gedanke schlich sich in ihren Kopf: Mit Sicherheit gehörte zu vielen Tieren auch ein Mensch, der genauso litt und trauerte. Der seinen Hund oder seine Katze weggeben musste, weil er zu alt, zu krank oder zu hinfällig geworden war, um richtig für sein Haustier zu sorgen. Heidi Randegger hatte in ihrer Laufbahn genügend solcher Abschiedsszenen erlebt, um zu wissen, wie herzzerreissend sie sein können.

Beim Spaziergang mit ihrer Russisch-Terrier-Hündin Jana kam ihr eine Idee: Was, wenn sie einen Weg finden könnte, um ältere oder kranke Halterinnen und Halter zu Hause zu unterstützen, damit sie ihr geliebtes Tier gar nicht erst weggeben müssten? 

Heidi Randegger fing an, ein Netz von Helferinnen und Helfern aufzubauen. Die ersten rekrutierte sie in ihrem Bekanntenkreis. Über Facebook und Flyer, die sie überall auflegte, kamen immer mehr hinzu. Inzwischen sind es 230, über die ganze Schweiz verteilt, aus allen sozialen Schichten und Altersgruppen. Es sind Kinder darunter, die gern mit fremden Hunden spazieren gehen. Senioren, die sich für weniger fitte Altersgenossen engagieren möchten. Studentinnen, die kein eigenes Tier halten können, sich aber freuen, Kontakt mit fremden Hunden oder Katzen zu pflegen. Nach sieben Jahren Aufbauarbeit ist aus Heidi Randeggers kleiner Idee eine grosse Organisation geworden: der Verein Mensch und Tier im Glück, abgekürzt MuTiG.

Hilfe ist kostenlos

Die beliebteste Dienstleistung von MuTiG ist der Hundespaziergang. «Die Halterin hatte vielleicht gerade eine Hüft- oder Knie-Operation und schafft nun nur noch das kleine Bisi-Ründeli vor dem Haus», sagt Heidi Randegger. In solchen Fällen schickt MuTiG jemanden vorbei, der dem Hund zweimal täglich die artgerechte Bewegung verschafft. Bei dementen Haltern wiederum gehe es oft darum, den Ablösungsprozess zu begleiten, bis sie den Hund eines Tages ganz abgeben. Wer ins Spital muss, kann sein Tier bei MuTiG auch in Pflege geben. Katzen werden meist zu Hause gefüttert und betreut, weil sie, wie jeder Katzenhalter weiss, nichts gründlicher hassen als Veränderung.

Hunde kommen in eine von Heidi Randegger persönlich ausgesuchte Pflegefamilie. Zwei bis vier Wochen dauert ein derartiger Aufenthalt in der Regel, manchmal auch länger. «Wir haben zur Zeit einen Hund, der seit eineinhalb Jahren nicht mehr zu seiner Besitzerin zurückkann, weil sie psychisch angeschlagen ist.» Den Schritt, ganz auf das Tier zu verzichten, habe die Halterin bisher noch nicht tun können. «Es ist für sie sehr wichtig zu sagen: Das ist immer noch mein Hund», sagt Heidi Randegger. Auch auf solche Befindlichkeiten nimmt man bei MuTiG Rücksicht.

Tierheim-Aufenthalte sind teuer. Je nach Grösse des Hundes kostet dort ein Tag zwischen 25 und 45 Franken. MuTiG hingegen berechnet für seine Dienste nichts – freut sich jedoch über eine Spende der Tierhalterinnen und Tierhalter im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Wenn die bescheidene Rente nicht fürs Tierfutter reicht, springt die Organisation mit einer Futterspende ein, mal offeriert sie eine praktischere Hundeleine und mal einen neuen Kratzbaum. Nur Tierarztrechnungen kann sie nicht mitbezahlen. Dafür reicht das kleine Budget der ausschliesslich mit Spendengeldern finanzierten Wohltätigkeitsorganisation nicht aus. 

Nicht auf den tierischer Begleiter verzichten

Jeder Mensch müsse in seinem Leben Zeiten durchstehen, in denen es ihm nicht gut geht, sagt Heidi Randegger. Sie selbst habe während eines Burnouts realisiert, wie wertvoll die Gesellschaft ihrer Hündin in dieser schweren Zeit für sie war, wieviel Kraft und Mut sie ihr spendete. «Eine Begleiterin an meiner Seite zu haben, die keine Fragen und keine Ansprüche stellt, sondern einfach da ist, war unglaublich wichtig für mich.» Auch andere sollen in schweren Zeiten nicht auf ihren tierischen Freund verzichten müssen, das ist Heidi Randegger erklärtes Ziel.

Jana, die Terrier-Hündin von damals, ist inzwischen längst im Hundehimmel. Doch zum Glück haben andere Tiere den Weg in ihr Heim gefunden. Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten hält sie vier Hunde und eine Katze. Besonders berührt sie das Schicksal des Pudels Chicco, der zuvor mit seinem Besitzer jahrelang auf der Strasse gelebt hatte. Immer wieder nahm sie Chicco in Pflege, bis der obdachlose Besitzer schliesslich starb und sie den Hund ganz übernahm. Kürzlich durfte er seinen 18. Geburtstag feiern. «So ein stolzes Alter, und er erfreut mich jeden Tag.» Heidi Randeggers Rührung über den tapferen Hundegreis zaubert ihr ein Lächeln ins Gesicht. 

Informationen und Kontakt: Mensch und Tier im Glück, Dorfstrasse 45, 8906 Bonstetten, www.mensch-und-tier-im-glueck.ch, Telefon 044 701 10 00. Spendenkonto: IBAN CH14 0900 0000 6112 0058 0


Beitrag vom 15.02.2022

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