Covermotiv: Gemälde von Elizabeth Lennie © Elizabeth Lennie

Wir holen alles nach, Kapitel 1 Von Martina Borger

Als Ellen das letzte Haus verlässt, kann sie am Ende der Strasse das erste Sonnenlicht erkennen, nur ein zarter Schimmer, einen Hauch heller als der noch dunkle Himmel. Erst in einer guten halben Stunde werden die Strassenlaternen ausgeschaltet.

Viertel nach fünf, sie ist zwanzig Minuten schneller als sonst. Fast ein Drittel ihrer Kunden ist in den Ferien, die Baumanns noch zwei Wochen, Koczynskis, Steinfelds, Grupps und Frau von Stetten eine. Sie lässt auf ihrer Tour momentan ganze Häuser aus, was den Hund irritiert. Hartnäckig bleibt er vor jedem Halt, den er längst kennt, stehen und sieht sie auffordernd an, als wolle er sagen, hier musst du doch rein! Erst wenn Ellen mehrmals «Avanti!» sagt, setzt er sich in Bewegung und folgt ihr. Es sieht aus, als schüttle er dabei tadelnd den Kopf.

Eigentlich könnte sie in der Ferienzeit eine halbe Stunde länger schlafen, aber ihre innere Uhr ist inzwischen fest auf drei programmiert, sie stellt ihren Wecker eigentlich nur noch pro forma. Niemand glaubt es ihr, aber das frühe Aufstehen macht ihr nichts aus. Sie war nie eine Langschläferin, nicht mal als Jugendliche, selbst nach einer bis zum Morgengrauen durchfeierten Nacht war sie spätestens um acht wach. Es hat sie, im Gegensatz zu Jock, auch nie gestört, mit den Jungs, die beide morgens viel Zeit brauchten und locker eine halbe Stunde vertrödelten, aufzustehen.

Natürlich kostet es im tiefen Winter ein bisschen Überwindung, oder bei strömendem Regen, aber jetzt im Sommer, so einem heissen noch dazu, hat sie kein Problem. Im Gegenteil, der frühe Morgen ist ihre Lieblingszeit, die Dunkelheit, die Stille, die noch kühle Luft, die leeren Strassen, die Ahnung des kommenden Tages, das allererste Licht. Und natürlich der Gesang der Vögel, den sie den ganzen Winter über schon sehnlich erwartet und der sie etwa ab Mitte März auf ihren Touren begleitet, erst nur am Ende, wenn sie schon auf dem Heimweg ist, im Juni und Juli dann auf ihrem ganzen Weg. Die ersten sind die Amseln, die etwa eine Stunde vor Sonnenaufgang beginnen. Ihr Gezwitscher und Tirilieren steigert sich innerhalb von wenigen Minuten zu variationsreichen Gesängen, deren Melodien sie oft noch durch den Tag begleiten; wenig später setzen die Meisen ein, die letzten sind die Stare.

In den Jahren, in denen sie die Zeitungen austrägt, hat sie eine Morgenroutine entwickelt. Während in der Küche der Kaffee durchläuft, geht sie unter die Dusche und zieht sich an. Der Hund wartet schon vor der Wohnungstür, wenn sie alles einsteckt, den grossen Schlüsselbund, ihren eigenen Schlüssel, Handy, den Alubecher, in den sie den Kaffee gefüllt hat. Sie holen zusammen aus dem Hinterhof das Fahrrad mit dem Anhänger, sie lädt die Zeitungen drauf, die seit Mitternacht vor der Tür liegen, vier Packen normalerweise, momentan nur drei.

Dann gehen sie los, sie schiebt das Rad, er trabt neben ihr her, ohne Leine, die braucht er um diese Zeit nicht. Wenn sie das Rad vor den Häusern an die Wand lehnt, setzt er sich daneben. Er beobachtet, wie sie die Zeitungen aus dem Anhänger nimmt, die Haustüren aufschliesst und in den Eingängen verschwindet. Wenn sie wieder zurückkommt, scheint er sich nicht von der Stelle gerührt zu haben, aufmerksam sieht er ihr entgegen. Und erst wenn Ellen das Rad nimmt und weitergeht, erhebt er sich und folgt ihr.

