Katharina Lütscher «Le Triptyque des Délices», 2020 © Katharina

Feine Happen

Die Ausstellung «Zu Tisch» ist wieder geöffnet und wurde bis zum 25. Juli 2021 verlängert. Sie präsentiert erstaunliche Fakten zur (Welt)Ernährung und zu unseren Tischsitten. Besucherinnen und Besucher werden dadurch angeregt, über ihre eigenen Verhaltensweisen nachzudenken.

Text: Roland Grüter

Es ist angerichtet. Das Vögele Kultur Zentrum in Pfäffikon SZ eröffnete im November die neue Ausstellung «Zu Tisch». Darin werden Besucherinnen und Besuchern wissenschaftliche und gesellschaftliche Fakten und erstaunliche Kunstwerke zu unseren Ernährungsweisen und Tischsitten serviert. Die beiden Co-Kuratorinnen Monica Ursina Jäger und Sarah Wirth trugen in den vergangenen zwei Jahren bekömmliche Leckerbissen, aber auch schwerbekömmliche Kost zusammen.

Denn Essen ist weit mehr als eine lustvolle und überlebenswichtige Art, den Körper mit Kalorien zu versorgen. Ernährung ist auch Politik, Ideologie und Teil unserer Identität. Veganer grenzen sich von Karnivoren (Fleischfressern) ab. Jede Region, jede Familie folgt anderen Traditionen, liebt ureigene Rezepte. Darüber hinaus sind Tischrunden, an denen wir speisen, ein Schauplatz der Geselligkeit: An der gedeckten Tafel tauschen wir uns aus, hören uns gegenseitig zu. Wir schmieden Pläne und beschliessen Freund- oder Feindschaften. Das Ess-Thema reicht also weit über jene Fotoflut hinaus, die aktuell alle Social-Media-Kanäle füllt. Bilder von angerichteten Tellern und Grossaufnahmen etwelcher Zutaten werden vor allem von jungen Menschen gehandelt, als seien sie eine Offenbarung ihrer Persönlichkeit. Wer isst, ist wer.

Fotografie «Show me your fridge» von Junker. Offener Kühlschrank und Portrait seines Besitzers.
«Show me your fridge» 2012-2019 © Sandra Junker

Essen wird überhöht – und verliert an Bedeutung

Zwar machen immer mehr Menschen die Ernährung zur Religion, im Gegenzug verliert sie aber zusehends an Bedeutung. Die Zubereitung warmer Mahlzeiten dauert durchschnittlich nur noch 38 Minuten. Rechnet man alkoholfreie Getränke mit dazu, beanspruchen Lebensmittel 6,4 Prozent unserer Haushaltsausgaben. Die Mobilität (Auto und öffentlicher Verkehr) ist uns vergleichsweise mehr Wert, sie macht 7,7 Prozent des Budgets aus. Die Schweiz gehört damit zu den europäischen Ländern, in denen anteilmässig am wenigsten Geld für Essen ausgegeben wird. Auch solche Aspekte sind Teil der Ausstellung.

Die unterschiedlichen Geschichten zur Ernährung werden in der Ausstellung in fünf Kapiteln erzählt: mal spielerisch, mal ernst, immer inspirierend. Eine davon ist der deutschen Künstlerin Ulla von Brandenburg gewidmet, die für eine Ausstellung in einer Londoner Galerie Süssigkeiten aus allen EU-Ländern zusammengetragen hatte. Was besuchenden Schülerinnen und Schüler dermassen gefiel, dass sie die Ausstellungsobjekte kurzerhand wegschmausten und nichts davon übrig liessen. Im Projekt Hungry Planet – Hungrige Welt – wiederum werden Familien rund um den Globus inmitten jener Lebensmittel gezeigt, die sie innerhalb einer Woche verspeisen. Eine Familie in Tschad gibt dafür durchschnittlich 17.90 Franken aus, jene in Amerika 327 Franken.

Food Waste wird im Vögele Kultur Zentrum ebenfalls thematisiert. Die Kuratorinnen erheben in diesem Bereich aber nicht ihre Mahnfinger, sie lassen stattdessen Fakten sprechen. Diese sind alarmierend genug: Rund 40 Prozent der weltweiten Landwirtschaftsproduktion wird vergeudet, landet im Abfall. Allein in der Schweiz werden jährlich 2,8 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen – im Gegenzug dazu leiden noch immer viele Menschen an Hunger.

Unbedingt hingehen

«Wir möchten mit unserer Ausstellung die Menschen anregen, über ihre persönlichen Verhaltensweisen nachzudenken – und sich ihrer Mitverantwortung gewahr zu werden», sagte Monica Ursina Jäger an der Vernissage: Daran durften – Corona halber – nur ausgewählte Personen teilnehmen. Das Virus könnte den Erfolg der Ausstellungsmacherinnen auch in den kommenden Wochen schmälern: Weil es Interessierte davon abhält, die Reise an den oberen Zürichsee anzutreten, obwohl das Sicherheitskonzept des Zentrums ausgeklügelt und streng ist. Ein Besuch lohnt sich auch unter diesen Umständen: Die Ausstellung ist beeindruckend reichhaltig. Und ein Vergnügen für alle Sinne.

«Zu Tisch», bis 25. Juli 2021 im Vögele Kultur Zentrum, Pfäffikon SZ. Informationen: Tel. 055 416 11 11 oder www.voegelekultur.ch.

Beitrag vom 03.12.2020
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