Wenn sie um spätestens halb vier ihre Tour beginnt, sind sie ganz allein unterwegs. Sie mag dieses Gefühl, sich zielstrebig zu bewegen, während um sie herum die Stadt noch schläft. Spätestens gegen fünf ist es mit der Stille vorbei. In einigen Fenstern gehen die Lichter an, der erste Bus fährt vorüber, danach kommen bald die orangelackierten Lastwagen der Müllabfuhr. Und wenn sie gegen sechs von ihrer Tour zurückkommt, hat schon Betriebsamkeit eingesetzt. Die ersten Autos verlassen ihre Parkplätze, der Bäcker an der Ecke öffnet, die Männer der Strassenreinigung sind unterwegs in ihren kleinen Wagen, in denen die Kehrbesen mit den Borsten nach oben stehen und deren Fahrer sich um Punkt sieben eine Frühstückspause an einem der Tische auf der Strasse gönnen.

Heute ist sie schon um halb sechs wieder zu Hause. Sie schliesst die Wohnungstür auf, der Hund drängt sich zwischen ihren Beinen durch und läuft in die Küche, in Vorfreude auf sein Frühstück. Zum Trockenfutter bekommt er einen Klacks Hüttenkäse, dazu manchmal ein bisschen Banane oder eine Portion in Milch eingeweichte Haferflocken. Er macht sich gierig darüber her, während Ellen Tee kocht und die Zeitung liest. Hunger hat sie um diese Zeit noch nicht, erst gegen neun wird sie sich ein Müsli machen.

Der Tag liegt frisch und verheissungsvoll vor ihr, es sind noch Schulferien, sie hat keinerlei Verpflichtungen mehr, eine ganz ungewohnte Freiheit. Sie wird, das hat sie auf ihrer Tour beschlossen, nachher ins Schwimmbad gehen, am Morgen kurz nach der Öffnung ist es noch angenehm leer, und sie kann ungestört ihre dreissig Bahnen ziehen. Am Nachmittag wird sie einen längeren Spaziergang mit dem Hund machen, am besten im Nordteil des Englischen Gartens, wo genug Schatten ist und er sich in den Bächen abkühlen kann, gestern hatte es noch gegen Abend 30 Grad, für heute sind ähnliche Temperaturen vorausgesagt.

Gegen Mittag wird sie sich mit einem Buch aufs Sofa legen und nach ein paar Seiten einschlafen, ein, zwei Stunden, danach ist sie wieder ausgeruht. Sie gönnt sich diese Siesta so oft wie möglich, so braucht sie nachts nicht mehr als vier Stunden Schlaf und muss nicht mit den Hühnern ins Bett.

Sie trägt jetzt seit knapp drei Jahren Zeitungen aus. Als sie damals ihre Altersrente beantragt hatte und wusste, wie viel sie ungefähr zu erwarten hatte, hat sie ihren inneren Widerstand überwunden und einen Monat lang akribisch Buch geführt über sämtliche Ausgaben. Bestimmt, so ihr naiver Gedanke damals, würde sie schon zurechtkommen, wenn sie sich ein bisschen disziplinierte in finanzieller Hinsicht. Das Ergebnis ihre Aufstellung: Auch bei sparsamster Haushaltsführung würden ihr in Zukunft über 500 Euro fehlen. Das war natürlich zu erwarten gewesen, sie hatte einfach zu wenig in die Rentenkasse eingezahlt.

In den Jahren, in denen die Jungs noch klein waren, hatte sie gar nichts verdient; erst 1985, als auch Vitus in den Kindergarten kam, hatte sie nach einem Job Ausschau gehalten, dann aber für Jock Büroorganisation und Buchhaltung gemacht, womit er heillos überfordert war. Erst mit der Stelle in der Buchhandlung hatte sie begonnen, regelmässig Beiträge abzuführen. Miri hatte sie mehrfach darauf angesprochen, «du musst dringend was für deine Altersvorsorge tun», aber sie hatte alle Warnungen ignoriert und ihr ohnehin nicht gerade üppiges Gehalt bis auf den letzten Pfennig – oder später Cent – ausgegeben. Irgendwas würde sich schon finden, hatte sie gedacht. Und sparen konnte sie später immer noch.

Als der endgültige Rentenbescheid kam, zwei Monate vor ihrem 65. Geburtstag, hatte sie den Stier bei den Hörnern gepackt und war systematisch die Liste mit ihren Ausgaben durchgegangen, Punkt für Punkt. Um sich dann von allem zu befreien, was nicht unbedingt notwendig war. Sie kündigte fast alle Versicherungen, Hausrat, Reisegepäck, Rechtsschutz, das Abo von der Zeitung ebenso wie das vom Theater und stellte auch die monatlichen Beiträge an Greenpeace und Amnesty ein, fast drei Jahrzehnte Spenden mussten reichen.

Der Abschied von ihrem alten klapprigen Fiat fiel ihr schon schwerer, sie vermisste das Gefühl, sich jederzeit einfach ins Auto setzen und losfahren zu können, wohin auch immer. Und sie kündigte schweren Herzens Maria, ihrer portugiesischen Putzfrau, ein Luxus, den sie sich zu ihrem sechzigsten Geburtstag selbst geschenkt hatte, alle zwei Wochen drei Stunden, zweimal im Jahr ein paar extra für die Fenster und die Schränke. Jetzt macht sie selber sauber, wenn auch nicht gerade akribisch. Maria hatte sie damals eine neue Stelle verschafft, bei dem Musikerpaar im ersten Stock, das gerade Zwillinge bekommen hatte. Natürlich reichten all diese Einsparungen nicht aus, um die Lücke auch nur annähernd zu schliessen. Und so begann sie, in der Zeitung und im Internet nach Nebenjobs zu suchen.

Miri, die damals noch nicht in Jena wohnte, entdeckte bei einem Spontanbesuch die rotumrandeten Annoncen in der Zeitung. Telefonakquise hatte Ellen ausgeschlossen, ebenso Versicherungsvertretung, im Rennen bei den momentanen Angeboten waren noch Aushilfe in einer Bäckerei und Zeitungszustellung.

«Dass du Brot und Semmeln verkaufst, kann ich mir ja vorstellen«, hatte Miri gesagt. »Aber Zeitungen austragen? Ist dir klar, wann du da aufstehen musst?»

Sie kramte im Küchenschrank nach der Packung Lady Grey, den sie am liebsten trank. Auch auf den teuren Tee würde Ellen verzichten müssen in Zukunft.

«Macht mir nichts», hatte Ellen gesagt. «Ich brauch einen Job. Eher zwei. Oder ich muss mir eine wesentlich günstigere Wohnung suchen.»

Sie füllte den Wasserkocher und schaltete ihn ein. Miri lachte höhnisch auf, während sie die Schachtel aus der Tiefe des Schrankes angelte.

«Viel Erfolg! Du zahlst dreizehn Euro pro Quadratmeter, stimmt’s? Das ist mittlerweile ein Dumpingpreis in dieser Gegend. Wenn du wirklich billig wohnen willst, musst du an den Arsch der Welt ziehen. In den Osten. Oder in die Oberpfalz oder solche Ecken.»

Sie hatte natürlich recht. Selbst für ein Einzimmer-Wohnklo in einer miesen Gegend mit schlechtem Anschluss an den öffentlichen Nahverkehr zahlte man mittlerweile locker sechshundert Euro, mehr als zwei Drittel ihrer Miete.

«Ich will hier ja auch auf keinen Fall raus. Auch wenn fünfundsechzig Quadratmeter natürlich ein Luxus sind für mich allein.»
«Hast du denn gar nichts zurückgelegt? Du wolltest doch mal regelmässig …»
«Wollte ich, ja. Hab ich aber nicht. Ergo muss ich was dazuverdienen. Ich hab gelesen, Taxifahrer werden immer gesucht.»
«Dafür brauchst du einen Personenbeförderungsschein«, in solchen Sachen kannte Miri als Steuerberaterin sich aus. »Und dann eine Ortskundeprüfung, die soll ziemlich schwierig sein. Da müsstest du wahrscheinlich monatelang lernen, bevor du dein erstes Geld verdienst.»
«Dann eben doch Zeitungaustragen.»

Ellen nahm Miri die Teepackung aus der Hand, fischte drei Beutel heraus und hängte sie in die Kanne.

«In aller Herrgottsfrühe durch die Dunkelheit, ganz allein? Bei Wind und Wetter?»
«Machen doch viele Leute, auch in meinem Alter.»
«Und sind garantiert ständig krank, vor allem im Winter.»
«Ich bin fit, weisst du doch. Gute Gene.»

Die hat sie tatsächlich, ihre Eltern sind beide fast neunzig geworden. «Wollen wir nachher ins Kino? Ich hab drei Filme auf meiner Liste.» Ellen goss das kochende Wasser auf. Hoffentlich liess Miri das Thema jetzt ruhen.

Tat sie natürlich nicht. Immerhin wartete sie ein paar Stunden, bis sie nach dem Film im «Riva» noch einen Wein tranken. «Und Benedikt und Vitus?»
«Was soll mit denen sein?»
«Könnten die dich nicht ein bisschen unterstützen, finanziell? Jetzt schau mich nicht so entsetzt an, Elli. Ist doch total normal, wenn Kinder ihre Eltern …»
«Das kommt überhaupt nicht in Frage.»
«Und wenn du Henry mal ansprichst? Der sucht doch immer Leute für seine Buchhaltung.»
«Bitte lass es, ja?»
«Okay.»

Miri hatte dem Kellner ein Zeichen gegeben, sie wollte noch einen Wein. «Verlorene Liebesmüh, ich kenn ja deinen Stolz. Aber du sagst Bescheid, wenn’s wirklich ganz eng wird, ja? Ich hab mehr als genug. Und wofür sind Freunde sonst da?»

Damit war das Thema vorerst abgehakt. Vier Tage später lernte Miri im Zug nach Frankfurt, wo sie ihre steinalte und demente Mutter im Pflegeheim besuchen wollte, Hanno kennen, ein halbes Jahr später zog sie zu ihm nach Jena. Einmal fragte sie noch nach, mitten in den Umzugsvorbereitungen, was aus dem Plan mit dem Zeitungaustragen geworden sei. Ellen, gerade seit zwei Wochen in Rente, erzählte kurz, dass sie vor zwei Tagen damit begonnen hatte, dass es eine leichte Arbeit sei, dass es ihr Spass mache und sie finanziell zurechtkomme. Was stimmte, auch wenn sie natürlich trotzdem sparen musste, wo es nur ging.

«Und ich bin auch nicht allein, der Hund kommt ja mit.»
Miri hatte gelacht. «Dann bist du ja bestens beschützt. Aber im Ernst, Elli, Respekt vor deiner Energie. Diese Charity-Sache machst du ja auch noch.»

Diese Charity-Sache war ein Deutschkurs für Migrantinnen, vor allem aus Ghana, aber auch aus Kamerun, Senegal und Nigeria, ein Vormittag pro Woche während der Schulzeit. Ellen hatte sich immer vorgenommen, ein Ehrenamt zu übernehmen, wenn sie nicht mehr arbeitete, ohne die Vollzeitstelle waren ihre Tage lang, trotz der Zeitungen, und sie wollte sich nützlich machen.

Die vereinbarten zweieinhalb Stunden überzog sie meistens, weil sie sich nach dem Üben und Lernen mit den zumeist jungen Frauen gerne unterhielt, sie ein bisschen ausfragte über ihr Leben, ihre Herkunft. Im Frühjahr hatte sie die ganze Gruppe an einem Samstag zu sich nach Hause eingeladen, die Frauen hatten Gerichte aus ihrer Heimat gekocht, sie hatten zusammen gegessen, Musik gehört und viel gelacht, es war ein wirklich schöner Abend gewesen. Die Arbeit machte so viel Spass, das Ellen schon überlegt hatte, ein zweites Ehrenamt zu suchen, immerhin hatte sie die Nachmittage ja frei.

Das änderte sich in der Vorweihnachtszeit. Beim monatlichen Stammtisch der Buchhandlung, zu dem sie immer noch eingeladen wurde, klagte Kirsten, Ellens Nachfolgerin, über die miserablen Deutsch- und Englischnoten ihrer Tochter, und wie schwer, ja fast unmöglich es sei, einen geeigneten und bezahlbaren Nachhilfelehrer zu finden. Anne aus dem Sachbuch, vorlaut wie immer, hatte, nur halb im Spass, Ellen vorgeschlagen, die ja jetzt massenhaft Zeit habe, als Rentnerin.

Ehe Ellen es sich versah, war Kirsten auf die Idee angesprungen. Sie hatte auf die völlig überrumpelte Ellen eingeredet, und Anne hatte sekundiert, niemand in Deutsch so gut wie du, das Studium doch fast abgeschlossen, Englisch auch fast perfekt, Lammesgeduld, Erfahrung mit Kindern und was noch alles. Und als Ellen im Bus nach Hause sass, hatte sie, wenn auch vorerst zur Probe, die zwölfjährige Amelie als Schülerin, zweimal die Woche je zwei Stunden à fünfzehn Euro, »das ist eher günstig«, hatte Anne gemeint.

Amelie schrieb in der nächsten Englischarbeit eine Drei minus statt einer Fünf, und am nächsten Tag hatte Ellen drei atemlose gestresste Mütter am Telefon, deren Töchter ganz dringend Nachhilfe brauchten und die von Kirsten gehört hatten, dass Ellen Wunder vollbringe. Zwei von den Kandidatinnen hatte Ellen übernommen, für gemeinsamen Unterricht ebenfalls zweimal wöchentlich, pro Kind verlangte sie, obwohl sie es eigentlich ein bisschen unverschämt fand, zehn Euro, was ohne Wimpernzucken akzeptiert wurde.

Insgesamt kam sie damit im Monat auf knapp sechshundert Euro, abzüglich der Steuern und der Wochen, in denen sie wegen der Ferien nicht unterrichtete, immer noch eine schöne Summe, die nicht nur dafür sorgte, dass sie nicht mehr jeden Cent umdrehen musste, sondern von der sie auch monatlich ein bisschen zurücklegen konnte.

Und seit diesem März hat sie noch einen vierten Schüler. Eines Morgens wurde sie auf der Strasse, als sie mit dem Hund vom Bäcker kam, von einer jungen Frau angesprochen, lange blonde Haare, offenes sympathisches Gesicht, knallroter Lippenstift, ein bisschen mollig. Sie entschuldigte sich, dass sie Ellen einfach so überfiel, und stellte sich als Sina Poschmann vor, sie wohnte gleich um die Ecke; Ellen erinnerte sich, sie schon ein paarmal im Vorübergehen gesehen zu haben.

Frau Poschmann hatte gestern bei einer Einladung Kirsten kennengelernt, und die hatte ihr von Ellens Künsten als Nachhilfelehrerin erzählt. Ihr eigener Sohn, acht Jahre alt, dritte Klasse Grundschule, kam in Deutsch und Mathe nicht so gut klar. Und kommenden Januar würden doch schon die Schulempfehlungen gegeben, die für die Zukunft der Kinder so wichtig seien. Natürlich wünsche sie sich, dass der Junge aufs Gymnasium könne, sie glaube auch, er habe eigentlich das Zeug dazu, er brauche ihrer Meinung nach nur ein bisschen Förderung. Und sie habe Ellen im Laufe des Tages schon anrufen wollen, aber es sei doch netter, die Sache persönlich zu besprechen, oder?

Ellen reagierte freundlich, aber zurückhaltend, drei Schülerinnen waren ihr genug, in jeder Hinsicht. Als aber Frau Poschmann sie eindringlich bat, ja fast anflehte, ihren Sohn wenigstens einmal kennenzulernen, vielleicht erkenne eine erfahrene Nachhilfelehrerin wie sie ja gleich, wo seine schu- lischen Probleme lägen, erklärte Ellen sich, wenn auch innerlich seufzend, zu einem Treffen am Wochenende bereit. Und so kam Elvis zu ihr.

Martina Borger

Wurde 1956 geboren und arbeitete als Journalistin, Dramaturgin und Filmkritikerin, bevor sie sich aufs Drehbuchschreiben verlegte. Sie hat bei mehreren Serien als Storylinerin und Chef-Autorin gearbeitet. Gemeinsam mit Maria Elisabeth Straub veröffentlichte sie 2001 ihren ersten Roman «Katzenzungen», dem «Kleine Schwester» (2002), «Im Gehege» (2004) und «Sommer mit Emma» (2009) folgten. Ohne Co-Autorin erschien 2007 ihr Roman «Lieber Luca». Martina Borger lebt in München.


Martina Borger, «Wir holen alles nach», Roman, Diogenes

Alle Rechte vorbehalten
Copyright © 2020 Diogenes Verlag AG, Zürich, www.diogenes.ch
120 / 20 / 44 / 1; ISBN 978 3 257 07130 6

Beitrag vom 19.07.2020
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